Mein geliebter Vater ist nach kurzer, schrecklicher Krankheit unerwartet einfach gestorben

  • Nach Außen mag man keine Trauer zeigen und tut ob "alles wieder gut ist", und wenn man alleine ist, lässt man den Tränen und der Trauer freien Lauf

    So ist es auch bei mir.

    Ich kann zwar wieder richtig denken (Trauer hat mich irgendwie blöd gemacht ...), ich kann mich auch wieder richtig an und auf etwas freuen, aber ich denke beinahe immer an meine Mutter, und die Wehmut ist allgegenwärtig.

    Wenn ich ganz für mich bin, dann laufen die Tränen ...

  • Und schon wieder ist ein Tag vergangen. Wie soll ich nur die nächsten Wochen und Monate oder gar Jahre überstehen? Mein Herz ist jeden Tag, jede wache Stunde, so schwer vor Trauer. Ich schaue mir Bilder von meinem Vater an und kann immer nur denken, er ist nicht mehr da, er kommt nie mehr zurück, ich vermisse ihn so sehr. Wie kann es sein, dass ich nicht einmal mehr richtig mit ihm reden konnte, ihn nicht einmal mehr nach seinen Gedanken fragen konnte, als er die letzten Tage vor seinem Tod in seinem Krankenhausbett lag. Was ist wohl in ihm vorgegangen? So gerne würde ich ihn fragen. Sein Körper zerfällt jetzt langsam unter der Erde, und mein Leben zerfällt irgendwie auch im Moment. Alles hat sich verändert. Denn ich habe keinen Vater mehr. Ich komme einfach nicht darüber hinweg. Es wäre so schön, er wäre noch hier bei uns. Am 24. April hätte er Geburtstag gehabt.


    Nelo

    Liebe Kerstin, du hast das genau so beschrieben, wie ich es auch fühle. Es ist einfach so unglaublich anstrengend. Und es hört nicht auf. Und dieses Festklammern an dem, was war, oder an dem, was noch hätte sein können... Ich möchte die Realität verändern, ich möchte irgendetwas tun, was den Schmerz erträglicher macht, aber es gibt nichts, was ich tun kann. Ich bin dieser Trauer ausgeliefert und bin darin gefangen.


    Sveti

    Liebe Sveti. Ja, auch in meinem Umfeld ist es den meisten unangenehm, wenn sie merken, wie sehr ich leide. Sie wissen einfach nicht, was sie tun könnten, wie sie mir helfen könnten. Und sie können es ja auch nicht. Die einzigen, mit denen ich im Moment zusammen sein will, ist meine Familie. Die haben den gleichen Schmerz und wir sehen uns jeden Tag und reden über unseren Vater. Das ist unser aller Bedürfnis im Moment. Da mein Partner zwei Wochen vor dem Tod meines Vaters nach Deutschland gereist ist und jetzt dort feststeckt, hat er die ganze Tragödie nur aus der Ferne mitbekommen und kann mich überhaupt nicht unterstützen. Er sitzt dann hilflos vor dem Video im Skype und weiss nicht, was er mit meinen Tränen anfangen soll. Er konnte ja nicht einmal bei der Beerdigung dabei sein.



    Diese Gefühle sind so stark, so tief und so gross. Dies ist die bisher schlimmste Zeit meines Lebens. Kein Liebeskummer, keine Trennung, kein Misserfolg, nichts hat mich jemals so aus der Bahn geworfen. Darauf war ich nicht vorbereitet, ich wusste ja nicht, wie echte Trauer ist. Dass ich am weinend und schluchzend auf dem Boden krieche und nicht weiss, wohin mit meinem Körper und mit meinen Gefühlen. Und es gibt kein Zurück, nie wieder bekomme ich meinen Vater zurück. Ich kann nichts machen. Ausser das alles aushalten in der Hoffnung, dass es irgendwann vielleicht doch ein bisschen leichter wird.



    Isabel L.K.

    Liebe Isabel. Danke. Ja, das ist so schön gesagt, egal, wie alt ich bin, ich bleibe immer das Kind meines Vaters. Genau so ist es. Ich bin sein geliebtes Kind, und das für immer. Dank euch in diesem wunderbaren Forum weiss ich auch, dass ich nicht allein bin. Dass es normal ist, was ich fühle und dass es gut so ist. Und dass ich nicht zusätzlich zu dieser unglaublicher Trauer noch das Gefühl haben muss, dass es falsch oder seltsam oder zuviel ist, was ich fühle. Jemand aus dem Forum hat geschrieben, dass Trauer fortgesetzte Liebe ist. Das hat mir gefallen. Ich weiss leider nicht mehr, wer das war, aber ich habe es mir gemerkt. Liebe Isabel, gibt es ein Buch (oder Bücher), die du zum Thema Trauern empfehlen kannst?



    Welche Bücher haben euch geholfen in dieser schweren Zeit?



    Schlaft alle gut. Vielleicht träume ich heute von meinem geliebten Papa.

  • Ihr Lieben,


    der Schmerz ist unbeschreiblich und niemand der so einen Verlust erleben musste, kann sich vorstellen, was die Trauer mit uns macht. Auch ich habe nicht damit gerechnet, dass es mich dermaßen umhaut und ich nicht mehr ich bin. Bei mir sind es genau 11 Monate und 9 Tage, bald ein ganzes Jahr ohne meine geliebte Mama.......

    Ich kann zwar wieder richtig denken (Trauer hat mich irgendwie blöd gemacht ...), ich kann mich auch wieder richtig an und auf etwas freuen, aber ich denke beinahe immer an meine Mutter, und die Wehmut ist allgegenwärtig.

    Genauso ist es.......


    Ich habe das Buch von Bernhard Jakoby "Begegnung mit dem Jenseits" gelesen und lese gerade das Buch von Anna Funck

    "Mama ist tot. Und jetzt?".

    Als nächstes kommt das Buch, dass ich zum Geburtstag bekommen habe von Dr. Jeffrey Long "Neue Beweise für ein Leben nach dem Tod".


    Ich wünsche allen eine gute Nacht mit schönen Träumen von unseren Lieben :5: die über uns wachen

  • Liebe Isabel, gibt es ein Buch (oder Bücher), die du zum Thema Trauern empfehlen kannst?

    Liebe Silvia,

    Es gibt einige gute Bücher...


    *Ein Teil von mir- Meine Trauer umarmen und weiterleben- Silke Szymura (ist meine Autorenkollegin und hat auch einen Blog)

    *Einen geiebten Menschen verlieren- Dr.Doris Wolf

    *Trauern wenn Mutter oder Vater stirbt - Eva Terhorst

    *Trauern heißt lieben- Anselm Grün


    Wenn du Fragen hast oder Anregungen brauchst, meld dich jederzeit <3

    Isabel

  • Isabel L.K.

    Liebe Isabel. Vielen Dank für die Buchempfehlungen. Ich schaue sie mir alle gleich einmal an. Als ich selber ein bisschen gesucht habe, bin ich auf das Buch von Megan Devine gestossen: Es ist ok, wenn du traurig bist. Würdest du das auch empfehlen?


    Sveti

    Liebe Sveti. Auch dir Danke für deine Bücher. Gibt es eines, was du besonders hilfreich fandest?

  • Liebe Silvia,


    für mich war bisher das Buch von

    Anna Funck "Mama ist tot. Und jetzt?"

    am hilfreichsten, da die Trauer so beschrieben wird, wie sie auch wirklich sind.


    Ich habe mich sehr oft darin wieder gefunden. Das Buch ist teils zum weinen, nachdenken und manchmal auch zum lachen. An vielen Stellen habe ich zustimmend nicken können.


    Das Buch kann niemanden die Trauer nehmen, aber man weiß, dass andere Menschen genauso fühlen, wenn sie trauern.


    Du trauerst zwar um deinen Papa, aber die Trauer ist die gleiche, sodass der Titel auch heißen könnte

    "Papa ist tot. Und jetzt?"


    Ganz liebe Grüße

    Sveti

  • ich auf das Buch von Megan Devine gestossen: Es ist ok, wenn du traurig bist. Würdest du das auch empfehlen?

    Liebe Silvia, ich selbst habe es noch nicht gelesen. aber Klienten haben es mir schon empfohlen. Vertrau da ganz deinem Gefühl. Das wird dich du den richtigen Dingen leiten <3

  • Liebe Silvia,


    das Buch von Megan Devine ist ausgesprochen empfehlenswert!

    Hier schreibt jemand, der aus der eigenen Trauererfahrung schöpft. Dazu fällt mir folgendes chinesisches Sprichwort ein:

    "Willst du etwas wissen, so frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten."


    Man muss, wie ich finde, die echte tiefe Trauer wirklich am eigenen Leib erfahren haben, bevor ein wahres Verständnis für den Trauernden möglich ist.


    Meine Mutter ist heute genau 2 Jahre auf der anderen Seite ...:33:

  • "Willst du etwas wissen, so frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten."


    Man muss, wie ich finde, die echte tiefe Trauer wirklich am eigenen Leib erfahren haben, bevor ein wahres Verständnis für den Trauernden möglich ist.


    Meine Mutter ist heute genau 2 Jahre auf der anderen Seite ...:33:

    ja, so ist es........


    Tröstende Worte finde ich nicht liebe Kerstin :30:


    Sende dir eine mitfühlende Umarmung :24:

  • Ihr Lieben


    Ich weiss einfach nicht, wie ich das alles aushalten soll. Es wird nicht besser, es wird immer nur schlimmer.


    Heute hätte ich wirklich den ganzen Tag weinen können. Ich habe auch so eine Leere in mir gespürt heute, so ein Gefühl der Sinnlosigkeit. Mein Vater ist nicht mehr hier, er war doch mehr als 45 Jahre lang an meiner Seite, und jeden Tag da, und jetzt einfach nicht mehr. Nie mehr wird er mich anrufen, nie mehr kann ich mit ihm reden und mir Rat holen. Nie mehr... Es erscheint mir alles so ungerecht, warum gerade er, und warum so früh? Er hätte noch 20 Jahre leben können, seine eigenen Mutter wurde doch auch 93 Jahre alt. Warum haben ihn die Ärzte im Krankenhaus nicht retten können? Warum waren uns nicht noch ein paar Jahre vergönnt? Ich weiss, dass diese Fragen alle nichts verändern und mir meinen Vater auch nicht mehr zurückbringen. Und doch werde ich sie nicht los. Mein Gehirn bombardiert mich noch immer damit. Es ist so quälend. Und es tut so weh. Es tut einfach so weh. Dieses tiefe Bedauern, dass er in diesem schönen Frühling nicht mit uns sein kann. Ich möchte einfach nur aus diesem Alptraum aufwachen und mein altes Leben zurück.


    Die Musikstücke, die wir ausgesucht haben für die Beerdigung, liebe ich über alles. Eines davon habe ich meinem lieben Papa auf dem Sterbebett noch vorgespielt, es ist Biscaya von James Last, vielleicht kennt das jemand. Wenn ich auf dem Friedhof bin, spiele ich ihm das auch ab und zu vor. Es bringt mich ihm sofort nahe. Es ist so ein sehnsuchtsvolles Lied. Ich höre darin die Sehnsucht, sich auf die Reise zu begeben, sich neuen Horizonten zuzuwenden und das Alte hinter sich zu lassen. Ich muss es aber für mich allein hören, da ich unweigerlich weinen muss. Auch bei den anderen Liedern von der Beerdigung. Sie sind alle so wunderschön, und sie haben alle eine Bedeutung für meinen Vater und für meine Eltern. Ich möchte sie auch mit euch teilen: Der einsame Hirte von Leo Rojas, Somewhere over the rainbow von Israel Kamakawiwo'ole, die Titelmusik von "Die Dornenvögel", das ist ein mehrteiliger Fernsehfilm aus den 80-er Jahren, den meine Eltern immer zusammen geschaut haben. Es sind wohl eher unkonventionelle Musikstücke für eine Beerdigung...



    Nelo

    Liebe Kerstin, ich habe heute schon fest an dich gedacht. Diese Jahrestage sind bestimmt ganz schlimm und wühlen so vieles wieder auf. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich das 2 Jahre lang durchstehen soll. Und doch werden irgendwann auch diese 2 Jahre um sein, denn unerbittlich dreht sich die Erde weiter.



    Ich kann nichts mehr schreiben. Ich fühle mich so leer und so erschöpft wieder. Gute Nacht, ihr Lieben, schlaft gut.

  • Liebe Silvia!

    Das wir dich noch lange begleiten,auch ich stehe nach über 30 Jahren noch manchmal vor dem Bild und mir kommen

    die Tränen.Du bist bei ihm aufgewachsen und ihr habt soviel miteinander gemacht und diese Fragen habe ich mir

    damals auch gestellt,aber da waren die Krankenhäuser noch nicht soweit.Es sind schöne Lieder,besonders das von Leo

    das liebe ich auch.Bei meinem Mann habe ich Von fremden Mächten,dann unser gemeinsames Lied was wir so

    mochten von era ameno und das von Andreas Gabalier Einmal sehen wir uns wieder.Und Ralfs Cousine,

    sie ist Märchenerzählerin hat die Rede gehalten,das hat sie auch bei seiner Mama und da sagte er,eine

    Trauerfeier ist nie schön,aber das war sie und dann habe ich sie gefragt und sie hat unsere ganze

    Lebensgeschichte wie wir uns kennengelernt haben,dann bis zum letzten Tag zusammen mit

    ihrer Kollegin einer Freirednerin gemacht und es war sehr schön um am Grab haben sie noch Herzen

    aus Glas verteilt,als Erinnerung und eine Freundin,die wir schon ewig kennen,wollte gerne,das

    wir dort das Kaffee trinken machen und überall hatte sie Bilder von Ralf aufgestellt,das hätteihm gefallen.

    Ja da müssen wir mit Leben,das wir keine Anrwort auf unsere Fragen bekommen.Ich wünsche dir ganz viel Kraft.

    Liebe Grüße Helga

  • Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich das 2 Jahre lang durchstehen soll.

    Liebe Silvia,


    daran darfst du gar nicht denken!

    All deine Gefühle, die du uns beschreibst, sind vollkommen normal. Die Sinnlosigkeit, diese Leere, mitunter auch die Gedanken "was soll ich noch hier, lass es mich doch beenden".


    Versuche, immer nur einen Tag nach dem anderen zu leben. Ich weiß. wie schwer das ist.


    Nach dem Tod meiner Mutter ist mir die Trauer voll auf meinen ohnehin empfindlichen Magen geschlagen.

    Ein Dreivierteljahr (!) bin ich jeden Morgen mit massiven Beschwerden aufgewacht und habe, entschuldige den Ausdruck, alles rausgekotzt! Jeden Morgen! Kannst du dir das vorstellen?

    Erst im späteren Nachmittag normalisierte sich der Zustand, und am Abend hat sich mein Körper davon erholt.

    Da ich Freiberufler bin, habe ich dann diese "Wohlfühlphasen" ganz weit in die Nacht hinausgeschoben, damit ich einen Hauch von innerem Seelenfrieden verspürte: Fernsehgucken bis um 4 Uhr war keine Seltenheit. Aber ich habe das gebraucht, um weiter funktionieren zu können. Ich brauchte mein bisschen klaren Restverstand, um mich mit den Formalitäten, die nach dem Tod meiner Mutter auf mich einstürmten, befassen zu können,

    Ein massiver Erbrechtsstreit, ein Hausverkauf, das sind nur kleine Andeutungen dessen, was mich bis heute auch noch belastet, zudem habe ich keine Familie mehr außer meinem Ehemann.

    Der Rest meiner leiblichen Familie ist für mich sinnbildlich gestorben (aus verständlichen Gründen).


    Diese vergangene Zeit bis heute stellt für mich die größte Prüfung in meinem bisherigen Leben dar.


    Deswegen noch einmal mein liebevoll gemeinter Rat: Denk bitte immer nur in ganz kleinen Portiönchen nach vorwärts, das ist die einzige Überlebensstrategie, die einigermaßen funktioniert.


    Ich danke dir und Sveti, dass ihr gestern an mich gedacht habt<3

  • Ihr Lieben,


    bei dir liebe Silvia ist es noch so frisch. Bei Kerstin sind es 2 Jahre und bei mir bald 1 Jahr und wir sind immer noch sehr traurig......

    Die Trauer wird uns immer begleiten, mal mehr und mal weniger.


    Die ersten Wochen war ich in einer totalen Schockstarre. Ich konnte nicht weinen und fühlte mich wie ein ferngesteuertes Wesen. Als mich der Arzt den besagten Dienstag am 07.05.2019 morgens mit der Todesnachricht anrief, hat es mir im wahrsten Sinne des Wortes die Stimme verschlagen. Ich war über 2 Wochen total heiser.


    So wie du liebe Kerstin, habe ich keine Familie mehr und stand mit allem ganz alleine da. Ich habe zwar noch Cousinen, Cousins, Tante usw. aber die leben im Ausland.


    Mir war bewusst, dass Mama eine tödliche Krankheit hatte und dennoch hat mich ihr Tod aus der Fassung gebracht. Viele sind der Meinung, wenn jemand sehr krank ist, kann man sich auf den Tod vorbereiten. Hat bei mir nicht funktioniert......


    Hätte ich gewusst, dass sie den Morgen verstirbt, wäre ich die ganze Nacht bei ihr geblieben. Wir haben uns an dem Tag zuvor mit den Worten "Tschüss bis morgen" verabschiedet :33:

  • Du glaubst gar nicht wie gut ich das verstehen kann.

    Leider gibt es keine Worte des Trostes, man kann einfach nur geschehen

    lassen.:13:

    Alles Liebe

    Kornblume:30:

  • Guten Abend ihr Lieben


    Ich danke euch von Herzen für eure lieben und mitfühlenden Beiträge. Die Zeit hier im Forum ist wirklich Zeit für mich. Hier fühle ich mich verstanden, kann so schwach und traurig sein, wie ich mich fühle. Obwohl ich das Glück habe, meine Familie ganz nah bei mir zu haben, ist es manchmal auch anstrengend, weil ja über uns allen die gleiche Schwere hängt, und natürlich nehmen wir Rücksicht aufeinander und registrieren, wem es gerade nicht so gut geht und halten uns dann eben selber ein wenig zurück.


    Ich habe heute mit meinem Nachbarn gesprochen, der vor fast vier Wochen meinem Bruder geholfen hat, meinen Vater in den Notfall zu fahren. Er hat mir von dieser Fahrt ein wenig erzählt, wie tapfer mein Vater noch im Auto gelächelt hat, wie er noch selber aussteigen wollte, obwohl er so schwach war. Wie froh er war, dass er endlich im Krankenhaus war, wo er dachte, dass man ihm helfen könnte. Und das hat mir meinen lieben Papa wieder so lebendig in Erinnerung gebracht. Ich kann es einfach nicht fassen, dass er nicht mehr da ist. Er war doch in diesem Auto und lebendig und hat noch gelächelt, aber ich habe es nicht mehr gesehen. Mich konnte er nicht mehr anlächeln. Ich zermartere mir das Hirn, wann wir uns das letzte Mal angelächelt haben, aber ich bin nicht mehr sicher. Wie kann das sein, ich will alle Erinnerungen behalten, aber einige verschwinden schon, oder sie verschwimmen ineinander. Ich schaue aus dem Fenster in die dunkel Nacht und denke, wo bist du? Wo bist du denn jetzt? Warum bist du gegangen. Ich halte es einfach nicht aus. Und doch halte ich es aus, denn ich bin ja noch da.


    Ich habe tatsächlich letzte Nacht von meinem Vater geträumt. Das erste Mal. Es war ein sehr kurzer Traum. Er lag auf dem Rücken auf dem Boden im Bügelzimmer meines Elternhauses, um einige Jahre jünger, als er gestorben ist. Und ich habe ihn verwundert gefragt: "Bist du wieder da? Ich dachte, du bist gestorben." Da hat er sich aufgesetzt und gesagt: "Ja, ich bin wieder da." Und ich habe ihn umarmt. Es war so real. Und dann bin ich aufgewacht. Sehr aufgewühlt. Aber es war so schön, dass er wieder da war.


    Ich hatte heute Abend, bevor ich meine Tochter ins Bett brachte, ein sehr ungutes Telefongespräch mit meinem Partner, der ja in Deutschland feststeckt wegen der geschlossenen Grenzen und das schon seit dem 15. März. Ich hatte auch schon geschrieben, dass es für ihn aus der Ferne schwierig ist, mir beizustehen und dass er hilflos und überfordert ist mit meinem Schmerz. Ist ja auch schwierig, ich verstehe das vollkommen. Und wir fehlen ihm, er kann uns nicht helfen, würde gerne, aber weiss nicht wie. Er fragt unterdessen auch nicht mehr aktiv nach, wie es mir geht. Ich habe dann von mir aus gesagt, dass es mir nicht gut geht. Und er fragt: "Warum denn nicht?" Ich war sprachlos. "Weisst du es wirklich nicht?", konnte ich nur erschüttert nachfragen. Und so ging es ein bisschen hin und her, die Essenz daraus: Auch er denkt, dass es jetzt doch schon ziemlich lange her sei, und ich wieder zur Normalität zurückkehren könnte. Das sei der Lauf der Natur, Väter sterben, und das Leben geht weiter. Wir seien jetzt eine eigene Familie. Ich habe mich sehr zusammengerissen, da unsere Tochter noch wach war, aber das tat schon sehr weh. Seine Eltern leben noch beide, und wie ich jetzt weiss, kann er einfach nicht verstehen, was ich durchmache. Aber ein wenig Mitgefühl und Zuwendung und Verständnis und Zuhören und Interesse wäre doch nicht zuviel verlangt? Wir kennen uns seit 11 Jahren, haben eine gemeinsame Tochter und in dieser schwersten Zeit, seit wir uns kennen, ist er mir so fern wie nie zuvor. Aber ich habe auch nicht die Energie, mich noch um partnerschaftliche Probleme zu kümmern. Ich hoffe sehr, dass wir wieder zueinander finden, wenn die Corona-Situation sich wieder entspannt hat, und er wieder zu uns kommen kann.



    hasi

    Liebe Helga. Ja, die Fotos sind am schlimmsten. Oder auch, wenn andere ihre schönen Erinnerungen von ihm mit mir teilen. Danke für deine Musikstücke, so schön. Das Lied von Andreas Gabalier habe ich noch nicht gekannt. So wunderschön und traurig, eine Zeile hat sich mir eingebrannt "Ich mach für alle Zeiten meine Augen zu." Mein Gott, genau so ist es. Für alle Zeiten. Seine Augen sind zu, einfach zu, nie mehr kann ich ihn anschauen. So gern würd ich glauben, dass wir uns wiedersehen, und er von oben zuschaut. Das geht mir alles so nah. Das ist schön, mit den Herzen am Grab.


    Nelo

    Liebe Kerstin. Ja, ich kann mir so gut vorstellen, dass du jeden Morgen diese Beschwerden hattest. Mir geht es am Morgen auch nicht gut. Der Nachmittag geht noch am besten. Der Abend ist wieder schlimm. Irgendwie muss der Körper ja auch hinterherkommen mit dieser Trauer. Ich selber leide an Appetitlosigkeit, ich kann fast nicht essen, muss mich regelrecht zwingen. Und dabei bin ich ohnehin schon sehr schlank. Ich versuche, einen Tag nach dem anderen zu leben. Diese Tage sind so lang manchmal, der endlose Schmerz, diese Bodenlosigkeit, es hört einfach nicht auf. Und mit jedem Tag mehr habe ich das Gefühl, der Schmerz wird noch tiefer, da ich immer mehr realisiere, was es bedeutet, ohne meine Vater zu sein. Und trotzdem grüble ich noch immer darüber nach, wie wir seinen Tod hätten verhindern können. Es ist wirklich einfach unfassbar schwer. Ich werde an deine Überlebensstrategie der kleinen Portiönchen denken. Einfach eins nach dem anderen. Das hat mein Vater auch immer gesagt. Es tut mir sehr leid, dass du neben all der Trauer um deine Mutter auch noch so viel anderen Belastungen ausgesetzt warst. Das muss dich sehr viel Energie gekostet haben.


    Sveti

    Liebe Sveti. Ohne Familie muss diese Trauerzeit noch schwerer sein. Ich habe mir nie so viele Gedanken um meine Familie gemacht, wir waren einfach immer da füreinander. Aber seit dem Tod meines Vaters ist mir klar geworden, dass nichts und niemand selbstverständlich ist. So schnell kann sich alles ändern. Ich habe mir vorgenommen, mit meiner Mutter nicht den gleichen Fehler zu machen wie bei meinem Vater. Ich möchte sie wertschätzen, jeden Tag, ihr Gutes tun, die Zeit mit ihr, die mir noch bleibt bewusst erleben. (Ich hoffe, noch viel, sie ist erst 71.)


    Kornblume

    Liebe Kornblume. Geschehen lassen. Es bleibt mir wirklich nichts anderes übrig. Ich bin diesen ganzen Gefühlen hilflos ausgeliefert, und das beste, was ich wahrscheinlich tun kann, ist wirklich, sie geschehen zu lassen, sie raus zu lassen.



    Ich habe mir jetzt zwei Bücher bestellt: "Es ist ok, wenn du trauerst" von Megan Devine und "Ein Teil von mir, meine Trauer umarmen und weiterleben" von Silke Szymura. Diese sollten in ein paar Tagen dann ankommen. Das gibt mir das Gefühl, dass ich ein bisschen etwas tun kann, irgendetwas Aktives noch inmitten all dieses Kontrollverlusts und Geschehen-Lassens.


    Ich wünsche euch allen eine gute Nacht.

  • die Essenz daraus: Auch er denkt, dass es jetzt doch schon ziemlich lange her sei, und ich wieder zur Normalität zurückkehren könnte. Das sei der Lauf der Natur, Väter sterben, und das Leben geht weiter. Wir seien jetzt eine eigene Familie.

    Liebe Silvia,


    das ist soo typisch, leider.:( Besonders auch der Satz, dies sei der Lauf der Natur, dass Väter sterben und man nun eine eigene Familie sei ...

    Ich kann mich jetzt nicht direkt beschweren über meinen Mann, aber auch ihm rutscht immer wieder der Spruch heraus: "Du hast doch jetzt mich."

    Das zeigt hauptsächlich die Hilflosigkeit der Außenstehenden, sie sind eben nicht involviert.

    Es zeigt aber auch, wie groß der Wunsch ist, den "vorherigen " Partner, so, wie er vor dem einschneidenden Verlust war, zurückzuhaben. Die Normalität soll ganz schnell wieder eintreten. So traurig das für uns Trauernde ist, so menschlich ist es auf der anderen Seite.

    da ich immer mehr realisiere, was es bedeutet, ohne meine Vater zu sein

    So geht es mir auch heute noch.

    Es ist im Grunde kaum realisierbar: Ein Mensch, der einem eben noch zugelächelt hat, mit dem man sprechen konnte, ist einfach fort. Und das für den Rest unseres irdischen Daseins.
    Ich habe immer wieder Phasen, wo mir diese Gedanken kommen und ich tief in meinem Herzen einen schneidenden Schmerz spüre, weil die Vorstellung so ungeheuerlich ist.

    Das sind Momente tiefster Einsamkeit, die ich auch nicht mit meinem Mann teilen kann.

    Obwohl ich weiß, dass die Seele weiterlebt und mir meine Mutter über das Medium und durch Zeichen wirklich schon die überzeugendsten Beweise ihrer Existenz gegeben hat, bleibt dieses Gefühl der Ungeheuerlichkeit (ich kann es nicht anders benennen ...)

    Ich kann mir halt bis heute nicht wirklich ein Leben ohne sie vorstellen. Ich habe diese Frau wirklich so lieb gehabt;( ...


    Ich hatte in der ersten Zeit der Trauer auch mal einen Vorgeschmack davon, wie es ist, depressiv zu sein.

    Morgens wach werden und nicht die Kraft zu haben, Arme und Beine zu heben. Das war geradezu erschreckend! Es hat mich größte Überwindung gekostet aufzustehen und mich aufzuraffen.

    Der erste Gedanke jeden Morgen war: "Mami ist tot!" Pure Folter ...

    Ich habe tatsächlich letzte Nacht von meinem Vater geträumt. Das erste Mal. Es war ein sehr kurzer Traum. Er lag auf dem Rücken auf dem Boden im Bügelzimmer meines Elternhauses, um einige Jahre jünger, als er gestorben ist. Und ich habe ihn verwundert gefragt: "Bist du wieder da? Ich dachte, du bist gestorben." Da hat er sich aufgesetzt und gesagt: "Ja, ich bin wieder da." Und ich habe ihn umarmt. Es war so real. Und dann bin ich aufgewacht. Sehr aufgewühlt. Aber es war so schön, dass er wieder da war.

    Vielleicht war es einer dieser ganz besonderen Träume, liebe Silvia.

    Auch ich hatte einen solchen kurzen Traum, den einzigen bisher. So derart real, und nach dem Aufwachen war ich den ganzen Tag über wie energetisiert.

    Mich hat meine Mutter im Schlafzimmer besucht. Ich träumte, wie ich in meinem Ehebett schlafe, und mein Mann kommt in Begleitung herein, macht mich wach und sagt: "Hier ist jemand, der dich sehen möchte."

    Ich mache die Augen auf, und meine Mami kommt wortlos, mit strahlendem Gesicht und ausgebreiteten Armen auf mich zu, und wir umarmen uns herzlich.

    Doch war es so intensiv, so real. Einfach unglaubliche, liebevolle Wärme. Für mich war das kein normaler Traum ... Er ist mir bis heute unvergessen.


    Ich denke, dein Papa hat dich auf der Astralebene besucht - was dafür spricht ist diese ungeheure Realität und auch, dass er dir in jünger erschienen ist; denn sei doch mal ganz ehrlich: Weshalb sollte er dir in einem normalen Traum jünger erscheinen? Ist zumindest nicht die Regel.

  • Irgendwie hat das Zitieren nicht funktioniert ...

    Wie kann das sein, ich will alle Erinnerungen behalten, aber einige verschwinden schon,

    Das ist eine Folge der Trauer, liebe Silvia.

    Ich kann mir bis heute die Stimme meiner Mami nicht ins Gedächtnis zurückrufen, obwohl ich ansonsten JEDE Stimme im Kopf habe!


    <3

  • Deswegen noch einmal mein liebevoll gemeinter Rat: Denk bitte immer nur in ganz kleinen Portiönchen nach vorwärts, das ist die einzige Überlebensstrategie, die einigermaßen funktioniert.

    Das ist ein sehr guter Hinweis!

    Wir neigen dazu uns mit Zukunftsgedanken zu überfordern die unmöglich scheinen. Niemand kann sich in der Trauer vorstellen, dass es irgendwann besser sein wird.

  • Liebe Silvia!

    Es ist schön,das du von ihm gerträumt hast,und es dich eher befriedigt,statt aufgewühlt hat.

    Es ist vielleicht auch die jetzige Situation mit Corona,wo alles ein bischen durcheinander

    kommt und vielleicht hat es dein Partner auch gar nicht so gemeint,sicher ist er auch genervt

    zur zeit von allem.Ich hoffe auch,das ihr wieder friedlich zusammen kommt.Kurz nachdem meine

    Eltern verstorben sind habe ich Ralf kennengelernt und hatte sehr lange damit zu kämpfen,

    aber hat immer zu mir gestanden und wo seine Mutter gestorben ist ,11 Monate vor ihm,

    war er auch am Boden zertstört,denn auch für mich war sie wie eine zweite Mama.

    Das wird sicher wieder besser und zur zeit sind alle unzufrieden,genervt und wollen

    endlich wieder zurück zur Normalität,aber der Weg dauert noch.Alles Gute

    Liebe Grüße Helga

  • Hallo Silvia


    Ich bin auch neu hier. Ich bin Tina , 50 Jahre alt und aus Berlin.


    Ich bin kommunikativ und Lebens froh.

    Ich rede nur nicht gerne über meine Gefühle und das was ich denke.

    Auch deine Geschichte ist ergreifend.

    Ich lese hier einige Dinge bei denen ich merke , das ich mit meiner Trauer und den Gefühlen nicht alleine bin. Und muss ehrlich sagen , es tut gut.

    Ich habe meine Mama ❤️ vor 3 Jahren an ihrem 73. Geburtstag verloren. Sie lag nach eine 6 stündigen Not OP ( Darmdurchbruch dadurch eine schwere Blutvergiftung) eine Woche im Koma. Vom ersten Moment auf der ITS wusste ich , dass meine Demenz krankte Mama nicht mehr will. Sie lag da weiß die die Wand bei 30 Grad Körpertemperatur . Ich stecke mitten in der eine berufliche Fortbildung. Also Vormittag die Schulbank danach jeden Tag sofort zu Mama..

    Ich musste bei den Ärzten eine Woche kämpfen , bis ich sie gehen lassen konnte.

    Mama ... was für eine Punktlandung ...Geburtstag- Todestag und nun hast du auch noch einen Feiertag bekommen🖤 Weltfrauentag

    Meine 💩 Bruder war an den Tag kurz mit da, er musste seine Zustimmung mit geben. Er ist dann gegangen und hat mich dann die letzten Stunden bei meiner Mama alleine gelassen. Achse er in der Woche Koma das Konto seine Mutter leer geräumt. Wir sind sehr unterschiedliche , wie Feuer u Wasser.

    Mama du fehlst mir so 😢