Beiträge von Chuck

    Herzlichen Dank für Eure Unterstützung!


    Heute war die Trauerfeier, und ehrlich, es war eine runde Sache, ich bekam sooo viele Rückmeldungen. Es war für viele wohl die herzlichste und ehrlichste Beerdigung die sie erlebt haben. Ich hab am Anfang selber eine kleine Rede gehalten. Hatte alles vorbereitet und ausgedruckt. Ich stand am "Rednerpult" und fieng an, ich hab gesagt wir müssen uns nicht an strenge Protokolle halten, wir sind unter uns und wir wollen doch nur noch mal mit ihm zusammensitzen und ihn in unserer Mitte spüren. Aber nach zwei Seiten hab ich mein Konzept zur Seite gelegt und hab allen einfach von meinem Bruder erzählt wie es mir durch den Kopf ging. Wie ich von seinem Tod erfahren habe, wie es mich "gebrettert" hat, wie ich nur noch im Tran die letzten Wochen durch den Tag bin. Wie ich zu meinem Bruder stand, wie er mir fehlt.


    Leute, ich kann Euch nur den Rat geben, nehmt aktiv teil an der Gestaltung der Trauerfeier Eures Nächsten. Scaut euch die Rede genau an ob sie auch das zum Ausdruck bringt was ihr für richtig haltet.


    Ich sitz da auf meinem Sofa, schreib diese Zeilen und -ehrlich- ich spür mein Bruder neben mir und er sagt: "Hey, sauber! Das war fast perfekt!"

    Hallo Herta,


    ich hab vor kurzem auch meinen Bruder verloren. Aber die Situation ist nicht vegleichbar. Ich hatte gottseidank ein ausgeglichenes Verhältnis zu ihm. Bei Dir sah es wohl anders aus.


    Ganz im Ernst, Du hast das Recht und die Freiheit so zu fühlen und zu denken wie es Dir recht ist. Wenn Du seinen Tod als Erleichterung empfindest dann ist das doch absolut in Ordnung, da brauchst kein Schuldgefühl haben.


    Es ist eher schade dass Du nicht die Gelegenheit hattest die schönen Seiten einer Geschwisterschaft zu erleben.


    Ich wünsch Dir viel Kraft und alles Gute! Mach Dein Ding, geh Dein Weg, es is doch o.k. ;)


    Grüßle aussm Schwabenland


    chuck

    Vor zwei Jahren habe ich mal ein Gespräch mit meinem Bruder über seine Wünsche zu seiner Bestattung geführt. Hintergrund war seine sehr ernste Erkrankung, Krankenhausaufenthalt mit schwieriger OP sowie ernste Komplikationen im Heilungsprozess. Zu dieser zeit war er auch sehr zurückgezogen und eher depressiv.
    Er wünschte damals im Fall seines Todes eine anonyme Urnenbeisetzung und keine Trauerfeier. Zumal wir beide im Verlauf der letzten 40 Jahre schon ettliche Bestattungen hinter uns hatten, und dadurch schon fast eine Art "Professionalität" entwickelten die einem Berufsbestatter kaum nachstehen.


    Es ist andererseits auch so dass bei uns auf dem "Dorf" es nunmal auch üblich war alles selber zu organisieren. Man ruft den Hausarzt an für die Leichenschau, am nächsten Tag das Friedhofsamt, Pfarrer, man geht zum Gärtner und bestellt den Sargschmuck im "ortsüblichen" Umfang, zur Zeitung und gibt eine passende Todesanzeige auf, sprich, man ist mit organisieren, telefonieren, koordinieren richtig auf Trab. Ich persönlich fand es sehr hilfreich und strukturgebend mich diesen Ritualen auch hinzugeben.


    Die Beerdigungen von Tante und auch Mutter hatten dorftypisch natürlich auch einen gewissen Event-Charakter. Da ist was los im Dorf, da spielt Musik und hinterher drängelt man sich noch mit zum Leichenschmauss damit man auch mal wieder die Festgarderobe zeigen kann und drei Viertele Wein abbekommt. Natürlich waren viele Trauergäste da die ehrlich ihr Mitgefühl und ihre ehrliche Trauer zum Ausdruck bringen, aber mein Bruder hasste die Verlogenheit derer die da plötzlich aus ihren Löchern hervorkrochen, wo sie sich doch jahrelang ned um Mutter kümmerten.


    Nun erreicht mich urplötzlich die Nachricht vom Tod meines Bruders, und wie es eben bei Brüdern oft so ist, der eine lebt hier, der andere in ner anderen Stadt. Manchmal telefoniert man jeden Tag, manchmal n dreiviertel Jahr gar ned. Aber immer in Gewissheit, in der Not hält man zusammen, da reicht ein Anruf. Tja, und im ersten Moment hatte ich meinen Bruder noch in der Wahrnehmung mit seiner Krankheit und mit seiner damals eher depressiven Art.


    Ich tu was ich tun muss, ich such Adressen und Telefonnummern zusammen von seinen Bekannten und Freunden und informier alle über seinen Tod. Ich muss ja in seine Wohnung auch und Dokumente zusammenlesen. Ob ich will oder ned, und glaubt mir es ist so ein dooofes gefühl plötzlich in seiner Wohnung zu stehen und alles ist so als wie er gleich heim käme und Hallo sagen tät. Widerwillig such ich nach Dokumenten, will gar nix mit seinen doch persönlichen sachen zu tun haben.. es sind doch SEINE Sachen, verdammt, was tu ich hier? Das ist doch SEINE Wohnung, da hab ich doch nix verloren. Ganz irrationale gedanken in dem Moment, ich darf doch nix durcheinanderbringen, er brauchts doch noch...


    Im Verlauf meiner "Recherche" lese ich sein DIN-A4-Notizblock mit Terminen, Telefonnummern, Einkaufslisten,...Notizen: "Ich kann jetzt wieder alles wie vor der Operation! Also Schluss mit Jammern und vorwärts!". Ich seh einen immer voller werdenden terminkalender (er war selbstständig und liebte seinen Beruf über alles). Ich seh dass es bei ihm seit n paar Monaten wieder so richtig schön bergauf geht, er steht wieder mitten im leben, hat seinen Spass (und das nicht zu knapp...*hüstel*)


    Mein Bruder kommunizierte viel über "WEb 2.0" war in manchen social communities angemeldet, organisierte viel eben "online". Nun, früher bei der Tante, da gehst zur Zeitung und gibst ne Todesanzeige auf, und die entfernten leute die rufste an. Ich steh plötzlich vor einer absolut neuen Herausforderung (wäre mal n extra Artikel wert): Wie gebe ich mit nem Todesfall im Jahr 2010 um? Wir sind bei skype und icq, facebook und xing und wie es alles so heisst. Aber bei icq kann ich den Status nicht bzw. noch nicht von "online" oder "versteckt" auf "gestorben" wechseln.


    Ich habe seine Login-Daten für seine PCs und Laptop, also geh ich vorsichtig her und starte sein Laptop. verdammt, ich brauch doch irgend n paar Hinweise wem ich Bescheid geben muss (auch geschäftliche Termine eben). Und glaubt mir, das ist so ein besch***enes gefühl seinen laptop zu starten. Ich will nicht wissen und sehen wo er rumgeklickt hat, ich wills ned!! Ich will seine privaten mails ned lesen. Ich starte den Thunderbird und entwickel erstaunlich schnell die Fähigkeit "selektiv" zu lesen. Da ist eine Rundmail die er vor ein paar Tagen an viele Freunde und Geschäftskontakte gesendet hat. er hat wegen einer schweren erkältung alle Termine abgesagt. Viele besorgte mails, ob es ihm nun besser gehe und man mache sich Sorgen weil er nicht antworte (was so gar ned seine Art ist).


    Ich sende eine Mail an alle relevanten Adressen und schildere was geschehen ist. Ich schalte sein Handy an und notier mir die wichtigen Nummern. Die werde ich abends von daheim aus informieren.


    In den folgenden Tagen werde ich von Kondolenz-emails überschüttet. Mich erreichen so viele ernste und sehr gefühlvolle mails. Sie schildern meinen Bruder als hilfsbereit und toller freund Wegbegleiter, Berater , immer ein offenes ohr.... Alle sind zutiefst bestürzt über sein plötzlichen Tod. Ich führe lange Telefongespräche mit vielen seiner Kontakte. Ich lerne meinen Bruder plötzlich von einer ganz anderen seite neu kennen. Von einer herzlichen warmen und hilfsbereiten seite. Voller Energie und Enthusiasmus. Ich spüre unendliche Trauer und so viel hilfreichen Trost vonm seinen Freunden. Es tut so gut zu erfahren welchen Stellenwert er hatte und wie er von allen geachtet wurde und wertgeschätzt, trotz und auch gerade wegen seiner unkonventionellen etwas kauzigen Art.


    Ich bin überwältigt, so eine große und ehrliche Anteilnahme habe ich nicht erwartet. Ich bin so froh dass es so ist und ich freue mich über jede Nachricht, ob per Mail per PN per Telefon per Brief. Ich wusste gar nicht wie tröstend es sein kann wenn man die Trauer ein wenig auch mehrere Schultern verteilen kann.


    Ich musste eine entscheidung treffen. Einerseits wünschte mein Bruder keine Trauerfeier, andererseits war das sein Wunsch vor zwei Jahren. Heute ist eine andere Situation. Nach ein paar Tagen war ich mir sehr sicher in seinem Sinne zu handeln wenn ich eine Feier für all seine Freunde organisiere. Ich mein, ich kenn ihn,er ist da wie Mutter, und ich bin ähnlich. Wenn der Geburtstag naht und freunde fragen ob ich ein fest mache, dann sag ich auch oft "Nein, eher ned, weisst ich hab so viel zu tun gerade, ich könnts gerade gar ned brauchen". Tja und wenns dann abends an der Tür klingelt und nach und nach doch meine handvoll Freunde "eben kurz" vorbeischneien, bis weit nach Mitternacht natürlich ;) ...dann freu ich mich doch auch. Und wenn ich ehrlich bin dann hab ich "zuuufällig" vorher Wurst und Käse eingekauft und bissl was zu trinken....


    Diese Feier ist für ihn und seine Freunde. ichbin mir sicher, wenn er dabei sein könnt, seine größte Sorge wäre das nicht genug Kaffee und Getränke für alle da wär. Er würds auch perfekt haben wollen, keiner soll frieren, er würd nen Anfahrtplan als PDF versenden, er wäre spätestens jetzt voller Begeisterung bei der Vorbereitung dabei. Und irgendwie ist er es auch hab ich den Eindruck. Es ist sein letztes Fest..... ich möchts doch auch blos recht machen verdammt noh mal.....ich weiss...er würd sagen: "Mensch chuck, hergottnochmal das wär doch ned nötig g'wesen" und er wäre zutiefst gerührt und arg darauf bedacht das nicht zu zeigen....tja so ist mein Bruder eben.....


    Verdammt, ich will keine Trauerfeier für ihn veranstalten, ich will seinen geburtstag feiern!!!!
    das wär nimmer lang weg gewesen....n paar Wochen noch....


    Könnt Ihr dieses Dilemma nachvollziehen?


    chuck

    Mal n ganz "praktischer" Aspekt:


    In unserer Familie wurde schon immer viel gesammelt. Jeder Brief, Bilder, Trauerkarten aller Beerdigungen (zurückgehend bis in die 50er), Alben, Briefwechsel, Ausschnitte aus Zeitungen, Todesanzeigen. Da hat sich in den letzten Jahren bei mir und meinem Bruder viel angesammelt in Kartons, Koffern etc. Hinzu kommen noch Erinnerungsstücke meiner eigenen Geschichte.


    Nun ist vor drei Wochen mein Bruder gestorben, abgesehen von dem unendlichen Schmerz den ich hier nicht weiter beschreiben muss gibt es halt auch einige ganz profane Dinge und Fragen die mich beschäftigen.


    Ich sitze nun abends da und stöber in den alten Aufzeichnungen, Aufschriebe von Tante, Onkel, Mutter. Die Briefe und Notizen sind teils strotzend vor Jammer und Wehklagen (war in unserer Familie üblich) teils von belanglosem Inhalt.


    Ich habe das Gefühl das dieser ganze "alte Bettel" mich selbst zu sehr in der Vergangenheit und in meiner Familiengeschichte "gefangen" hält. Ich halte ein Brief von meinem angeheirateten Onkel X in der Hand, geschrieben etwa 1950 und adressiert an meine Tante, und ich hab das Gefühl das geht mich doch gar nix an, das ist ned mein Ding.
    Ich würd einen Großteil der Sachen in den Schredder geben, habe aber die Befürchtung es in vielleicht 20 Jahren zu bereuen weil ich dann sozusagen keinen Zugang zu meiner geschichte mehr hab.


    Die Ratio sagt mir ich soll 90% in den Schredder lassen, und ein zwei Fotoalben aufbewahren. Ich mein, sorry , ich bin ned der Vollzeit-Familienhistoriker und ehrlich gesagt es interessiert mich einen Bettel ob in den 30ern mein Opa vom Nachbar einen Esel kaufte und sich dann herausstellt dass er hinkte (der Esel, nicht der Nachbar) und daraus ein 30-jähriger Rechtsstreit entstand. Und ich kann doch ned jeden zettel meiner Mutter zum Erinnerungsstück erklären wo sie aufschrieb was sie nachmittags aus der Stadt besorgen wollte.


    Kennt Ihr das? Wie bewertet Ihr Eure Sachen die Ihr vererbt bekommt und irgendwie sortieren müsst? Tut Ihr Euch auch schwer mit wegwerfen obwohl Ihr genau spürt dass Ihr die Schachtel mit Tantes gesammelten Handtaschen (incl. jeweils einem Gesangbuch,Spiegel, Taschentuch und 4711-Notration) die nächsten 10 Jahre nicht mehr anrühren werdet?


    Ihr spürt dass ich trotz tiefer Trauer meine Humor ned verloren habe, und dass muss so sein, da war ich mit meinem Bruder ganz ähnlich....



    Grüßle an Alle


    chuck