Und sonst...
...ist es grade eine merkwürdige Zeit. Ich habe noch Ferien und das ist auch wirklich gut so. Ich merke, wie erschöpft ich von den letzten Wochen bin und, dass ich die Zeit gut gebrauchen kann. Allerdings habe ich die ersten Tage nach der Beerdigung mir wenig Ruhe gegönnt. Es half mir irgendwie ständig tätig zu sein. Gestern Abend war ich dann so erschöpft, dass ich mich heute gezwungen habe, nichts zu machen. Jetzt merke ich, wie nötig das war. Da ist immer dieser Versuch der Trauer auszuweichen und lieber etwas anderes zu machen, weil es ja auch nicht schön ist, sich immer so schlecht zu fühlen. Aber ich weiß ja auch, dass es eigentlich besser andersherum funktioniert: Die Trauer zulassen und irgendwann ist sie dann auch ein Stück vorbei und ich bekomme noch einen unbeschwerteren Teil des Tages geschenkt. Ich war da jahrelang nicht gut darin - meinen Kopf auszuschalten und einfach nur das zuzulassen, was grade ist, langsam wird es besser.
Auf der Beerdigung meines Vaters tauchten plötzlich ganz viele Studien- und Arbeitskollegen auf. Das war so schön. Neben der Familie war die Wissenschaft das Leben meines Vaters, es war toll zu sehen, dass die anderen ihn geschätzt haben. Sein ehemaliger Chef hat einen Nachruf auf ihn verfasst, er war so treffend, dass ich laut lachen musste. Darin stand "Außerdem versprühte er nicht grade Charme, wenn er davon überzeugt war, sein Gegenüber sei ihm substanziell nicht gewachsen." Ich hab sofort sein skeptisch-ironisches Gesicht, dass er immer machte, wenn er mit unausgegorenen Gedanken konfrontiert war. Er hat mir beigebracht, Dinge immer aus möglichst vielen Blickwinkeln zu betrachten. Mittlerweile mache ich das so automatisch, dass ich oft irritiert bin, wenn in Diskussionen (Lehrer*innen sind ja leider leidenschaftliche Diskutierer) Dinge angemerkt werden, die ich schon während meiner ersten Überlegungen verworfen hatte. Ich vermisse ihn so, die ganzen Diskussionen, das Gefühl jemanden zu haben, dessen Geist so klar und frei von taktischen Hintergedanken ist, dass man sich immer darauf verlassen konnte, was er sagt. Die Beerdigung, seine Kollegen, der Nachruf, all das hat hinter dem jahrelang Kranken wieder den Vater hervorgeholt, den ich fast 40 Jahre lang kannte. Das war zuerst schön und dann ein Schock. Denn ich hatte ihn eigentlich schon fast vergessen. Er hatte sich so stark verändert, unser Verhältnis hatte sich so stark gewandelt, dass ich vergessen hatte wie energetisch, hilfbereit, voller Ideen und Begeisterungsfähigkeit er einmal war. Er hat uns immer so viel zugetraut. Mir, einer echt schlechten Schülerin, hat er schon in der 3. Klasse Erwachsenenbücher zugemutet, weil er nicht dachte, dass ich dumm war, sondern nur, dass das mit mir und Schule nicht passt. Neben ihm zu sein hieß immer in Bewegung zu sein, immer lebendig. Er saß fast nie still, entweder werkelte er etwas, ging spazieren oder wippte zumindest mit den Füßen und genauso beweglich war sein Geist. Immer in Diskussionen, immer interessiert an allem. Er war Naturwissenschaftler, aber wusste so viel über Geschichte, dass ich lange brauchte, bis ich besser war als er. Und er konnte sich für alles so begeistern. Ständig musste ich aufstehen, um den tollen Sonnenuntergang, die wunderbare Beleuchtung auf den Bergen, die tollen Vollmond zu betrachten. Nie gingen wir spazieren, ohne, dass er darauf hinwies, wie wunderschön die Umgebung/der Blick/ die Blumenwiese ist. Er war so oft vollständig zufrieden und trotzdem endlos neugierig. Ich kann noch immer nicht glauben, dass er einfach weg ist. Aber das geht euch sicher allen so, mit euren Lieben.
Liebe Grüße
Cildie