Meine Mama fehlt mir so unendlich

  • Liebe Polarstern, ich bin jetzt mal so frei und schreibe noch ein wenig zu deiner Antwort an mich. Deine Gefühle sind, wie die aller Menschen, hoch komplex und ich picke mir sozusagen das heraus, was mir auffällt.

    Ehrlich gesagt habe ich sogar das Gefühl, dass du mich verstehst, obwohl wir noch gar nicht geschrieben haben. Es ist tatsächlich so, dass mein Kopf, wie soll ich sagen, wirr ist. Irgendwie schaffe ich es nicht die Trauer zu verarbeiten, dann grübel ich ständig und zwischendurch kommen die Heulkrämpfe.

    Es ist im allgemeinen Sprachgebrauch üblich, von Trauer'verarbeitung' zu sprechen. Ich finde diese Redewendung generell unglücklich und im Kontext mit einer Trauernden, die an einer Depression leidet, klingt es doppelt falsch. Ich schiebe hier kurz ein, dass ich eigene Erfahrungen habe und außerdem mein Kind viele Jahre durch dunkelschwarze Täler begleitet habe. Dabei habe ich einiges an Erfahrung mit Ärzten und Kliniken etc. machen müssen. Ich habe hier also nicht 'gegoogelt' sondern war mitten drin.
    Bis heute begreife ich nicht, was 'Trauer verarbeiten' eigentlich bedeuten soll. Und ich versuche es auch nicht. Die Trauer ist das irdische Band, das zwischen mir und meinem Kind geblieben ist. So konnte ich das die ersten ca zwei Jahre natürlich nicht sehen. Dennoch möchte ich heute an dich appellieren: schau in dir nach, ob es nicht besser ist, die Trauer nach und nach in dein Leben einzuladen. Als Begleiter an Stelle deiner Mutter. Nicht verarbeiten - lieber begrüßen. Und da jetzt nicht den akuten Wundschmerz, den du jetzt verständlicherweise noch hast, mit der Trauer verwechseln, die dann wirklich das Wesen und das Herz deiner Mutter mit sich führt. Schon jetzt ist deine Mama - in meiner Lebensanschauung - bei dir, ein Teil deines Lebens. Immernoch und für immer. Das, was bleibt, ist anfangs schwer zu verstehen. Der Schmerz ist so groß.
    Darum eben: nicht verarbeiten. Lieber integrieren lernen.

    Ich verarbeite gerade die Trauer mit meiner Therapeutin. Das sind schon heftige Sitzungen aber ich hoffe, dass ich irgendwann damit umgehen kann, Momentan sehe ich das nicht so.

    Wenn du mit deiner Therapeutin grundsätzlich zufrieden bist und dich verstanden fühlst dann ist das viel wert. Hier nur wieder das unselige 'verarbeiten'. Trauer sollte man lernen, statt verarbeiten. Denn das klingt, als gäbe es einen Schlusspunkt, den man erreichen soll. Das ist jetzt zwar nur meine Meinung, doch inzwischen maße ich mir an mehr zu verstehen, als noch vor zwei-drei Jahren.
    Mein Kind ging mir vor vier Jahren voraus und ich musste diese Entwicklung in mir machen um da zu sein, wo ich jetzt bin. Trauer ist dynamisch, wenn man sie lässt. Ich lebe mit ihr. Sie ist nur noch selten heiß wie Feuer. Aber immer da. Ein sanfter Gruß von meinem Kind in ihrer neuen Welt. Traurig, weil ich sie nicht umarmen kann, weil ich sie nicht sehen kann, sie nie heiraten wird, nie Kinder bekommen wird, nie einen Hund haben wird - hier, auf der Erde - bin ich immerzu und weh tut es ständig. Aber auf eine Art, die nun einfach zu mir gehört. Anders möchte ich nicht sein.

    Liebe Polarstern, weine ruhig. Krämpfe hören auch wieder auf. Die Tränen sind das 'Löschwasser', wenn die Trauer dich wie ein loderndes Feuer zu verschlingen scheint. Um einen geliebten Menschen weint man eben sehr. Ich erinnere mich wie gigantisch meine Tränen in den ersten Jahren waren. Unnatürlich groß. Das passiert auch heute noch, wenn es doch mal wieder so richtig schlimm ist. Es ist nur selten geworden. Und dauert nicht mehr monatelang an.

    Bleib (ja, bleib!) mutig.

    Unsere Toten sind nicht abwesend nur unsichtbar,

    sie schauen mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Trauer.

    Es gibt ein Wiedersehen auf einer anderen Ebene.

    Und die Seelen unserer Vorausgegangenen begleiten uns

    Aurelius Augustinus

  • Hallo Polarstern


    Hatte gesehen dass du als Gast vermerkt bist.

    Und dich dann später wieder unter den Neuanmeldungen entdeckt.
    Klappte etwas nicht mit der Anmeldung ?

    Hoffe Thomas kann dich bald (wieder) freischalten.


    LG
    King

  • Liebe Polarstern, mein tiefes Mitgefühl zu deinem Verlust deiner geliebten Mutter und zu deinem starken Trauerleid.


    Hier im Forum, das merkst du ja schon, meint niemand, dass wir über dennTod unserer Allerliebsten schnell oder überhaupt hinwegkommen sollen oder können.

    Ich sage immer auf solche gefühlsverarmten Fragen wie „Trauerst du immer noch?“ „Ja, meine Eltern sind immer noch tot nach 62 Jahren Gemeinsamkeit in Familienliebe.“


    Meine Mutter ist 2022 mit 86 Jahren gestorben, auch sicherlich medizinisch völlig vernachlässigt in den Coronawirren und darum zu früh gestorben. Mein 11 Jahre älterer Vater folgte ihr kein halbes Jahr später und ich litt trotz eigenen Seniorenalters innerlich die Qualen einer Vollwaisen und kam hier ins Forum, weil ich die unterentwickelten und verhaltensgestörten gesellschaftlichen Trauertabus um mich herum ablehnte!

    Diesem Forum bin ich sehr sehr dankbar für alles fürsorgliche Interesse und Verständnis und allen herzenswarmen Traueraustausch.

    Lass es dir hier besser gehen als anderswo in Sachen Trauer.

    Ich kenne selber am eigenen Leib und familiär mütterlicherseits auch Phasen schwerer Depressionen und leide auch an chronischen Depressionen.

    Darum hab ich mich schon jahrelang vor dem Tod meiner Eltern mit dem Thema Trauer beschäftigt, weil ich nämlich durch meine Depressionen, die ja bei jedem anders sind, emotional gar nicht trauern konnte, nicht mal, als mein geliebter Opa starb.

    Jedenfalls, wie auch immer, ob depressiv unfähig zu trauern oder depressiv völlig aufgelöst und grübelnd in Trauer, die Trauer ins eigene Leben einzuladen, das stimmt, das hilft mir, aus der kranken Art in die gesunde Art des Trauerns zu rutschen.
    Und alle weitere Depressionsbehandlung wie psychologische Begleitung und in meinem Fall auch Antidepressiva.


    Du machst es doch gut, bist in Selbstfürsorge hier im Forum und hörst nicht auf die Trauerverkümmerten da draußen, sondern auf die Liebe. Liebe ist die ultimative Kraft gegen Depri! :24:<3

  • Hallo,


    ich habe gestern mehrfach Versucht mich anzumelden. Aber es kam ständig die Nachricht,

    Ihre Angaben sind ungültig. Bitte überprüfen Sie die markierten Eingabefelder.

    Dann habe ich mich gestern neu angemeldet. Den Support habe ich auch angeschrieben aber da kam nichts zurück. Ich weiß nicht, ob ich vielleicht ausversehen gelöscht wurde.


    LG Polarstern


  • Liebe Linchen,


    vielen lieben Dank<3


    Obwohl es manchmal schwer ist, tut mir das Ehrenamt im Seniorenheim doch richtig gut und das sind alles ganz liebe Menschen.


    Häkeln habe ich mir zur Corona-Zeit angeeignet als wir nicht mehr raus durften. Es macht auch immer noch viel Spaß habe aber momentan Konzentrationsschwierigkeiten. Ich häkel, dann ribbel ich wieder. Das ist immer so ein hin und her.


    Viele liebe Grüße

  • Liebe Mayatochter,


    vielen Dank für deine liebe Anteilnahme<3


    Ich bin sehr froh, dass ich dieses Forum gefunden habe. Ich dachte wirklich schon, dass ich mit meiner Trauer nicht normal bin. Wobei ich es normal finde, um Menschen zu trauern, die man über alles geliebt hat. Aber was ich mir schon alles anhören musste, lässt mich einfach nur den Kopf schütteln. Weshalb ich draußen auch schon nichts mehr sage. Ich bin aber auch nicht mehr bereit mich mit solchen oberflächlichen Leuten abzugeben.


    Es ist auch egal in welchem Alter man seine Eltern verliert. Sie haben uns unser ganzes Leben begleitet und wenn man ein gutes Verhältnis hatte, dann trauert man auch stark um sie. Mir hat mal eine Trauerbegleitung gesagt, es gibt Menschen, die trauern Monate, dann gibt es Menschen, die trauern Jahre und dann gibt es Menschen, die trauern für immer.

    Es ist jetzt 7 Monate her, dass meine Mutter tot ist und ich habe das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben ist und es für mich nicht weitergeht. Wenn ich auf der Arbeit bin geht es einigermaßen gut. Wobei ich auch da Phasen habe, wo ich Weinkrämpfe bekomme. Aber am schlimmsten ist es nach der Arbeit. Wenn ich wieder zu Hause bin und dann beginnt das Grübeln, ich bin total erschöpft und es ist alles sinnlos. Ich stecke da in einem Teufelskreis.


    Ja, Depression hat viele Gesichter, da kann man auch nicht sagen, man hat dann diese oder jene Symptome. Das ist so vielfältig und ich finde, das macht diese Krankheit auch so tückisch.


    Nochmal vielen Dank für deine lieben Worte:24:

  • Ich verstehe dich gut. Meine Mama ist jetzt seit über zwei Jahren nicht mehr da und ich komme immer noch nicht damit klar. Das Umfeld erwartet Normalität, man soll wieder funktionieren wie gewohnt. Das gibt es aber für mich nicht mehr, es gibt nur noch mein Leben mit PTBS und das ist nunmal anders als vorher.

  • Ich kann es so sehr nachempfinden und fühle genauso! Meine geliebte Mama ist am 20. März 26 gestorben und seitdem steht meine Welt völlig still. Obwohl ich erwachsen bin und zwei Kinder habe, habe ich das Gefühl alleine zu sein und mein Zuhause verloren zu haben. Der Mensch, der mich bedingungslos geliebt hat, immer für mich da war, mit dem ich so viel erlöst habe, ist nicht mehr da. Ich weiß garnicht mehr wo ich hingehöre und weiß nicht wie ich weitermachen soll.