Liebe Christine,
du bist eine ganz Liebe und noch eine total Hübsche dazu! 
Deine Lebensfreude ist so schön für mich zu lesen! Ich wünschte, ich hätte nur einen klitzekleinen Teil davon. Bei mir ist jede Freude verschwunden. Heute musste ich einen Fragebogen für ein Therapieprogramm der Krankenkasse ausfüllen. Eine der Fragen war: "Wie oft haben Sie keine Freude mehr an Dingen, an denen Sie früher Freude hatten?" Meine Antwort: "Beinahe täglich." Es war zum Ankreuzen, und eigentlich hätte "TÄGLICH" auf mich zugetroffen. Doch das stand nicht dabei. Es ist tatsächlich so, dass ich keine Freude mehr kenne. Und zwar tagaus, tagein. Das Leben war mal so schön. Ich konnte mich an ganz kleinen Dingen so sehr erfreuen, wie z.B. ein Miniblümchen am Wegesrand, das außer mir gar keinem aufgefallen wäre. Es mussten gar keine großen Sachen sein. Aber heute bewege ich mich wie in einer meterdicken Glaskugel durch die Umgebung und merke gar nicht, was neben, vor und hinter mir vor sich geht. Ich bin wie isoliert von allem und jedem.
Du hast recht: Es gibt keine Abstufungen oder Hierarchien in der Trauer. Aber ich glaube, es gibt Unterschiede. Eine Frau in einer Trauergruppe sagte mal, dass eine Freundin von ihr, die ihren Mann verloren hatte, zu ihr gesagt hätte: "Bei dir ist der Verlust doch noch viel schlimmer als bei mir. Es war doch dein Kind." Ihre Antwort darauf: "Das stimmt. Aber ich komme nach Hause, und da ist noch mein Mann. Du aber kommst nach Hause, und da ist niemand mehr!" Ich wusste genau, was sie damit ausdrücken wollte. Mit schlimmer oder weniger schlimm hatte das nichts zu tun, sondern damit, dass der Verlust in der Struktur ein anderer ist.
Eben war ich in einer Selbsthilfegruppe. Es war nicht gut heute, und da ich mich heute sowieso ganz schlecht und innerlich total leer fühle, war das so kontraproduktiv. Eine Frau, von der niemand richtig weiß, warum sie überhaupt da ist, hatte wieder viel zu viel und viel zu lange geredet, dass man gar nicht mitbekam, was sie eigentlich sagen wollte. Zudem kommt sie aus Venezuela, spricht zwar sehr gut Deutsch, aber es ist so anstrengend, ihr zuzuhören, dass man irgendwann abschaltet. Das Treffen hat nichts gebracht. Sobald ich dann wieder im Auto auf dem Heimweg saß, heule ich dann wieder Rotz und Wasser. Einerseits war es die Enttäuschung über das schlechte Treffen, andererseits kam bei dem schönen Wetter sofort der Gedanke: "Wie schön wäre es, wenn Tom jetzt nebenmir säße und wir könnten noch etwas unternehmen." Dann war's halt restlos um mich geschehen. Und wie sich diese Gedankengänge jemals ändern sollen, ist mir das allergrößte Rätsel. Meine Verzweiflung wird immer größer!
GLG
Bille