Posts by Cildie

    Liebes Linchen1 , Pia1962 , SONNENSCHEIN57 , Bettinalein und Sverja ,


    vielen lieben Dank für eure Wünsche und Worte. Obwohl ich noch immer schockiert bin, wie heftig es ist, wenn jemand so Nahestehendes stirbt, tut es unglaublich gut zu lesen, dass ihr das alles versteht. Linchen, ich hoffe, dass ich auch irgendwann das Gefühl haben kann, dass er noch da ist, das wäre sehr schön. Im Augenblick bin ich noch zu verwirrt dafür. Es tat gut zu lesen, Sonnenschein57, dass du es auch so empfunden hast, als wäre man trotz allem nicht vorbereitet auf den kompletten Abschied. Ich merke schon, dass es mir zwischendurch auch gut geht, das war bei meinem Mann nicht so, als seine Mutter plötzlich starb - aber dass es nochmal so ein Schock wird, damit hätte ich tatsächlich nie gerechnet. Pia1962 - es tut mir so leid von den letzten Tagen deines Vaters zu lesen, es muss so schrecklich gewesen sein, ihn allein zu lassen und zu wissen, dass er es vielleicht nicht ganz versteht. Das tut mir so leid! Es klingt so, als wäre es noch immer schwierig für dich, damit zurecht zu kommen.

    Danke auch für deine lange, liebe Email, Sverja. Ja, ich habe auch eine Freundin, deren Vater genau in dem Augenblick gestorben ist, als sie kurz das Zimmer verlassen hat. Vielleicht hat mein Vater sich das tatsächlich so ausgesucht. Irgendwie ist es auch in Ordnung für mich, dass ich nicht da war. Die letzten Male, die ich ihn besucht habe, habe ich mich immer von ihm verabschiedet und der letzte Besuch war ein sehr schöner - ich hatte den Eindruck er ist entspannt und angekommen. Vielleicht konnte er deshalb jetzt gehen. Danke auch, dass du geschrieben hast, dass ich schon ein wenig Abschied genommen habe - das tröstet doch ein bisschen. Ich habe auch das Gefühl, dass verkriechen jetzt gut wäre, aber morgen kommt erstmal die ganze Familie, das ist schön und im Augenblick für mich auch beängstigend. Mich hat aber in den ersten Tagen wirklich sehr getröstet, mir Bilder von ihm anzuschauen, wie er früher war. Das war so schön. Ich hatte immer das Gefühl von Verrat, wenn ich mich während seiner Krankheit nach dem gesehnt habe, der er mal war. Jetzt darf ich mich wieder so erinnern, wie er mal war, das ist irgendwie auch schön. Die Tatsache, dass viele von uns heute nicht mehr gläubig sind und damit auch keine Vorstellung von einem Leben nach dem Tod haben, macht es sicher viel schwieriger. Aber so ein bisschen legt man sich ja eine zu, wenn man sich mit Tod und Sterben befasst. Vielleicht muss ich das nur noch etwas mehr tun, um sicherer zu werden.


    Und wie schön, dass du auf deiner Hochzeitsreise in Irland warst, Sverja! Ich habe da mal ein Jahr gelebt und es war so schön, wieder da zu sein. Wir müssen die Reise wiederholen...zuerst hatte die ganze Familie (außer mir) Corona, allerdings zum Glück mild und dann sind wir wegen meines Vaters früher zurück gefahren. Trotzdem war es eine schöne Zeit dort und ich bin froh, dass wir da waren.


    Meiner Mutter geht es nicht so gut. Sie frisst ihre Trauer in sich hinein und ich kann ihr da auch wenig helfen. Einer ihrer Lieblingsaussagen ist "das hilft doch alles nichts", womit sie sagen will, dass es doch besser ist, einfach weiter zu machen. Ich würde ja sagen, das ist nicht besser, das ist eine Katastrophe, aber auf mich hört hier selten jemand:). Am Dienstag, 10h ist die Trauerfeier. Ich fürchte, das wird alle sehr stressen, aber ich hoffe wir können doch noch gut Abschied nehmen, er hätte es verdient.


    Ganz lieben Dank für eure Anteilnahme - ich bin froh, dass es dieses Forum und euch gibt.

    Cildie

    Liebe Sverja und alle,


    mein Vater ist letzte Woche gestorben. Es fällt mir schwer zu schreiben „völlig überraschend“, denn er war ja nun wirklich nicht mehr gesund, aber doch überraschend genug, als dass ich mit meiner Familie in Irland war, als die Nachricht kam. Dass er sich nach 15 Jahren Krankheit und fast fünf Jahren Pflegezeit den Moment aussucht, an dem ich maximal weit weg bin, macht mich noch immer etwas sprachlos. Er hatte nochmal Corona, aber nachdem er sich von seiner Infektion im Februar problemlos erholt hatte, machte sich niemand von uns Sorgen, dass er es diesmal nicht gut wegstecken würde. Doch nach drei Tagen Krankheit war er zwar wieder negativ, aber furchtbar schwach. Dann wurde er noch schwächer und hörte auf zu Essen und zu Trinken. Weil er dann auch seine Medikamente nicht mehr nehmen konnte, zitterte er ganz fürchterlich und das war der Moment, in dem Pflegeheim dann anrief und meinte, es würde nicht mehr lange dauern.

    Ich weiß noch, wie ich früh auf unserem Bett im Wohnmobil saß und gar nicht wusste, was ich tun sollte. Er ist dann schon am nächsten Tag gestorben, das war ein wenig tröstlich, dass ich es auch mit dem Flugzeug nicht geschafft hätte. Aber die ersten Tage war ich völlig geschockt, ich glaube ich bin es immer noch.

    Ich dachte ich hätte vorher schon viel Abschied genommen, aber dieses „für immer weg“ ist nochmal etwas ganz anderes. Ich hoffe es löst sich in den nächsten Tagen noch ein wenig, im Augenblick weiß ich gar nicht so richtig, wohin mit mir. Während wir aus Irland zurückfuhren, war ich traurig, aber es ging noch. Je näher ich jetzt an zu Hause komme, desto schlimmer wird es. Am Dienstag ist die Beerdigung und ich frage mich noch immer, wie das gehen soll mit dem „Abschied für immer“. Eine Freundin, deren Eltern noch sehr fit sind, hat mich gestern gefragt, ob es denn nicht eine Erleichterung sei, wenn jemand stirbt, der am Ende so leiden musste. Und ja, als ich mir jetzt die Fotos für die Beerdigung anschaute, da merkte ich, wie sehr er sich verändert hatte, wie fröhlich und voller Leben er früher war. Ich bin froh, dass er jetzt loslassen konnte, es ist ihm schwer genug gefallen. Aber ich bin trotzdem unendlich traurig, dass er gar nicht mehr da ist, kein Stück von ihm. Ich hätte nicht gedacht, dass dieses letzte Stückchen körperliche Anwesendheit so entscheidend ist. Aber vermutlich schon, denn bis zum Tod teilt jemand dieses Leben mit uns, in welcher Form auch immer. Wir wissen wo er ist. Und danach verschwindet er, vielleicht ist er noch irgendwo, vielleicht auch nicht, ich habe keine feste Vorstellung davon. Sicher ist nur, in diesem Leben ist er nicht mehr und es ist merkwürdig, von einer geliebten Person, die man ein Leben lang nah gehalten hat, nicht zu wissen, wo sie ist, ob es ihr gut geht. Ein bisschen wie ins Leere greifen. Da war bisher immer etwas, was ich noch tun konnte: freundlich lächeln, eine Hand halten, etwas erzählen, da sein, Kuchen mitbringen, ein Buch vorlesen. Und plötzlich ist das nichts mehr, da ist nur noch Leere. Und da ist dieser Wunsch sicher zu stellen, dass es ihm gut geht, sich zu vergewissern. Aber es gibt keine Gewissheit. Das ist sehr unheimlich. Es ist als müsste ich einen Teil von mir abtrennen, der Teil, der bisher dazu da war an ihn zu denken, auf ihn zu achten, Dinge mit ihm zu teilen. Dieser Teil hat jetzt gar nichts mehr zu tun. Es ist ein bisschen wie ein Phantomschmerz, ich versuche immer Kontakt aufzunehmen, aber da ist gar nichts mehr.

    Phu…Schreiben hilft mir immer. Danke, dass ich das hier tun darf. Dass, was ich oben geschrieben habe, hätte ich sonst gar nicht in Worte fassen können. Es tut mir leid, dass es so merkwürdig klingt.


    Ganz liebe Grüße

    Cildie


    PS: Sverja, vielen Dank für deine spannende Antwort auf meine letzte Nachricht. Ich brauche noch ein wenig, aber ich antworte noch darauf. Ich fand sie sehr schön. Ich hoffe du konntest deinen Freund ein wenig mehr verabschieden - 40 Jahre, das ist fast mein ganzes Leben:-). Fühl dich umarmt.

    Hallo ihr Lieben,


    mal wieder ist eine lange Zeit vergangen, seit ich das letzte Mal geschrieben habe. Eigentlich ganz gut, es waren mal andere Themen wichtig. Trotzdem tut es mir leid Sverja, dass ich auf deine nette Nachricht nicht geantwortet habe. Ich habe sie gelesen und es hat mir wirklich geholfen. Mittlerweile kann ich zu meinem Vater fahren und es kostet ein bisschen weniger Kraft. Das ist schön.


    Wie geht es dir? Der Tod deines Freundes ist noch nicht lange her. Und ich hoffe, ihr seid in Schweden nicht so von der Hitze betroffen, wie wir hier. Über den Amoklauf in Amerika haben wir wenig mit den Schüler*innen gesprochen. Wenn (wie in Winnenden) ein Amoklauf in Deutschland passiert, ist das aber sofort Thema. Es ist dann einfach vorstellbarer, dass es auch hier passiert (leider). Trotzdem machen wir uns natürlich alle Gedanken um die USA und ich vermute kaum ein*e Kolleg*in könnte sich vorstellen, dort zu unterrichten.


    Sonst stelle ich grade überrascht fest, wie sehr mich die letzten zwei Jahre verändert haben. Nicht nur weil Menschen, die ich mochte nicht mehr oder nur noch zum Teil da sind, auch weil diese Abschiede mich gezwungen haben, mich anders mit meinem Leben auseinander zu setzen. Früher hatte ich immer diese Grundsicherheit in mir: meine Eltern sind da, ganz viele Verwandte leben über Deutschland verteilt, meine Freunde sind da und werden immer da sein. Und in den letzten zwei Jahren habe ich verstehen müssen, dass das natürlich nicht immer so sein wird. Gewusst habe ich das vorher schon, aber es ist (das wisst ihr sicher alle) ein riesiger Unterschied, ob es etwas theoretisch weiß oder sich wirklich damit auseinander setzen muss.


    Grade bin ich mit meiner Klasse auf Klassenfahrt in einer Stadt, aus der meine Cousine kommt. Wir haben uns mit 14 kennengelernt (ich bin aus Ost- sie aus Westdeutschland, davor hatten wir uns nicht getroffen) und sind seitdem befreundet. Bis zum Abitur habe ich dann fast die Hälfte meiner Ferien hier verbracht. Danach ist sie zum Studieren weggezogen, in eine andere Stadt. Es ist komisch wieder hier zu sein. Die Stadt war so lange Teil meines Lebens und auf meiner inneren Landkarte hat sie einen ganz festen Platz. Hier wohnen mein Onkel und meine Tante und irgendwie dachte ich - das wird immer so sein. Aber jetzt merke ich (ich besuche sie heute Abend), dass ich Angst habe, das letzte Mal in diesem Haus zu sein, in dem ich so viel Zeit in meiner Jugend verbracht habe. Vielleicht sehe ich sie das letzte Mal, vielleicht bin ich das letzte Mal dort?

    Es ist merkwürdig, aber während die ältere Generation in meiner Famlie älter wird und stirbt, muss ich mich nicht nur von ihr verabschieden. Es beendet auch eine Zeit in der ich immer das Gefühl hatte, ich bin in der Mitte, mit Menschen über mir und Menschen, die nach mir kommen. Langsam lichtet sich das „über mir“ nämlich gewaltig und da ist viel Leere. Damit muss ich erstmal klar kommen. Ich vermisse es sehr. So viele Menschen zu haben, die einen betreut und beschützt haben, war schön. Und jetzt fühle mich manchmal etwas hilflos, als jemand, um den sich kaum mehr gekümmert wird, sondern der ganze viele Menschen hat, um die er sich kümmern muss. Und ganz viele, von denen er sich verabschieden muss. Es ist eine merkwürdige Zeit und ich hoffe, dass es jetzt nicht immer so weiter geht, dass die Elterngeneration stirbt und dann gleich die Freunde anfangen. Aber vielleicht wird man ja auch etwas geübter im Abschiednehmen.


    Kommt alle gut durch die Hitze.

    Cildie

    Liebe Sverja und alle,


    ganz lieben Dank für deine Zeilen. Es hilft wirklich sehr hier zu schreiben und verstanden zu werden. Auch gut zu wissen, dass wir nicht die einzigen sind, bei denen es nicht ganz so gut klappt mit der Vorbereitung auf diese Zeit:-).

    Ja, ich glaube ich muss öfter hinfahren, um auch nicht immer so schockiert zu sein, wenn ich ihn sehe. Es fällt mir noch immer schwer, aber ich versuche auch die Schuldgefühle gehen zu lassen, das hilft ja weder mir noch meinen Eltern besonders viel. Es ist merkwürdig, wie viel bei so einem Abschied nochmal hochkommt. Eigentlich ist es auch gut, nur eben nicht so einfach.

    Ich war ganz überrascht, dass du gemeint hast, ich solle mir aufschreiben, wie ich Beerdigung und Abschiedsfeier haben möchte. Mein erster Impuls war, dass mir das ganz falsch vorkommt, so als würde ich mir seinen Tod wünschen. Aber sicher hast du Recht und im Kopf beschäftige ich mich schon eine Weile immer wieder damit. Vielleicht ist es gut, das aufzuschreiben.


    Vielen lieben Dank und dir eine ganz gut Zeit, du vermisst deinen Freund sicher sehr.

    Deine Cilde

    Hall ihr Lieben,


    ich hoffe es geht euch einigermaßen gut, vor alle, dir Sverja - ich habe gelesen, dass dein Freund gestorben ist. Das tut mir sehr leid. Auch wenn es schön war zu lesen, dass du bis zum Ende noch irgendwie bei ihm sein konntest.

    Mir geht es ganz gut. Zu meiner großen Überraschung hat mich Corona doch noch erwischt - ich dachte schon ich sei immun, aber zum Glück hatte ich einen sehr milden Verlauf. Trotzdem war ich die letzten zwei Wochen damit ganz schön beschäftigt, davor war viel in der Schule los und irgendwie habe ich mir gar keine Gedanken mehr um meinen Vater gemacht. Er ist irgendwie schon so weit weg. Und jetzt, nachdem ich wieder halbwegs fit bin, habe ich mir vorgenommen, nächste Woche nach Hause zu fahren und schon ist sie wieder da. Die Trauer, das schlechte Gewissen, meinen Vater doch so viel sich selbst zu überlassen und die Angst. Diesmal kam noch ein wenig Wut auf ihn dazu, dass er uns mit der ganzen Sache so allein gelassen hat. Er hat ja gern geplant, nur sein Ende, die absehbar kommende Zeit, wenn er nicht mehr für sich selbst sorgen kann, die hat er ausgelassen. Wenn ich ihn danach gefragt habe (Parkinson ist ja keine Erkrankung deren Verlauf ein Geheimnis wäre), dann meinte er, dann wolle er sterben. Ja, leider geht das ja im Augenblick noch nicht auf Bestellung. Und so weiß ich kaum, wie ich für ihn da sein soll. Die Besuche alle zwei Monate lassen mich immer wieder geschockt zurück und die Zeit ist zu knapp, um eine neue Nähe herzustellen, denn so wie früher ist er ja nicht mehr. Telefonieren kann er nicht und eine Weile habe ich ihm jede Woche eine Postkarte geschrieben, aber er versteht sie nicht mehr. Und so habe ich jedes Mal, wenn ich hinfahre, das Gefühl ihn im Stich zu lassen, denn die einzige Art, auf die ich noch für ihn da sein könnte, wäre physisch anwesend zu sein, ihm die Hand zu halten, ihn spazieren zu fahren, ihm vorzulesen. All das geht nicht und da er nie darüber gesprochen hat, weiß ich nicht, wie ich für ihn da sein kann, was er sich wünschen würde. Er hat immer klar gemacht, dass es meine Verantwortung sein wird, am Ende die Entscheidungen zu treffen. Aber ich weiß gar nicht mehr welche Entscheidungen, er wollte ja nichts von dieser Zeit wissen. Auch nicht von der Zeit danach. Als ich ihn einmal gefragt habe, wie er beerdigt werden möchte, meine er, es sei ihm egal, wo seine sterblichen Überreste landen würden.

    Und so fällt mir das alles sehr schwer. Hinzufahren, ihn so zu sehen, ihn an diesem Ort zu sehen, an den er nie wollte und nicht zu wissen, wie ich ihn noch etwas Gutes tun kann oder zu wissen, wie ich für ihn da sein kann. Wenn ich hier bin, 400km weit weg, dann ist es, als gäbe es ihn schon nicht mehr. So schlimm das auch klingt. Aber dann fahre ich hin und er ist noch immer da, irgendwie, aber in keiner Weise mehr, die ich kenne. Ich wünschte ich würde da einen Zugang finden.


    Liebe Grüße an euch

    Cildie

    Liebe Sandra,


    es tut mir schrecklich leid zu lesen, dass dein Papa so plötzlich gestorben ist. Ich kann viele Teile deines Berichtes sehr gut nachvollziehen. Vor allem, dass es dich so zerreißt zwischen deiner Mutter, deinen Kindern und wahrscheinlich auch noch der Arbeit. Es hört sich ein wenig an als versuchtest du die Lücke zu füllen, die dein Vater hinterlassen hat. Und das klingt sehr anstrengend. Und dabei kostet Trauer sowieso schon so viel Kraft.

    Mein Vater ist noch nicht gestorben, aber er ist mittlerweile so schwer dement, dass er irgendwie gar nicht mehr da ist. Als er immer mehr in seine eigene Welt abrutschte, war für mich auch das schwerste, dass ich einen Fixpunkt verloren habe, der immer da war, wie eine Hand im Rücken, gegen die ich mich lehnen konnte. Ich fand es ganz schön schwer selbst zu stehen:-(. Wenn das so plötzlich und unerwartet passiert, muss es noch viel schlimmer sein, zumal es so klingt, als wäre dein Vater ein ganz wichtiger Teil eures täglichen Lebens gewesen. Er klingt übrigens toll. Es ist immer total schwer in so einer Situation etwas zu raten, aber vielleicht nur: Nimm es ernst, dass du dich grade so zerrissen und erschöpft fühlst. Du versuchst in einer schweren Trauerphase noch für andere da zu sein, das ist wahnsinnig anstrengend. Vielleicht schaffst du es, dir Zeit für dich zu nehmen. Ich weiß, das klingt manchmal wie eine Phrase, aber jeder braucht Zeit zum Trauern, das ist ein ganz schön heftiges Gefühl.


    Ganz liebe Grüße

    Cildie

    Liebe Pia, liebe Sonnenschein und liebe Sverja,


    ganz lieben Dank für eure Antworten und entschuldigt, dass ich immer so langsam mit dem Antworten bin. Pia, ich konnte deine Zeilen richtig nachfühlen. Immer wenn ich zu Hause bin, schaue ich aus dem Küchenfenster und erwarte dass mein Vater und mein Onkel im Garten sind. Es ist komisch, dass sie das nie mehr sind, sie gehören irgendwie dahin. Und Sonnenschein, es tat mir leid zu lesen, dass der Garten dich auch traurig macht, aber ich kann es verstehen. Es ist so merkwürdig, wenn etwas noch da ist, aber der Mensch, dem es so viel bedeutet hat nicht. Ich verstehe dich aber auch, dass du es nicht aufgeben möchtest. Ich weiß gar nicht, warum ich grade so viel im Garten bin - ich glaube es fühlt sich an wie eine Verbindung, vielleicht ist es bei dir auch so.

    Sverja, es war schön wieder von dir zu hören. Wie geht es deinem Seelenfreund? Es hört sich ja leider nicht so an, als würde es ihm so gut gehen wie erhofft. Umso mehr habe ich mich über deine Zeilen gefreut. Danke für den Tipp mit den Tomaten, da wüsste ich ja schon mal, was dieses Jahr schief gegangen ist:-). Ich hoffe mal, die Pflänzchen überleben es. Wenn nicht, bin ich nächstes Jahr klüger. Es ist spannend, dass du auch Pflanzen mit bestimmten Personen verbindest, das ist bei mir auch so:-). Was meinst du mit "der Garten ist in den ersten zwei Jahren mit Trauer besetzt?" - dass er uns dann zu sehr an die verschwundenen Personen erinnert? Das kann ich mir vorstellen. Ich bin sehr gern dort, aber ich werde dort auch immer traurig. Insgesamt finde ich das gut. Ich bin oft so darauf trainiert im Alltag zu funktionieren, dass ich die Trauer manchmal gar nicht zulasse. Sie kommt dann trotzdem, aber als schlechte Laune oder Kopfschmerzen. Im Garten komme ich zur Ruhe und dann kommt auch die Trauer. Ich hoffe aber, dass irgendwann auch die Freude überwiegt...wie bei dir in deinem schwedischen Garten.


    Liebe Grüße und gute Gedanken an euch alle

    Cildie

    Hallo ihr alle,


    ich hoffe es geht euch einigermaßen gut, besonders dir Sverja und deinem Freund. Mich erwischen die Trauerwellen grade nicht mehr so regelmäßig, aber wenn, dann doch recht heftig. Manchmal bin ich dann, wie jetzt grade, einfach völlig unfähig etwas zu tun, weil ich so traurig bin. Die komischsten Sachen lösen das aus.

    Meine Eltern haben einen großen Garten an ihrem Haus. Mein Vater und mein Onkel haben ihn halbprofessionell bewirtschaftet und in manchen Dingen waren wir Selbstversorger: Äpfel, Apfelsaft, Kartoffeln, Tomaten (in Form von Tomatensauce), Bohnen, Saure Gurken, Marmelade und Beeren in allen heimischen Formen reichten immer fürs ganze Jahr. Im Frühjahr und Sommer war es manchmal ein wenig viel (niemand kann täglich Gurkensalat, Kopfsalat und 10 Tomaten pro Kopf essen), aber eigentlich war es toll, was ich als Kind natürlich null zu schätzen wusste. In den letzten Jahren ist es durch die Krankheiten von meinem Vater und Onkel immer weniger geworden. Aber Tomaten gab es bis ganz zum Schluss. Letztes Jahr hat sie mein Vater noch angesäät, aber um sie auszupflanzen, ging es ihm dann zu schlecht. Das habe ich zum ersten Mal gemacht, während meine Tante die von meinem Onkel setzte. Dieses Jahr gibt es keine Tomaten mehr. Mein Onkel ist tot und mein Vater im Pflegeheim. Als ich das letzte Mal zu Hause war habe ich deshalb ein Samentütchen mitgenommen. Sieben Pflanzen sind tatsächlich gekommen und grade habe ich sie hier in den Garten gepflanzt. Sie sehen nicht so robust aus, wie die, die mein Vater und mein Onkel gezüchtet haben. Irgendwie sind sie ein wenig hellgrün. Mein Vater wüsste genau, was sie jetzt bräuchten, aber ich hoffe einfach mal, dass sie auch so überleben (mit Ertrag rechne ich jetzt mal noch nicht:-)). Aber irgendwie hat mich so traurig gemacht. Ich hätte es schön gefunden, wenn er mir gezeigt hätte, was ich mit den Tomaten machen soll. Aber als ich jünger war, habe ich mich überhaupt nicht für Gartenarbeit interessiert (das lag sicher nicht daran, dass uns Kindern immer des Unkrautjäten zugewiesen wurde) und in den letzten Jahren, in denen ich es gern mache, geht es meinem Vater nicht mehr gut. Es ist als wäre da etwas abgerissen, was zusammengehören sollte. Mit meinem Vater und meinem Onkel ist so viel Wissen verschwunden. Und ich kann ihn auch nicht mehr fragen, er lebt mittlerweile gar nicht mehr in der gleichen Welt wie wir.

    Neulich war ich auf einer Lesung und der Autor sprach von "uneindeutigen Verlusten", also von Dingen, die verloren gehen, aber eigentlich noch da sind. Der Verlust meines Vaters fühlt sich grade so an. Er ist noch da, aber in keiner Art und Weise mehr, die ihn als Menschen ausgemacht hat. Das ist furchtbar verwirrend und gleichzeitig eben auch total traurig.


    Ich glaube mein Text heute war auch recht verwirrend.

    Danke fürs Lesen

    Cildie

    Liebe Lisajordanx,


    es tut mir so leid zu lesen, was mit deinem Papa passiert ist. Ich verstehe deine Schuldgefühle, wir hatten sie letzten Jahr auch als meine Schwiegermutter starb und auch niemand den Rettungsdienst rief, bis es zu spät war. Ich glaube das, was Hedi sagt stimmt, Schuldgefühle gehören oft zur Trauer. Vielleicht, weil das, was passiert ist so unumkehrbar ist. Letztlich wusste aber nur dein Vater selbst, wie es ihm geht - er wäre dir sicher nicht böse.


    Viele liebe Grüße

    Cildie

    Liebe Sverja, lieb, dass du sogar jetzt noch an uns denkst. Ich hoffe dein Freund, deine Tochter und du kommt so gut wie möglich durch die nächste Zeit.


    Liebe Grüße

    Cildie

    Liebe Sverja und alle,


    Sverja, es war wirklich spannend die Zeilen zu deiner Familiengeschichte zu lesen. Danke! Du hast Recht, wann immer ich Geburtsjahre zwischen 1890 und 1925 lese, denke ich "Oh Gott". Das muss einfach eine schreckliche Zeit gewesen sein. Weltkrieg, Hunger, politisches Chaos, Pandemie, Inflation, Diktatur und dann noch ein Krieg. Ich kann mir vorstellen, dass deine Eltern sich als "betrogene Generation" empfunden haben. Wenn ich an mein Aufwachsen denke - mit ein paar Wellen zwischendurch - eigentlich 40 Jahre Frieden, gedeckte Tische und Fürsorge von allen Seiten. Ich glaube das einzige, was uns wirklich belastet (neben Trauer, Tod und allem was das Leben so mit sich bringt), ist das Gefühl, ungewollt Mitschuld zu tragen, an vielen elenden Dingen auf der Welt. Ich wünsche mir, dass das irgendwann mal besser ist. Dass ich keine Bilder von verhungernden Kindern mehr sehen muss und überlegen muss, dass meine Tochter heute wieder ihr Frühstücksbrot aus der Schule zurückgebracht hat, weil sie eigentlich immer satt ist und dann nur den Belag isst. Und wie unfair es ist, dass es ihr so gut geht und anderen Kindern so mies. Vielleicht wird das irgendwann - deine Eltern scheinen ja auch schon diese Vision von einer friedlichen Welt gehabt zu haben, das ist schön!

    Ich hoffe es wird irgendwann mit der friedlichen Welt. Im Augenblick gibt es so viele Dinge, die mir neben der ganzen Verzweiflung Hoffnung machen. Im Zweiten Weltkrieg hatte man noch verloren, wenn man zufällig als Deutscher in England oder als Russe in Deutschland lebte. Die meisten machten keinen Unterschied: Feind ist Feind. Heute berichten nur ganz wenige russische Schüler von mir von Anfeindungen. Solange sie ihre Putin-Shirts auslassen, wird akzeptiert, dass der Krieg, den ihr Land führt und ihre Meinung zwei unterschiedliche Dinge sind. Oft sind sie ja genauso unglücklich über die Entwicklungen wie wir. Daran hoffe ich Fortschritt zu sehen und halte mich ein Stück daran fest.

    Wenn mein Vater noch verstünde was passiert - ich glaube es würde ihm große Angst machen. Der Zweite Weltkrieg war eine Katastrophe für seine Familie, in der sie viel verloren. Meine Großmutter hat sich davon wohl nicht mehr erholt. Vielleicht hätte er Angst, dass es wieder beginnt? Ich kann es nicht sagen, aber ich hoffe, dass wir uns ein wenig weiterentwickelt haben. Mal schauen.


    Liebe Grüße

    Cildie

    Ich muss auch mittlerweile meine Mama trösten und beruhigen, weil sie angesichts der Weltlage regelrechte depressive Tage hat, so kenne ich sie nicht und ich fühle mich gerade selbst überfordert und aufgewühlt angesichts Corona und Krieg und noch dazu alltäglichen Anforderungen und Sorgen.

    Liebe Pia,


    es tut mir leid, dass du zu all deinen anderen Sorgen auch deine Mama noch trösten musst. Ich weiß nicht, welcher Jahrgang sie ist, aber meine Tante, die während Corona immer sehr entspannt geblieben ist, hat der Krieg sehr nervös gemacht. Sie erinnert sich plötzlich wieder an Bombennächte im Keller. Ich hoffe ihr kommt irgendwann zu einem Ort, an dem ihr nicht mehr so aufgewühlt seid. Es ist grade echt viel, vor allem, wenn man noch traurig ist, was ja auch viel Kraft braucht.


    Liebe Grüße

    Cildie

    Liebe Sverja, liebe Pia und liebe Sonnenschein7,


    ganz lieben Dank für eure Antworten. Ich finde es, in all dem Schlimmen grade, so schön, dass ich hier sein darf, weil ich hier ein wenig traurig sein darf und niemand sagt: „Denk doch einfach mal an etwas anderes.“ Statt dessen denke ich oft, wie schön es wäre, wenn die Welt schon so weit wäre, dass wir auch einfach mal traurig sein könnten und nicht immer erwartet würde, dass wir das im Privaten ausmachen. Eure Antworten haben mich sehr berührt. Danke. Ich finde es schön zu wissen, dass ihr auch eure Liebsten und das Gespräch mit ihnen vermisst. Und du hast Recht Sverja - hier zu schreiben, hilft einen kleinen Schutzmantel zu haben - man fühlt sich nicht mehr so einsam:-).

    Ich glaube nämlich das ist es, was mir am meisten zu schaffen macht. Ich fühle mich so einsam und komme mir gleichzeitig komisch vor, denn ich habe einen netten Mann, zwei tolle Kinder und gute Freunde. Aber trotz Allem war meine Familie wohl doch das Zentrum meines Lebens und ich habe in den letzten Jahren viel Zeit damit verbracht sie festzuhalten, obwohl sie eigentlich schon wegglitt. Heute denke ich…was für eine Kraft- und Zeitverschwendung, zu hoffen, dass etwas so bleibt wie es ist, nur weil man nicht sehen will, dass es endet. Aber ich habe die Zeit wohl gebraucht, um hierher zu kommen. Und jetzt puzzle ich mir langsam ein neues Bild von mir selbst zusammen. Das ist gar nicht so leicht, aber ich hoffe, dass es vielleicht doch gut gelingt und ich etwas weniger ängstlich bin.


    Liebe Grüße

    Cildie

    Liebe Sverja und alle,


    schön von dir zu hören, Sverja und vor allem schön, dass du auf dem Weg der Besserung bist! Ich freue mich immer von dir zu hören:-).

    Ich finde die Zeiten grade auch überhaupt nicht entspannt und irgendwie lassen die Weltereignisse mich meinen Vater und meinen Onkel mehr vermissen. Es ist so merkwürdig, dass die Menschen, dir mir ein Leben lang meine Welt erklärt haben, plötzlich nicht mehr an ihr teilhaben. Und noch merkwürdiger ist es, dass die Welt gar nicht so richtig merkt, dass sie fehlen. Ich habe früher oft gelesen, dass jemand nach dem Verlust eines geliebten Menschen fassungslos war, dass die Welt einfacher weiter machte - jetzt kann ich das ein wenig verstehen.

    Mein Vater war das, was man wahrscheinlich meinungstark nennen würde. Das heißt, er hatte zu den meisten Dingen eine Meinung oder war zumindest interessiert daran. Wenn er sich ganz sicher war etwas zu wissen, konnte er auch sehr nachdrücklich werden. Ich fand immer, dass die Geschichte, wie er beim Mittagessen mit Arbeitskollegen den Finger so nachdrücklich auf den Tisch hauen wollte, dass er sich einen langen Holzsplitter unter den Fingernagel zog, das schön illustrierte:-). Aber er war niemand mit unbegründeten Meinungen. Wir haben uns furchtbar gestritten, in meiner Teenagerzeit. Und was ich am schlimmsten fand war, dass ich seine Ansichten nicht einfach blöd finden konnte. Sie waren zu gut begründet. Meine (da ich 15 war), eher nicht. Er hat mich gelehrt, keine Angst vor Diskussionen zu haben, andere Meinungen zu prüfen und aber auch anzuerkennen, wenn sich jemand anderes einfach viel besser auskennt. Und er hat immer eigenständig nachgedacht. Es war immer interessant sich mit ihm zu unterhalten. Obwohl er viel konservativer war als ich, konnte ich seine Ansichten oft nachvollziehen. Er war Naturwissenschaftler, aber so breit interessiert, dass ich erst am Ende meines Geschichtsstudiums wirklich mehr über Geschichte wusste als er.

    Heute vermisse ich seinen Input so sehr. Ich habe nicht in Allem mit ihm übereingestimmt, aber er war mein Radar. Jemand, der immer interessante, eigenständige Betrachtungen einfließen ließ und an dem ich überprüfen konnte, ob meine eigene Sicht etwas taugte. Wenn er sie in fünf Minuten zerlegt hatte, musste ich wohl besser nochmal nachdenken. Ich würde mir wünschen, dass er heute etwas zum Russland-Ukraine-Konflikt sagen könnte. Wie würde er das bewerten? Was würde es in ihm wachrütteln? Würde er denken, dass es von Dauer ist oder ein letztes Aufflammen eines autoritären Regimes?

    An manchen Tagen fühlt es sich so an, als seien die letzten zwei Jahre eine Zäsur gewesen. Einige meiner Kollegen meinen es werde nie wieder "so wie früher". Vielleicht ist das so. Für mich wird das durch das Gefühl, dass meine Eltern kaum noch zu dieser Welt gehören, verstärkt. Als würde sich die Welt in eine teilen, die ich mit meinen Eltern zusammen erlebt habe und in die, in der wir grade leben. Bisher, muss ich sagen, reißt mich das hier nicht zu Begeisterungsstürmen hin.

    Vielleicht fühlt man sich so allein, wenn die Eltern sterben. Aber ist trotzdem schrecklich traurig. Ich würde so gern mit meinem Vater reden. Das haben wir immer getan. Aber wenn ich ihn besuche, sitzt er mir gegenüber. Seine Augen gleiten über mich hinweg, schauen mit manchmal ängstlich an. Dann ist er wieder verwirrt und ich merke, wie ihm das viele, das er nicht mehr versteht, Angst macht. Dann versuche ich ihn zu trösten und denke, dass ich grade so viele Menschen tröste. Meine Kinder, wenn sie sich weh getan haben, meinen Mann, der um seine Mutter trauert, meine eigene Mutter, die noch immer Schuldgefühle hat, weil mein Vater im Heim ist und meinen Vater. Nur die, die mich immer getröstet haben und mir Sicherheit gegeben haben, sind weg.

    Sverja, du hast irgenwann mal von einem Schutzmantel geschrieben, den man sich nach und nach strickt. Ich glaub meiner ist noch etwas löchrig:-). Und hätte mir vor ein paar Jahren jemand erzählt, wie schmerzhaft das Leben sein kann, ich hätte es kaum geglaubt.


    Ich wünsche euch allen einen guten Abend!

    Liebe Grüße

    Cildie

    Danke lieber Sverja, und die lieben Gedanken zurück an dich. Ich habe gelesen, dass du hingefallen bist und dich verletzt hast. Ich hoffe es ist besser. Liebe Grüße!

    Liebe Sverja, danke für den Tipp und dir und Kikiro für die Initiative. Schön, dass es so einen Ort gibt. Ich lese gleich mal:-).


    Liebe Grüße

    Cildie