So meine Lieben... Eine Geschichte. Eine Geschichte über "leere Hände"... und eine Dreikönigsgeschichte, denn noch ist ja "Epiphanias-Zeit".
Diese Geschichte habe ich von einer lieben Kollegin bekommen - geschrieben wurde sie von einer ehemaligen Kollegin von uns... ich denke, sie ist einverstanden, wenn ich sie mit euch teile...
Ja, leer sind ja nicht nur unsere Hände - auch unsere Herzen fühlen sich manchmal leer an... trotz all der wunderbaren Erinnerungen und der dagebliebenen Liebe unserer Herzensmenschen. Eine Leere, die sich kalt und schwer anfühlen kann...
Ja, und nur ein offenes und leeres Herz lässt sich - ebenso wie leere Hände - füllen... Ja, es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als wir ahnen.
Machen wir unsere Hände und Herzen auf... lassen wir hineinfallen, was hineinfallen möchte...
Von Herzen 
Euer Mirachen
Im Gefolge der Heiligen Drei Könige
Als die drei Weisen aus dem Morgenland dem wegweisenden Christus–Stern nachzogen, säumten viele Menschen ihren Weg. Wann hatte es sich denn schon einmal ereignet, dass drei Könige gemeinsam auf einer Pilgerfahrt waren?
Was gab es da nicht alles zu bewundern: Die drei Könige waren fremdländisch und prächtig gekleidet und zwei von ihnen saßen auf weißen Kamelen. Der aus Afrika ritt gar auf einem Elefanten. Ein weiterer Elefant war im Gefolge, beladen mit elfenbeinverzierten Truhen und geführt von einem schwarzen Diener.
Unterwegs gab es immer wieder Menschen, die sich diesem außergewöhnlichen Pilgerzug anschlossen. Sie wurden nicht müde, von Ort zu Ort mitzuziehen: Durch tiefe Täler und über hohe Berge, durch staubige Wüsten und reißende Flüsse – immer den Wunderstern vor Augen. Auch Kinder fanden sich ein. Ihnen hatten es vor allem die Elefanten angetan. Wie groß war ihr Glück, wenn der schwarze Diener sie für eine kurze Wegstrecke auf den Elefanten setzte – zwischen die Truhen und Gepäckstücke. Am liebsten wären sie immer mitgezogen, doch mussten sie ja noch vor Einbruch der Dunkelheit nachhause zurückkehren.
Unter den Menschen, welche die große Karawane schon seit Wochen begleiteten, war ein Mann, dessen wirklichen Namen niemand kannte. Fragte man ihn danach, so antwortete er: „Nennt mich Narr!“ Und erkundigte sich jemand, woher er käme, so gab er zur Antwort: „Ich bin überall dort zuhause, wo Menschen unterwegs sind.“ Daher hatte er sich auch dem Zug der drei Weisen angeschlossen. Er wanderte mit leichtem Gepäck: Seine einzige Habe waren einige kleine Lederbälle und farbige kleine Tücher.
Abends suchten die Menschen und Tiere des langen Trosses die schützenden Mauern einer Karawanserei auf. Während Kaspar, Melchior und Balthasar ihre Gemächer aufsuchten, half der Narr den Dienern beim Abladen des Gepäcks und beim Versorgen der Tiere. Dafür reichte man ihm nach getaner Arbeit Fladenbrot, getrocknetes Fleisch und frische Datteln. Wasser schöpfte er aus dem Brunnen der Herberge.
Wenn alle satt waren, setzten sich die Diener in den mit Fackeln erleuchteten Innenhof und richteten ihre Blicke erwartungsvoll auf den Narren. Der begab sich in ihre Mitte und begann, seine Kunststücke zu zeigen. Keiner konnte mit solch einer Leichtigkeit das Rad schlagen wie er; noch selten hatte man die Jonglierbälle so zahlreich und flink fliegen sehen und niemand konnte die kleinen bunten Zaubertücher so geschickt verschwinden lassen und wieder hervorzaubern wie der Narr.
Einmal fand sich doch – man weiß nicht wie – ein rotes Tüchlein auf dem Rüssel des Gepäckelefanten wieder. Schon wollte der es genüsslich ins Maul führen, in der Meinung, es sei ein Leckerbissen. Flugs war der Narr zur Stelle, ergriff es und verneigte sich vor seinem Publikum. Das dankte ihm mit zufriedenem Beifall. Danach wurden die meisten Fackeln gelöscht und Nachtruhe senkte sich über Menschen und Tiere.
Auch der Narr suchte einen Platz zum Schlafen in einer Ecke des Hofes. Jemand folgte ihm. Es war der Knabe, der dem Narren schon vorher aufgefallen war: Er hatte die eben gezeigten Kunststücke mit staunenden Augen verfolgt. Hatte er denn kein Zuhause, das ihn bei Einbruch der Dunkelheit erwartete? Gewiss machte man sich Sorgen über sein Ausbleiben. Doch auf die Frage des Narren antwortete er: „Ich habe kein zuhause. Seit ich denken kann, muss ich für mich selbst sorgen.“ Der Narr wies ihm einen Schlafplatz neben sich und auch während der weiteren Sternwanderung nahm er sich des Knaben an. Er zeigte ihm, wie er sich den Dienern des Gefolges nützlich machen konnte und der Knabe erhielt dafür seine Mahlzeiten. Wann immer möglich, unterwies ihn der Narr in seinen Künsten.
Jonathan, das war sein Name, stellte sich in allen Dingen sehr geschickt an, vor allem beim Zaubern mit den kleinen bunten Tüchern. Bald erntete auch er bei den abendlichen Vorführungen viel Beifall.
Inzwischen hatte sich die Karawane bis auf eine Tagesreise der heiligen Stadt Jerusalem genähert. Der Befehl zum Aufbruch kam an diesem Tag ganz früh am Morgen. Jonathan lag noch in tiefem Schlaf. Der Narr zögerte, sollte er ihn wecken? Oder war dies vielleicht der Augenblick um Abschied zu nehmen voneinander? Er hatte den Knaben die Kunststücke gelehrt. Wenn er ihm nun sein eigenes Handwerkszeug daließ, konnte Jonathan in Zukunft wohl seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen. Schnell entschlossen legte der Narr die kleinen Lederbälle und die bunten Tücher neben den Schlafenden. Dann beugte er sich über ihn und flüsterte: „Leb` wohl, Jonathan! Gott, der Allmächtige, behüte dich!“
Mit leeren Händen zog der Narr weiter im Zug der Könige. Es ging nun geradewegs auf Jerusalem zu. Nach kurzem Aufenthalt dort verließen die Könige die heilige Stadt in Richtung Süden. Und siehe da – über der kleinen Stadt Bethlehem blieb der Wunderstern stehen. Kaspar, Melchior und Balthasar befahlen die Einkehr in die Karawanserei vor den Toren des Städtchens. Sie selbst eilten nun zu Fuß ihrem Ziel entgegen, gefolgt von einigen Dienern, die Geschenke trugen. Der Narr mischte sich unter sie.
Bald standen sie vor dem Haus, das überstrahlt war von dem Gnadenstern. Die Könige traten ein, dicht hinter ihnen das Gefolge. Der Narr erblickte in dem lichterfüllten Raum eine liebliche Frau mit einem Kind auf dem Schoß. Die Könige nahmen ihre Kronen vom Haupt und knieten nieder vor dem Gotteskind. Der Narr tat es ihnen gleich. Schließlich erhoben sie sich und winkten ihre Diener herbei. Diese reichten ihnen die Gaben, die sie dem Gottessohn schenken wollten: Das glänzende Gold, den duftenden Weihrauch und die heilende Myrrhe.
Der Narr schaute betroffen auf seine leeren Hände. Wenn er doch nur noch im Besitz der kleinen Bälle und der bunten Zaubertücher gewesen wäre, so hätte er jetzt seine erlesensten Kunststücke darbieten können. Gewiss hätte das göttliche Kind seine Freude daran gehabt. Nun stand er so armselig da…. Leise wollte er davon gehen.
Bei einem letzten Blick auf das Kind bemerkte der Narr, dass die liebliche Frau sich erhoben hatte. Sie trat auf ihn zu und legte ihm das Kind in den Arm, denn er war der Einzige im Raum, der nichts in den Händen hielt! Nun konnte sie die Königsgaben entgegennehmen.
Wie lange der Narr so stand, mit dem göttlichen Kind im Arm, konnte er später nicht mehr sagen. Von Licht und Wärme erfüllt, verließ er mit den Königen das Haus.
Von nun an ging er seine eigenen Wege. Wohin diese Wege ihn führten, davon berichtet die Geschichte nichts, nur eben, dass es neue Wege waren.
Und eines erzählte der Narr unterwegs jedem, der es hören wollte: Dass es manchmal gut ist, mit leeren Händen dazustehen, denn nur LEERE Hände können empfangen.