Liebe Tigerlily,
ich habe dich bewundert, weil du soviel unternimmt und an dir und deiner Trauer arbeitest.
Nun lese ich in deinen Zeilen, dass es trotzdem nicht reicht um deine Seelenpein zu lindern.
Ausserdem ob 9 Monate oder Jahre, jeder braucht seine individuelle Zeit. Und bei manchen Menschen wohl auch den Rest seines Lebens. Irgendwann wird es wohl nicht mehr täglich so weh tun, aber heilen kann eine Seele fast nie.
Das haben mir viele "Kleinigkeiten" bei Mitmenschen in der Vergangenheit gezeigt. Auch bei meiner Mutter war es so.
Sie hat meinen Vater durch einen plötzlichen Herzinfarkt nach über 30 Jahren Ehe verloren. Die ersten Jahre - sie war erst 55 als sie alleine war - ging es ihr schlecht. Obwohl ihr Sohn, ihr Enkelkind, ich, stets für sie da waren.
Aber mein Vater war die Liebe ihres Lebens... in der Kriegszeit jung kennengelernt und hoffen müssen, dass sie beide überleben.
Nach einigen Jahren hat sie einen Lebensgefährten gefunden und war auch glücklich mit ihm... noch über 20 Jahre.
Zu mir sagte sie : es ist gut und schön, aber mit Papa war es was anderes. Das kommt nicht wieder. Bei diesen Worten klang ihre Trauer noch durch.
Also, liebe Tigerlily, die Trauer- und Verlustgefühle werden zu unseren Lebensbegleitern. Deshalb ist es egal, wie viel Zeit vergangen ist... Zeit heilt eben nicht alle Wunden.
Nur dachte ich, dass du durch deine vielen Aktivitäten mit der Trauer "besser" zurecht kommst als ich mit meiner Einsamkeit und Behinderung. Habe mir gewünscht, ich könnte es auch. Denn bei mir ist es so, dass mich die paar Sachen und Menschen, die ich ab und an habe, wenigstens meine Trauer etwas betäuben.
Sehne mich nach dieser Dauerbetäubung, wäre froh, so viel unternehmen zu können. Und nun kommt mir durch deinen Post die Erkenntnis, dass es doch nichts helfen würde.
Ich will nur aus meiner Einsamkeit heraus, koste es was es wolle. So wie es jetzt bei mir aussieht, halte ich nicht mehr lange durch.
Es ist kein Zustand, der noch lange anhalten darf. Sonst drehe ich total durch.
Und das darf ich eigentlich meinem Mann nicht antun. Das würde ihn krank machen... weil er mich liebte und mir immer wieder gesagt hat: lebe weiter mit Freude auch wenn ich nicht mehr da bin.
Du bist zu ängstlich und pessimistisch... ändere das, sonst vergeudest du dein einziges Leben. Und mir im Jenseits tut zwar nichts mehr weh, aber dir.
Daran muss ich immer denken. Er war so positiv und optimistisch trotz seines wirklich nicht leichten Lebens. Er hat nie geklagt oder gejammert und alles ungerecht empfunden, so wie ich es tue.
Und so ein Mensch muss vor der Zeit gehen! Ich verstehe es nicht und bin darüber erbost.
LG Luise