Hallo..... da bin ich mal wieder...
Die seltsamsten Dinge passieren mir offenbar immer dann, wenn ich auf dem Fahrrad sitze. Vielleicht weil ich nur dann alleine bin mit meinen Gedanken. Da höre ich kein Podcast, ich spiele nicht am handy, lese nicht und bin allein.
Gestern fuhr ich also mit meinem Fahrrad durchs Feld, und ich dachte wieder an Uli und wo er jetzt wohl sein mag, und ob man sich nach dem Tod wiedersieht, und dass er dann logischerweise bei seiner vor zehn Jahren verstorbenen früheren Partnerin Mechthild sein müsste. Wir waren ja fest überzeugt dass Mechthild uns zusammengebracht hatte, denn vor ihrem Tod hatte sie zu ihm gesagt: "Wenn es soweit ist, schicke ich dir Eine." Also ist Mechthild mir ja wohlgesonnen, denn immerhin hatte sie mich ausgewählt als neue Partnerin für Ulrich... naja, und weil sie ja offenbar nach ihrem Tod auf Uli geschaut hatte, dachte ich jetzt darüber nach, ob die Beiden jetzt zusammen auf mich schauen, und in dem Moment bekam ich auch sofort eine Antwort. Ich hörte natürlich keine ganz richtige Stimme, aber doch etwas, das mehr war als nur ein Gedanke von mir, also irgendwie empfing ich ziemlich mächtig ein: "Ja, wir schauen zusammen auf dich!"
Es ist verwirrend und tröstlich zugleich.
Die Vorstellung dass er jetzt bei Mechthild ist verstört mich einerseits, andererseits ist es schön wenn beide auf mich achten...
Ich weine noch immer jeden Tag.
Jetzt ist es fast ein halbes Jahr.
Wenn mich jemand fragt wie es mir geht, fällt mir keine Antwort ein.
Sofort kommen wieder die Tränen.
"Besser" ist unaussprechlich.
Das klingt wie "jetzt ist es nicht mehr so schlimm"
Aber es ist schlimm und es bleibt schlimm.
Ulrichs Chefin fragte mich vorige Tage: "bist du etwas zur Ruhe gekommen?"
Damit hat sie eine schöne Formulierung gefunden.
Wenn mich das nächste Mal jemand mich fragt wie es mir geht, werde ich antworten:
"Ich komme allmählich etwas zur Ruhe"
Mir ist etwas Seltsames aufgefallen. Bei uns hat ja Ulrich immer gekocht. Also auch das Gemüse und Obst geschnippelt. Wenn ich es selten mal übernommen habe, habe ich mir eigentlich jedes Mal in den Finger geschnitten, so richtig mit Blut und Pflaster. Seit er tot ist nicht ein einziges Mal. Ich meine, ich koche ja auch nicht, aber jeden Morgen habe ich frisches Obst im Müsli, da hätte ich mich eigentlich schon... Moment...176 mal schneiden müssen.
Das finde ich schön:
"Ich wünsche dir von allem genug. Genug Sonne, die Licht in deine Tage bringt, genug Regen, damit du die Sonne schätzen kannst, genug Glück, das deine Seele stärkt, genug Schmerz, damit du auch die kleinen Freuden des Lebens genießen kannst, und genug Begegnungen, damit du die Abschiede besser verkraftest."
aus: "Das rote Adressbuch" von Sofia Lundberg