Liebe
Puzzle,
wenn
man schon mehrere liebe Menschen verloren hat sind die schlimmen Tage
über das ganze Jahr verteilt, das stimmt. Bei mir ist es aber bis
jetzt „nur“ der Verlust von Andreas, und die schlimme Zeit ist
von Anfang Dezember bis Ende Januar. Der Todestag ist am 02.Dezember,
am 17. Dezember war die Bestattung, dann kommen mein Geburtstag,
Weihnachten und Silvester ohne ihn, und zuletzt sein Geburtstag am
31. Januar. Das ist einiges in einem relativ kurzen Zeitraum. Es ist
nicht so daß ich die ganze Zeit über am Boden bin, aber es ist
häufiger der Fall daß die Trauer wieder heftiger wird. In der
übrigen Zeit ist sie etwas ruhiger geworden. Rituale schaffen ist
sicher keine schlechte Idee, nur muß man erst mal welche finden.
Wenn der Tod unerwartet kommt, und Du eigentlich dachtest noch viele
Jahre mit dem geliebten Partner verbringen zu können, dann ist das
die maximale Katastrophe. Der Boden wird unter den Füßen
weggezogen, und Du stehst vor einem riesigen Scherbenhaufen. Der
Vergleich mit den Überschwemmungen trifft es sehr gut. So wie das
Wasser nicht gebändigt werden kann, so kann auch der Tod nicht
gebändigt werden. Außer man ist doch noch nicht dran. Unsere Lieben
waren aber dran.
Meiner Ansicht nach gibt es nur zwei Möglichkeiten: das Chaos bestehen lassen und darin zugrunde zu gehen, oder es Stück für Stück zu beseitigen, um das Leben zurückzugewinnen.
Mein
Leben war zerstört, aber als chaotisch habe ich es trotzdem nicht
empfunden. Wohl aber als unglaublich einsam und freudlos. Ich
versuche auch mein Leben neu zu ordnen und der Trauer ihren Platz zu
geben. Einen Platz an dem sie auch mal alleine bleiben kann. Ich muß
sie wahrlich nicht immer um mich haben. Teilweise gelingt mir das
inzwischen auch, aber es ist immer noch dunkel und freudlos. Wie bei
Deiner Verwandten. Du empfindest Dein Leben trotz der Verluste als
schön, also ist es für Dich auch hell, und was andere denken ist
völlig unerheblich. Ich weiß nicht wie die Lebensumstände bei der
Verwandten waren bzw. sind, aber die spielen sicher auch eine Rolle.
Du hast noch einiges an Familie um Dich herum, und es haben sich überraschend neue und gute Perspektiven für Dich ergeben. Was ich
Dir auch von Herzen gönne, schrieb ich ja schon. Außerdem bist Du
ein unverbesserlicher Berufsoptimist.
Ich komme zwar mit dem Alleine
sein zurecht, war auch nie der Typ für Halligalli, aber es ist eben
dunkel. Denn ich bin nicht freiwillig alleine, und es gibt auch keine
Aussichten auf eine Änderung.
Trotzdem
ist eine solche natürlich nicht auszuschließen. Ich weiß ja nicht
was das Schicksal noch mit mir vorhat. Oder ob es mich einfach
vergißt. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Auch ein
sehr wahrer Spruch für alle Lebenslagen. Und im schlimmsten Fall
sitze ich eben die restliche Zeit ab und hoffe, daß sie nicht mehr
so fürchterlich lang ist. Aber vielleicht ergibt sich ja etwas
Unerwartetes und auf einmal wird es doch wieder heller. Ich hätte
nichts dagegen, das kannst Du mir glauben. 

Mit
Schicksal oder Blickwinkel kann
man zumindest im privaten Bereich fast alles erklären. Das paßt
eigentlich immer. Die Frage ist halt oft, was kann ich aus eigener
Kraft daran ändern? Und habe ich auch die Kraft dafür? Da kann man
sicher unterschiedlicher Meinung sein. Das Schicksal ist ganz gewiß
ein kleiner grinsender Wicht. Das denke ich schon lange.Und wenn es
dem kleinen Wicht zu langweilig wird, dann stellt er uns mal eben so
ein Bein und sagt, Ätsch das hast Du jetzt davon. Mach was draus.
Ich
gucke Dir
dabei zu und habe meinen Spaß.

Trauer
ist keine Krankheit, deshalb heilt auch nichts, und
sie ist auch nur schwer auszuhalten.
Das stimmt absolut. Weil
es einfach nur weh tut. Auch körperlich. Man
kann nur lernen mit dem Unabänderlichen zu leben. Verdrängen
wollen ist verlockend weil der Schmerz dann nicht mehr so spürbar
ist. Aber es ist keine gute Strategie, denn es funktioniert auf Dauer
nicht. Man muß sich damit auseinander setzen und den Schmerz nach
Möglichkeit verarbeiten. Dem
einen gelingt das halbwegs oder sogar gut, dem anderen gelingt es
nicht? Warum? Spielen die Lebensumstände doch auch eine Rolle? Gehen
Menschen unterschiedlich mit dem Verlust um, weil Menschen nun mal
unterschiedlich sind? Sicher auch. Vielleicht
ist es auch eine
Frage welche Perspektiven man noch hat, oder irgendwann wieder sieht.
Den Weg durch den Trauersumpf muß jeder selbst finden, aber manch
einer findet ihn nie.
Meine
Einschätzung Deiner Fähigkeiten war nicht wohlwollend sondern
ehrlich bewundernd. Interesse für etwas ist natürlich wichtig,
reicht aber nicht aus. So ganz talentfrei sollte man nicht sein. Von
daher, stell Dein Licht mal nicht unter den Scheffel. Du
hattest zwar Anleitung durch Deine Eltern und Deinen Exmann, aber
daraus muß man auch erst mal etwas machen können. Es ist ganz
bestimmt sehr befriedigend wenn man eigenhändig etwas Schönes
hergestellt hat. Und wie lange es dauert spielt ja bei einem Hobby
keine Rolle. Du beschreibst die Fähigkeiten Deiner Mutter so
berührend. Sie hatte ein Gespür für das was sie tat. Für die
Stoffe mit denen sie umging. Was zu einem Menschen paßt oder auch
nicht. Und das braucht es auch bei handwerklichen Dingen. Klar, den
Umgang mit Werkzeugen und Maschinen kann man lernen. Aber damit ist
es nicht getan. Wenn Du ein Möbelstück bauen willst mußt Du erst
mal wissen wie es aussehen soll. Aus welchem Material es sein soll.
Dann mußt Du die Teile anfertigen und zusammenbauen. Das geht ja,
anders als bei Reparaturen, auch schon ins künstlerische. Und das
alles ohne wenigstens einen Hauch von Talent? Jedenfalls bist Du
unglaublich vielseitig, und darauf darfst Du sehr stolz sein. Wenn es
um Strom geht sollte man allerdings seine Grenzen kennen. Das ist für
gewöhnlich gesünder. Ein Onkel von mir war Starkstromelektriker.
Wenn
er in der Wohnung prüfen wollte ob auf einer Leitung Strom ist
brauchte er keinen Spannungsprüfer.
Er
hielt einfach seine Zunge dran,
und wenn es gebizzelt hat war Strom
da. Das durfte ich mehr als einmal miterleben. Ist aber nicht zur
Nachahmung empfohlen. 
Nun
hoffe ich, daß Du Dein Schicksal tapfer ertragen und einen Faultag
eingelegt hast. Schadet ja auch mal nichts. Und aus einem neuen Tag
kannst Du zur Not auch heute noch was draus machen. 

Alles
Liebe
Lilifee