Beiträge von feli2012

    Ich weiß nicht, ob das hier jemand liest. Aber es tat gut es aufzuschreiben. Sry für die vielen einzelnen Posts, ich konnte zwischendurch irgendwie immer nur kürzere Absätze absenden.

    Am 29.12. Hab ich mich von meiner Ma und meiner Familie verabschiedet, alle herzlichst gedrückt und bin für Silvester nach Hamburg in mein aktuelles Zuhause gefahren. Am 02. wollte ich wieder runter zu meiner Familie fahren. Um meine Eltern eine Weile zu entlasten. In der Uni war schon alles geklärt.


    Am 31.12. 4 Std, bevor das neue Jahrzehnt anfing, wurde meine Ma mit akuten Bauchschmerzen in der Ambulanz aufgenommen. Diagnose - Galle verstopft,sofort NotOP. Auch hier wurden Stents gesetzt. Diesmal gab es aber nur ein kurzes Aufatmen. Bei der OP wurde festgestellt, dass sich durch die auslaufende Gallenflüssigkeit die Bauchspeicheldrüse beleidigt gefühlt hat. Die hat dann mit heftiger Entzündung reagiert.


    Am 01.01.2020 hab ich also die Nachricht bekommen, dass ich nicht am 02. nach Hause kommen brauche,da meine Ma noch eine Weile im Krankenhaus bleiben würde und ich mich deswegen nicht um sie kümmern müsste. Ich habe meine Zugfahrt also wieder storniert und einen Zug eine Woche später gebucht,wenn sie aus dem Krankenhaus wieder da gewesen wäre. Wie sehr ich das bereue.


    Am 03.01. hatte mein Vater dann eine Besprechung alleine mit dem Onkologen um "sich mal ein Bild zu machen". Den Anruf, den ich an diesem Abend dann von ihm bekam, werd ich niemals vergessen. Wie mir auf dem Rücksitz meines eigenen Autos die Luft weg blieb als er mit deutlichem Kloß im Hals die Worte "nur noch ein paar Wochen, meine jüngste Schwester nach Hause holen müssen" formuliert hat.


    Bis zu dem Punkt. Dachten wir alle, es wird wieder. Es war ja immer alles gut. Wird schon wieder werden. Macht euch nicht so nen Kopf. Mama schafft das schon. Ist nur ne blöde Situation gerade, wird schon wieder.

    Wenn Worte eine physische Form hätten, würd ich diese Ansammlung spezieller Worte so gerne vermöbeln, dass sie nicht wissen wo oben und unten ist.


    Ich habe nicht direkt Koffer gepackt, Papa hat ja gesagt, lasst euch Zeit. Er hatte 3 Tage später einen Termin mit ihr und dem Onkologen,wo die beiden meiner Ma das mitgeteilt hätten. Vorher wollte ich nicht zuhause sein. Ich wollte meinen Eltern, die sich kannten und ein unzertrennlich Team waren seit sie 16 und 18 waren, Zeit für ihre eigene Reaktion lassen. Meiner Mutter Zeit lassen. Ich hatte so unglaublich Angst, dass sie sich verschließen würde vor allen. Dicht machen. Meine Schwestern dachten genauso. Lottis Heimflug war für die nächste Woche gebucht Ich habe also nicht spontan alles zusammen geschmissen sondern hab mich verkrochen. Und 2 Tage lang nur geweint. Traurige Lieder gehört und geweint.


    Am 04.01. wieder ein Anruf. Mama geht es soweit gut, sie hat gegessen, gekracht, Geschichten erzählt. Mein Vater war bei ihr. Meine zweitjüngste Schwester war nicht da. Obwohl sie zu dem Zeitpunkt in der Heimat war. Sie war zu müde und wollte Mama dann morgen besuchen. Wie sehr sie das bereut.


    Ich bin also wieder mit einem winzig kleinen Hoffnungsschimmer ins Bett. Sollen ja noch Zeichen und Wunder geschehen im Leben...


    Aufgewacht bin ich am Sonntagmorgen um 11.23 Uhr zu 14 verpassten Anrufen um 04.30 Uhr. Und weiteren Anrufen danach. Alle 15 Minuten. Ihr kennt dieses Gefühl. Diesen Instinkt, das gerade deine Welt zusammen gebrochen ist. Den kurzen Moment in dem man denkt, wenn ich einfach nicht ran gehe...Schrödingers Katze quasi.


    Ich bin ran gegangen. Und dann hab ich ganz oft hintereinander Nein ins Telefon gebrüllt. Immer wieder. Gegen die Tränen meines Pas angebrüllt. Nein, das kann nicht sein. Nein, das darf nicht sein. Immer wieder nein.


    Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Zeit schon da war, mit dem Handy neben dem Bett schlafen zu müssen. Keiner von uns. Mein Pa hat es zum Glück getan. Aus einem Gefühl raus, wie er sagt. Und dann hat es um 03.30 Uhr geklingelt. Meiner Ma geht es sehr schlecht, sie sollten kommen. Meine zweitjüngste Schwester und mein Vater waren rechtzeitig da. Konnten sich verabschieden. Auch wenn sie da wohl schon nicht mehr bei Bewusstsein war. Eine Std lang. Dann hat sie sich verabschiedet. Die beiden haben erzählt, dass sie danach noch da saßen und immer auf den nächsten Atemzug gewartet haben der doch kommen muss. Ist er aber nicht.


    Ich hab geschlafen, als meine Mutter ihren letzten Atemzug getan hat. 750km weit entfernt von ihr. Und jetzt ist nichts mehr wie vorher.


    Wir sind jetzt nur noch fünf. Wir passen jetzt in ein normal großes Auto. Beim Siedeln fehlt eine Farbe auf dem Spielbrett. Ihre Urne ist türkis und die Beerdigung hätte ihr gefallen. Mit Büchern. Und 200 Menschen. Und die allermeisten, wussten nicht mal, dass sie krank war. Was ist besser? Das Hoffnung auf und ab das wir die letzten 6 Wochen hatten? Oder der kurze klare Schnitt mit so viel offenen Fragen?


    Ich weiß nicht, ob sie wusste, dass sie nicht mehr lange hat. Vielleicht hat sie es gespürt. Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass sie sich keine Sorgen um das was wird gemacht hat. Wir 4 Mädels passen jetzt auf unseren Papa auf.


    Wir sind jetzt nur noch 5.

    Am Abend haben wir dann Tacheles mit meinem Vater gesprochen, dem liebsten Mensch dieser Welt, der partout nicht wollte, dass meine Ma Weihnachten im Krankenhaus verbringen muss. Er hat überhaupt nicht mehr gesehen, wie schlecht es ihr eigentlich ging.


    Am 23.12. haben wir meine Ma unter ihrem dauerhaften, sehr schwachen Protest in die Ambulanz gebracht. Diagnose: Völlige Verklebung der Nierenstents, müssen sofort ausgetauscht werden.


    Nach der NotOP ging es ihr dannauf einmal auch sofort besser. Als hätte jemand mit den Fingern geschnipst, hat sie wieder gegessen, geredet, war da. Weihnachten haben wir ganz lange bei ihr gesessen, bevor wir dann nach Hause mussten und Heiligabend ohne sie feiern mussten.


    Am 25.12. Dann die freudige Nachricht - Mama wird entlassen. Wir haben Weihnachten nachgeholt, es ging ihr den Umständen entsprechend fast gut, wir waren sicher, wenn sie nur wieder anfängt zu essen wird alles gut werden.


    Am 27.12. ist sie dann aber leider als Banane aufgewacht. So hat sie es selber bezeichnet. Komplett gelb gefärbt. Diagnose vom Doc - da wird wohl ein Lymphom auf die Galle drücken, wir machen mal Tests. Ergebnis gibt's in 4 Tagen. Machen Sie sich keine Sorgen. Wird schon alles werden.

    Am 19.12., einen Tag vor meinem 27. Geburtstag hab ich dann mal wieder zu Hause angerufen und hatte die beste Freundin meiner Mutter am Telefon, die auf meine Ma aufgepasst hat, während mein Vater arbeiten war. Zu dem Zeitpunkt hatte meine Ma 20 kg abgenommen und wurde seit 2 Tagen intravenös zusätzlich ernährt. Das hab ich dann von der besten Freundin erfahren. Die auch die erste war, die das erste mal aussprach, dass es meiner Mutter beschissen ging.


    Am 21. hab ich daraufhin meine Koffer gepackt und bin nach Hause gefahren. 2 meiner Schwestern waren auhh schon da, unsere Jüngste noch in Kanada. Laut meinem Vater kein Bedarf sie närrisch zu machen, wird ja alles wieder gut.


    Ich kam zuhause ins Wohnzimmer rein, bin rückwärts raus und hab mich erstmal mit einem Heulkramof in die Küche verzogen. Meine Ma, die immer in Bewegung, immer am Lachen, immer am dumme Sprüche reißen war, lag quasi apathisch auf der Couch und sah aus wie eine Anorexiepatientin. Nur noch Haut und Knochen. Nix mehr dran. Sie konnte durch diverse Medikamente kaum sprechen, da ihr die irgendwie auf die Stimme schlugen. Den ganzen Tag lang hab ich mir das dahin vegetieren meiner Mutter angeschaut, die verbalen Kämpfe, die sie mit meinem Vater hatte, der völlig verzweifelt versuchte sie zur Nahrungsaufnahme zu bewegen. Die Hilfe meiner Schwestern, die sie brauchte um sich aufzusetzen oder umzudrehen auf der Couch. Ich selbst konnte nicht helfen. Ich war trotz jahrelanger Sanitätsausbildung völlig starr.

    Nach dem Zwischenergebnis wurde dann entschieden, auf eine andere Art der Krebsbekämpfung umzusteigen, eine Antikörper-Therapie. Die hat dann im Oktober angefangen. Und so gut meine Ma die Chemo davor vertragen hat, so unglaublich elend ging es ihr mit dieser Therapieart, die ja angeblich BESSER für sie hätte sein sollen! Binnen kürzester Zeit hat sich das Taubheitsgefühl in den Händen 24/7 bemerkbar gemacht und sie fing an über Rückenschmerzen zu klagen. Hat sich natürlich geweigert das untersuchen zu lassen, waren ja "nur dumme Rückenschmerzen" 🙄 Nach 6 Wochen waren die Schmerzen dann wohl so extrem, dass mein Vater sie gegen ihren Willen ins Krankenhaus brachte. Diagnose - Nierenverstopfung, Nierenschaden eventuell bleibend.


    Als ich das Ende Oktober erfahren habe, hätte ich sie an die Wand nageln können, so wütend war ich über ihre unglaubliche Sturheit! Sich hat sie sich bis zum Schluss geweigert, irgendwem von ihrem Zustand zu erzählen. Außer uns, ihren 2 Brüdern und ihren zwei engsten Freundinnen wusste NIEMAND Bescheid. Und wir hatten strikte Anweisungen in unserem Heimatdorf auch niemandem etwas zu erzählen. Sie wollte nicht schwach wirken.


    Danach ging es langsam aber sicher bergab...auch wenn wir das alle nicht gesehen haben. Weil wir bis zuletzt der festen Überzeugung waren, dass das schon wieder wird.


    Mit den Nierenstents, die sie wegen der Verstopfung im KH bekam, ging es ihr wieder einigermaßen besser. So ca. 3 Wochen lang. Meine Eltern waren sogar nochmal im Urlaub. In Andalusien, wo sie schon immer mal hin wollte...nicht mit dem Rucksack und Zelt, so wie sie früher die Welt bereist haben, bevor es uns Kids gab, aber mit dem Wohnmobil.


    Anfang Dezember ging es ihr dann auf einmal aus dem Nichts sehr viel schlechter. Sie fing an die Nahrungsaufnahme zu verweigern, wurde immer schwächer. Davon haben wir Kids allerdings kaum etwas mitbekommen. Wenn wir mit Papa telefoniert haben, kam immer die Aussage - Mama geht's nicht gut, aber das wird schon wieder. Mein Pa - der unverbesserliche Optimist.

    Die OP verlief tatsächlich sehr gut, Aussage war, es sei alles weg. Trotzdem wurde ihr zu einer präventiven Chemo geraten. Macht man halt so. Meine Ma also brav bis September alle 2 1/1 Wochen zur ambulanten Chemo getrabt, meine 3 jüngeren Schwestern, mein Vater und ich haben in der Zeit so ungefähr ein paar selbstgestrickte Socken pro Monat bekommen. Es ging ihr bis auf jeweils 2 Tage nach der Chemo gut. Sie hatte kaum Nebenwirkungen, nur etwas Kälteempfindlichkeit und ab und an Taubheitsgefühl in den Fingern. Vom Doc aus hätte sie sogar noch arbeiten gehen dürfen, so fit war sie. Quietschfidel und sturköpfig und liebevoll wie immer.


    Im September war die Chemo dann zu Ende und das Abschlussgespräch brachte das Ergebnis: Immer noch winzige Metastasen an den Lymphknoten vorhanden, aber das sei nicht weiter schlimm, könnte man hervorragend mit leben solang man alle paar Jahre mal wieder zur Chemo auftaucht. Der Doc brachte den Vergleich mit einer Buxbaumhecke, die regelmäßig beschnitten werden müssten...


    Man muss dazu sagen, wir 3 älteren Schwestern sind schon eine ganze Weile von zu Hause ausgezogen und leben mehr als 400 km entfernt von unserer Heimat weg quer über Deutschland verteilt. Unsere Jüngste, die auch schon 19 ist, ist im Juni 2019 nach Kanada für ein AuPair Jahr. Meine Eltern haben also ab Juni quasi "allein" gewohnt. Endlich mal wieder. Nach 27 Jahren.


    Keine von uns hat also die Ärztegespräche live mitbekommen, uns wurden nur gefiltert Infos via Telefon weitergegeben. Und der Konsens war zu jederzeit: alles gut, wird schon wieder. So war meine Ma. Bloß keine Schwäche zeigen.

    Moin ihr Lieben,


    meine Ma ist mit 57 vor 2 Wochen überraschend an Darmkrebs gestorben. Sie hat die Diagnose vor etwa genau einem Jahr bekommen...Durch Zufall, weil der Hausarzt nicht locker gelassen hat, nachdem beim letzten Blutbild die Eisenwerte absolut nicht okay waren. Meine Ma war eine sehr stolze und sture Frau und fand die Ärzteodyssee, auf die unser Hausarzt Sie daraufhin schickte super unnötig...tzja, bis dann am Ende der Onkologe doch eine Ursache fand - Darmkrebs. Zum Glück früh entdeckt, sollte durch OP alles zu entfernen sein...