zurückgelassen in einer so kaputten Familie

  • Hallo,


    ich bin heute 26 Jahre alt.

    Mein Bruder (1,8 Jahre älter als ich) ist vor etwas mehr als 2 Jahren an den Folgen eines Hirntumors gestorben. Genau gesagt war es am Ende Necrose im Hirnstamm und damit einhergehend multiples Organversagen. Ich werde nie vergessen wie unfassbar gelb er geworden ist. Bis zum Schluss hat er gekämpft, wollte hier sein und mich nicht im Stich lassen.

    Die letzten 2 Jahre war mein Herz wie tot. Ich habe gar nichts mehr gefühlt. Ich war und bin nur am laufenden Band krank, nicht mehr fähig am Leben teilzunehmen. Jetzt nach über 2 Jahren kommt der ganze Schmerz an und es wird mir erst bewusst, was die letzten 6 Jahre passiert ist. Er war mein Anker im Leben und jetzt muss ich ohne ihn leben mit einer noch kaputteren Familie als vorher.

    Das Leben kann so bitter sein.

    Manchmal habe ich Hoffnung, dass mein Herz sich wieder heilen lässt, aber die Narben und Risse werden wohl für immer da sein.

    Vielleicht ist hier im Forum jemand, der sein Geschwister auch verloren hat und dem es ähnlich geht wie mir? Oder jemand der sich über das Geschehene auch austauschen möchte...

    Bei meinen Freunden habe ich das Gefühl sie mit dem Thema zu sehr zu belasten und zu überfordern. Kennt ihr das?

  • Liebe Nutella!


    Ich heiße dich Willkommen. Es tut mir leid, dass du deinen Bruder verloren hast.

    Zur Zeit sind nicht so viele Menschen hier, deren aktueller Trauerfall wegen Geschwistern ist, glaube ich.

    Aber ich sage dir: Es ist nicht unbedingt nötig, du wirst trotzdem Menschen treffen, die dich annähernd verstehen können.

    Und das Wichtigste: Keiner ist belastet, du darfst hier alle deine Gefühle ansprechen, wenn du magst.

    Schreibe doch gerne mehr! Es erleichtert sehr!

    Alles Liebe für dich!

    Hedi

  • Liebe Nutella,

    herzlich willkommen hier bei uns und mein herzliches Beileid zum Tod deines Bruders!

    Ihr scheint eine sehr enge Bindung gehabt zu haben, du und dein Bruder. Da ist es ganz klar, dass sein viel zu früher Tod durch diese furchtbare Erkrankung ein großes Loch, eine große Wunde hinterlassen hat. Sie wird heilen, darauf kannst du vertrauen, aber es stimmt auch, dass die Narbe bleiben wird, dass sie immer wiede weh tun wird, aber du wirst mit der Zeit mit ihr Leben lernen, sie wird nicht immer weh tun und auch weniger stark ..... Lass dir und der Narbe also Zeit.

    Du sagst, dass dein Herz tot war und deine Trauer durch Krankheit zum Ausdruck kam. Es ist gut, dass der Schmerz jetzt durchkommt. Lass ihn zu, nur so kann deine Narbe heilen. Aber auch "Narbenpflege" zwischendurch tut gut. Tust du dir in dieser schweren Zeit auch regelmäßig etwas Gutes? Etwas, das dich entspannt und ruhig werden lässt, etwas das dich für einige Momente lächeln lässt?


    AL Christine

  • Liebe Nutella,


    auch von mir ein herzliches Willkommen!

    Das klingt sehr, sehr schmerzhaft, was Du da beschreibst. Den "Anker im Leben" zu verlieren (wie Du es formlierst), das ist etwas ganz, ganz Einschneidendes.

    Bei mir war es so, dass ich mit 18 meine Mama verloren habe, die hatte Magenkrebs. Sie war mein allerliebster Mensch in der Familie. Es war herzzerreissend zuzusehen, wie sie immer schwächer wurde, wie all meine Liebe nichts nützte und ich sie schließlich gehen lassen musste.

    Meine Erfahrung deckt sich mit dem, was Christine oben geschrieben hat: Es wird besser. Wieviel Zeit es dafür braucht, das kann bei verschiedenen Menschen aber sehr unterschiedlich sein.

    Lass Dich also nicht ins Bockshorn jagen, wenn andere finden, 2 Jahre ist eine zu lange Trauerzeit. Jeder hat bei sowas seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Geschwindigkeit. Ich glaube, je näher uns ein Mensch gestanden ist, desto schwieriger ist es, von ihm Abschied zu nehmen.

    Ich würde auch gern mehr von Dir lesen, Dich besser kennen lernen :)

  • Liebe Nutella,

    ich frage mich gerade ob dein Bruder oder du so gerne Nutella hat.


    Zwei Jahre - das scheint von außen lange zu sein. Euch hat eine gemeinsame Kindheit in einer Familie verbunden und wird es immer tun. Dein Bruder wird immer Teil von dir sein. Und manchmal wird es schmerzhaft sein, dass er nicht mehr lebt und ein anderes mal wird es dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern, weil du an eure gemeinsame Zeit denkst und dir eine schöne Geschichte einfällt. Zwei Jahre - jeder hat seinen eigenen Rhythmus, jede Beziehung eine eigene Trauergeschichte. Lass dir nicht einreden, dass irgend etwas falsch ist oder du etwas falsch machst.


    Was war dein Bruder denn für ein Mensch? Was hat ihn für dich ausgemacht?


    Vielleicht kannst du den heutigen Abend ein bisschen genießen.

    Lg. Astrid.