Meine Trauerzeit nach dem Tod meiner Mutter

  • Danke, liebe Susanne, ja, der Weg bleibt das Ziel bei der Trauer. Ich merke auch, dass ich jegliche Trauerbegleitbücher, die Trauerphasen, Traueraufgaben, Trauerwege benennen, derzeit noch von mir weise. Ich will nichts eingeredet bekommen, was wie zu laufen hat, auch wenn ich später mal aus der Rückschau bestimmt einigem zustimmen werde, was universell zur Trauer gehört.


    Wie bei vielen anderen Lebensthemen auch, geht es bei mir jetzt zur Trauer auch irgendwie von einer These zum Gegenteil, zur Antithese, und dann hin und her auf einem Spiralweg, der immer weiter führt, auch wenn es sich wie im Kreis herum anfühlt, und dabei entwickelt sich meine persönliche Synthese aller nötigen Traueranteile.


    Erst ging es mir vor allem darum, überhaupt einmal aus Liebe trauern zu können! Dabei passte ich auf, dass ich das nicht vergaß im Alltag, der so gewohnt war, ohne meine Mutter zu laufen, schon solange und so eingespielt und innerlich akzeptiert und bearbeitet als alles, was möglich war.


    Dann ist da aber auch die spirituelle Liebesquelle in mir und wenn ich von ihr aus in den Tag lebe, ist viel Liebe da und Trauer wie ein milder Sommerregen. Schmerzen werden getragen, Aktivitäten sabotieren mich nicht, Milde herrscht im Alltag - und Milde ist normalerweise nicht in meinem Charakterbaukasten mit drin gewesen. 8o


    An Tagen, wenn ich vergaß, aus meiner inneren Liebesquelle in den Tag zu starten, war Trauer kopflos, richtungslos, aber auch das soll sein.


    Dann gestern bäumte sich zum ersten Mal seit Monaten, die der Krankheit, dem Sterben und dem Tod und der Beerdigung meiner Mutter in einer Ausnahmesituation innerlich gegolten haben, mein Inneres auf und signalisierte ein deutliches STOP! Genug nun erstmal mit all dem Fremden!


    Jetzt will ich mal wieder eine Weile in vertrauten erreichten Lebensrhythmen mich ausruhen und den Aktionismus loslassen, denn ich habe gemerkt, dass trotz meiner Trauer überhaupt gar nichts an Ganzheit an mir fehlt, das ich mir mühsam aus Mangel an Familienwurzeln spirituell als viel verlässlichere ewige Wurzeln vergegenwärtigt habe und gelebt habe.

    Und da fehlt absolut gar nichts. Denn da bin ich wie der Stamm eines Baumes meiner Familie mit immer mehr Wachstumsringen nun aus einer Wachstumsphase, in der meine Mutti noch irdisch lebte, herausgewachsen und wachse immer weiter und nichts ging verloren an alten gemeinsamen Ringen, die auseinander wuchsen.


    Ich habe auch erkannt, dass ich gar nicht befürchten muss, dass ich die Liebe zu meiner Mutter vergesse, denn ich habe ja die Urquelle aller Liebe in mir, daraus ist ja mein Lebensbaum gewachsen und darin verwurzelt.


    Wenn ich Antworten der Liebe hier in meinen Erinnerungen hektisch wie Brotkrumen zusammensuche für meine Trauer, sehe ich nur, was ich ja schon lange gelernt habe: Irdisch herrscht daran überall Mangel und werde ich nicht satt.

    Aber ich habe da ja die nie versiegende und vollständig nährende verlässliche Quelle in mir. <3


  • Morgen werden mein Mann und ich an den Wohnort meiner Eltern reisen, Papi besuchen und Brüderlein und Schwägerin, Muttis Grab, Freundinnen. Es wird nur ein Kurzbesuch werden, denn am Montag geht es schon wieder heim.


    Wir werden in der ehemaligen Wohnung meiner Eltern wohnen, der wunderschönen, und dabei auch beginnen, erste Dinge aus aus den Schränken als Erinnerung mit heim zu nehmen, soweit bin ich jetzt und freue mich darauf, ihnen dann in meinem Zuhause hier Platz zu schaffen und wie wertzuschätzen und bei uns hier zu integrieren.


    Ich bin da in den letzten 6 Monaten wirklich weitergekommen, habe Frühling, Sommer, Herbst vorbeiziehen erlebt durch die Wohnungsfenster - ohne meine Mutter - habe nichts verändert, denn obwohl ziemlich schnell klar wurde, dass Mutti nicht mehr zurückkehren würde, konnte ich nicht gleich mir die Wohnung aneignen. Ich wusste, Mutti tat es wohl, zu wissen, dass ich dort war und alles hütete und mir wäre es geschmacklos erschienen, nicht erstmal noch monatelang in der Schwebe zu lassen und Muttis Privatwohnung unberührt in Ehren zu halten, falls sie zurückkäme und sowieso rein aus Pietät und gegen eine Abwicklungsmentalität gegenüber vielen Wohnungsgegenständen, die ich ein Leben lang kenne, weil sie einfach zum Familienleben seit immer dazugehörten.


    Erst, als es darum ging, Muttis Pflegeheimzimmer wohnlicher zu gestalten, da suchte ich dafür Schönes aus, schloss aber sofort wieder die an Wänden und in Regalen entstandenen Lücken durch anderes, denn eine schon im Abbau befindliche Wohnungseinrichtung hielt ich nicht aus und wollte ich auch meinen Geschwistern nicht zumuten, wenn sie kamen, auch wenn ich die Einzige war, die jemals dran gedacht hatte, die Wohnung noch zu behalten.


    Auch der alten Vermieterinfreundin wollte ich einen fliegenden Wechsel einfach nicht zumuten. Deren Mann war gerade einige Monate zuvor gestorben und sie hätte im Leben nicht gedacht, dass Mutti ihm so schnell folgen würde. Sie war auch in Schock und auch Panik, jetzt mit ihren 81 Jahren sich noch an neue Mieter zu gewöhnen, nein, wir alle brauchten Zeit, würdiges Entschleunigen und Verweilen.


    Erst jetzt, bald 4 Wochen nach der Beerdigung, kann ich mir vorstellen, die Schrankinhalte zu verteilen, abzugeben, mitzunehmen. Meine älteste Schwester weiß zu allem Geschichten zu erzählen, sie hatte nach der Beerdigung schonmal durchgeschaut und erzählt.


    Und auch, je nachdem, was ich in Sachen Hausverkauf von der Vermieterin an Terminen hören werde, bin ich bereit, erste Dinge abzubauen in der Wohnung. Frühling - Sommer- Herbst in der wunderschönen Wohnung meiner Eltern ohne beide darin - ja, kommt noch der Winter, dann schließt sich ein Jahreskreis und ich kann loslassen. Dann . . . jetzt noch nicht, ich habe keine Eile.

  • Und es tat und tut auch unendlich gut, uns beiden, der Vermieterfreundin und mir, wenn ich anders als bei diesem Kurzbesuch jetzt dieses WE, sonst jeden Monat seit Frühling eine Woche kam und wir durch alle Phasen des Schreckes und der Trauer und der Stabilität, die wir beide aber erstmal weiterhin in Haus, Garten, Wohnung beibehalten wollten und so sehr brauchten, denn die Vermieterfreundin stand nun auch über kurz oder lang angesichts der neuen Entwicklungen ohne meine Mutter im Hause, sobald sie es klar sah, vor der Realität, sich lieber mit ihren 81 Jahren eine barrierefreie Wohnung im Stadtzentrum kaufen zu wollen, auch wenn sie noch so sehr an dem Haus hängt, in dem sie 60 Jahre wohnt, das Elternhaus ihres Mannes, das zu verkaufen ihr das Herz zerreißt, aber einfach sinnvoll ist für ein sorgenfreies und altersgerechtes Wohnen in ihrem Alter, das n o c h ohne Betreuung geht, aber wie schnell das anders werden kann, haben wir ja beide gerade mit meiner Mutter gesehen.



    Die Kinder der Vermieterin, die auch ungefähr in meinem Alter sind, haben eigene Häuser und wollen das alte Haus nicht übernehmen, helfen jetzt viel mit dem ersten Sortieren von des Vaters ganzen Büchern etc., also im Grunde erleben die Vermieterfreundin I. und ich jetzt in gewisser Weise eine Wohndomizilaufgabe, an der das ganze Leben hängt.




    Für uns beide ist das ein wahrer Segen, uns gegenseitig darin zu begleiten, denn unsere Familienangehörigen haben da eine bisschen andere Warte zu und auch nicht die Zeit wie wir beide Ruheständlerinnen, wenn wir jeden Monat eine Woche uns täglich mindestens einmal zusammenhocken und alles durchsprechen.




    Daraus ergibt sich soviel weiterer Segen: Für I. bin ich eine liebevolle Fortführung der Werte von Mutti und er Kontinuität in mancher Weise, für mich ist I. auch eine neue wichtige Person, eine mütterliche Freundin, wo meine Mutti ging. Sie ist auch eine Erfahrung einer viel unkomplizierteren und unbelasteten Kommunikation mit einer Frau in Muttis Alter. Also ein wahrer Segen für uns beide.


    Ebenso ergeht es A., der mehr als 30 Jahren mit meinen Eltern befreundeten Haushaltshilfe, die geradezu "verwaist" ist, wo meine Mutter ihr eine unkomplizierte und unbelastete mütterliche Freundin sein konnte. Auch da sind A. und ich uns schwesterlicher Segen, wo meine eigenen Schwestern und die von A. ausfallen!




    Das tat auch meiner Mutter sehr gut, zu wissen, dass ich da für Kontinuität sorgte, dass A. sie weiter besuchte, weiter für mich die Wohnung in Ordnung hält und auch nicht von jetzt aus gleich eine Arbeit verlor, die finanziell, aber ebenso menschlich mehr als ein Vierteljahrhundert dauerte. Meine Eltern sahen A.´s Kinder aufwachsen, hüteten sie, wenn A. arbeitete, mein Vati fuhr sie immer im Auto heim, schwärmte für sie und beide machten sich einen Spaß daraus, wir alle.




    Der Wohnort meiner Eltern war nie mein Wohnort. Zwar blieben sie im selben Bundesland, aber sie zogen an einen sehr schönen Altersruhesitz, den sie beide schon zuvor auf Reisen zu lieben gelernt hatten.


    Dort fanden sie Erholungsreisemuße, dort hielt mein Vater auf Dienstreisen in der Gegend immer noch auf ein Feierabendbierchen an, bevor er zum Wochenende heim fuhr.




    Dort wohnten meine Eltern schon, als ich mein Studium beendete, in die Berufstätigkeit ging. Dort besuchte ich sie, bevor ich 30 Jahre alt war, in ihrer ersten Wohnung jahrelang von Zeit zu Zeit mit meinem langjährigen Partner aus dem Studium.


    Dort wohnte auch noch mein Bruder als "Junggeselle", bevor er in eine eigene Wohnung zog und dann auch bald mit seiner späteren Frau zusammenzog dort, bevor sie dann zusammen eine Eigentumswohnung erwarben.




    Dort war eine riesige Obstwiese vor dem langen Wohnzimmer-Glasfront-Balkon. Dorthin kam noch mein geliebter Opa, der Vater meiner Mutter, zu Besuch. Meine Zwillingsschwester mit Freund, meine ältere Schwester mit Freund und dann Ehemann. Damals war noch keine große Distanz, aber Spannungen gab es immer.




    Bei meiner Mutter war es so, dass sie zusammen mit meinem Vater immer wunderschöne Wohnungen für das Alter aussuchte, die ganz viel von unserem Kindheitszuhause weiter atmeten und ausstrahlten und doch was Neues waren.


    Sie waren an wunderhübschem Wohnort, in schönen Wohnungen, sie machten viele Ausflüge, Urlaubsreisen, Sport, Kultur, Kirche, Freundschaften, Familienbesuche.




    Und sowohl der Wohnort als auch deren Alltag und Umgebung strahlten ja all diese Wohligkeit der Entspannung nach anstrengenden Leben aus und meine Eltern waren ja noch fitte SeniorInnen, junge SeniorInnen.




    Das h ä t t e so schön sein können, so heiter wie mein Vater war und so schwungvoll und neu wie auch unsere eigene Selbständigkeit als Kinder und Einmünden in Beruf und Ehen!




    Aber in meiner Mutter stieg immer in schönstem Aufeinandertreffen und miteinander Spaß, Familienfreude und Leichtigkeit fühlend und lebend, eine innere psychische Bedrängnis regelmäßig jeden Tag auf, die aus ihrem Kriegskindheitstrauma resultierte, lauter verdeckte Flashbacks, die eine solche Wahrnehmungsverzerrung und innere Unruhe und Aggression mit sich brachten, dass Muttern unvermeidbar wieder die schönste Stimmung verdarb durch plötzliche Giftpfeile, Stimmungsabsenkung und Schikane.


    Ihre inneren Qualen projizierte sie dann auf meinen Vater oder uns Kinder und das Beisammensein stürzte ab.




    Heute sehe ich das ganz klar, aber auch mit dieser Klarheit wäre das nicht zu ertragen.




    Vor allem wurde es immer schwerer, dann, wenn ihre Flashbacks vorbei waren, wieder die Scherben zu übersehen und so zu tun als sei nichts geschehen. Denn wenn wir dann sauer waren, waren wir es aus Mutters Sicht immer selber Schuld wie wir ja auch ihre schlechte Stimmung zuvor selber Schuld waren.




    Wir waren damals alle noch jünger und ahnungsloser und waren dieses Auf und Ab ja von Kleinauf gewöhnt, aber die Verletzungen und Trigger summierten sich bei jeder von uns, so dass der Familiensegen oft schief hing und böse Briefe und Telefonate hin und her gingen und sich dann doch immer im Kreis drehten und nicht zum Kern des eigentlichen Traumas kamen.




    Aber dennoch, im Nachhinein kann ich die Schönheiten dieses Wohnortes im erlösten Nachhinein noch nachgenießen und nachverkosten und dankbar sein für diese Erinnerungen.

  • Liebe Mayatochter, ich lese grad deine Geschichte.

    Ich bewundere dich, so zu reflektieren und sich auszudrücken.

    Echt toll.

    Ich kann da einiges mitnehmen.

    Es war bei uns auch nicht immer alles in Ordnung.

    Mutter unehelich am Land auch im Krieg aufgewachsen usw.


    Es gab auch wegen meiner frühen Panikattacken viele Probleme, weil mich keiner verstand.


    Die letzten Jahre fanden wir zueinander und ich verstand einigermaßen, warum und wieso sie so handelte.

    Warum ich krank wurde, hab ich bis heute nicht ergründet.


    Du bist wirklich toll.

    Von Herzen alles Liebe von Eli

  • Liebe Eli, wie lieb, deine anerkennenden Worte! :2::*

    Hast du schonmal überlegt, ob du Ängste vom schweren Schicksal deiner Mutter übernommen hast als Kind?
    Meine Schwestern und ich hatten das nämlich und viele andere auch.

    Liebe Grüße! mayatochter

  • Liebe Mayatochter, ja das hab ich tatsächlich schon überlegt.

    Ich war auch ein ganz kleines dünnes Baby, weil Mutti in der Schwangerschaft schwer gearbeitet hat, giftige Dämpfe eingeatmet hat und nur gebrochen hat.

    Keine Zunahme.

    Keiner glaubte, dass ich ihr Kind bin.Und sie war so ängstlich; dass ich sterben und ihre Mutter durfte den Vater ihres Kindes, also Mutti nicht heiraten und hatte nie mehr einen Partner und ich bin auch fast immer Single mit meinen 65Jahren, ohne viel Selbstwert.

    Meine Schwester ist ganz anders.


    Alles Liebe und Danke


    LG Eli <3

  • Liebe Eli, davon kannst du sicher ausgehen, dass dich diese Mängel in der Kindheit emotional geschädigt und geprägt haben, auch wenn es gar nicht (mehr) heute um Schuld deiner Mutter geht und sie selber jung und verloren, verängstigt und überfordert war.

    So viele Gesundheitsfolgen und über kindliche Entwicklung kannte man eh damals nicht.

  • Trauer hat wirklich ihre ureigenen Wellen und Abläufe!


    Mein Mann und ich fühlten uns in der Elternwohnung sehr sehr wohl und mein gewiss nicht an Übersinnliches glaubend zu verdächtigen ist, sagte, er fühle die Präsenz meiner Mutter noch genau identisch wie immer!
    Das stimmt auch!

    Nur für mich ist es die aus allem Dunklen mit ihrem Sterben jetzt einzig wie ausgesiebte, pure und unkomplizierte, weil immer nur wohlwollende und Willkommen heißende Liebe meiner Mutter, die ihre Wohnung erfüllt und immer schon auch spürbar war, die Eltern liebten die Wohnung und unsere Besuche!

    Alles Dunkle ist weg!

    Aber genau darum fiel mir der Abschied von der Wohnung sehr schwer, wühlte tief in mir tiefe und scharfe Trauer um und um, war ich lange den Tränen nahe.


    So hatte ich ja mein geliebtes Goldrandgeschirr meiner Familie nun vorsichtig eingepackt und mein Mann hatte es ins Auto sicher verstaut!


    Das Einpacken diesesvielteiligen Geschirrs dauerte Stunden, brachte mich zum Stressschwitzen und zu schwarzen Zeitungsblattfingern und schaffte mehr und mehr Löcher in den Schränken!

    Dazu die ganz leicht Aprikotfarbene Stick-Tafeldecke samt Stoffservietten, Liebende Wertschätzung und schöne Einrichtungsvorstellungen bei uns daheim wechselten mit Überanstrengung emotional und dann angesichts der Lücken in den Schränken wälzte tief in mir die scharfkantige Trauerwelle heran!