Was wird oder soll noch kommen?

  • Liebe Menschen im Trauerforum


    Seit einigen Wochen habe ich als Gast zahlreiche Beiträge gelesen. In vielen habe ich Ähnlichkeiten zu meinen Empfindungen angetroffen. Ich hege in mir eine leise Hoffnung, dass eigene Beiträge im Forum eine Chance zu einer Veränderung der eigenen Gefühlswelt in eine positive Richtung eröffnen könnten. Ich möchte niemanden enttäuschen, falls ich mich künftig nicht regelmässig m Forum bemerkbar machen sollte.

    Seit dem Sommer 1991 habe ich mein Leben mit meiner Liebsten, die ich hier Daliah nenne, teilen dürfen. Wir standen uns sehr nahe. Am 16.09.2018 hat die Liebe meines Lebens, meine Ehefrau Daliah, ihr irdisches Dasein in meinen Armen beendet. Sie war gut 71 Jahre alt. Seither werde ich von Gefühlen zwischen Dankbarkeit für die unendlich schöne gemeinsame Zeit und Traurigkeit, Leere und Sinnlosigkeit meiner eigenen Weiterexistenz hin- und hergerissen.

    Als ich Daliah vor bald 28 Jahren darlegte, dass ich mich zu ihr hingezogen fühlte, bestand ihre Reaktion darin, dass sie versuchte, mir mit der Schilderung der Art ihrer Lebensführung und ihrer Eigenheiten, klarzumachen, dass sie keine ideale Lebenspartnerin für mich sei. Nach mehreren Enttäuschungen habe sie sich auf ein Leben ohne einen Mann an ihrer Seite eingestellt. Sie geniesse das Leben ohne feste Strukturen. So gebe es bei ihr zwischen 12 und 13 Uhr oft kein Mittagessen. Sie nehme etwas zu sich, wenn sie hungrig und schlafe, wenn sie müde sei. Mich schreckte diese Darstellung nicht ab und ich bat, sie, mir wenigstens eine Chance zu geben. So wurden wir zum Paar. Freunde und Arbeitskolleginnen und -kollegen, bezeichneten uns schon bald als Dreamteam. Wir waren davon überzeugt, dass wir zusammen alles erreichen konnten.

    Da meine Liebste seit Mitte der 1990erJahre mit mehreren gesundheitlichen Beeinträchtigungen (hier nenne ich nur die schwersten: COPD mit operativer Lungenreduktion 2005 und beidseitiger -Transplantation am 26.10.2010, Hämodialyse seit März 2015) zu kämpfen hatte, rechnete sie damit, nicht alt zu werden. Vor allem für ihre beiden Enkelkinder, die 1997 und 1999 geboren wurden, begann sie ungefähr 2005, ihre Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Sie hat uns ein digitalisiertes Buch mit mehr als 700 Seiten Umfang mit dem Titel «Das Wichtigste im Leben sind die Menschen» hinterlassen. Ein Zitat daraus möchte ich hier einfliessen lassen:


    «Tja – mein Glück – es kam ganz leise. Beinahe hätte ich es nicht bemerkt – erst wollte ich es gar nicht haben – ich hatte genug vom sogenannten Glück – ich wehrte mich geradezu heftig, es an mich heran zu lassen. Doch es war hartnäckig. Danke, dass du nicht lockergelassen hast.»


    Sie schloss das Werk im Herbst 2017 ab, als wir damit konfrontiert wurden, dass sie einen bösartigen Blasentumor in fortgeschrittenem Stadium in sich trage. Eine Operation lehnte sie ab, da sie befürchtete, einen weiteren grossen chirurgischen Eingriff nicht zu überleben. Die Krebsdiagnose im September 2017 setzte Daliah sehr zu. Um sie nach besten Kräften begleiten zu können, trat ich auf Ende März 2018 im Alter von 62 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand. Ich hatte mehr als 28 Jahre als Leiter des Rechtsdiensts einer Institution der schweizerischen Sozialversicherungen gearbeitet. Uns blieb ein halbes Jahr, das geprägt war von intensiver Nähe sowie Vertrautheit, aber auch dem Schwinden der Kräfte meiner Liebsten. Zudem litt sie zunehmend unter grossen Schmerzen und konnte in den letzten Wochen kaum mehr Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen.

    Nachdem ich ihr versichert hatte, sie müsse sich um mich keine Sorgen machen, spürte ich, wie sie begann, ihr Ende auf dieser Welt zu akzeptieren.


    Seither plage ich mich mit Fragen wie


    Was wird oder soll noch kommen?

    Wozu bin ich noch da?


    herum. Da ich Daliah versichert habe, sie müsse sich nicht um mich sorgen, versuche ich, alles, was auf mich zukommt, auszuhalten.

    Es gab in mir seither schon alle möglichen Phasen, Gedanken und Empfindungen.


    Ich grüsse alle mit dem Wunsch, dass jede und jeder die Kraft für den nächsten Schritt im Dasein in sich findet.

    Nelson_180916

  • Liebe Leo oder lieber Leo, liebe Petra

    ich bedanke mich für eure Willkommensnachrichten. Anscheinend habe ich meinen Einstiegsbeitrag versehentlich oder weil ich die Funktionen im Forum noch nicht ganz verstanden habe, zweifach gesendet.

    Es ist tatsächlich nichts mehr wie es war...

    Ich versuche, irgendwie klar zu kommen. Mal gelingt es eher, mal weniger.

    LG Nelson_180916

  • Lieber Nelson,es ist so schwer,den geliebten Menschen nicht mehr an der Seite,das Herz tief verwundet,so viel Liebe in einem,wohin damit?Du hast deine Frau auf ihrem schweren Weg begleitet,und jetzt....das Gefühl sagt warum bin ich noch da,was soll ich noch hier,die Sehnsucht ist so unvorstellbar groß und nichts kann sie stillen.Wir hier im Forum gehen auch diese Wege durch das neue,fremde Leben,wenn du magst schreibe oder lies einfach mit,vielleicht hilft es dir,du wirst hier viele verwandte Seelen finden,mir hilft das wenn ich wieder gar nicht weiter weiß und die Verzweiflung übermächtig wird,Adi

  • Liebe Tigerlily,

    liebe adi

    ich möchte euch ebenfalls für euer Mitgefühl und die grosse Empathie danken. Es hilft zu spüren, dass es viele verwandte Seelen gibt.

    Das von mir im Profil eingesetzte Foto zeigt übrigens den Abdruck des rechten Fusses meiner Liebsten im Sand des Strands von Christchurch, Barbados. Als Geschenk zu meinem 60. lud Daliah mich zu einem zehntägigen Urlaub auf dieser Insel in der Karibik ein. Wir hatten seit Jahren davon geträumt. Es war wunderschön. Ihre damalige Nierenrestfunktion gestattete ihr, die Dialyse in diesem Zeitraum auszusetzen.

    lG, Nelson_180916

    ... vielleicht hilft es dir,du wirst hier viele verwandte Seelen finden,mir hilft das wenn ich wieder gar nicht weiter weiß und die Verzweiflung übermächtig wird,Adi

  • Lieber Nelson,


    auch von mir ein herzliches Willkommen hier im Forum und meine aufrichtige Anteilnahme.


    Hier im Forum wirst Du immer liebe Menschen finden die Dir gerne zuhören und die Dich verstehen. Hier kannst Du Dir immer gerne alles von der Seele schreiben.


    Viel Kraft wünsche ich Dir.


    Liebe Grüße

    Josef

  • Lieber Nelson,

    ein herzliches Willkommen auch von mir.

    Ihr habt eine ganz besondere Liebesgeschichte.

    Und dein Verlust ist sehr groß.


    Ich wünsche dir, dass du dich hier geborgen fühlst. Und ich freue mich, dass du auch den Namen deiner Liebsten verändert hast. Das macht Sinn in einem öffentlichen Forum.


    Lg. Astrid.

  • Lieber Frank,

    lieber Josef und

    liebe Astrid


    auch euch danke ich für die einfühlsamen Willkommensworte. Gefreut hat mich insbesondere die von Frank geäusserte Hoffnung.


    ...

    Hoffen wir, dass wir noch Antworten finden mögen. ...



    Heute habe ich mit der Familie des älteren Sohnes meiner Liebsten zu Mittag gegessen. Es wurde mir durch seinen warmherzigen an mich gerichteten Gesichtsausdruck bewusst, dass ein Teil Daliahs in ihm weiterlebt. Ähnliches haben einige Forumsmitglieder auch schon festgestellt.

    Unsere Patchwork-Familiengeschichte ist im Einzelnen nicht ganz einfach nachzuvollziehen. Der jüngere Sohn meiner Ehefrau ist am 23.02.1994 einen Tag vor seinem 26. Geburtstag gestorben. Er litt unter paranoider Schizophrenie und hatte wenige Tage vorher die Klinik, in der er behandelt wurde, verlassen dürfen. Die Obduktion ergab, dass keine anderen Stoffe als die ihm ärztlich verschriebenen Medikamente in seinem Körper zu finden waren. Er starb also an Nebenwirkungen der Mittel, die ihm hätten helfen sollen. Daliahs damalige Trauer brachte sie an den Rand ihrer Existenz. Ihre damals mehr als 80 Jahre alte Mutter bat sie, mir zuliebe weiterzuleben und es gelang uns gemeinsam wieder Kraft zu finden. Die Asche des jüngeren Sohns haben wir im Garten unseres Hauses unter einer Marmorplatte und -blumenschale, die von einer Säule mit drei kleinen Engeln getragen wird, beigesetzt. Er blieb in unseren Gesprächen immer bei uns.

    In gewisser Weise glaube ich, dass eine meiner Strategien zu einer näherungsweisen Bewältigung des Verlusts eines geliebten Menschen, darin besteht, diesem zu ermöglichen, in der Welt der Gefühle und in Gesprächen weiterhin seinen Platz unter uns hier Lebenden zu behalten. Natürlich vermag dies allein nicht alle Wunden vernarben oder gar heilen zu lassen.

    Ich schätze es jedenfalls, mich hier über meine tastende Suche nach einer neuen Orientierung im Leben äussern zu können. Lasst uns weiter suchen.

    Liebe Grüsse

    Nelson_180916

  • Lieber Nelson,


    auch ich habe deine Geschichte gelesen, ich denke an dich.

    Wenn du es schaffst, deine geliebte Frau in den Gesprächen bei dir zu haben, dann ist das sicherlich sehr schön.


    Ich wünsche dir eine gute Nacht,

    Mowi

  • Liebe Menschen im Trauerforum


    Ich danke allen für euer Mitgefühl sowie eure tröstenden und Hoffnung spendenden Gedanken.


    Seit dem 16.09.2018, als meine Liebste ihre Reise in ein neues Land antrat, fühle ich mich oft einsam, nutzlos und überflüssig. Es gibt auch unbeschwertere Phasen, etwa wenn ich mit Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten zusammen bin. Wie viele von euch ebenfalls erfahren mussten, ist das Leben nie mehr wie es war. Ich gebe mir Mühe, alles irgendwie auszuhalten.


    Ziemlich oft befasse ich mich mit Aufgaben, über deren Erledigung sich meine Liebste gefreut hätte. Gestern habe ich z. B. zum dritten Mal einen Versuch gestartet, den vom Hitzesommer 2018 immer noch arg durchlöcherten Rasen zu reparieren. Nachsaaten im Herbst 2018 und im März 2019 hatten leider wenig gebracht.


    Beinahe täglich besucht mich der hellrotbraune Kater einer Nachbarin. Ich gebe ihm jeweils Futter (bis jetzt ohne Schnittlauch), Wasser und Zuwendung. Das zierliche Tierchen begrüsst mich oft, wenn ich vom Einkaufen zurückkehre. Vor der letzten gemeinsamen Ferienreise Mitte Juni 2017 nach Hagnau am Bodensee hatte sich Tätzeli (so heisst der kleine Kater, Hochdeutsch würde dies wohl etwa «Tätzchen» oder «Pfötchen» bedeuten) auf Daliahs Füsse gelegt, als sie in unser Auto einsteigen wollte. Daliah fasste das Verhalten der Katze damals als Ausdruck ihres Wunschs, dass wir zu Hause bleiben sollten, auf. Sie hatte Tätzeli ebenfalls in ihr grosses Herz geschlossen, auch wenn wir beide uns eher zu Hunden als zu Katzen hingezogen fühlten. Tätzelis Charme und Sanftheit konnten wir nicht widerstehen (wir sind dann aber schon an den Bodensee gefahren). Seine fast tägliche Gesellschaft wirkt auf mich ein bisschen wie eine unsichtbare Brücke zu Daliah. Der kleine Kater streifte in den ersten Wochen nach Daliahs Tod mehrmals durch unser ganzes Haus als ob er sie suchen würde. Seit rund einem Monat hat er damit aufgehört und hält sich neuerdings vermehrt in meiner unmittelbaren Nähe auf, d. h. manchmal setzt er sich direkt auf mich oder nimmt einen Satz auf den Tisch, wenn ich im Wintergarten das Abendessen einnehme.


    So versuche ich, mich Tag für Tag über Wasser zu halten. Dazu gehört auch, auf mich zu achten und Sorge zu mir zu tragen. Mal gelingt es mir besser, mal weniger.


    Ich wünsche allen viel Kraft auf eurem Weg.

    Liebe Güsse

    Nelson_180916

  • Lieber Nelson,Hagnau...auch für mich und meinen Mann eine wunderschöne Reise, jetzt eine Erinnerung an das Verlorene,das tut weh.Unsere Katze sucht immer noch meinen Mann,ich darf füttern,aber sie streicht oft wie suchend durch Wohnung und Garten,liegt nie bei mir,mein Mann war eben auch ihr Mensch.Ich lasse ihr gute Bissen zukommen,vielleicht tröstet sie das.Unser Trost,ja wo finden wir den...noch weiß ich keine Antwort,leben ist momentan funktionieren,zu mehr fehlt mir die Kraft.Aber dir will ich eine Umarmung schicken,Adi

  • lieber Nelson 180916,


    schön, dass du, so gut es geht, Sorge für dich zu tragen.

    Was für ein herziges Kätzle !

    & ja, es gibt Tage da fällt man (wieder) tief ...


    Hagnau ist toll, suuuper lecker schmeckt ja deren Rot-/Weißwein & Sektgelee von der Winzergenissenschaft :).

    Habt ihr es probiert ?


    Einen sonnigen Abend & ne schurrende Katze


    Stille Perle

  • Ich hatte es fälschlicherweise bei mir geschrieben.


    Entschuldigung.


    Liebste Grüße,

    Uwe.


  • Lieber Uwe


    Wo im Trauerforum aspetos etwas geschrieben wird oder wurde, ist für mich unwichtig. Was zählt ist der Inhalt, also was jemand geschrieben hat. Es gibt daher nichts zu entschuldigen.


    Deine Worte haben mich im Innersten berührt. Daliah reiste fürs Leben gern. Nach der Lungentransplatation waren Ihr nach einer knapp einjährigen Wartezeit mit der Zeit auch weitere Reisen wieder möglich. Wir konnten u. a. noch vor den grösseren Beschwerden mit der COPD Ende der 1990er Jahre gemeinsam dem Nordkap und im Oktober 2014 nach der Transplantation dem südlichsten Punkt Afrikas, Cape Agulhas, unvergessliche Besuche abstatten.


    Die Asche, die von meiner Liebsten zurückblieb, bewahre ich zurzeit noch bei mir zu Hause auf. Mit der Familie des älteren Sohnes Daliahs und ihrer Schwester konnten wir noch keinen geeigneten Tag mit viel Wind (damit die Asche möglichst weit in die Lüfte getragen wird), an dem alle sich dazu hätten treffen können, finden. Ich habe mich heute allein an den von Daliah ausgewählten Ort in der Bergkette des Juras, bei einer stattlichen Linde, vor der eine hölzerne Ruhebank steht, begeben. Von dort geniesst man die traumhafte freie Sicht auf die Alpen.


    Zur mosaiksteinhaften Charakterisierung Daliahs Wesen füge ich ein Zitat von Ralph Waldo Emerson ein, das ihr seit vielen Jahren wichtig war:


    Ich gehe diesen Weg nur ein einziges Mal; alles Gute und Freundliche, das ich irgendeinem Menschen erweisen oder bezeigen kann, laßt mich deshalb sogleich tun. Laßt es mich nicht hinausschieben und nicht vernachlässigen denn ich werde diesen Weg kein zweites Mal gehen.

    Ralph Waldo Emerson

    - https://gutezitate.com/zitat/136584


    Ich hoffe, die Verwendung des Zitats ist in Sachen Urheberrecht mit der Angabe des Autors und des Hyperlinks zum Fundort im Web korrekt.


    Ich wünsche dir und allen im Forum eine gute Nachtruhe.


    Liebe Grüsse

    Nelson_180916