Liebe Mutti, jetzt habe ich gerade eben die erstmal letzte Trauerpost zum Postkasten gebracht, also meine Antwort im Namen der Familie auf Beileidsschreiben!
4 darunter gingen mir besonders nahe und 2 von ihnen schrieb ich auch schon mit der Todesanzeige ausführlicher, 3 von ihnen auch jetzt.
2 von ihnen, eine Brieffreundin seit 20 Jahren und eine Großcousine von dir, hatten dir noch nichtsahnend eine Grußkarte zum 87. Geburtstag geschickt, dabei war das dann schon dein 1. Himmelsgeburtstag und dein Beerdigungstag!
Um sie nicht maßlos zu schocken, schrieb ich ihnen noch einen vorsichtigen persönlichen Brief zur Todesanzeige. Aber der Schreck ließ sich nicht vermeiden.
2 weitere sind deine ältesten beiden Schulfreundinnen seit 75 Jahren und die kannten wir "Kinder" natürlich auch.
Einige Trauerantworten werde ich persönlich noch an eurem alten Wohnort am WE übergeben.
Aber ansonsten, außer Bürokratiekram, ist soweit alles vorbei . . . . vorbei . . . und es ist wie ein Warten in mir, aber ich denke, dieses Warten bleibt mir, weil ich es einfach nicht glaube und verstehe, dass alles vorbei ist.
Dabei wüsste ich gar keine bessere Alternative hier irdisch. So alt und krank gibt es hier auch nichts mehr, was besser wäre als in der Ewigkeit zu sein.
Nur ist die irdische Vergänglichkeit ja sowas Gruseliges, wenn auch die ganze Welt darauf ausgerichtet ist, aber als tolles Konzept kann ich das Ganze nun wirklich nicht bezeichnen.
Ich schreibe an dich, aber das ist schon was, was ja gar nicht zu Lebzeiten von dir gelang und das ließen wir dann auch sein.
Was das Leben mit unserer Beziehung gemacht hatte, denn auch da gab es keine besseren Alternativen, ließ gar nichts mehr übrig, zu sagen. Der Mutter, die du da warst, hatte ich nichts mehr zu sagen, zu erzählen.
Und doch war es die letzten 5 Monate anders, da war es wieder wie vor langer, langer Zeit zärtliche Liebe zwischen uns. Und die ganze Krankheitsentwicklung aus deiner Selbständigkeit hinaus war ja gar nichts, was dir gefiel, während mir durchaus "gefiel," dass du nun im Pflegeheim in Sicherheit warst, weil du eben immer hinfällig wurdest und allein in deiner Wohnung absolut nicht mehr sicher warst, aber niemanden etwas für dich machen ließest, was nötig war.
Also, wie ich es auch drehe und wende, da war ein Lebensabschluss, wo du gehen wolltest und körperlich auch musstest und wo keine weitere große Selbständigkeit für dich mehr möglich gewesen wäre.
Deine irdische Lebensgeschichte war zuende geschrieben und niemand hatte mehr etwas hinzuzufügen.
Und dass ich nun nicht mehr weiß, was es Neues bei dir gibt als Seele und Geistwesen bei Gott, das ist was ganz anderes als bisher.
Als ich deinen aufgebahrten Körper das letzte Mal sah, da fühlte ich ja statt den Tod deine absolute Lebendigkeit und eine große Gewissheit darüber!
Und während ich das hier schreibe, bekomme ich wie sooft direkt eine Antwort in die Tasten: Du bist erstmal ganz nahe bei Jesus und allen Lieben und erholst dich vom Erdenleben. Das kann ich mir vorstellen.
Wenn ich dir also jetzt schreibe, dann schreibe ich eigentlich sowohl an dich wie auch an die Ewigkeit.
Dann kommt es mir so vor wie die alten Klagepsalmen, die in der Bibel zu finden sind und die ich mal ausprobiert habe und dabei lernte, dass sie im Klagen und Schreiben ihre Antwort und ihren Trost schon in sich tragen. Ähnlich wie bei vielen Songs, in denen es um Verlorenheit geht, die Melodie schon die Geborgenheit mit sich bringt.
Also schreibe ich gar nicht an die Mutti, der ich nicht schrieb.
Auch nicht an die sterbende.
Ich schreibe an den liebenden Kern meiner Mutti als der liebende Kern der Tochter.