Wenn man es selbst nicht verkraftet

  • Ja liebe Karin, genau so ist es.

    Es wird erwartet, daß Du funktionierst wie eine frisch reparierte Maschine,die vielleicht kurz mal nicht gelaufen ist,aber nach einer gewissen Zeit hört einem kaum noch jemand zu,wenn man über die Trauer spricht.

    Es ist sehr traurig,wie sehr der Tod verdrängt wird. Überhaupt ist das Thema unerwünscht.


    Aber diejenigen,die ihre Liebsten verloren haben und auf dieser Insel sind,wie es Susanne oben so schön beschrieben hat,wissen ,wie sich das anfühlt und nichts wieder so sein wird wie vorher.

    Viele Grüße

    Matthias

  • Lieber Matthias,

    es ist ein schöner Gedanke, wieder an den Ort zu reisen, wo ihr nochmal so glücklich wart. Mach das unbedingt. Mein Liebster wollte immer nach Island, das war sein Lebenstraum. Wir wollten unsere Hochzeitsreise dorthin machen. Seine lieben Eltern, denen ich mich seitdem noch verbundener fühle, und ich wollen nächstes Jahr dorthin reisen und seine Asche dort verstreuen. Auf diese Weise können wir ihm seinen Traum doch noch erfüllen.

    Orte, an denen wir zusammen waren, mit sehr schönen Erinnerungen, kann ich jedoch (noch) nicht besuchen. Es tut zu sehr weh. An der Unfallstelle kann ich nicht vorbei fahren, viele Restaurants und Plätze nicht besuchen, vermeide sehr viel. Auch Treffen mit unseren Freunden sage ich ab, ziehe mich zurück. Ich kann nicht ertragen, dass ihre Welt sich weiter dreht, als wäre nichts gewesen. Aber das ist wohl normal, weil ich es in vielen Beiträgen lese. Es ist als sei man plötzlich in einer Parallelwelt. Man sieht die anderen aber ist selbst irgendwie isoliert.

  • Ja es ist schwer zu begreifen.Bei uns ist zur Zeit so eine Art stadtfest.Meine Freunde haben ein Bild von sich auf diesem Fest im WhatsApp Status.Ich heule mir die Augen aus.Klar wenn wir uns sehen hören Sie zu sind da.Aber es ist so unbegreiflich wie sie sich amüsieren können wärend ich langsam aber sicher eingehe....Es ist wie ihr sagt ein Parallel Universum.Das keiner außer wir von der Insel verstehen

  • Ihr lieben Leidensgenossen,

    ich glaube was ich in der Zwischenzeit gelernt habe ist, dass alles, was wir gerade fühlen und erleben, völlig normal und richtig ist. Wir müssen uns für nichts schämen oder rechtfertigen. Wenn wir uns zurück ziehen, neidisch auf die anderen, glücklichen Menschen sind, Gedanken ans Aufgeben haben und uns die ständige Frage nach dem WARUM quält, dann darf das alles sein. Manchmal liege ich lange im Bett und weine, versinke in Traurigkeit und Selbstmitleid und alles ist dunkel und verlassen. Diese Tage gibt es. Ich nehme sie an und akzeptiere diese Tatsache. Dann gibt es wieder gute Tage, an denen ich kämpfe und ein kleines Licht am Ende des Tunnels sehe. Wir alle haben mitunter das schlimmste erlebt, was es gibt.

  • Liebe Susanne,

    ja ich werde diese Reise auf jeden Fall machen.


    Und ich finde es sehr schön, daß Du mit seinen Eltern jetzt so verbunden bist und ihm seinen Lebenstraum nachträglich erfüllst. Das ist wahre Liebe.


    Ja ich kenne das auch. Viele Menschen haben auch kein oder wenig Feingefühl,um sich in unsere Situation hineinzuversetzen. Das kommt noch zusätzlich hinzu. Zu den ganzen Alltagsproblemen,die man durch die Trauer hat.


    Und ich kann es auch verstehen, daß Du manche Orte nicht aufsuchen möchtest.


    Ich selbst habe schon einige Orte aufgesucht,wo wir glücklich waren.

    Es war manchmal sehr schmerzvoll ,aber trotzdem sehr wichtig und dann auch letztlich schön,nochmal die Erinnerungen an diesen Orten ganz intensiv zu spüren.

  • Liebe Kathi,

    ich schaue mittlerweile gar nicht mehr in den Status der anderen, aus Angst, dass mich ihr Glück und unbekümmertes Leben traurig macht. Pärchenfotos kann ich gar nicht mehr ertragen, verliebte Paare auf der Straße, sofort schmerzt es und ich schaue weg. Meine Freundin hat kürzlich ein Baby bekommen, ich habe ihr gratuliert, aber es war keine echte Freude, nur der Anstand. Irgendwann wird es besser und man ist sicher wieder fähig, sich für andere zu freuen. Aber das braucht sicher Zeit. Die sollten wir uns einfach geben. Du bist nicht alleine mit diesen Gefühlen.

  • mir geht es mit den Statusbildern genauso, mein Bruder mit Frau sind 4 Wochen nach der Beerdigung meines Mannes nach Meran gefahren und haben die herzlichsten Bilder im Status. Ich weiß ich bin selbst Schuld das ich sie mir ansehen, ich tue mir da selbst mit weh. Ich bin einerseits neidisch und andererseits traurig, dass sie so unbeschwert Urlaub machen, als wäre nichts geschehen.

    Matthias ich bewundere dich das du eure gemeinsamen Orte besuchen kannst, ich kann es momentan nicht, jede Erinnerung an meinen Mann in der wir glücklich zu zweit waren tut mir furchtbar weh. Wir waren gerne in Cuxhaven, hatten für den 17.04. schon gebucht. Am 19.03. ist er verstorben. Ich könnte mir eine Reise dorthin jetzt noch nicht vorstellen.

  • Liebe Karin,

    in einer Trauergruppe, die ich mal besucht habe, wurde über dieses Thema gesprochen. Einige von ihnen, wie auch Matthias, konnten die Orte des gemeinsamen Glücks aufsuchen und dort Trost und schöne Erinnerungen erleben, andere wie du und ich, können das leider (noch) nicht. Für mich ist der Gedanke zu schmerzhaft, dass wir das nie wieder zusammen erleben werden, nie wieder gemeinsam dort sein werden. Dieses Endgültige ist nicht zu ertragen. Dass man gemeinsam dort war und noch nicht ahnte, dass es das einzige oder letzte Mal sein würde.

  • Liebe Susanne Genau das meine ich. Dieses schmerzhafte Wissen, diese schöne gemeinsame Zeit erlebt man nie wieder. Wir waren an Sylvester zuletzt zusammen da und hatten gleich wieder für den 17.04. gebucht. Ich hab alles noch so im Gedächtnis als wäre es gestern gewesen.

  • Ich verstehe das sehr gut. Noch ist es wahrscheinlich zu früh, aber vielleicht wirst du eines Tages wieder nach Cuxhaven reisen können, vielleicht wird dieser Ort aber auch für immer tabu für dich sein. Ich glaube da gibt es ganz unterschiedliche Wege, die jeder für sich herausfinden muss. Ich wünsche dir und uns allen ganz viel Kraft dabei 🙏

  • Liebe Susanne, liebe Karin,


    der Besuch dieser Orte war sehr schmerzvoll,aber es waren Orte ,wo wir uns oft aufgehalten haben oder gemeinsame Erlebnisse hatten.

    An manchen Orten habe ich meine ganze Trauer rausgelassen. Es waren Orte wo wir oft spazieren gegangen sind.


    Ich bin dann dort alleine Wegstrecken gelaufen. Und nach dem starken Schmerz konnte ich an die schönen Bilder denken.Es war nicht einfach. Aber die Sehnsucht nach diesen Orten war sehr groß.


    Aber jeder sollte selbst entscheiden,ob es einem guttut oder vielleicht doch noch zu früh ist. Und ja man braucht sehr viel Kraft um diese Orte überhaupt aufzusuchen,weil die Verzweiflung und die Trauer sehr viel Energie kosten.


    Doch mir hat es geholfen,den Verlustschmerz zu lindern und an meinem Geburtstag möchte ich auf dieser Insel sein. Meine Frau hatte noch bis zu meinem letzten Geburtstag durchgehalten. Wir hatten uns ja immer Ziele gesetzt. Das waren auch Geburtstage. Und drei Tage nach meinem letzten Geburtstag ist sie dann vorausgegangen.

  • Lieber Matthias,

    du hast einen sehr guten Weg der Trauerbewältigung gefunden. Deine Zeilen geben Mut und Zuversicht. Die Auseinandersetzung mit dem Verlust und der Trauer ist denke ich ein sehr wichtiger Schritt. In der Trauergruppe erzählte eine Frau, dass sie immer wieder den gemeinsamen Urlaubsort besucht, so wie sie und ihr Mann es all die Jahre getan haben. Sie liebt diesen Ort und möchte diese Tradition weiter führen, ihren Mann im Herzen immer dabei tragend. Das klang sehr schön und friedlich.

  • Lieber Matthias es ist toll, wie du mit deiner Trauer umgehst und bewusst die geliebten Orte und die Insel aufsuchst, ich für meinen Teil habe furchtbare Angst davor dann völlig zusammen zu brechen. Aber wie du schon schriebst, man kann es nur selbst entscheiden ob es einem gut tut oder nicht. Vielleicht kommt der Zeitpunkt irgendwann wo man sagt jetzt geht es doch und ich fahre dorthin.

  • Ja ich habe nach der großen Leere in den ersten Monaten danach versucht,wieder Halt zu finden.

    Ich habe einen Bungalow im Thüringer Wald. Dort haben wir uns sehr wohl gefühlt und waren über den Sommer oft dort.

    Auf der Terrasse stelle ich ihren Stuhl hin und hänge ihre Lieblingsjacke drüber.

    Und dann schaue ich mir Bilder an ,auf denen sie auf diesem Stuhl auf der Terrasse sitzt.


    Das war am Anfang ganz schlimm für mich. Ich konnte den Bungalow nicht betreten.


    Der Garten war total verwildert,weil ich anderthalb Jahre nicht dort gewesen war.


    Stück für Stück habe ich meine ganze Kraft gesammelt und finde hier ein wenig innere Ruhe.

    Es ist im Moment mein Kraftpunkt,wo ich mich jede freie Minute aufhalte.

    Es ist nur eine Viertelstunde von meiner Wohnung entfernt und ich bin die ganze Woche schon hier.


    Es ist trotzdem schlimm nicht mehr die vertraute Stimme zu hören.

    Meine Frau konnte ja schon jahrelang keine Gartenarbeit mehr machen. Aber sie hat mir von der Terrasse aus zugeschaut.


    All das vermisse ich so sehr.

    Aber wenn ich dann ihren Stuhl neben mir sehe,dann fühle ich mich innerlich mit ihr verbunden.

    Das sind die kleinen Dinge von denen ich oben sprach.

  • Liebe Karin,

    ich kann Deine Ängste verstehen und man sollte auch nichts erzwingen.


    Irgendwann kommt vielleicht der Moment,wo man es dann schafft.


    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, daß es Dir gelingt, diese Orte gemeinsamen Glücks irgendwann wieder aufsuchen zu können,wenn Du diesen Wunsch hast.

  • Liebe Karin, deswegen bin ich ja auch hierher gekommen.

    Nicht nur um Trost zu empfangen,sondern auch meine Gedanken zur Trauer anderen Leidenden mitzuteilen , obwohl ich selbst ja auch noch in starker Trauer bin.


    Und wenn meine Art der Trauerbewältigung anderen Mut macht und Kraft schenkt,bin ich glücklich.


    Der Weg dorthin war sehr beschwerlich.

    Und überhaupt in ein Trauerform zu gehen fiel mir nicht leicht.


    Aber angesichts der vielen lieben mitfühlenden Menschen hier,bin ich sehr dankbar diesen Schritt gewagt zu haben.

  • Ich musste leider unser schönes Zuhause kürzlich verlassen. Aus finanziellen aber auch emotionalen Gründen. Es war nicht mehr unser Heim, nur noch ein verlassener Ort voller Erinnerungen. Zu groß war immer die Hoffnung, er kommt doch noch zur Haustür herein, als wäre nichts gewesen. Unsere Nachbarn sind so lieb, sie haben immer nach mir geschaut. Ich fühlte mich dort beschützt und sicher, aber auch allein und einsam ohne ihn. Jetzt beginnt die Grillsaison, alle genießen die schönen Frühlingstage. Ich konnte es nicht aushalten, habe mich noch mehr zurück gezogen, unseren Garten nicht mehr betreten, weil wir so vieles gemeinsam darin verschönern wollten. Jetzt versuche ich einen Neuanfang. Das Bleiben war nicht möglich, das Gehen war auch schwer. Ich glaube wir alle versuchen einfach nur unser bestes, irgendwie weiter zu machen...