Liebe
Puzzle,
ich
hoffe das Frühstück hat gemundet. Heißt das, Du hast auf
nüchternen Magen geschrieben??? Respekt. Essen muß ich nach dem
Aufstehen nicht gleich, aber ohne Kaffee geht gar nicht. Weder denken
noch tun. 
Was
Du über Deine Mutter schreibst macht ihre Entscheidung allerdings
verständlich. Es ist schon schlimm was manche Menschen ertragen
müssen. Es gab quasi die Wahl zwischen Pest und Cholera. Was ist
besser? Zynische Frage, ich weiß. Aber so war wohl die Situation.
Und warum sollte ihr noch mehr Leid zugemutet werden. Für Deinen
Vater war das sicher kaum auszuhalten. Wie hilflos und ohnmächtig
muß er sich gefühlt haben. Und das über eine längere Zeit. Bei
Licht besehen hätte er gar nicht mehr tun können als er mit
Sicherheit getan hat. Für Dich war es natürlich auch nicht besser,
aber Du hast es inzwischen akzeptiert. Ich wünsche Deinem Vater daß
er das auch noch kann. Es mindert nicht die Trauer, aber zusätzliche
Schuldgefühle machen es ja noch schwerer.
Das Schicksal hat entschieden. Gut entschieden. Gnädig entschieden. Noch mehr Leid war für meine Mutter nicht vorgesehen… ich bin dankbar.
Nach
Andreas Tod war ich so sauer auf das Schicksal. Weil es uns nur so
wenig gemeinsame Zeit gegönnt hat. Aber mittlerweile kann ich das
anders sehen. Für Andreas. Er war immer so bescheiden und geduldig.
Ich habe nie gehört daß er wegen seinem Diabetes, den er über 25
Jahre lang ertragen mußte, gehadert oder gejammert hat. Ein Jahr
bevor wir uns kennengelernt haben ist er, allerdings durch eigenes
Verschulden, in ein diabetisches Koma gefallen. Nach der Trennung von
seiner Familie hatte er eine Phase in der ihm das alleine leben noch
schwerer gefallen ist als sonst, und er hat einige Tage lang nur noch
sehr unregelmäßig Insulin gespritzt.
Seine
Mutter hat ihm aus der Ferne das Leben gerettet. Nachdem Andreas
telefonisch nicht erreichbar war obwohl er es hätte sein müssen hat
sie zum Bruder gesagt, da stimmt was nicht. Mutterinstinkt? Es hat
ihr keine Ruhe gelassen, und sie hat dann mitten in der Nacht seine
Vermieterin, die auch in dem Haus wohnt in dem Andreas seine Wohnung
hatte, alarmiert. Eine ganz liebe Frau, ich habe sie auch
kennengelernt, und sie ist zum Glück gleich gucken gegangen. Sie hat
Andreas reglos und voll bekleidet auf seinem Bett liegen sehen, und
sofort den Rettungsdienst gerufen. Als Andreas zwei Tage später
wieder bei Bewußtsein war wurde ihm im Krankenhaus gesagt, es war
kurz vor zwölf. Sein Blutzucker war so hoch daß die Meßgeräte
keinen Wert mehr angezeigt haben. Erstaunlicherweise hat er das Koma
ohne Schäden überstanden. Er war noch nicht dran.
Aber
vor drei Jahren war es soweit. Da war er leider dran. Vorher hatte
sich schon abgezeichnet daß es so langsam doch Folgeschäden geben
würde. Der Augenarzt hatte bei einer Kontrolluntersuchung
festgestellt daß im Augenhintergrund Ablagerungen vorhanden sind,
und die können zur Erblindung führen. Keine schönen Aussichten.
Und im urologischen Bereich gab es auch erste Probleme. Ja, für
Andreas hat das Schicksal gnädig entschieden. Das kann ich
inzwischen sagen. Besser wäre es natürlich gewesen er hätte keinen
Diabetes gehabt, aber das lag ja nicht in seiner Hand. Und gegen die
Selbstzerstörung der Bauchspeicheldrüse ist die Medizin auch heute
noch machtlos.
Warum
ist nur so viel Leid in der Welt? Deine Familie hat auch ihren Anteil
bekommen. Der Krieg, die Flucht und all die üblen Begleitumstände.
Man kann es sich gar nicht vorstellen was die Menschen damals
aushalten mußten. Zusammenhalt war da nicht nur wichtig, sondern
auch überlebenswichtig. Und es gibt Menschen, die sind einfach nicht
für das alleine leben gemacht. Dein Vater ist so ein Mensch, und
Andreas war es auch. Er mußte es zwar nach der Trennung und hat es
auch irgendwie hinbekommen, mehr schlecht als recht, aber es war nie
sein Wunsch so zu leben. Deshalb bin ich froh und dankbar daß er
seine letzten Jahre anders verbringen konnte.
Und
der Spruch wegen der Zeit. Als ich die Antwort abgeschickt hatte
dachte ich auf einmal, lernen mit dem Verlust zu leben ist auch eine
Art Heilung. Nicht das was man eigentlich unter Heilung versteht und
erhofft, aber trotzdem eine. Vielleicht muß man auch dafür schon
dankbar sein.
Die
Anleitung zum Leben hat mir auch gut gefallen. Habe gleich gedacht,
die stelle ich für Dich ein. Und so einfach sie ist, es stimmt. Wie
Du schreibst, Werte haben und danach leben. Viel mehr kann man nicht
tun. Auch wenn das Leben keine Generalprobe ist, und es oft genug
keine zweite Chance gibt. Damit hast Du absolut recht. Und Fehler
gehören leider auch dazu.
Und
ganz von selbst ergibt es sich jetzt daß ich langsam müde werde,
und demnächst ganz zwanglos ins Bettchen husche. 
Ich
wünsche Dir eine gute Nacht gehabt zu haben wenn Du meinen neuen
Sermon liest.
Alles
Liebe
Lilifee