Leben danach

  • Hallo Zusammen,


    am 9. Juli 2020 ist meine Frau June mit 53 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Nichts hat darauf hingedeutet, so fand ich sie zu Hause nach der Arbeit tot im Bett.


    In der Nacht zuvor bemerkte ich, dass sie unruhig war und ich vernahm im Halbschlaf, dass sie über Schmerzen klagte. Etwas später wachte ich nochmal auf, da war Ruhe und ich dachte noch, dann kann es ja nicht schlimm sein. Am Morgen machte ich mich für die Arbeit fertig, sie schlief fest (dachte ich). Ich streichelte sie vor dem Verlassen der Wohnung, schaute sie mir an - sie war warm und somit schöpfte ich keinen Verdacht.

    Tagsüber telefonierten wir immer, so 3-4 Mal, nur um zu hören, ob alles ok ist. An diesem Tag erreichte ich sie nicht, es kam auch kein Anruf. Natürlich machte ich mir schon große Sorgen und fuhr etwas früher nach Hause. Dort war schon zu sehen, dass alles wie am Morgen war. Ins Schlafzimmer gerannt, da lag sie wie morgens, nur kalt und steif. Sie war wohl bereits in der Nacht gestorben, in Ihrem Bett neben Ihrem Mann, und es muss sehr schnell gegangen sein.


    Wir waren fast auf den Tag genau 25 Jahre verheiratet. Sie war eine sehr hübsche und einzigartige Frau. Wir liebten uns vom ersten bis zum letzten Tag.


    Danach ist meine Welt zusammengebrochen. Ich habe alles Mögliche versucht, mit der Trauer irgendwie zurecht zu kommen. Es klappt nicht - der Schmerz will einfach nicht aufhören, das Trauma ist sehr stark, immer wieder erlebe ich den Moment, in dem ich meine Frau tot fand. Ich bin vollkommen erstarrt. Es ist unbeschreiblich, und ich bin nun erneut arbeitsunfähig. Irgendwie hat sich auch eine Essstörung eingestellt, esse kaum und wundere mich, wie lange ein menschlicher Körper das mitmacht. Habe eine Reha beantragt, um für die nächste Zeit etwas Kraft zu tanken, vllt auch praktische Hilfe zu erhalten. Ich muss mich komplett neu erfinden, z.Bsp. in eine andere Wohnung ziehen evtl werde ich nicht mehr arbeiten können. Es ist soviel, ich weiß nicht wo ich anfangen soll. Viele Kontakte habe ich nicht, bin viel alleine.


    Meine Frau war sehr lebenslustig, sie möchte bestimmt, dass ich nicht so traurig bin und so leide. Den Gefallen möchte ich Ihr tun, aber es wird noch lange dauern - Hilfe wird nötig sein.


    Alles Liebe

    Mario

  • Hallo Mario...dein Verlust und deinen Schmerz kann ich gut verstehen...hier wo keiner sein möchte ,hier wo alle wissen was Schmerz, Trauer und Verzweiflung heißt...es tut mir sehr Leid das du deine geliebte Frau verloren hast...lg Carmen

  • Hallo Mario, ich bin selbst noch nicht lange hier. Was ich dir sagen kann ist ,daß es gut tut sich hier sein Leid von der Seele zu schreiben.

    Es tut mir von Herzen leid das du deine Liebe verloren hast. Natürlich haben unsere Partner uns am liebsten fröhlich gesehen. Aber sie verstehen daß wir diesen Schmerz des Verlustes verspühren.

  • Lieber Mario,


    ein leises Willkommen hier bei uns und mein aufrichtiges Mitgefühl.

    Es fällt mir schwer deinen Namen zu schreiben .... mein Mann hieß Mario und unser Nachname beginnt mit S :(.

    Er starb wie deine Frau, letztes Jahr im Juli.


    Und ja, auch nach über 10 Monaten ist der Schmerz unser täglicher Begleiter. Was soll sich auch ändern ?

    Das Liebste was wir hatten, haben wir hergeben müssen. Tröstende Worte, ich würde sie dir gerne sagen, aber

    was soll uns trösten ?


    Herzlichst, Kerstin

    Ich fürchte nicht die Dunkelheit dort draußen, es ist die Dunkelheit in meinem Herzen, die mir Angst macht.

  • Guten Morgen,


    danke Carmen, Alexa, Steffi und Kerstin.


    Ich weiß ja gar nicht, was ich schreiben soll Kerstin, muss zugeben dass ich ziemlich baff bin. So ein Zufall...


    In den letzten 11 Monaten habe ich nicht durchweg getrauert. Die ersten 5 - 6 Monate waren wirklich schlimm, ich konnte mir vorher nicht annähernd vorstellen, welche Zustände ich erleben musste. Trost gibt es da keinen, es geht in der ersten Zeit tatsächlich ums Überleben, jeden Tag aufs Neue. Die grundlegendsten Dinge werden plötzlich zur Herausforderung, die nur mit viel Kraft und Energie irgendwie zu bewältigen sind. Morgens aufstehen, Essen zubereiten...dazu die Gefühls-Tsunamis aus dem Nichts, immer und immer wieder. Dann sich wieder aufrappeln und weiter...


    Aber es ging langsam auch besser. Die Traueranfälle blieben zwar, aber nicht mehr so oft und ich lernte ein bisschen, damit umzugehen. Ich konnte wieder Musik hören, was für mich sehr wichtig ist. Konnte auch lachen, witzig und charmant sein...arbeitete wie ein Roboter, erstaunlich wie ich im Job funktionierte. Ich habe versucht mich mit langen Wanderungen zu erden, Kontakt zur Natur aufzunehmen und mich aufzutanken. Ich reiste zu allen möglichen Freunden, die leider nicht gerade in der Nähe wohnen. Innen drin war und bin es immer noch sehr schwer verletzt, das traumatische Ereignis ständig im Gepäck, das Gefühl des Schreckens steckt fest, tief in mir. Und so war abzusehen, dass die ganzen Anforderungen und Belastungen irgendwann nicht mehr zu managen waren. So bin ich vor ein paar Wochen sozusagen unterernährt (unterzuckert) kollabiert. Da habe ich einige Entschlüsse gefasst. Raus aus dem Job, raus aus der gemeinsamen Wohnung und eine Kur mit professioneller Unterstützung bez. Trauerbewältigung und Behandlung der PTS. Wenn ich schon weiter leben muss, dann nicht so...


    Noch was zum Thema Trost: ich lese hier oft, dass es diesen nicht gibt. Das stimmt so nicht, wir sind so stark verletzt, dass wir ihn einfach nicht wahrnehmen können. So geht es mir auch. Was für mich offen ist und Schwierigkeiten bereitet, ist die spirituelle Einordnung des Todes meiner Frau. Wie passt das (sinnvoll) in mein Leben, was bedeutet das für unsere beiden Seelen. Sind die noch miteinander verbunden, sehen wir uns wieder, irgendwo. Gibt es die geistige Ebene, wo die verstorbenen Seelen sind. Warum muss ich (meine Seele) noch hier in der materiellen Welt sein, welche Aufgabe hat sie noch ?


    Mir helfen ab und zu und trösten zwei Gedanken.

    Ich bin nicht der Erste, dem sowas passiert, der Mensch ist dafür ausgelegt, den Tod eines geliebten Menschen zu verkraften.

    Der zweite tröstende Gedanke ist, dass der Tod uns lehrt (oder daran erinnert), was wirklich wichtig ist im Leben - in den letzten Momenten Ihres Lebens hat meine Frau gedacht "vielen Dank mein geliebter Mann, für Alles und ich liebe dich" , sie dachte nicht daran, dass sie sauer ist, weil ich den Müll nicht getrennt habe.


    Ich wünsche allen trauernden hier mitlesenden eine gute Zeit


    Gruß

    Mario

  • Hallo Mario

    Der Verlust meines Mannes hat eie tiefe Wunde gerissen. Hab vorher noch nie solch einen seelichen Schmerz ertragen müssen.

    Als mein Vater starb hat Joachim das mit mir durchgestanden so wie ich ihm beim Verlust seiner Eltern zur Seite gestanden habe.

    Nun bin ich zwar nicht allein auf dieser Welt und meine Familie will auch für mich da sein aber ich komme nicht von diesem Gefühl los dass sie ja noch ein Leben in der "normalen " Welt haben wärend ich hier in meinem Albtraum gefangen bin.

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  • Hallo Mario,

    Ich verstehe dich zu gut. Ich habe meine Frau am 18.02.21 verloren, sie war 55.

    Meine Tage sind auch kein Erleben sondern nur ein Leben.

    Meine Frau fehlt mir auch in allen Lebenslagen.

    Egal was ich mache ist nur Ablenkung.

    Ich fahre gerne Motorrad, es will aber keine Freude aufkommen.

    Meine Wohnung erdrückt mich, möchte diese aber auch nicht verlassen.

    Für mich war von Anfang an klar: In guten wie schlechten Zeiten, eine Trennung wäre nie eine Frage gewesen.

    Nun wurden wir gewaltsam getrennt, damit umzugehen habe ich noch nicht richtig gelernt.

    Ich habe Angst, dass ich nie damit klar komme.

    Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und jeden Tag eine Träne weniger

  • Lieber Mario,

    Der Verlust deiner geliebten Frau tut mir sehr leid.

    Es ist gut dass du eine Reha beantragt hast. Hast du es davor auch schon mal mit Trauerbegleitung/oder ähnlichem versucht?

    So wie du schon erkannt hast, Trauer braucht sehr viel Zeit. Mehr als uns lieb ist. Und geliebte Menschen dürfen uns immer fehlen.


    Hast du Familie und Freunde die dich begleiten?

    Alles Liebe <3

    Isabel

  • Hallo Zusammen,


    ich kann jetzt nicht auf alle Antworten detailliert eingehen, das ist ein bisschen anstrengend gerade...aber vielen vielen Dank.


    Es gibt eine kleine Familie. Eine leibliche Tochter meiner Frau, die ich sehr früh schon adoptiert habe.

    Lustigerweise ganz und gar ein Papakind. Sie hat inzwischen selbst ein dreijährigen Jungen. Wir besuchen uns oft (70km Entfernung).

    Der Kleine ist so was von herzig, der kriegt es echt hin, mich aus meinem Trauer zu lösen und einfach zusammen Spass haben, Blödsinn machen.


    Der Reha-Antrag liegt nun in Berlin, ich hoffe, dass sich das nicht zu lange hinzieht. Die Klinik habe ich auch schon ausgesucht. Dort gibt es spezielle Angebote zur Trauerarbeit, Trauma etc. Bis jetzt habe ich drei Psychotherapeuten hinter mir und einige hundert € weniger. Für mich nicht so das Wahre, was sollen sie auch tun.

    Da bringt mein Enkel gratis wesentlich mehr.

    Hier gibt's auch ein "Trauercafe", das nun endlich wieder aktiv ist. Einmal im Monat treffen sich unverbindlich Trauernde z.T. mit Verwandtschaft. Das finde ich sehr gut, dort sind Betroffene nach 3 Monaten/6 Monaten/ ein oder zwei Jahren Trauer. Da weiß man, wie es dir geht und finden am ehesten die richtigen Worte. Moderiert wird das "Cafe" von einer christlich/kath. ehrenamtliche Dame, die ich super finde.


    Heute genau ist Monat 11. Nächsten Mittwoch June's Geburtstag, am 9. Juli Jahrestag. Mir graut es.


    Gestern habe ich eine Wanderung mit einer alten Freundin gemacht. Licht, Luft und die Natur/Wald tun mir gut.

    Mir geht es ein/zwei Tage danach etwas besser.


    GLG

    Mario

  • Hallo Mario


    Ich glaube jeder von uns muß heraußfinden was wie wo uns gut tut und hilft. Ist auch nicht jeden Tag gleich. und dann ist es gut wenn mann Menschen um sich hat die einen dort abholen wo wir gerade an diesem Tag stehen.


    Gruß Steffi

  • Lieber Mario,


    wieso musstest du die Psychotherapie selbst bezahlen ? Ich gehe seit fast 3 Jahren, alle 14 Tage zu meinem Therapeuten,

    bei mir bezahlt das zu 100 % meine Krankenkasse. Du lebst nicht in Deutschland, oder ?


    Herzliche Grüße, Kerstin

    Ich fürchte nicht die Dunkelheit dort draußen, es ist die Dunkelheit in meinem Herzen, die mir Angst macht.

  • Hallo Katrin,


    ich lebe im Nordschwarzwald


    die Therapeuten mit Krankenkassenzulassung haben enorm lange Wartezeiten. Jetzt am 16. Juni habe ich meinen ersten Termin - Wartezeit 4 Monate, und das ist noch schnell !

    Letztes Jahr, als ich vor Trauer nicht mehr wusste was links und rechts ist, konnte ich nicht warten und so bin ich dann zu privaten Therapeuten gegangen.

    Da hatte ich innerhalb von drei Tagen einen Termin. Kostet halt ca 100€ je Sitzung.


    Liebe Grüße

    Mario

  • Lieber Mario, herzlich Willkommen hier! Es tut mir sehr leid, dass du deine liebe Frau verloren hast! :30:

    Schön, dass du durch deinen Enkel etwas Freude hast! :24:

    Ich hoffe, es hilft dir, dich etwas hier auszutauschen!


    LG Andrea

  • Hallo Andrea,


    danke, und ja es ist gut mit "Gleichgesinnten" zu kommunizieren.


    Habe 11 Monate gebraucht, bis ich soweit war, mich hier anzumelden. Vorher war ich so frustriert, deprimiert dass ich es noch nicht mal sinnvoll fand in einem Forum wie hier zu schreiben.


    LG

    Mario

  • Hier gibt's auch ein "Trauercafe", das nun endlich wieder aktiv ist. Einmal im Monat treffen sich unverbindlich Trauernde z.T. mit Verwandtschaft. Das finde ich sehr gut, dort sind Betroffene nach 3 Monaten/6 Monaten/ ein oder zwei Jahren Trauer. Da weiß man, wie es dir geht und finden am ehesten die richtigen Worte. Moderiert wird das "Cafe" von einer christlich/kath. ehrenamtliche Dame, die ich super finde.

    Lieber Mario,

    Schön, dass du etwas gefunden hast um dich auch persönlich auszutauschen <3