Posts by Cildie

    Hallo ihr alle,


    ich habe ein heftiges Wochenende hinter mir. Am Wochenende bin ich zu meinen Eltern gefahren und musste meinem Vater sagen, dass er ins Heim muss und, fast gleichzeitig, dass sein Bruder gestorben ist. Als ich danach wegfuhr und ihn zurückließ (er war in Kurzzeitpflege), hatte ich das Gefühl, dass ich mich an das Bild von ihm in dem großen leeren Zimmer für immer erinnern werde. Ich hoffe, dass es nicht so ist.

    Am Montag haben wir ihn dann ins Pflegeheim begleitet, das zum Glück von sehr, sehr netten Menschen geführt wird. Sie geben sich solche Mühe und trotzdem ist es für ihn sicher nicht schön. Und das schwierigste ist, dass es ihm körperlich jetzt besser geht. Er ist dort sehr gut versorgt und tatsächlich etwas fitter als zu Hause, wo meine Mutter am Ende wohl doch etwas überfordert war. Und dadurch tritt jetzt mehr zu Tage, was er eigentlich bräuchte: mehr Ansprache, mehr Zuneigung, mehr Begleitung. Und meine Mutter ist zwar da und kommt jeden Tag, aber ich wünschte, wir könnten es noch angenehmer für ihn machen, ihm nicht das Gefühl geben dass er dort so allein ist. Aber mit 400 km zu mir und 300 km zu meiner Schwester ist das schwierig. Das macht es wirklich schwer, das Gefühl ihn allein zu lassen. Aber vielleicht ist es einfach so: Es gibt nicht immer gute Lösungen in solch einer Situation. Auch wenn mich das traurig macht.

    Liebes Linchen,


    ja, absolut unbeschwert ist vielleicht ein wenig viel verlangt :|. Aber ich habe den Eindruck, dass es anders aber auch gut sein kann - das hoffe ich für uns alle.


    Liebe Grüße

    Cildie

    Liebes Linchen,


    vielen Dank für deine Zeilen. Ja, ich fürchte auch, das ist grade so eine Phase:-(. Es tut mir leid, dass es für dich schon so lange geht. Ende letzter Woche hatte ich mal einen Nachmittag, da war klar, dass mein Vater ins Heim kommt und ein wenig Erleichterung machte sich breit, der Tod meiner Schwiegermutter war schon eine Weile her und, dass es meinem Onkel so schlecht geht, war mir noch nicht klar. Da ging es mir einen halben Tag lang plötzlich mal wieder richtig gut. Ich war fröhlich, hatte Energie und sogar abends noch echt Lust etwas zu machen. Da hab ich gedacht, wie krass...so hat sich das früher immer angefühlt. Und jetzt ist grade alles so anstrengend und traurig. Ich hoffe echt, dass es irgendwann mal besser wird. Ich meine, es ist nicht mehr unerträglich, wie am Anfang - aber gut ist echt war anderes. Ich wünsch dir, mir und uns allen, dass es irgendwann mal wieder einfacher wird.


    Liebe Grüße

    Cildie

    Hallo ihr alle,


    ich hoffe es geht euch den Umständen entsprechend gut. Ich habe wieder lange nicht geschrieben - der Alltag hatte mich ganz schön im Griff. Mittlerweile haben wir fest entschieden, dass mein Vater in eine Pflegeheim kommen wird, was mich sehr erleichtert. Am Montag fahre ich hin, um ihn ins Heim zu bringen. Ich hoffe er wird es gut verkraften.

    Jetzt habe ich vor ein paar Monaten hier begonnen zu schreiben, weil ich traurig wegen meines Vaters bin. Und plötzlich sterben andere Menschen. Erst meine Schwiegermutter im Sommer und heute mein Onkel. Er ist der Bruder meines Vaters und da meine Eltern mit ihm und seiner Familie in einem Haus gewohnt haben, bin ich mit ihm aufgewachsen. Wir hatten kein enges Verhältnis, dafür war er zu wortkarg, aber ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der er nicht da war. Gefühlte Stunden am Gartenkaffeetisch jeden Sommer - mein Vater, meine Tante und ich in erhitzen Diskussionen, während mein Onkel sich gemütlich die Pfeife stopfte, sein faltiges Gesicht amüsiert verzog und sich dann zurück lehnte. "Du glaubst es nicht" hat er immer gesagt und "hmm..." ich glaub das war seine häufigste Lautäußerung. Ich bin heute furchtbar traurig. Ich weiß, dass es besser für ihn war. Er war 81, hatte ein schwaches Herz und COPD und als ich das letzte Mal zu Hause war, war es echt gruselig ihn husten zu hören. Aber dass er jetzt gleich stirbt...das hatte ich nicht auf dem Schirm. Ich glaube ich war zu beschäftigt mit der Trauer um meinen Vater und meine Schwiegermutter, um daran zu denken, dass er nicht mehr lange da sein könnte. Mein Vater ist schon so lange krank und seit ca. fünf Jahren auch so krank, dass es sein Leben wirklich einschränkt. Ich weiß noch, wie ich oft ein wenig neidisch gedacht habe, dass mein Onkel, der der ältere Bruder ist, so fit ist. Dann, zu Beginn des ersten Lockdowns, hat der Hund meiner Cousine ihn beim Spazierengehen umgezogen und er zog sich einen komplizierten Bruch am Knöchel zu. Das hieß Krankenhaus, Liegen und danach wurde es irgendwie nicht mehr besser. Letzten Monat ist dann ins Krankenhaus gekommen, um einige Untersuchungen konzentriert machen zu können - und da haben sie ihn nicht mehr richtig fit bekommen. Als er wieder heraus kam, hatte er sieben Kilo abgenommen (ich frag mich wo, er war eh schon so dürre) und konnte nicht mehr laufen. Gestern hat er dann aufgehört zu essen. Heute Nacht ist er gestorben.

    Ich weiß noch, wie wir irgendwann im Winter 1989/90 alle draußen auf der Straße standen und einem Auto voll mit Westverwandtschaft nachwinkten. Während wir Kinder die vielen Besuche total spannend fanden, war es für Erwachsenen wohl ganz schön anstrengend - zumindest machte sich auf ihren Zügen Erleichterung breit, als das Auto um die Ecke bog. Mein Onkel stand neben mir, hatte die Hand noch erhoben und sah, wie ich, ein weiteres Auto mit westdeutschen Kennzeichen um die Ecke biegen - diese Autos wollten immer zu uns. "Du glaubst es nicht" sagte mein Onkel, so resigniert, dass ich anfangen musste zu kichern. Für uns waren das so spannende Zeiten. Ich weiß nicht wie die Erwachsenen es empfunden haben. Aber wenn ich mir überlege, wie anstrengend die Coronakrise mit Familie war, denke ich - das muss heftig gewesen sein. Sie haben uns Kinder da gut durch gebracht. Und ich bin so dankbar, dass da mehrere Erwachsene in meinem Leben waren, die sich gekümmert haben, die sich geholfen haben und zu denen ich gehen konnte, wenn ich etwas brauchte. Ich wünsche das meinen Kindern eigentlich auch. Aber vermutlich geht das allen so, die ihre Kindheit positiv empfunden haben - dass sie sich das für ihre Kinder wünschen. Trotz seiner Grummeligkeit bin ich meinem Onkel sehr dankbar, dass er mein Fahrrad repariert hat, dass er mich nachts abgeholt hat, dass er (fast) klaglos den Kotflügel am gemeinsamen Auto auswechselte, wenn ich ihn mal wieder vor den Pfosten gesetzt hatte und für mein Matheabitur, das ich ohne ihn niemals geschafft hätte. Für die vielen abendlichen Hausaufgabenhilfen in der Oberstufe, für die Schaukelreperaturen, für die Genauigkeit mit der er alles machte, die meinem Vater und mir so abging, für sein Wissen, für seine endlose Geduld, für seine Liebe zu unseren Hunden und seine Grummeligkeit, die mich gelehrt hat, dass ich davor keine Angst haben muss.


    Er war einfach immer da, mit einer Selbstverständlichkeit, die mich nie hat darüber nachdenken lassen, dass er irgendwann sterben könnte. Und ich dachte immer, es ist so toll, so viele Menschen in meinem Leben zu haben. Ich hatte nicht daran gedacht, dass viele von ihnen irgendwann sterben werden. Mein Leben ist grade so von Trauer durchtränkt - ich weiß manchmal gar nicht mehr, wohin ich mich wenden soll. Es tut einfach grade alles sehr weh.

    Liebe Sverja, liebes Linchen,


    vielen Dank für eure Antworten, die beide auf ihre eigene Art gut tun. Zu wissen, dass es irgendwann eine neue Sicht aufs Leben geben kann ist schön und irgendwie ist es aber auch tröstlich zu wissen, dass andere ebenso mit der Trauer zu kämpfen haben, wie man selbst.

    Ich habe neulich mal gelesen, man solle "das Gute mit dem Schlechten nehmen". Ich habe es so verstanden, dass, wenn möglich, beides Raum haben sollte - die Trauer, aber auch die schönen Momente. Ich würde mich freuen, wenn ich das schaffen könnte:-).


    Gestern war die erste große Familienfeier ohne meine Schwiegermutter. Kurz davor hat es mich nochmal richtig erwischt, der ganze Schock, dass sie so plötzlich gestorben ist, kam hoch und mir ging es einen halben Tag nochmal richtig schlecht. Seitdem ist es aber etwas besser, was erleichternd ist. Trotzdem war die Feier merkwürdig. Die Großmutter meines Mannes hat ihren 100. Geburtstag gefeiert und ich glaube so viele haben daran gedacht, dass seine Mutter nur 64 geworden ist. Da ist es wieder, das Schöne und das Traurige beisammen.


    Dann habe ich heute früh mit meiner Mutter telefoniert, die schon wieder damit hadert, meinen Vater für zwei Wochen in Pflege zu geben, obwohl sie selbst wirklich am Ende mit ihren Kräften ist. Sie hat mir dann erzählt, dass beide meiner Onkel grade im Krankenhaus sind. Einer hatte gestern einen Herzinfarkt (zum Glück sieht es ok aus), der andere musste in die Klinik, weil seine Sauerstoffsättigung so schlecht ist (er hat COPD). Das kam (bis auf meinen Vater) alles so plötzlich - die Geschwister haben es gut bis 80 geschafft und jetzt brechen sie auf einmal alle gleichzeitig weg. Das ist ganz schön hart. Mit einem Onkel bin ich aufgewachsen, er hat bei uns im Haus gewohnt, zum anderen habe ich kein enges Verhältnis, aber er war eben trotzdem immer da und ich weiß, wie schlecht es meinen Cousinen gehen wird, wenn er stirbt. Grade hadere ich mit der geballten Ladung Abschied, die über mich hinweg rollt. Wäre es nicht möglich, wenigstens ein paar Jahre dazwischen zu haben? Muss das so zusammen kommen? Aber vermutlich ist es einfach so. Und bisher hatten wir großes Glück und sind verschont worden. Trotzdem nicht einfach.


    Ich hoffe du, Sverja hast eine wunderschöne Zeit mit deiner Familie und Linchen - danke für deine Wünsche und dir auch ganz viel Kraft

    Viele Grüße

    Cildie

    Liebes Linchen,


    oh man, da hast du ja auch einen Weg hinter dir:-(. Es tut mir leid, dass du deine Mama irgendwie auf Raten und dann doch offenbar plötzlich verloren hast. Du machst mir ja keinen großen Mut, dass das in der nächsten Zeit besser wird - aber es ist ja eine große Sache, die Mama oder der Papa. Bist du denn schon ein Stück weiter gekommen oder ist noch immer so schwierig wie am Anfang?


    Liebe Grüße

    Cildie

    Hallo ihr Lieben,


    irgendwie ist heute der Tag, an dem ich hier schreiben muss. Die letzten zwei Wochen waren so intensiv, da war kein Platz für Trauer und heute hatte ich zum ersten Mal Zeit, da hat es mich gleich voll erwischt.

    Ich verabschiede mich ja schon seit einer Weile von meinem Vater, damit hatte ich immer irgendwie gerechnet. Womit ich aber nicht gerechnet hätte, war, dass es auch einen Abschied von der Familie bedeutet, die wir waren. Wir waren eine tolle, enge Familie und eigentlich dachte ich - gut, mein Vater ist krank, aber wir anderen drei werden noch immer da sein, uns stützen und gemeinsam erinnern. Und so ist es gar nicht. Meine Mutter ist nur noch mit der Pflege für meinen Vater beschäftigt und meine Schwester und ich, die in zwei verschiedenen Städten wohnen, wechseln uns mit Heimfahren ab, damit möglichst oft jemand da sein kann. In den letzten 1,5 Jahren habe ich meine Schwester so einen Nachmittag gesehen und meine Mutter nur im absoluten Stresszustand. Eigentlich sind wir alle nur noch im Stresszustand, seit fast vier Jahren. Das ist irgendwie nicht ok so. Und ich merke, wie wir alle total darunter leiden. Da verliert man, zusammen mit dem Kranken, auch noch alle anderen dazu.

    Und ich weiß, ich bin Mitte 40, habe eigene, tolle Kinder und trotzdem fällt es mir so schwer, mich von meinen Eltern und der Familie, aus der ich komme, zu verabschieden. Das ist, als würde ein ganzes Stück von mir Wegbrechen. Da gibt es Dinge, die haben nur wir miteinander erlebt, Witze, die nur wir verstehen und Rituale, die es nur bei uns gibt. Das ist, als würde ich von einem großen Stück von mir Selbst tschüss sagen und gleichzeitig geht eine Gewissheit - dass diese Menschen immer für mich da sein werden.

    Vermutlich heißt das Erwachsenwerden - dass man wirklich ein Stück weit auf sich selbst gestellt ist. Erwachsenwerden macht grade nicht so doll Spaß. Was soll das denn ersetzen - die Familie, die dich 40 Jahre begleitet hat? Bleibt da einfach immer ein Loch und das Leben ist jetzt einfach immer ein bisschen blöder? Immer ein wenig unsicherer? Oder heißt es einfach sich darauf einzustellen, dass nichts von Dauer ist? Lebt man da irgendwann wieder gut mit?

    Ich glaube, ich brauche wirklich mal wieder etwas Gutes. Mein ehemals toller Job hat sich in den letzten Jahren in einen bürokratischen Alptraum verwandelt, seit wir eine neue Chefin haben, mein netter Mann ist grade (verständlicher Weise) einfach nur traurig, Freunde habe ich durch Corona nicht so viele gesehen und meine Familie in der Heimat...na ja. Vielleicht gibt es so Zeiten im Leben, in denen alles blöd ist. Ich war offenbar sehr glücklich und sehr verwöhnt, bisher. Ich hoffe echt, das geht irgendwann vorbei.


    Liebe Grüße

    Cildie

    Liebe Sverja,


    es tut mir leid - die Autokorrektur hat mal wieder deinen Namen verschlimmbessert. Lieben Dank für deine Worte. Ja, ich glaube dieser Kampf, der hat mich damals krank gemacht und deshalb macht er mir jetzt solche Angst. Ich habe heute früh gedacht, ich würde die Verantwortung so gern an die beiden Zweifler abgeben. Aber wie denn? Der neue Sohn meiner Schwester ist grade mal eine Woche alt und meine Mutter hat wirklich genug zu tun. Aber danke, dass du sagst, dass ich das schaffe. Ich hoffe es. Ich merke, dass ich mit meinen Gedanken so sehr dort bin. Und eigentlich wäre ich gern hier, bei meinen Kindern, die nur einmal so cool und toll sind, wie sie jetzt grade sind.

    Oh man, und dann wünsche ich mir manchmal, dass es vorbei ist. Und dann fühle ich mich wieder richtig schrecklich, dass ich so etwas denke. Ihr alle würdet so viel dafür geben, wenn ihr nochmal mit euren Angehörigen sprechen könntet, aber es ist echt hart. Ich möchte ihn nicht so in Erinnerung behalten. Krank, gebeugt und merkwürdig riechend und sabbernd. Er hat immer so sehr auf sein Äußeres geachtet, es war ihm so wichtig fit und tatkräftig zu sein und ich kenne keinen Menschen, der so einen scharfen Verstand hatte, wie mein Vater. Ich vermisse die Unterhaltungen mit ihm so sehr. Diese Krankheit hat ihm alles genommen. Es gibt sicher schlimmere Krankheiten, mit größeren Schmerzen, aber auf ihre Art ist Parkinson furchtbar: schleichend aber unaufhaltbar zerstört sie alles, aber sie tötet den Menschen nicht, sondern lässt ihn weiterleben, in einem Zustand, den sich niemand wünschen würde.

    Vielleicht wäre es besser, wenn ich dort wäre. Jeden Tag ein wenig helfen könnte, aber hier aus der Ferne, bin ich so hilflos und wenn wir da sind ist es jedes Mal ein Schock.


    Ich hoffe du hast Recht und ich schaffe das "gut".


    Ich freue mich sehr, dass du bald deine jüngste Enkelin sehen darfst :-). Das ist so schön, die Menschen zu sehen, die wichtig sind. Ich wünsche dir eine gute Reise und freue mich, dass es dir im unüblichen Sinne gut geht. Dir auch ganz viel Kraft.


    Viele Grüße

    Cildie

    Liebe Linchen1,


    vielen Dank für deine Antwort. Es ist so merkwürdig, dass ihr hier manchmal Dinge auf den Punkt bringt, die ich selbst nicht so verstehe - ja, ich wünsche, mir, dass ich mich aufs Abschiednehmen konzentrieren kann, denn das ist an sich schon so anstrengend. Danke, ich nehme deine Worte und dein Mitgefühl mit, wie einen kleinen Schatz:).

    Hallo ihr alle,


    ich hab mich eine Weile nicht mehr gemeldet. Die Arbeit, Schuleinführungen und die alles, was durch den Tod meiner Schwiegermutter erledigt werden musste, hatte mich fest im Griff. Langsam wird es ein wenig ruhiger und ich kann mich wieder mit dem beschäftigen was von zu Hause kommt. So richtig gut ist es nicht. Meinem Vater geht es schlechter und meine Mutter ist immer mehr überfordert. Und ich habe das Gefühl, seine Krankheit hat mir die ganze Familie genommen. Meine Schwester und meine Mutter sind sich sehr ähnlich. Und obwohl ich sie sehr gern habe, ist es anstrengend, dass es ihnen so schwer fällt, Entscheidungen zu treffen. So waren es immer mein Vater und ich, die das getan haben. Jetzt ist mein Vater eigentlich nicht mehr da (das fühlt sich immer so gemein an, das zu schreiben) und die beiden fänden es, glaube ich gut, wenn ich Entscheidungen treffe. Aber wenn ich das mache, dann finden sie sie nicht gut. Ich fühle mich so allein. In dem halben Jahr Pflegezeit, das ich mir genommen hatte, habe ich ganz viele Entscheidungen zäh gegen den Widerstand meiner Mutter und teilweise meiner Schwester durchgedrückt. Sachen wie Pflegebett, Pflegedienst, einen Notfallknopf, Pflegestufen... Jetzt, zwei Jahre später, hat meine Schwester zugegeben, dass wir ohne all das in der Katastrophe gelandet wären, und, dass sie das falsch eingeschätzt hatte. Ich rechne ihr das hoch an, dass sie das sagt und sie ist auch echt in vielen Dingen toll, aber ich fühle mich trotzdem so allein. Ich mag nicht mehr ständig mit meiner Mutter kämpfen, die wirklich, wirklich irrational wird. Es sei ihr gegönnt mit fast 80, aber sie ist die Hauptpflegeperson, schafft es nicht mehr, will aber keine 24-Stunden Pflege, will nicht, dass mein Vater ins Heim kommt, will nicht dass er länger in die Tagespflege geht, trifft Absprachen mit uns und macht es dann doch ganz anders.

    Und ich weiß nicht, wie ich es richtig machen soll. Für meinen Vater, der zu Hause bleiben möchte, aber dort nicht mehr gut versorgt werden kann, für meine Mutter, die sich selbst kaum eingestehen kann, dass sie es körperlich nicht mehr schafft, dem Wunsch ihres Mannes nachzukommen, für meine Schwester, die gerne mit einbezogen werden will, aber grade ein neues Baby hat und der alles zu viel ist. Ich habe das Gefühl, ich soll der Teamkäpitän sein, aber keiner im Team macht mit. Ich mache mir Sorgen, wie wir da rauskommen, wenn das alles vorbei ist. Total zerstritten? Unglücklich, weil wir falsche Entscheidungen getroffen haben? Es ist so schwierig alle Bälle in der Luft zu halten - die Vergangenheit zu bewahren, die Gegenwart anzuerkennen, als den Mist, der sie grade ist und die Zukunft nicht kaputt zu machen. Dazwischen funkt die Trauer, die auch Raum haben möchte. Und dann gibt es ja noch das "normale" Leben mit Kindern, einem Mann der grade heftig traurig ist und dem Job, der durch eine kontrollwahnige Chefin auch grade schwieriger ist, als er sein müsste.

    Früher hatte ich das Gefühl, ich werde von allen Seiten gestützt. Jetzt habe ich das Gefühl, alle Seiten stützen sich auf mich und das ist ein wenig viel auf einmal.


    Danke fürs Lesen und Svenja - ich hoffe es geht dir gut!

    Cildie

    Lieber Sherys, liebe Moni, liebes Linchen1,


    oh man, ich verstehe beides, den Schock und dieses schreckliche, stückweise Abschiednehmen bei der Krankheit. Es hat vermutlich beides seine guten und seine wirklich, wirklich schlechten Seiten.

    Sherys, schön, dass du hier geschrieben hast. Es tut mir so leid, dass dein Vater gestorben ist, 57 ist wirklich sehr, sehr früh und so plötzlich macht es so schwer zu begreifen. Das mit dem "stark sein" ist, fürchte ich, Quatsch. Ich hab immer versucht stark zu sein und alles für alle zu organisieren. Das hat bei mir aber dazu geführt, dass ich immer schlechter gespürt habe, wie es mir geht. Und das ist bei Trauer wirklich nicht zu empfehlen. Die Trauer ist da und ich habe das Gefühl, dass man da durch muss. Man kann es auf später verschieben oder sich ablenken, aber eigentlich macht es das nur schlimmer. Ich finde, du hast das eigentlich ganz gut beschrieben - wie soll man denn stark sein ohne Vater? Da ist jemand weg, der immer da war, der immer auf meiner Seite war, bei dem ich wusste, er fängt mich auf. Das ist wie ein Loch im Leben.


    Liebe Grüße

    Liebe Moni,


    ich kann dich verstehen, mit dieser Plötzlichkeit:-(. Mein Vater ist seit Jahren krank - das ist wirklich auch nicht schön und irgendwie warten wir mittlerweile auch darauf, dass er nicht mehr so leiden muss. Und dann, ganz plötzlich, ist vor drei Wochen meine quicklebendige 64jährige Schwiegermutter gestorben. Einfach an einem Herzinfarkt. Ich möchte das nicht vergleichen, denn ein Papa ist etwas ganz anderes als eine Schwiegermutter, aber diese Plötzlichkeit nimmt einem den Atem. Und für meinen Mann ist es unerträglich, dass er seiner Mutter nicht nochmal sagen konnte, was sie ihm bedeutet hat.

    Dir gehen grade so viele Gedanken durch den Kopf, ganz viele davon kann ich verstehen. Für mich war mein Vater auch immer mein Orientierungspunkt, mein Anker im Leben. In den letzten zwei Jahren musste ich ihn loslassen, der Mensch, der er mal war, ist gar nicht mehr da. Das macht wirklich fürchterlich einsam. Und vor allem braucht es viel Zeit. Wenn du grade nur den Geschirrspüler schaffst, kann man da nichts machen. Ist schon super, dass du den schaffst.

    Und mit dem Sinn des Lebens - das ist komisch. In der ersten Abschiedszeit, als mir klar wurde, dass ich nie wieder ein Gespräch mit meinem Vater führen werde, kann mir auch alles so sinnlos vor - weil es nicht für immer und nicht planbar ist. Und dann irgendwann ist das Leben wertvoll geworden, eben weil es endlich ist. Manchmal fühlt sich das schon gut an, ich hoffe auch, dass es für dich irgendwann so ist.


    Fühl dich gedrückt

    Cildie

    Liebe Sverja,


    vielen lieben Dank für deine Antwort. Es tut mir sehr leid zu hören, dass du mit Krebs und Operationen umgehen musst. Das ist sicher alles andere als leicht. Ich wünsch dir viel Kraft und du musst auch gar nicht antworten, ich finde es erleichternd hier zu schreiben...auch wenn ich mal keine Antwort bekomme.


    Liebe Grüße und viel Kraft und Durchhaltevermögen!

    Cildie

    Liebe Moni,


    das tut mir so leid. Wenn du erzählst, klingt es nach einem wunderbaren Verhältnis zwischen dir uns deinem Vater und es klingt als sei er ein wunderbarer Mensch gewesen. Ich wünsche dir, dass du die kommende Zeit irgendwie überstehen kannst. Du hast Recht, nichts ist mehr wie vorher:-(.


    Es tut mir so leid.

    Cildie

    Liebe Sverja,


    so jetzt ist sie vorbei - meine erste richtige Beerdigung. Es war ganz merkwürdig. Die Halle war so hässlich, das hätte meine Schwiegermutter sicher nicht gut gefunden, ich fand es nicht gut. Aber der Redner hat es toll gemacht. Er hat ihr Leben so erzählt, wie es war, mit dem Vielen, was gut war und leider auch dem Vielen, was schlecht war. Ich hoffe sie hätte sich gesehen und anerkannt gefühlt. Auf meinem Schoß saß die ganze Zeit meine kleine Tochter, die ganz fürchterlich geweint hat. Ich konnte nicht weinen, ich hätte es gern gekonnt. Irgendwie habe ich mir das abtrainiert in den letzten Jahren, als ich immer so viel funktionieren musste. Ich würde es gern wieder mehr zulassen.

    Danach sind wir zu Grab gegangen und ich war sehr berührt, wie viele Menschen gekommen waren. Meine Schwiegermutter hat sich immer so einsam gefühlt, weil sie keinen Partner hatte, keine große Familie, aber eigentlich hatte sie viele wunderbare Menschen um sich. Und für meinen Mann ist noch ein guter Freund gekommen, ich war ihm so dankbar. Beim Kaffeetrinken danach war es schön mit ihren Freundinnen zusammen zu sitzen und einfach ein wenig zu erzählen. Ich glaube viel mehr davon würde gut tun. Auch meinem Mann, der leider keine Geschwister hat, mit denen er Erinnerungen austauschen kann.

    Jetzt hatte ich gehofft, dass es ein wenig besser wird, mit der Trauer. Aber soweit ist es wohl noch eine Weile nicht. Vielleicht brauche ich auch für meine Schwiegermutter ein kleines Ritual, wie ich es für meinen Vater habe, um der Trauer Raum zu geben. Wer hätte gedacht, dass mich das alles so hinschmeißt. Früher habe ich viel mehr weggesteckt, da bin ich wütend geworden, habe geweint und dann war es aber auch manchmal wieder gut. Jetzt fressen die Dinge an mir innerlich, das ist viel schlimmer. Ich hoffe das wird irgendwann mal wieder besser.


    Ganz liebe Grüße

    Cildie

    Liebe Svenja,


    ganz lieben Dank für deine Zeilen. Es ist schön, dass ich hier schreiben kann. Morgen ist die Beerdigung und ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass ich davor ganz schön Angst habe. Aber vielleicht hilft es auch ein wenig bei Abschiednehmen.


    Ganz liebe Grüße

    Cildie

    Hallo ihr Alle,


    ganz vielen Dank für eure Antworten! Es hat mir so geholfen hier zu schreiben und eure Gedanken und lieben Worte zu lesen - ganz vielen Dank dafür.

    Vor zwei Wochen hat der Tod uns aus einer unerwarteten Richtung ereilt. Meine 64-jährige Schwiegermutter ist plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben. Aus der langen Riege alter (und teilweise sehr klappriger) Verwandter - um sie hatten wir uns noch keine Gedanken gemacht.

    In mir geht seitdem viel Durcheinander. Ich weiß gar nicht so richtig, was ich empfinde. Ich bin traurig, dass die tot ist. Sie war mir, grade im letzten Jahr, ein große Stütze und eine tolle Oma für die Kinder, die jetzt auf ihre Art untröstlich sind. Mein Mann ist völlig schockiert. Und ich weiß gar nicht wo ich bin. Wir waren bei meinem Eltern, da kam wieder die Trauer um meinen Vater auf, der grade ein so unschönes Leben lebt und seit wir wieder hier sind, ist ihr Tod wieder präsent. Sie war ein so netter und doch so schwieriger Mensch. Mit einer schrecklichen Kindheit, der sie irgendwie nie entflohen ist. Sie war nie richtig glücklich und das hat dazu geführt, dass da immer diese Distanz war. Wenn man ihr zu nahe gekommen ist, wurde man hinein gezogen in ihre Traurigkeit. Und jetzt ist sie weg und unweigerlich kommen die Gedanken, ob man nicht mehr hätte tun können. Gleichzeitig weiß ich, dass es nicht möglich war - niemand kann jemand anderen komplett glücklich machen.

    Hach, es ist so traurig. Wie geht das, heute noch da und dann plötzlich unwiederbringlich weg? Ich habe sie noch gesehen, bevor das Beerdigungsinstitut sie geholt hat. Sie sah gar nicht mehr aus wie sie selbst. Als wäre da tatsächlich nur noch der Körper. Und dann, auf dem Weg die Kinder zu holen, war da ein schöner, blühender Strauch, durch den fuhr der Wind, es regnete und gleichzeitig schien die Sonne. Da hab ich gedacht - das war sie, genauso war sie. Voller Schönheit, Sonne und doch war da immer Regen.


    Ganz liebe Grüße

    Liebe Ntschi, liebe alle,


    so vielen Dank für eure Antworten und besonders euer Verständnis, das tut wirklich gut. Viele Freunde hören zu, aber es ist schwierig das Gefühl zu haben, wirklich verstanden zu werden und nicht belasten, wenn jemand nicht in einer ähnlichen Situation ist.

    Ntschi - es hat mir so sehr berührt zu lesen, dass es bei dir ganz anders ausgegangen ist und du dich damit trotzdem schwer tust. Ich kann dich so gut verstehen. Als mein Vater plötzlich keinen Puls mehr hatte, wusste ich nicht, ob er das, was wir Jahre vorher besprochen hatten, wirklich noch wollte. Oder ob er doch noch etwas gefunden hatte, was ihn am Leben hält und er jetzt nicht loslassen möchte. Diese umumkehrbare Entscheidung für jemand anderen, treffen zu müssen ist furchtbar und eigentlich sollte das niemand tun müssen. Es tut mir so leid, dass es dir noch solche Probleme bereitet. Mir hilft grade ein wenig (neben dem Schreiben hier) zu denken, dass ich die Entscheidung von damals nicht mehr ändern kann. Das beruhigt meine Gedanken ein wenig, hilft mir, dass sie nicht nur darum kreisen, was hätte sein können. Das schlechte Gefühl und die Schuld bleiben trotzdem. Und, dass du geschrieben hast, hat mir geholfen zu realisieren, dass es vielleicht auch gar nicht die Entscheidung an sich ist (für oder gegen Wiederbeleben), die es so schwer macht. Sondern die Situation - man entscheidet darüber ob jemand lebt oder stirbt. Das ist einfach zu krass. Es gibt keine heftigere Entscheidung und man trifft sie für jemand anderen, der sich nicht mehr mitbestimmen kann, ob er leben oder sterben möchte. Das ist einfach zu viel und niemand hat es verdient, dass man das tun muss.

    Ich wünsch dir so sehr, dass du dein Leben nicht mehr hasst.

    Ich freu mich, dass du hier geschrieben hast und denke sehr an dich.

    Alles Liebe Cildie

    Liebe Svenja,


    ganz vielen Dank für deine lieben Worte. Es hat mich sehr gefreut sie zu lesen und auch, dass ich hier richtig bin. Es hat vorhin schon geholfen alles aufzuschreiben. Plötzlich ist mir klar geworden, dass ich mir das nicht verziehen habe, obwohl mein Verstand sagt, dass es so ist wie es ist. Deine Geschichte mit dem nativ man ist schön - ich glaube auch, meine Seele kommt grade noch nicht hinterher. Vielleicht muss ich einfach geduldig warten, bis sie meinen Verstand eingeholt hat.


    Ich danke dir!

    Cildie

    Ich weiß nicht, ob ich hier ganz richtig bin, denn mein Vater ist noch gar nicht gestorben. Er hat aber jetzt schon so lange Parkinson, dass ich den Menschen, der er eigentlich einmal war, schon verloren habe. Ich hoffe, es ist daher in Ordnung dass ich hier schreibe - auch wenn er eigentlich noch lebt.

    Ich bin 43 Jahre alt und habe bisher das Glück gehabt, noch nie jemand wirklich Wichtigen in meinem Leben zu verlieren. Und jetzt gleich mein Vater - eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. Er hat vor fast 15 Jahren Parkinson bekommen. Damals waren wir erschrocken, aber er war schon 65 und die ersten zehn Jahre mit der Krankheit waren in Ordnung. Sie waren von Einschränkungen gekennzeichnet, aber vieles ging auch noch sehr gut. Wir sind keine Familie in der viel über Gefühle oder gar über den Tod gesprochen wird, auch keine spirituelle oder religiöse Familie. Daher hat mein Vater alles Organisatorische erledigt. Er hat die Vorsorge- Gesundheit- und Finanzvollmachten verteilt, seinen Nachlass geregelt und mit uns besprochen, dass er möglichst wenig medizinische Eingriffe möchte. Worüber er nie gesprochen hat, war - wie er sich mit dieser Krankheit fühlt oder wie es sein wird Abschied zu nehmen. Da er in so Vielem mein Vorbild war, habe ich, als er vor fünf Jahren deutlicher von der Krankheit gezeichnet wurde, versucht, es ihm nachzutun. Ich habe versucht die Probleme "wegzuorganisieren". Er hat alle Pflegestufen bekommen, den Pflegedienst, die Tagespflege, alle Hilfsmittel, alles damit er - wie es sein Wunsch war - zu Hause bleiben konnte. Aber je mehr er sich veränderte, desto mehr versuchte ich auch Abstand zu bekommen - ich hatte mir zwar ein halbes Jahr Pflegezeit für ihn genommen, bin aber immer weniger gern hingefahren (ich wohne 400km weit weg), die Besuche wurden immer schwieriger für mich, ohne, dass ich mir eingestehen konnte, dass ich trauere, um den Menschen, der eigentlich schon nicht mehr da ist.

    Dann kam der Tag im Februar 2020, an dem ich im Haus meiner Eltern aufwachte und meine Mutter mir besorgt mitteilte, dass sie Vati nicht aufwecken kann. Auch ich bekam ihn nicht wach, aber er atmete noch, ich wusste nicht, was ich machen sollte. Dann kam die Pflegedienstfrau - mehr auf Zack als ich - die den Puls nahm und mir zurief, ich solle sofort die 112 anrufen. Ich hab nur noch funktioniert. Meinen Vater nach Anweisung des Menschen am Telefon auf den Boden gelegt, Herz-Lungen-Massage gemacht, ihn in die stabile Seitenlage gebracht. Zugesehen, wie ein Rettunghubschrauber auf der Wiese nebenan landete, ein Notarztwagen kam, Feuerwehrleute in schweren Stiefeln in sein Zimmer liefen. Die Stiefel sind mir immer noch vor Augen, schon damals dachte ich - sie gehören nicht hierher. Irgendwann kam eine Ärztin zu mir, und sagte mir was ich tun solle. Als sie die Papiere erwähnte, die ich mit ins Krankenhaus bringen solle, wurde mir schlagartig klar, dass mein Vater eine Patientenverfügung hat und, dass er nicht wiederbelebt werden wollte. Ich schaute meine Mutter an, die nicht richtig verstand, was das Problem war. Eine Stunde später im Krankenhaus, wachte mein Vater mit den Worten "hättet ihr mich doch nur gelassen" auf. Es war schrecklich, ich hätte es anders entscheiden sollen. Heute glaube ich, dass ich es nicht getan habe, weil ich mich noch nicht von ihm verabschiedet hatte, aber ich wünsche mir, wir hätten uns einen Stuhl genommen und daneben gesetzt, seine Hand gehalten und ihn zu Hause einschlafen lassen.

    Am Tag darauf bin ich wieder nach Hause gefahren, habe weiter gearbeitet, dann kam Corona, in der ersten Lockdownwoche bekam meine kleine Tochter eine Lungenentzündung, niemand teste sie, wir versuchten in Quarantäne zu bleiben. Die Angst und Unsicherheit setzten mir sehr zu und ich merkte, dass ich gar nicht mehr logisch und ruhig denken konnte, ich hatte nur noch Angst und Panik die Kontrolle über alles zu verlieren. Irgendwann wurde ich krank und nicht mehr richtig gesund. Irgendwann hörte sich mein Hausarzt alles an, was passiert war, schrieb "Posttraumatische Belastungsstörung" auf die Überweisung und schickte mich mich zum Psychologen. Das hat sehr geholfen, hat mir geholfen einen Zugang zur Trauer zu finden, aber ich finde es unglaublich hart.

    Mein Vater ist schon so weit weg. Er kann kaum noch sprechen, hat schwere Halluzinationen, fällt ständig um, hat Schmerzen. Letzte Woche hat die Tagespflege angedeutet, dass es nicht mehr lange gehen wird, mit zu Hause (meine Mutter ist auch fast 80) und Tagespflege. Mein Vater soll ins Heim und ich fühle mich wieder schrecklich. Ich hätte ihm so gern den Wunsch erfüllt zu Hause sterben zu können, einen Tod zu haben ohne all das, was er nicht wollte. Und diese Schuld macht es mir grade so schwer. Ich weiß, dass das damals eine Momententscheidung war - wir hatten noch nicht mir einer Nahtodsituation gerechnet und uns daher nicht darüber unterhalten, was wir machen würden. Aber trotzdem...es wäre das gewesen, was er sich gewünscht hätte. Jetzt muss er ins Heim und ich habe das Gefühl versagt zu haben. Es ist so schwer, sich mit dieser Schuld von ihm zu verabschieden. Ich habe das Gefühl, ihm einen so wichtigen Wunsch nicht erfüllen zu können. Bisher dachte ich: wenn er gehen will, dann wissen wir, dass wir es diesmal anders entscheiden, aber jetzt wird das passieren, was er nicht wollte. Mir geht es damit wieder sehr schlecht und ich weiß nicht gut, wie ich da heraus kommen soll.

    Ganz lieben Dank fürs Lesen dieses langen und sicher konfusen Textes.