Habe meine Frau verloren.

      Liebe Astrid,

      Einige Fragen kann ich dir nicht beantworten. Ich hab keine Ahnung, wie wir den bevorstehenden Tod hätten besprechen können.
      Wäre sicher in dieser Zeit mehr zur Belastung geworden. Ob es mir für die Zeit danach geholfen hätte ? Ich weiss es nicht.
      Den Wunsch verspüre ich manchmal. Den Wunsch nach einer konkreten Botschaft für mein späteres Leben. Vielleicht wäre ein Abschliessen und Neubeginn dann leichter. So fühle ich mich völlig im Stich und allein gelassen.

      Im Grunde versuch ich es so zu sehen, wie bei der Auswahl der Therapieform während der Erkrankung.
      Es war Andrea's Entscheidung und Wunsch, die Zeit so zu gestalten, wie es für sie richtig war.


      Eine Frage kann ich klar mit nein beantworten: die Erlaubnis geb ich mir selbst und ich weiss, dass Andrea sicher das beste für mich möchte. Von daher bin ich nicht blockiert - zumindest nicht bewusst / wissentlich.

      Und nein, meine Verwandtschaft kennt meine neue Freundin noch nicht. Vielleicht ist es noch zu früh.
      Es geht ja nicht nur um mich, ich weiss auch nicht, ob es meine Freundin schon möchte. Haben wir noch nicht besprochen.
      Ein gemeinsames Besuchen des Grabes stell ich mir für beide von uns nicht einfach vor. So gesehen hab ich auch
      etwas Angst davor.
      Die Sache mit dem "trauerfreien" Raum hab ich ehrlich nicht ganz verstanden.
      Meinst du, wenn meine neue Freundin in meine "alte" Welt eintritt, dann kann ich nicht mehr ungestört um Andrea trauern ?
      Meinst du das ?
      "trauerfrei" bin ich am ehesten in meiner neuen Welt - sicher nicht in meinem alten zuhause - mit und ohne Freundin.

      Je seltener ich "nach hause" fahre - und das tu ich immer weniger (einmal pro Woche), desto schwerer fällt mir diese Reise.
      Ich habe an mir auch folgendes festgestellt: bisher fiel mir das "allein sein" wahnsinnig schwer. Diese Woche
      war ich auch ein paar Tage allein - aber in der Wohnung meiner Freundin (sie war auf Dienstreise) - also andere Umgebung. Dort macht es mir nichts mehr aus, einige Abende allein zu verbringen. Fällt mir fast leichter als der Besuch meiner Schwiegereltern.
      Der Kontakt mit ihnen hat seit dem immer einen dunklen Schatten, einen schmerzhaften Beigeschmack. Was mir wahnsinnig leid tut, weil ich mich so gut mit ihnen verstanden hab.
      Dieses Thema hab ich auch in Therapie angesprochen, ohne noch zu einer Lösung gekommen zu sein.
      Da ist dann wieder die Ungeduld in mir, ich möchte eine Lösung für alles. Lösung im Sinne von Wegwischen des Problems/Schmerzes.
      Möchte zurückblicken können ohne dass es so weh tut.


      liebe Grüsse, Christoph
      Lieber Christoph,
      das mit der trauerfreien Zeit hast du schon richtig verstanden. Im Moment hast du bei deiner Freundin eine "trauerfreie Zone" so wie du die Abende allein in ihrer Wohnung beschreibst. Wenn die zwei Welten zusammen kommen - du die alte mit der neuen Welt verbindest, dann könnte es sein, dass die Trauer sich auch dort den Platz nimmt.

      Manchmal kommt mir vor, als schreibst du vom alten und vom neuen Christoph. Und der Alte ist nochmal in zwei Epochen geteilt: vor und nach dem Tod von Andrea. Ich wünsche dir, dass du eines Tages all diese Teile wieder zu einem Christoph verbinden kannst. Dann hast du einen riesen Schritt gemacht - oder wie du es schreibst: dann bist du der Lösung einen riesen Schritt näher.

      Wie viel Anteil hat deine Freundin an deiner Trauer um Andrea - also was weiß sie über den alten Christoph? Lässt du sie teilhaben oder versuchst du das Thema möglichst außen vor zu lassen und hast deine eigenen Plätze und Zeiten dafür?

      Ich denke, dass eine Vorstellung in der Familie wichtig sein kann, damit deine Freundin dein Leben ein bisschen mehr nachvollziehen kann. Wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, ob es zu früh ist??? Gibt es einen richtigen Zeitpunkt?

      Dass das "nach Hause" kommen immer schwerer wird, wenn du mehr Abstand hast, ist für mich ganz klar, denn du weißt ganz genau, dass damit der Schmerz wieder stärker kommt und manchmal ist die Angst vor dem Schmerz größer, als der Schmerz selber. Kennst du das?

      Auch die Begegnung mit den Schwiegereltern - ihr wisst, was ihr verloren habt und das Verlorene - also Andrea - ist auch das, was euch immer verbunden hat und verbinden wird - nicht nur Andrea als Person sondern auch die Liebe für Andrea. Vielleicht kann es Erleichterung geben, wenn ihr gemeinsam ein Ritual für eure Begegnungen schafft. Da fällt mir dazu ein, dass ihr bei euren Treffen ganz bewusst einen Teil der Zeit verwendet um Erinnerungen auszutauschen, vielleicht auch eine Zeit in der ihr über euren Schmerz redet und auch eine Zeit in der ihr über euer neues Leben sprecht. Vielleicht kann das bei manchen Treffen hilfreich sein.

      Lieber Christoph, die Ungeduld gehört zur Trauer wie die Wut, die Angst, die Traurigkeit, die Liebe, die Erinnerung, die Sehnsucht,....
      und so wünsche ich dir, dass sich auch deine Ungeduld eines Tages wandeln wird in Ruhe.
      Du bist ein ganz besonderer Mann, der offen schreibt, was ihn bewegt, berührt und ein Ziel vor Augen hat. Manchmal kannst du zwei Schritte vorwärts gehen und dann wieder ein Stück zurück - auch das gehört zur Trauer. Halte dir immer vor Augen, dass es auch Schritte nach vor und Richtung Ziel geht. Dein Weg ist einzigartig und du gehst ihn bewusst. Lass dir nur manchmal auch Zeit für eine Pause auf einem Bänkchen oder im Gras und genieße ein Picknick, damit du dann wieder gestärkt weitergehen kannst.

      Einen schönen Sommertag wünscht dir
      Astrid.