Liebe Puzzle,
mein
Kopfkissen mußte sogar noch länger winken. Ich hatte den Rechner
ausgemacht und dachte, guckst noch einen Moment in die Zeitung, so
zum Abschlaffen, und dann war es auf einmal wieder halb vier. Dafür
hat mein Kopfkissen aber meistens bis weit in den Vormittag etwas von
mir.
Ich kann ja aufstehen wann es mir beliebt, auch wenn ich
natürlich nicht so lange schlafe. Aber im Bett liegen und die
Gedanken einfach wandern lassen ist auch ganz nett. Und warum und für
wen sollte ich schon morgens früh aufstehen?
Die
Erinnerung an unsere Lieben kommt manchmal allerdings sehr plötzlich
und unerwartet. In ganz alltäglichen Situationen, in denen Du
überhaupt nicht damit rechnest. Da braucht es keinen besonderen
Grund. Wobei, gerade auf dieser Strecke würde ich wohl doch damit
rechnen, denn dieser Weg wäre für mich für immer mit diesem
furchtbaren Erlebnis verbunden. Das könnte ich wohl nie mehr
trennen. Ich hoffe aber daß Du Dich irrst was Deine Mutter betrifft.
Vielleicht wollte sie wirklich daß Du an sie denkst, aber ihren
Frieden hat sie hoffentlich davon unabhängig gefunden. So wie ich
das Andreas auch wünsche. Und die schadenfrohe Stimme hat ja nicht
ganz unrecht mit dem was sie sagt. Doch klein Puzzle schlug ihr ein
Schnippchen und fand das Schäufelchen. Ätsch. ![]()
Den
Satz „mit dem Wissen von heute ...“ habe ich völlig wertfrei
gemeint und geschrieben. Ich hadere nicht mehr mit dem was war bzw.
nicht war. Deswegen halte ich mein bisheriges Leben jetzt nicht für
glücklicher, aber nachdem wir alles am Anfang unseres Austauschs so
ausführlich durchgekaut haben, konnte ich nun einen Haken dran
machen.
Puzzle. Der Satz war für mich nur eine sachliche
Feststellung, sonst nichts. Vermutlich gibt oder gab es ja für jeden
Situationen in denen man sich mit dem heutigen Wissen anders
verhalten oder anders entscheiden würde, wenn man es denn noch mal
könnte.
Wenn
ich in Interviews mit älteren Promis lese, ich würde alles wieder
genauso machen, habe ich doch leise Zweifel. Was den Weg zum und mit
dem Erfolg angeht glaube ich das wohl, aber sonst? Und wenn Du dieses
oder jenes wieder so entscheiden würdest, dann hast Du es richtig
gemacht. Ich weiß aber, daß ich manches falsch entschieden habe,
und ich hätte das auch damals schon erkennen müssen.
Natürlich ist
man hinterher immer klüger, weil man ja erst nicht weiß wie sich
eine Entscheidung später auswirkt. Deshalb schrieb ich ja, „mit
dem Wissen von heute“. Und jemand ganz Schlaues könnte jetzt
sagen, es war mein Weg und vorherbestimmt. Aber so einfach lasse ich
mich nicht aus der Verantwortung. Sonst wäre der freie Wille ja nur
eine Farce. Aber das haben wir schon diskutiert.
Ob
ich noch einmal in solche Situationen komme weiß ich natürlich
nicht, bezweifle es aber. Es ging mehr um Entscheidungen die man am
Anfang des Erwachsenenlebens trifft, die aber für längere Zeit
richtungsweisend sind. Damit meine ich z.B. Partnerwahl und Finanzen.
Die beiden Beziehungen vor Andreas waren einfach nur ein Griff ins
Klo,
und finanziell ging es mir durch eigene Dummheit nicht immer so
gut wie heute. Da würde ich einiges anders machen, aber wie gesagt,
abgehakt und kein Hader mehr.
Manchmal
ist man tatsächlich zu Dingen fähig die man nie für möglich
gehalten hätte. Ich doch nicht. Aber Theorie und Praxis sind eben
zwei Paar Schuhe, und manches das theoretisch unvorstellbar war sieht
auf einmal ganz anders aus wenn man in der Situation ist. Ich glaube,
da haben sich schon etliche Menschen selbst überrascht, im Guten wie
im Bösen.
Nach Andreas` Tod habe ich nichts überraschendes über
ihn erfahren, aber damit habe ich auch nicht gerechnet. Bei ihm war
alles klar und offen wie der helle Tag. Er hätte auch nie etwas für
sich behalten können. Dafür war er nicht der Typ.
Ich habe großes Interesse an der jenseitigen Welt, bin aber wohl leider nicht so empfänglich wie es sein könnte und ich es gerne wäre. Trotzdem konnte ich Andreas` Zeichen mühelos erkennen, und das hättest Du auch. Es fällt jedem auf wenn ein Stofftier nicht mehr sitzt sondern auf dem Bauch liegt. Vermutlich haben sich die Eierwärmerwichtel auch deshalb gegenüber gestanden und nicht nur anders nebeneinander. Weil das auffälliger war. Und das ist auch der einzige Sinn den es für mich hat. Daß ich es merke und erkenne. Sicher gibt es auch diffizilere Zeichen die sich nicht so einfach erkennen lassen, und für die man ein Gefühl haben muß. Vielleicht habe ich auch schon was übersehen, deshalb die Auffälligkeiten.
Wegen der Fernbedienung hat mich ganz gewiß kein Lebendiger geneckt. Zwischen den beiden Sonntagen, an dem einen ging sie noch einwandfrei und am nächsten war die Batterie falsch rum drin, hatte ich keinen Besuch. Und wer käme denn auf die Wahnsinnsidee so etwas zu tun? Hattest Du schon mal dieses Bedürfnis wenn Du irgendwo zu Besuch bist? Eben, ich auch nicht.
Flackerndes Licht und Luftzug hatte ich noch nicht. Aber wenn ich es recht bedenke in den letzten Tagen etwas ähnliches. Im Wohnzimmer steht noch ein ein hölzernes Weihnachtsdorf mit LED-Beleuchtung. Es hat einen Netzstecker und ich kann wählen ob die Beleuchtung jeden Tag zur selben Zeit an- und wieder ausgeht, was ich auch getan habe. Das heißt konkret, der Zeitraum für die Beleuchtung ist immer 6 Stunden, und er beginnt wenn Du zum ersten mal den Stecker einsteckst. Das kann natürlich jederzeit geändert werden indem man den Stecker zieht und zur
neuen
gewünschten Beginnzeit wieder einsteckt. Ich habe den Stecker am 1.
Advent um 18:00 Uhr eingesteckt, die Beleuchtung war bis Mitternacht
an und ging dann selbstständig wieder aus. So war das an jedem Tag
bis vor ca. einer Woche. Seit dem ging die Beleuchtung plötzlich
schon um kurz vor halb sechs an und um kurz vor halb zwölf wieder
aus. So auch gestern, aber Nachts um halb drei war die Beleuchtung
wieder an. Zwei Beginnzeiten lassen sich aber gar nicht speichern.
Spinnt auf einmal die Zeitschaltuhr oder war das Andreas? Ich werde
es im Hinterkopf behalten und sehen wie es ist wenn ich das Dorf im
Dezember wieder aufstelle. Wenn es dann keine Abweichungen gibt
spinnt die Zeitschaltuhr NICHT. ![]()
Diese
Frage wird sich ganz einfach beantworten lassen, andere dafür nie.
Die Lieblingskollegin von Andreas sagt immer, stell keine W-Fragen,
also warum, weshalb, wieso, Du kriegst eh keine Antwort. Und sie hat
leider recht. Trotzdem stellt man sich solche Fragen manchmal eben
doch. Aber das ist menschlich. Ich versuche das auch nicht mehr zu
tun, aber manchmal überkommt es mich doch, und ich möchte das
Schicksal verfluchen. Bekannte von mir hatten, aber schon vor Jahren,
auch im nicht mehr ganz taufrischen Alter geheiratet. Vor etwa 15
Jahren hatte die Frau Magenkrebs, was nicht ganz ohne war. Und dieses
Jahr feiern sie goldene Hochzeit. Da drängt sich mir schon eine
sinnlose W-Frage auf.
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Dein
Erlebnis mit dem Geruch im Vorraum ist schon interessant, aber ist
Dir wirklich nie aufgefallen daß es an der Tür zieht wie
Hechtsuppe, und was hattest Du Dir von einem neuen Läufer erhofft?
Oder hat der alte doch geduftet? Aber nun hast Du einen schönen
neuen, das schadet sicher nicht, und eine dichte Tür, das schadet
erst recht nicht.
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Für den Geburtstag habe ich kein Ritual weil mir noch keines eingefallen ist. Wir haben seinen Geburtstag oft mit den beiden Töchtern aus der ersten Ehe und deren Partnern gefeiert. Dazu noch die drei Hunde von der Älteren. Oder wir haben nur für uns gefeiert. Aber den Tag werde ich auch überstehen weil ich es muß.
Und nun ist es schon wieder halb zwei, und die einzige im Moment offene Frage ist, wie lange bleibe ich noch auf. Da Du vermutlich schon schläfst wünsche ich Dir einen erträglichen ruhigen Tag.
Alles Liebe
Lilifee
