Trauer

      geht am roten Himmel langsam auf. 2013 hat begonnen.
      Ich hab den Jahreswechsel verschlafen.
      Nachdem ich am Grab einen Vulkan für meinen Mann abbgebrannt hatte, stapfte ich ziellos in der Stadt herum, nicht fähig eine der vielen Einladungen anzunehmen. Feuerwerkskörper gingen hoch, aus manchem Haus hörte man Musik, lachende Leute. Der Duft von Essen und der schweflige Geruch der Knaller hüllten mich ein. Ich ging wieder zurück auf den Friedhof. Die vielen Lichter auf all den Gräbern haben in der Dunkelheit etwas Tröstliches, beinahe heimelig, aber irgendwann wurde es mir zu kalt, also ging ich nach Hause. Ein Tee und ein Käsebrot begleiteten mich durch das sketchige Fernsehprogramm. Schlussendlich sorgte Sissi dafür, dass ich einschlief. Der Lärm der Knaller zum Jahreswechsel und ein paar SMS von Freunden erreichten mich nur bedingt. Ich war viel zu fertig vom Weinen. Zum Glück gingen meine Kinder eigene Wege.
      Liebe Dschina, danke dir vielmals für deine verständnisvollen Zeilen! Wenn nur den Leuten in meinem Umfeld annähernd bewusst wäre, wie lange ich überhaupt mal gebraucht habe, um mit dem Erkennen der unabänderlichen Tatsache zu beginnen. Du sagst, es sind erst drei Monate - es kann sich noch gar keine Heilung einstellen. Danke für das Verständnis. Freundes- und Berufskreis sagt, es sind schon drei Monate, reiß dich zusammen. Wir leben in einer erfolgsorientierten, schnelllebigen Gesellschaft, es ist nicht genügend Platz für Trauer.

      Gesundheit.
      Zeit zum Innehalten.
      Geduld.
      Zusammenhalt.
      Verständnis.
      Geduldige Mitmenschen.
      Endlos viel Kraft.
      Durchhaltevermögen.
      Bedingungslose Hilfe.
      Erinnerungen.

      das und vieles mehr möchte ich euch und uns für 2013 wünschen.
      Oje, Leute, ich fürcht mich so.
      Am Montag beginne ich meinen neuen Job. Manches verbessert sich durch den Stellenwechsel, vieles verschlechtert sich, aber ich habe vorerst keine andere Wahl.
      In den vergangenen 14Tagen war es zwar schön, viel Freizeit zu haben, aber auch sehr anstrengend, weil ich viel zu viel Zeit für Grübeleien fand. In meinen Gedanken breiten sich viel zu viele Ängste aus, die mir den Atem rauben. Immer wieder muss ich mir selbst sagen, dass ich nur mehr die positiven Seiten sehen sollte und etwas mehr Optimismus an den Tag legen muss. Ist schwer, wenn man ein Typ ist, der immer Angst vor allem hat und sich in in allen Graustufen ausmalen kann, was in zwei Jahren passieren könnte. Sinnlos, so weit voraus zu denken, ich weiß, kann diese Gedankengänge aber nicht immer bewusst abschalten.
      Mein Mann hat mich früher oft aus meinen Gedankenschleifen geholt und mich mit Realismus und viel Optimismus dazu gebracht, etwas entspannter zu sein. Auch wenn ich mir immer wieder vorsage, was er gesagt hätte, halte ich es ohne ihn teilweise fast nicht aus. Es ist einfach nicht zu glauben. Er kommt nicht mehr zurück.
      Bald also wieder hinein in den stressigen Alltag, arbeiten, kochen, putzen, einkaufen, organisieren. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für andere Dinge. Meine Kinder sind schon seit gestern wieder in ihrem jeweiligen Alltag unterwegs. Klein wenig Sorgen mache ich mir um meinen Sohn. Er ist derzeit äußerst still, isst fast nix und scheint von allen und allem super genervt zu sein. Er hat seine Weihnachtsferien sozusagen entweder schlafend, oder bei Freunden verbracht. Wir sehen uns kaum und er meidet jedes Gespräch. Ich kann nur hoffen, dass er mit dieser schockierenden Tatsache irgendwie fertig wird. Meine Tochter kommt derzeit besser zurecht, wie es scheint.
      Hallo Schnee!
      Das ist doch selbsterständlich, dass man ein mulmiges Gefühl hat, wenn mann eine neue Stelle antritt.
      Ich wünsche dir jedenfalls viel Glück für deinen neuen Job, es wird schon alles gutgehen.
      Ich war jetzt auch 14 Tage zuhause und habe sehr viel nachgedacht, viele Fragen tauchen automatisch auf. Ich bin ebenfalls ein Mensch, der sehr viel grübelt und oft negativ denkt.
      Auch wenn ich weiß, dass es besser wäre positiv zu denken, gelingt es nicht immer.
      Ich bin jetzt auch froh, wenn ich am Montag wieder arbeiten gehe, es lenkt doch ein Stück von der Trauer ab. Ich trauere um meine Mutter, zu der ich eine innige Beziehung hatte.
      Ich habe mir aber auch vorgenommen, mich nicht mehr so sehr vom Alltag stressen zu lassen und mir mehr Ruhe dazwischen zu gönnen.
      Das ist wichtig in der Trauer. Ich weiß aber nicht, ob es auch gelingen wird.
      Ich glaube auch, bei deinem Sohn braucht es Zeit und Geduld, bis er diese traurige Tatsache verarbeitet hat.
      Alles Liebe
      Ingrid2
      Liebe schnee,
      kann ich auch gut verstehen, dass du Angst hast. Ist ganz normal, wir Menschen haben Angst vor dem Neuen: Dem neuen Job, dem neuen Jahr, em neuen Lebensabschnitt! Aber nochmal: Schau auf dich, gönne dir Verschnaufpausen und Erholung! Stopf nicht alles mit Aktivität voll und sag dir vor allem: Ich muss nicht perfekt sein! Gerade in dieser Situation nicht!

      Als Elternteil, v.a. als Mutter, versucht man dann auch noch die Rolle des Vaters mit all den Verpflichtungen und Tätigkeiten zu übernehmen, das ist aber zu viel: Überleg dir welche Tätigkeiten im Haushalt du an deine Kinder delegieren kannst. Es tut ihnen gut, etwas beizutragen - gerade deinem verstummenden Sohn: Buben und Männer verarbeiten Trauer besser durch Aktivtäten, aber die Aktivität muss mit dem Schmerz verbunden werden, d.h. dein Sohn soll einfach ein paar Dinge übernehmen, die sein Vater überlicherweise gemacht hat. Das hilft ihm und gibt ihm auch das Gefühl wichtig zu sein, gebraucht zu werden!. Nichts ist schlimmer, als wenn dir alles gerichtet wird und du untätig sein musst. Das zieht dir den Boden unter den Füßen komplett weg!

      AL Christine
      Liebe schnee!
      Christine und Ingrid haben recht. Angst vor dem neuen Job ist völlig normal und absolut menschlich. die hätte ich auch.
      Lass Dich von dieser angst nicht vereinnahmen. Du sagst selbst, die neue Stelle hat auch was Gutes.
      Ich wünsch dir viel Kraft für Montag. berichte doch davon. Es würde mich interessieren.
      Die Situation mit Deinem Sohn kommt mir bekannt vor. Meine jüngste Tochter reagiert z.Zt. ähnlich. Sie isst wenig und über ihre Trauer mag sie nicht reden. Dabei merke ich, das es ihr nicht gut geht.
      Liebe Grüße
      Karla :24:
      Mein Kind Juliane,
      Mein Bruder Rene,
      Mein lieber Vati,
      Ihr seid mir nur einen Schritt voraus-tief in meinem Herzen lebt ihr weiter :005:
      Guten Morgen ihr Lieben!
      Vielen lieben Dank für eure aufbauenden und tröstenden Worte! Jede von euch findet die richtigen Worte und ich weiß, dass ihr recht habt. Leider ist nicht alles umsetzbar.
      Liebe Christine, meinem Sohn Aufgaben zu geben, zum Beispiel, daran habe ich schon gedacht und gebe ihm welche, er erledigt sie aber nicht. Er hat sich für die Weihnachtsfeiertage sogar selbst etwas vorgenommen, aber nicht mal damit angefangen. Wenn er mal daheim ist, sitzt er auf seinem Bett, hört Musik und chattet am Handy. Ich denke, er bringt die Kraft, eine Aufgabe zu beginnen, oder zu erledigen derzeit einfach nicht auf. Ich lasse ihm noch Zeit, erinnere ihn aber immer wieder daran, dass er gewisse Dinge noch nicht erledigt hat und vermeide tunlichst, sie für ihn zu erledigen.
      Im Vertrauen - ich bin schon sehr froh, wenn er seinen Job weiterhin ernst nimmt, zur Arbeit geht, seine Lehre weiter macht und in der Schule mitmacht.
      Liebe Ingrid, das mit dem positiven Denken ist so schwierig. Die Ängste kommen einfach hoch, ohne dass ich dagegen etwas tun könnte. Konkret ängstige ich mich vor kaputten Fahrzeugen, davor, dass etwas von der Haustechnik den Geist aufgibt, dass Maschinen ihren Dienst versagen, dass im Garten etwas nicht funktioniert, usw. Mein Mann war ein Allroundler - er konnte alles reparieren. So stehe ich jetzt mit hundertmal geflickten, uralten Dingen da. Es ist nicht mal weit hergeholt, dass in nächster Zeit etwas zusammen brechen könnte. Eine andere große Angst schnürt mein Herz zusammen. Sie ist nicht wirklich rational. Es ist die Angst vor den Entscheidungen von Notar und oder Gericht. Ich habe nicht annähernd eine Idee, was das alles kostet, was uns nach Ende der Verlassenschaftsabhandlungen noch bleibt, ob ich den Erbanteil meines Sohnes bei Gericht sichern lassen muss, ob ich mir das Leisten kann.... Angst davor, dass wir das Haus räumen müssen. Leute erzählen mir von horrenden Beträgen, vor irrwitzigen Gerichtsentscheidungen, von Kosten ohne Ende. Ich frage mich oft, warum mir das so viel Angst macht. Ich denke, es ist deshalb eine so unüberwindliche Sache, weil mich Unwissenheit plagt und ich nicht herausfinden kann, ob die reißerischen Mitteilungen von Leuten stimmen. Das Warten auf die Briefe, auf Entscheidungen. Die Ohnmächtigkeit des Wartens, nichts tun zu können, nichts selbst in die Hand nehmen zu können. Die Ungewissheit plagt mich. Müssten wir das Haus in der Folge räumen, wo räume ich dann all die Dinge meines Mannes hin. Als Bastler hat er ein riesen Sortiment an Werkzeug, Maschinen, Material und Ordner mit all den Plänen besessen. Ich könnte das alles niemals in einer Wohnung unterbringen, aber wegschmeißen?
      Ich muss nicht perfekt sein. Ja, ich muss mir das immer wieder vorsagen. Ich habe mir vorgenommen bei meiner neuen Stelle vorauszuschicken, dass ich mir Geduld erhoffe, weil kaum fähig, mich zu konzentrieren. Andererseits muss ich arbeiten und möglichst viel verdienen, heißt, Leistung bringen und das viele Stunden lang. Die Konkurrenz ist groß. Es ist ein Teufelskreis aus dem man kaum rauskommt.
      Liebe Karla. Ich danke dir und werde anfangs sicher wenig Zeit zum Schreiben haben, aber ich werde mich baldmöglichst melden und mitteilen, wie es im Job geht. Danke für die guten Wünsche.
      Das leichte Zittern, das gestern begonnen hat wird schnee nun versuchen, mit etwas Leistungssport in den Griff zu bekommen.
      Dank ihr Lieben!
      Ich denk an euch.
      schnee
      Liebe Schnee,

      als mein Mann im Sommer 2011 verstarb reagierten meine Kinder ganz unterschiedlich: Meine Tochter aß kaum noch, schlief sehr wenig, war aggressiv und suchte auffällig meine Nähe. Mein Sohn machte den ganzen Tag nix, außer essen und schlafen. Er hatte zum Glück Sommerferien. Sie musste bzw. durfte, genauso wie ich, nach drei Wochen wieder arbeiten gehen. Jeder geht mit der Trauer auf seine eigene spezielle Art und Weise um und entwickelt persönliche Strategien. Gib deinem Sohn noch Zeit, solange er die wichtigen Dinge (Arbeit bzw. Ausbildung) ernst nimmt. Das kostet ihn im Moment Kraft genug.

      Das mulmige Gefühl vor dem Antritt der neuen Arbeit kenne ich, aber du wirst sehen, dass es gar nicht schlimm sein wird. Im Gegenteil, es ist, glaube ich, ganz gut, etwas Neues, Ungewohntes zu beginnen, was nicht mit der Vergangenheit verbindet. Außerdem hast du während der Arbeit keine Zeit zu grübeln, weil du dich auf deine neuen Aufgaben konzentrieren musst. Ich halte dir ganz fest die Daumen (und die Zehen), dass alles gut geht.

      Und lass dich nicht verrückt machen von Horrorgeschichten anderer Leute. Erkundige dich ganz einfach beim Notar, was voraussichtlich auf dich zukommt. Er wird dir bestimmt Auskunft darüber geben und du bist dann ein wenig entspannter.

      Perfekt ist niemand von uns - leider. Mein Mann nannte mich zwar oft "unsere Mrs. 102 %", weil ich immer so übergenau war, aber mittlerweile habe ich gelernt und akzeptiert, dass auch weniger in Ordnung ist. Auch wenn es jetzt ein wenig nach Selbstbeweihräucherung klingt, aber wir haben es nicht leicht und können stolz auf alles sein, was wir machen.

      Alles Liebe
      Dschina
      Diejenigen, die gehen, fühlen nicht den Schmerz des Abschieds.Der Zurückgebliebene leidet. (Longfellow)
      Oje, ihr Lieben. Danke für euren Trost, euren Beistand.

      Die erste Arbeitswoche liegt hinter mir. Es ist so schlimm, dass ich mich am liebsten davonstehlen würde, in irgend einem Loch verschwinden und nie wieder auftauchen. Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren, mein Kopf scheint zu zerplatzen. Ich war heute so verzweifelt, dass ich vor der ganzen Kollegenschar und Chef in Tränen ausgebrochen bin und mich überhaupt nicht mehr beruhigen konnte. Sie waren alle ganz vor den Kopf gestoßen, Chef ist gleich mal verschwunden und hat sich abgeschottet. Da frage ich mich, weiß er einfach nicht, was er sagen soll, oder denkt er bereits über einen Ersatz für mich nach, weil ihm als Geschäftsführer klar wurde, dass er mit so einer nervenschwachen Mitarbeiterin nix anfangen kann. Meine Kolleginnen waren sehr lieb. Sie haben versucht, mich zu trösten. Es hat aber alles zusammen einfach nix mehr genützt. Ich hab nur mehr geheult. Nach der Arbeit den ganzen Weg nach Hause auch, daheim dann weiter und auch auf dem Weg durch die Einkaufshäuser. Grad kurz vor ich zu euch stieß versiegten die Tränen. Jetzt seh ich aus, wie eine Eule und bin total fertig, aber immerhin nicht mehr so völlig verzweifelt.
      Am Montag fange ich dann halt, wie jeden Tag, neu an und versuche mein Bestes zu geben, bis es wieder ausbricht. Wo ist sie hin, die Kraft von Anfangs, wohin?

      Danke, dass ihr mir zulest. Ihr habt Verständnis, das weiß ich inzwischen und ist ein kleiner Trost.

      schnee
      Lieber Schnee,

      ich hätte an Deiner Stelle genauso reagiert--ich breche jetzt (erst 14 Monate danach) auch oft einfach so in Tränen aus, ein Gedanke an meine Mom genügt, ein Anblick, irgendetwas,
      Du hast trotzdem unglaublich viel Kraft in Dir, dass Du mit einem neuen Job beginnst...es ist schlimm, wenn man sensibel ist und nicht alles gleich so abhaken kann---das kann ich auch nicht...ich hänge an der Vergangenheit, an der Geborgenheit---hätte gar nicht die Kraft für einen Job, kann Dich trotzdem nur für Deine Kraft hoch schätzen :24: ---dann hast Du ja auch noch Deinen Sohn...

      es ist alles sehr schwer---vielleich kommt die Kraft wieder, wir Menschen haben oft irgendwo versteckte Reserven, die dann doch wieder auftauchen.. :022:

      sende Dir ein große Kraftpackerl und eine :30: :30:

      Alles Liebe

      Reinhold :2:
      :24: :13:
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