Liebe
Puzzle,
Du
bist sehr stark, das erkenne ich immer wieder in Deinen Beiträgen.
Und ich habe schon wesentlich mehr davon gelesen als Du bei mir
geschrieben hast. Aber täusche Dich nicht. Bist Du wirklich sicher
daß Du es Fall Deines Partners ganz genau wissen willst?
Als das
Herz von Andreas stehen geblieben ist haben die Ärzte fast eine
Stunde lang versucht ihn zu reanimieren. Und wenn ich es richtig
verstanden habe wurde dabei mindestens eine Rippe gebrochen. Ich weiß
ja nicht was man in diesem Stadium noch mitbekommt,
aber ich will es auch gar nicht wissen. Auch heute nicht. Der Gedanke
daß er bei dieser Tortur doch noch etwas gefühlt hat, läßt mich
frösteln. Deshalb gebe ich diesem Gedanken erst gar keinen Raum und
hoffe nur daß er schon tot genug, und seine Seele bereits gegangen
war. 
Ich bin alle Wenns tausend Mal durchgegangen. Wenn nur eine einzige Kleinigkeit anders gewesen wäre, wäre ich mittendrin gewesen in der Situation… sie war aber nicht anders. Warum?
Diese
Überlegungen wegen "hätte, könnte und was wäre wenn" kennen wir doch alle.
Andreas war vor seinem schweren Schlaganfall schon einige Tage krank
zuhause gewesen. Es war aber nichts wirklich greifbares. Er hatte oft
Kopfschmerzen (die hatte er aber schon von Kind an), ihm war manchmal
schwindlig, er war sehr schlapp und hat viel geschlafen. Der Hausarzt
mußte sogar zu uns kommen, weil ich Andreas nicht mal bis ins Auto,
geschweige denn bis in die Praxis bekommen hätte. Er hat Andreas
abgehört und befunden, es wäre eine Magen- und Darmgrippe. Die ist
damals nämlich bei uns umgegangen. Ich habe mich zwar gewundert,
dachte immer dann kommt man nicht mehr vom Klo weg, und weiß nicht
ob man erst drauf sitzen oder davor knien soll. Aber wer bin
ich, daß ich einem Arzt ernsthaft widersprechen kann.
Als Andreas
dann den Schlaganfall hatte war er zufälligerweise im Wohnzimmer,
weil es ihm sogar etwas besser ging. Er saß auf dem Sofa, wir haben
geredet, und auf einmal ist er langsam zur Seite gekippt und hat den Mund
weit auf und zu gemacht. Da habe ich flugs den Rettungsdienst gerufen, und der kam auch sehr schnell. Zuerst wollten sie Andreas
in ein bestimmtes Krankenhaus nach Wiesbaden bringen, aber dann haben
sie gesagt ein anderes KH in unserer Gegend wäre näher, und sie
bringen ihn dorthin. Später habe ich immer wieder gedacht, warum
habe ich dem Hausarzt nicht doch widersprochen und gesagt welche Beschwerden Andreas
hatte, und daß das nicht nach einer Magen- und Darmgrippe klingt.
Warum habe ich nicht darauf gedrungen daß Andreas in das Wiesbadener KH gebracht wird. Dort gibt es nämlich eine gut ausgestattete Stroke
Unit.
So ist
er erst abends um halb zehn in ein Koblenzer KH zur CT weiter
transportiert worden. Er wurde noch in der Nacht operiert, aber es
ist viel wertvolle Zeit verschenkt worden. Der Schlaganfall, an den
ja niemand gedacht hat, war gegen 18 Uhr. Und dann ist mein Kopfkino
gekreiselt. Hätte es was ausgemacht wenn ich dem Hausarzt die
tatsächlichen Symptome geschildert hätte? Hätte es vielleicht noch
etwas genutzt wenn Andreas vom Rettungsdienst gleich in die Stroke
Unit gebracht worden wäre? Vielleicht ja, vielleicht nein, ich werde
es nie wissen. Und ich will es auch nicht wissen. Der Gedanke,
Andreas hätte gerettet werden können wenn ich energischer gewesen
wäre, ist zu unerträglich. Vielleicht wäre er auch gerettet worden, aber dann ein schwerer Pflegefall geblieben. Und dann denke ich, wenn etwas vorherbestimmt ist kann man sich auf den
Kopf stellen und mit den Füßen wackeln, es hätte nichts geändert. Und daß Andreas als schwerer Pflegefall vor sich hin vegetiert wäre hätte ich auch nie gewollt.
Gibt es so etwas wie Schicksal? Gibt es Zusammenhänge? Gibt es womöglich einen Masterplan? Oder sind wir wie Korken in einem Ozean, hin und her geworfen und planlos treibend, bis wir untergehen?
Das
frage ich mich auch. Einerseits kann ich nicht glauben daß alles nur
Zufall ist, aber andererseits fühle ich mich eher wie ein Korken.
Das Dumme ist nur daß Korken nicht untergehen. Die können sehr gut
schwimmen.
Es
tut mir sehr leid daß Du auch einen schweren Tag hattest. Das habe
ich leider jetzt erst gelesen. Hoffe aber, er war zu bewältigen. Hat
es etwas mit Deinem Partner zu tun? Wenn die Frage aber zu persönlich
ist, überlies sie einfach.
Ich werde für deinen Andreas ein Kerzerl anzünden… und stelle mir vor, wie unsere Lieben alle zusammensitzen und gemeinsam auf uns warten…
Danke
fürs Kerzerl, und das stelle ich mir gerne mit vor. Dieses Kopfkino
gefällt mir viel besser.
So, nun
ist es kurz nach eins, ich habe wieder viel zu viel geschrieben und wünsche Dir eine ruhige Nacht. 
Für Dich auch viel Kraft und eine liebe 
Lilifee