Guten Morgen, Mutti - heute bin ich schon um 4 Uhr mit deinem Enkelsohn aufgestanden, der heute Frühdienst hat und habe mit ihm gefrühstückt, was ich nicht sooft mache in der Früh.
Und sofort habe ich auf deiner Gedenkseite ein Kerzlein angezündet und mich wieder über dieses Porträtfoto von dir gewundert, das dich so ganz genau eingefangen hat, wie du ausgesehen hast in den letzten Jahren, als du noch gesund warst und von dem ich nicht weiß, wer das gemacht hat.
Ich muss es ja wohl gewesen sein, ich kann mir auch denken, wann, aber ich wusste gar nichts von diesem Foto, bis ich es beim Speicherfreimachen auf dem Handy nach deinem Tod auf einmal in meinen ganzen vielen Fotos fand als hätte sich das von dir geschickt da reingemogelt - so ein nahes und "lebens"echtes Halbseitenprofil von dir, so ein authentischer Blick, so eine Nähe, dass ich deine Haut direkt fühlen kann in ihrer Weichheit und mit dem Duft der Morgencreme.
So gar kein Fotoblick, sondern eine absolute Momentaufnahme!
Mir fällt gerade ein, vielleicht war es ja ein Foto von 2016, dann könnte das wirklich von mir sein, denn da war ich ja ganz oft bei dir und Spontanfotos sind ja meine Spezialität, damit es nicht so unecht aussieht.
Aber so nah, das sieht auch nicht im Nachhinein rangezoomt und bearbeitet aus, sondern ganz du wie du leibtest und lebtest!
2016 kam Papi ja im Frühjahr mit 92 Jahren ins Seniorenpflegestift auf dem Berg, das mich so an Thomas Manns 'Zauberberg erinnerte von Anfang an und so gut zu Papis Prägung noch durch Kaiserreichwerte zum Teil passt.
Du konntest seiner Pflegebedürftigkeit mit deinen 81 Jahren nicht mehr gerecht werden, auch nicht mit Pflegedienst. Das wurde vor allen Dingen auch nicht dir gerecht. Und Papi auch nicht. Er erzählte mir in dem Jahr, als ich ihn im Haus besuchte, er sei ja nun langsam mehr und mehr inkontinent geworden und käme auch nicht mehr schnell genug aus dem Bett zum WC und habe Nacht um Nacht Qualen ausgestanden, dich damit nicht belasten zu wollen, wenn du gerade mal eingeschlafen warst, was dir mit zunehmendem Alter immer später abends erst möglich wurde.
Von daher wurde es einfach allen gerecht so.
Aber es war natürlich trotzdem eine Riesenumstellung! Jahrzehnte habt ihr damals schon zusammengelebt, wart damals kurz vor eurer Diamantenen Hochzeit mit 60 Jahren Ehezeit.
Genau 14 Tage vor deinem Tod, Mutti, habt ihr noch eure Eiserne Hochzeit gefeiert mit lieben Freundinnen! Ich war gerade vor 2 Wochen heim gefahren und konnte erst zu deinem 87. Geburtstag Anfang September wieder kommen - aber da haben wir dich dann beerdigt.
Dieselben Züge, geplant als Geburtstagsfahrt, wurde dann was ganz anderes. . . .
2016 bin ich auch dann das ganze Jahr über jeden Monat für 1 Woche zu Euch gefahren, um euch bei allem Veränderten, Verunsichernden, Ängstigendem beizustehen und habe auch eure liebe Vermieterfreundin in dem Jahr so gut und innig kennengelernt!
Danach brauchten wir aber wieder unseren gewohnten Abstand voneinander
wieso war auch unter uns Familienweibsvolk kein einziger nachgiebiger Geist, sondern nur dominante Dickköpfe? Papi ließ sich auch in nichts reinreden, nur Brüderlein hat ein sanfteres Gemüt - na, jedenfalls, die letzten 5 Jahre waren sehr sparsam in unseren Kontakten bis zum Karfreitag diesen Jahres, als du ins Krankenhaus kamst, ernsthaft erkrankt.
Jetzt im Moment brauche ich es, jeden Tag dich gleich in den Früh zu begrüßen! Weißt du noch, Tante H. und ihre Mutti? Die haben das wirklich jeden Morgen gemacht, wohnten ja auch gegenseitig nur ums Eck.
Das wäre bei uns nicht gegangen, viel zu nah! 
"Du siehst deiner Mutter so ähnlich und du bist ihr auch so ähnlich!" sagt mir eine Freundin meiner Mutter. Das ist ja noch der Witz an der ganzen Sache! Und das haben wir auch immer geahnt, dass wir uns aus lauter Ähnlichkeit zofften!
Wenn ich in den Spiegel schaue, sieht mich dein Gesicht an. Ich bekomme genau da Falten, wo du sie auch bekamst und wenn ich kurze Haare trüge, sähe ich dir so ähnlich, dass ich sie immer wieder wachsen lassen musste, sonst fand ich das schon gruselig. 
Jetzt nach deinem Tod sehe ich die Ähnlichkeit im Spiegel gerne.
Heute ist Herbstanfang! Tag-und-Nacht-Gleiche und obwohl du den leuchtenden Herbst geliebt hast, hast du Angst vor der dunklen Jahreszeit gehabt und da immer ein bisschen zu Winterdepristimmungen geneigt. Ich glaube, das kam auch vom Krieg.
Dass ich jetzt ganz alleine schreibe, wie es war, ohne dass du mir dazwischen- oder dagegenredest, das ist so untypisch, dass ich direkt schmunzeln muss. Niemals hättest du es hingenommen, nicht das letzte Wort zu haben.
Niemals hättest du Deutungen und Definitionen unwidersprochen stehenlassen - nicht mal, wenn es mich persönlich betraf.
Tja, schreib du da oben im Himmel deine Interpretationen unserer Erinnerungen, wir können sie ja mal in Zukunft vergleichen - ob wir uns dann auch gleich wieder zoffen, hahahaaaa? 