Der 27. August 2018 begann als gemeinsamer Tag in einem wunderbaren Leben mit P. und endete alleine - ohne Leben.

  • Als ich mir die Gerichtsmitarbeiterin eben so vorstellte, musste ich sogar schmunzeln. Tut mir leid, das mein Kopfkino diese Situation nicht dramatisch darstellen wollte.

    Liebe Markiin,

    nein, nein, das Schlimme ist ja vielleicht, dass ich auch (vollkommen unpassend) lachen musste als die Frau sich in die Hand schnitt...

    nicht aus Schadensfreude, sondern wegen der ständigen Slapstick-Situationen in die mich meine Gedankenlosigkeit bringt...

    Herzlichst,

    Tereschkowa

  • ″Du mußt jetzt nach vorne

    schauen haben mir zu keiner Zeit geholfen.


    Meine Lieben,

    "nach vorne schauen" wird zu 100% überschätzt.


    Diejenigen, die es sagen meinen eigentlich nur: "Sieh nicht zurück", denn sie glauben das Grauen läge hinter uns.

    Diejenigen, die trauern (die meisten und zumindest ich) empfinden jedoch ein noch größeres Grauen, wenn sie nach vorne schauen.

    Denn dort ist: NICHTS.

    Der Blick zurück tröstet trotz Schmerzen noch immer eher als ins NICHTS zu starren.


    Doch dies scheint mir eine der schwerst zu vermittelnden Unterschiede im Lebensgefühl von Trauernden und Nichttrauernden

    zu sein.

    Trauer ist keine Krise, bei der jeder Schritt sich davon zu entfernen "hilft". Das verwechseln die Menschen, denen die Erfahrung

    fehlt.

    Zugegebenermaßen war das zu Beginn meiner Trauer auch mein Missverständnis, weil ich auch "nur" Krisenerfahrung

    hatte. Es gibt etwas, das nicht wieder "gut" wird. Es bleibt was es ist: Endgültig.

    Den Umstand der Endgültigkeit und der Unwiederbringlichkeit tatsächlich in vollem Ausmaß zu begreifen wehrt sich in mir

    nach wie vor alles.

    Ich WILL nicht begreifen.

    Wozu?

    Denn mir fehlen die Gründe warum ich "begreifen, akzeptieren, realisieren" sollte.


    Mir selbst zu liebe ist mir leider zu egal.

    Und es gibt kein konkretes Lebewesen das davon sonst einen Nutzen hätte, wenn ich daran "arbeite", dass

    sich MEIN Leben für MICH wieder "besser" anfühlt.

    (bzw. für meine "Mitmenschen bzw. Lebewesen im Allgemeinen" das ist mir zu dürftig bzw. dazu bin ich zu empathielos)

    Puh, bitte entschuldigt.

    "Mut machen" ist etwas anderes. Aber vielleicht wird ja auch "Mut machen" überschätzt...

    Herzlichst,

    Tereschkowa


    PS: Seit Tagen habe ich die Liedzeile von "Die Sterne" im Kopf:

    "Es hat keinen Sinn zu warten bis es besser wird. Das bisschen besser wär das Warten nicht wert."

  • Noch ein Gedanke oder auch mehrere, sorry, alles etwas unzusammenhängend und hoffentlich nicht fehl am Platz, hier in deinem Thread, Tereschkowa: ich fragte mich in den letzten Monaten schon oft, was dieses "nach vorne schauen" eigentlich soll. (Das war nach dem schlimmsten Tag meines Lebens tatsächlich einer der ersten Kommentare meiner Oma: "Es hilft ja nichts. Man muss trotzdem nach vorne schauen." Seitdem so, so oft von so vielen, so unterschiedlichen Menschen gehört, immer wieder.) Nach vorne schauen. Aber: wohin, wie, wozu?


    Ein ganzer, ganzer Mensch ist plötzlich einfach weg. Das allein ist schon nicht zu begreifen, es ist unheimlich, unwirklich, nicht zu verstehen, aber mit ihm fehlt plötzlich auch ein ganzes, ganzes Leben. Alles, all seine Jahre, Jahrzehnte, die tausenden Begegnungen, Momente, Stunden, Wege, Menschen, Gefühle, Worte, Taten. Ja, und nicht nur sein Leben ist weg, sondern auch das von demjenigen, mit dem er es teilte. Es mag pathetisch und melodramatisch klingen, aber so ist es doch: auch das Leben der Übriggebliebenen ist weg. Wohin soll man von hier aus gehen oder schauen? Aus dem Leben ist so ein komisches, undefinierbares Zwischendasein geworden, zumindest empfinde ich das so. Ich könnte darin nicht mal einen Punkt finden, von dem aus man losziehen kann.

    Und wie? Das macht mich vielleicht am wütendsten, wenn der Ratschlag, doch nach vorne zu schauen, kommt. Als wäre es eine Selbstverständlichkeit, als gäbe es nur diese eine Richtung, als wäre alles, was vorher war und jetzt nicht mehr da ist, vollkommen unbedeutend. Als könnte man das einfach ablegen und hinter sich lassen und als wäre es verwerflich, wenn man es nicht kann oder nicht will.


    Zum Wozu kann ich nichts sagen, vielleicht weil es einfach nichts zu sagen gibt.


    Liebe Grüße, leider auch ohne Mut. Sturm

  • Ein ganzer, ganzer Mensch ist plötzlich einfach weg. Das allein ist schon nicht zu begreifen, es ist unheimlich, unwirklich, nicht zu verstehen, aber mit ihm fehlt plötzlich auch ein ganzes, ganzes Leben.

    Liebe Sturm,

    ja.

    Dass Menschen sterben wissen wir alle theoretisch schon fast immer.

    ABER: Was es bedeutet bzw. dass es NICHT zu verstehen oder zu begreifen ist, das wissen wir erst jetzt.


    Für mich ist und bleibt der Tod ein Verbrechen.

    Wer immer sich ausgedacht hat liebesfähigen Wesen diese Art von Trennung durch den Tod anzutun

    hat nichts begriffen oder bei seinem Konzept sehr, sehr schlampig gearbeitet.

    (Ich weiß... Dankbarkeit und Demut für das Leben und die Liebe sollte ich empfinden... das schaffe ich zumindest jetzt nicht.

    Ich bin wütend.)

    Herzlichst,

    Tereschkowa

  • Liebe Tereschkowa,

    Dass Menschen sterben wissen wir alle theoretisch schon fast immer.

    ABER: Was es bedeutet bzw. dass es NICHT zu verstehen oder zu begreifen ist, das wissen wir erst jetzt.

    ja. Ich wusste es auch nicht bzw. wusste ich nicht, was es bedeutet, wenn DER geliebte Mensch stirbt. Nicht ein Mensch, den man kannte, nicht ein Mensch, den man gern hatte, nicht ein geliebter Mensch (- alles schon schlimm genug), sondern DER geliebte Mensch.


    Im Moment arbeite ich mit einem sechsjährigen Kind, dessen kleiner Bruder letzten Frühling starb. Wenn er von seinem Bruder spricht, dann so als wäre er weiterhin da und wüsste man nicht Bescheid, würde man nie darauf kommen, dass es anders ist. (So wie er über den Bruder spricht, denke ich für mich allein oft über meine Freundin. Weil ich nicht anders kann und nicht anders will.)

    Vor ein paar Wochen, Pause im Schulhof, stand dieses Kind plötzlich mit schmerzverzerrtem Gesicht unkontrolliert schreiend und brüllend vor mir und ich dachte erst, er wäre hingefallen und hätte sich sehr schlimm wehgetan. Aber in seinem Gebrüll brachte er irgendwann heraus: „Ich werde nie wieder einen Bruder haben.“ Ich glaube, das war ein Moment des Begreifens. Kurze Zeit später war er wieder ruhig und merkwürdig okay, fast fröhlich. Das ist bei Kindern irgendwie anders, kein Trauerstrom, sondern Trauerpfützen, in die sie immer wieder hinein, aber auch wieder hinaus hüpfen. Ich denke und fürchte, wir alle hier kennen diese Momente selbst viel zu gut. Aber das im Gesicht und am Körper eines Gegenübers zu sehen, lässt mich denken, dass ein Mensch das gar nicht länger als kurze Momente ertragen kann. Zumindest nicht in seiner allumfassenden Grausamkeit und nicht auf Dauer.

    Verbrechen, ja, besser kann man es vielleicht nicht beschreiben.


    Manchmal denke ich: vielleicht ist es unsere Rettung, es nicht richtig und dauerhaft begreifen und realisieren zu können. (Bleibt natürlich die Frage: Rettung, wovor? Ist doch schon alles kaputt und kann eigentlich kaum schlimmer kommen. Außerdem: Rettung, wozu?)

    Manchmal denke ich aber auch, dass das Quatsch ist, denn ich persönlich fühle mich nicht gerettet. Im Gegenteil, es ist ein permanentes Ankämpfen gegen das Untergehen, man macht weiter - trotz aller Kraft- und Sinnlosigkeit - aber den Moment, in dem man es geschafft hat und denken könnte: "Puh, gerettet!", wird es nie geben. Ich weiß nicht viel, aber damit bin ich mir seltsam sicher. Entschuldige, alles wieder sehr wirr.

    Quote

    (Ich weiß... Dankbarkeit und Demut für das Leben und die Liebe sollte ich empfinden... das schaffe ich zumindest jetzt nicht.

    Ich bin wütend.)

    Ich weiß nicht, ob du solltest und ob man sollte. Oft habe ich große Gewissensbisse und Schuldgefühle, weil ich fürchte meiner Freundin und unserem Leben nicht gerecht zu werden. In mir ist so wenig Platz für Dankbarkeit. Natürlich bin ich dankbar (un-un-endlich dankbar) für sie und für ihre Liebe, sie war mein größtes Glück. Zugleich ist das, was passiert ist, aber so eine entsetzliche Ungerechtigkeit. Die Fassungslosigkeit über diese Ungerechtigkeit nimmt mich vollkommen ein und einem Leben dankbar zu sein, dass solche Ungerechtigkeiten zulässt, fällt einfach sehr, sehr schwer. Ich kann deine Wut gut verstehen.


    Liebe Grüße, Sturm