Mein Mann ist mit dem Flugzeug abgestürzt, seitdem ist alles anders.

  • Danke, danke, danke für eure aufbauenden Worte!

    Ich kann euch allen ernsthaft versichern, ein Freitod kommt für mich nicht in Frage, so schwierig es auch sein mag!


    Allerdings wünsche ich mir wirklich sehr oft, dass es endlich für mich vorbei ist, denn es fällt mir unglaublich schwer, mich von der Vergangenheit zu lösen, weil ich so gar keine Perspektiven für mich in der Zukunft sehen kann.


    Ich hinterfrage mich sehr und analysiere mein Befinden und wenn ich höre oder lese, welch grausames Schicksal andere Menschen erleben müssen und wieviele Menschen täglich sterben müssen, die auch alle trauernde Hinterbliebenen haben, frage ich mich schon, wie die das alle schaffen, wieder zu einem normalen Leben zurück zu finden.

    Dann fühle ich mich sehr privilegiert und dennoch ändert es nichts an meinen Gefühlen und meinem Lebensüberdruss.

    Mein Leben ist in kleine Stücke zerbrochen, die ich nicht wieder zusammensetzen kann, um so etwas wie Kontinuität zu finden, die vorher Normalität während meines ganzen Lebens war.

    Ich bin auch draufgekommen, dass mein Leid keines ist, das man mit irgendwelchen Verhaltensänderungen und Maßnahmen behandeln und ändern kann, denn es kommt von ganz innen, aus den Tiefen meiner Seele und ich kann es betrachten und annehmen und damit arbeiten, indem ich Medizin in Form von Kommunikation mit anderen Menschen zu mir nehme.

    Immer wenn ich ungehindert darüber rede oder schreibe, fühle ich momentane Erleichterung, deswegen betrachte ich das als Medizin und freue mich, dass ich hier so geduldige und aufmerksame Zuhörer und Gesprächsteilnehmer gefunden habe.


    Auch im Alltagsleben habe ich einige Helfer, die mir viel geben und ich war am Samstag bei einem Seminar von Axel Burkart in Bad Reichenhall, das hat mir gutgetan und auch dort habe ich wieder eine sehr liebe Frau kennenlernen dürfen, die selber ungeheures Leid erfahren und sich daraus befreit hat und die mir gern hilft und mich unterstützt.

    Ihr seht also, Hilfe gibt es sehr viel für mich und ich bin mir sehr bewusst, dass das nicht selbstverständlich ist.

    Trotzdem dämmert mir langsam die Erkenntnis, dass ich noch sehr am Anfang eines langen Weges stehe und ich versuche, mich so gut es geht, mich darauf einzulassen und wenns gar nicht geht, dann habe ich hier eine sehr schöne Gelegenheit Dampf abzulassen, das ist sehr beruhigend.

  • Servus

    wie die das alle schaffen, wieder zu einem normalen Leben zurück zu finden.

    Die selbe Frage habe ich meiner Trauerbegleitung ebenfalls gestellt, ihre Antwort war das man nicht zu einem "normalen Leben" zurückfindet wie wir es uns gerade vorstellen, man findet zu einem "anderen Leben" und wenn man Glück hat und sich darauf einlässt ist es dann auch wieder lebenswert, denn auch wenn es anders ist kann es schön sein aber so wie es einmal war wird es nicht mehr werden, damit müssen wir uns abfinden.

    Mit dieser Aussage konnte ich etwas anfangen und mich damit auch irgendwie anfreunden denn dieses "normale Leben" ist ohne unsere Partner nicht vorstellbar, dieses "andere Leben" das wieder lebenswert wird liegt zwar auch für mich in weiter Ferne denn "dieses Leben" ist im Moment sehr dunkel und kalt aber man darf zumindest ein wenig hoffen.

    Auch bewundere ich Menschen die schneller vorankommen und doch sehe ich es als Beweis unserer Liebe zu unseren Partnern das es uns geht wie es uns geht was wiederum etwas wirklich wertvolles ist so unerträglich es sich auch anfühlt.

    Ich wünsche dir einen erträglichen Tag und Kraft
    LG Chrono

  • Liebe Tigerlily,

    mein Rudy hat immer gesagt, er möchte auf seinem Motorrad sterben und genauso ist es passiert. Dein Mann ist auch bei der Ausübung seines Hobbies verstorben, besser als monatelang dahinsiechen und Schmerzen haben. Zu sterben, wenn man gerade das tut, was einem Freude macht, finde ich eine schöne Vorstellung.


    Das mit dem Nachsterben.... ja diese Phase hat glaube ich fast jeder von uns durchgemacht. Ich sehe die Zeit auf Erden als Wartezimmer , bis ich mit meinem Rudy und meinen anderen Lieben von meiner Seelenfamilie wieder vereint bin.


    Aber auch im Wartezimmer kann man es sich gemütlich machen, keiner unserer Vestorbenen hat etwas davon, wenn wir uns nichts mehr gönnen und nichts mehr genießen, ich glaube eher, dass sie drunter leiden, wenn wir so traurig sind.


    Versuche dir die Zeit im Wartezimmer zu vertreiben, probiere dir jeden Tag etwas Gutes zu tun (ich hatte monatelang Schwierigkeiten, etwas zu Essen, habe total abgenommen). Jetzt koche ich wieder für mich selber und rede im Gedanken mit Rudy dabei, ab und zu krieg ich auch Antworten.

    Oder einmal wegfahren, das hab ich die 1. Weihnachten gemacht, das hat mir sehr geholfen.


    Du hast jetzt ein Leben, das auf euren Erinnerungen basiert, die sind wertvoll, aber du musst dir jetzt deine eigenen neuen Erinnerungen schaffen, natürlich mit ihm im Herzen. Ich lebe ein doppeltes Leben...:24:

  • Lieber Chrono,

    das Leben wird ein anderes und auch ihr alle hier werdet andere Menschen werden - bzw. seid es schon.

    Der Tod eines geliebten Menschen verändert das Leben und das eigene so sein.


    Liebe Angie,

    der Satz: Ich lebe ein doppeltes Leben.... hat mich sehr nachdenklich gemacht und ich kann es nachvollziehen.

    Einerseits ist das Leben in der Vergangenheit, der Erinnerung und in der Verbindung mit Rudy

    und andererseits ist das Leben im Hier und Jetzt.

    Eine schöne Formulierung hast du da gewählt.


    Lieb Tigerlily

    deine privilegierte Situation kann an deinen Empfindungen nichts ändern. Das würde ja heißen, dass Menschen

    mit mehr finanziellen Mitteln weniger Gefühle hätten. Das fände ich seltsam.

    Deine Medizin, das Reden und Schreiben, finde ich eine sehr wirksame. Und Verhaltensänderungen wird es aus

    sich heraus geben, eben weil die Trauer dich und dein Leben grundlegend verändern.


    Ich wünsche euch allen für heute einen leichten Moment, den zu genießen ihr euch traut.


    Lg. Astrid.

  • (Das mit dem Bild hat jetzt nicht so geklappt wie ich wollte, ich versuchs nochmal)


    Meine Situation ist ein wenig anders, als deine, liebe Angie.

    Mein Mann war mein großer Halt und meine Stütze in meinem Leben, ich war als Kind schon immer recht einsam und war so froh, dass ich ihn kennenlernen und lieben durfte und dass er mich auch geliebt hat.

    Andererseits hatte er ein zweites Leben, das ihm definitiv mehr bedeutet hat als ich, das war die Fliegerei. Ich habe mich zurückgenommen und ihn seine Leidenschaft voll ausleben lassen und ihn unterstützt so gut ich konnte. Ich war so stolz auf ihn und liebte ihn aus ganzem Herzen und auch er hat mich sehr geliebt und geschätzt, nicht zuletzt, weil ich ihm ein gemütliches Heim geschaffen habe und ihn nicht von der Fliegerei abzuhalten versucht hatte.

    Ich habe sogar anfangs versucht an seinem Hobby teilzunehmen, aber leider kam ich damit nicht wirklich zurecht, vor allem mit der menschlichen Umgebung des Flugplatzes, sodass es dabei geblieben ist, dass ich zwar öfter mitgeflogen bin, aber im Lauf der Jahre dann immer weniger, was auch durch meinen Beruf bedingt war, durch den wir öfter getrennt waren.


    Erst in den letzten Jahren, wo ich dann daheim gearbeitet und auch meinen Vater betreut habe, sind wir mehr zusammengewachsen. Allerdings haben wir auch schöne Urlaube verbracht, wir hatten über Jahre ein Segelboot in Istrien, sind mit dem Wohnmobil verreist, oder in den Süden geflogen, haben Thermenurlaube gemacht und wenn wir zuhause waren, gab es immer ein Projekt, das er betrieben hat und bei dem ich ihm half, allerdings nichts, das ich jetzt alleine in seinem Namen weiterführen könnte. Und in Urlaub fahren, wo ich immer mit ihm war und dann auch noch alleine, das könnte ich niemals!

    Ich lebe in unserer gemeinsamen Wohnung, in der alles so ist, wie wenn er sie am Morgen verlassen hätte und am Abend wieder zurück kommen würde und ich rede viel mit seinem Bild in meiner Gedenkecke, aber es ist eben so, als wäre mein Leben stehen geblieben seit dem Tag, als er mich verlassen musste und ich weiß definitiv nicht wie ich seelisch ohne ihn klarkommen soll, obwohl ich es im Alltagsleben ohne größere Probleme jeden Tag mache, so wie ich es ja vor seinem Tod auch schon gemacht habe.



  • Wunderschön diese Gedenkstätte in der Wohnung, da kannst du dich ihm wirklich nahe fühlen<3.


    Was ich meine ist, dass du dich nicht drängen lassen sollst, nicht überlegen sollst, was du mit deinem Geld und deiner Freizeit etc machst, es wird der Tag kommen, an dem dich irgendein Thema auf einmal interessiert, oder ein Tag, an dem du dich wieder über etwas ein bißchen freuen kannst.

    Und damit beginnt der 1. Schritt ins neue Leben....

  • Liebe Tigerlily,

    jetzt habe ich doch noch ein Frage:

    Was hast du denn mit deiner Zeit gemacht,wenn dein Mann auf dem Flugplatz oder am Fliegen war?


    Ich wünsche dir für heute einen erträglichen Tag.

    Lg. Astrid.

  • Liebe Astrid,

    zu Anfang unserer Beziehung hatten wir beide Schichtdienst, ich als Grenztierärztin, er als Zollwachbeamter, da hatten wir oft solche Dienstpläne, dass wir uns ein oder zwei Tage nicht gesehen haben. Er ist halt in seiner Freizeit geflogen, für mich wars zu Beginn sehr hart, aber ich habe eine Freundin mit Hund und Pferd gefunden und war dann halt im Stall, Reiten oder mit den Hunden spazieren. Sehr viele Ehen von Zöllnern und Polizisten sind an den langen Schichtdiensten gescheitert, wir haben es geschafft.

    Mit dem Eu Beitritt Österreichs wurde ich mit einem Kollegen aus dem Pitztal an die Schweizer Grenze in Vorarlberg versetzt, wir haben das unter uns dann so geregelt, dass wir abwechselnd 14 Tage in Vorallberg Dienst hatten und 14 Tage frei daheim verbringen konnten.

    Da sind wir uns in diesen 2 Wochen auch nur telefonisch begegnet, der Vorteil war dann halt für mich, keine Nachtdienste mehr und ich war 14 Tage als Hausfrau daheim. Mein Mann ist dann vom Zoll zur Gendarmerie (heute Polizei) gewechselt, Er hatte dann da auch wieder Schichtdienst, aber in den 14 Tagen, wo ich daheim war, hatten wir doch so etwas wie ein normales Familienleben.

    Zu dieser Zeit, 1998 wurde auch meine Mutter schwerkrank und bettlägrig und mein Vater und ich beschlossen, sie zu Hause mit Hilfe des Sozialsprengels zu pflegen. In den 14 Tagen, wo ich in Vorarlberg war, hatte mein Vater die ganze Last zu tragen, aber wir blieben in telefonischem Kontakt und mein Mann war auch zur Stelle, wenn Hilfe benötigt wurde. So überstanden wir schwierige 2 Jahre, bis meine Mutter von ihrem Leiden erlöst wurde. Ich war bis zu ihrem Ende bei ihr und habe auch für die Vorbereitung zum Begräbnis mit Hilfe einer Schwester des Sozialsprengels gesorgt.

    Danach hat mein Vater sein Leben nach und nach recht zufrieden fortgeführt, nicht zuletzt mit Hilfe der netten Nachbarsfamilie, die ihn regelmäßig zum Essen holte und auch Ausflüge und andere Unternehmungen mit ihm machte, und deren Hund er täglich ausführte und sich auch um deren Wohnung kümmerte, wenn sie mal nicht da waren. Ich war ja immer noch die 14 Tage weg und wenn ich da war, war er selbstverständlich meistens bei uns (damals hatten wir noch Haus und Garten).

    Seit 2010, nachdem meine Arbeit als Grenztierärztin wegen politischer Abkommen beendet worden war, wurde ich zur AGES Salzburg versetzt und mache seither Computerarbeit für die Europäische Union. Das hat den Vorteil, dass ich nur einmal die Woche nach Salzburg fahre und als 2014 mein Vater knapp vor seinem 90. Lebensjahr einen Oberschenkelhalsbruch erlitt konnte ich mich gut um ihn kümmern. Und war mit Arbeit und Hausarbeit und Pflege vollbeschäftigt, dass für sonstige Freizeitaktivitäten sowieso keine Zeit mehr blieb. Im September war mein Vater soweit fit, dass ich wieder mehr Zeit für mich hätte haben können, da hat sich dann meine Mann den Mittelfuß gebrochen und weil es gewisse Komplikationen gab, hatte ich dann gleich den nächsten Patienten zur Pflege.

    Die nächsten Jahre waren dann mehr oder weniger meinem Vater gewidmet, dessen Lebenskraft mit über 90 Jahren langsam am Schwinden war. Wir hatten ein inniges Verhältnis zueinander und kamen uns so nahe wie nie zuvor in unserem Leben. Während mein Mann sich in der Pension voll und ganz der Fliegerei widmete, widmete ich mein Leben unserer kleinen Dreipersonen Familie und war eigentlich recht zufrieden damit, mich zu kümmern, zu arbeiten und ansonsten nicht mehr viel mit der Außenwelt zu tun zu haben.

    2017 war dann dann ein ungewöhnlich intensives, ja sogar aufreibendes Jahr, das Todesjahr meine Vaters. Beginnend mit einer Lungenentzündung im Februar, ging es ab Mai eigentlich mit dem Sterbeprozess los, was mir allerdings erst nach seinem Tod am 24. Juli 2017 klar wurde.

    Ich war bis zu seinem Tod bei ihm, es war ein stiller, feierlicher Moment, als er ging und mein Mann und ich trauerten gemeinsam um ihn, der so liebevoll und ein großartiger Mensch gewesen war.

    Es war eine sehr intensive Zeit, in der unsere kleine Familie sehr zusammenwuchs, denn auch mein Mann war in die Abläufe sehr eingebunden und wir fanden zu einem so harmonischen und liebevollen Miteinander wie nie zuvor in unserem Leben.

    Und ich war der Mittelpunkt der Familie, gebraucht und geliebt und gefordert. Nach dem Tod meines Vaters dann die Wohnungsauflösung, eigentlich stand ich unter Spannung bis zu Anfang dieses Jahres, bis alles erledigt war und wir mit einer Kreuzfahrt unser ruhiges Alter beginnen wollten.

    Hannes hatte vor die Fliegerei einzuschränken und ich sagte noch zu ihm, so ein Jahr wie 2017 möchte ich nicht so schnell wieder erleben. Das war im Mai und am 13. Juni war dann mein 60. Geburtstag und Hannes hat ihn noch ganz besonders liebevoll mit mir begonnen und wir machten schon Pläne für eine Reise nach Sardinien im September und am nächsten Tag am 14. Juni 2018 um 10:32h war er dann tot.


    Und seitdem ist mein Leben beendet und ob ich mich von diesem Schlag jemals wieder erholen werde, steht in den Sternen.

  • Guten Morgen

    "Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen." aus der Bergpredigt.

    Ich glaube,es ist nur wichtig,den heutigen Tag zu überleben.Was morgen ist,kann keiner sagen und wissen.

    Einen erträglichen Tag wünsche ich dir.

    "Hütet euch vor falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind. " (Mt 7,15)

    Nicht jede Geschichte,die im Internet erzählt wird, ist wahr.Trauernde haben oft sehr viel Mitgefühl für andere .Passt gut auf euch auf.

  • Liebe Tigerlily,

    danke, dass du uns an deinem Leben teilhaben lässt.

    Was mir gleich aufgefallen ist war das:

    ich habe eine Freundin mit Hund und Pferd gefunden und war dann halt im Stall, Reiten oder mit den Hunden spazieren

    könntest du wieder zum Reiten gehen? Meinst du die Arbeit und das Spüren des Pferdes könnte dir heute ein ganz kleines bisschen wohl tun?


    Einfach so ein Gedanke von mir.


    Wie hast du die Zeit in Vorarlberg verbracht, wenn du nicht arbeiten musstest?


    Ob du dich von diesem Schlag wieder erholen wirst? Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Doch ich vertraue ganz fest darauf, dass du die Kraft und auch den Mut dazu hast. Dass du in deinem Rucksack, den dir das Leben mit all seinen Erfahrungen gepackt hat, auch das Nötige dafür dabei hast.


    Ich wünsche dir einen erträglichen Tag heute und dass dich der Mut nicht verlässt.

    Lg. Astrid.

  • Nein, leider das mit den Pferden und den Hunden und den Tieren allgemein ist so ein eigenes Thema für mich, welches total blockiert ist, es würde zu weit führen, es hier zu erklären.

    Nur soviel: Ich habe eigentlich noch ein Pferd, einen Haflingerwallach namens Fury, der 26 Jahre alt ist und sich bei liebevoller Betreuung in Oberösterreich bei der Tochter meiner Freundin befindet. Heuer im September war ich bei meiner Österreich Reise auch bei ihm, er stand an einem sonnigen Nachmittag mit seinen Pferdekumpels auf der Weise, es ging ihm sichtlich gut.

    Früher wäre ich hingegangen, hätte ihn geholt, geputzt und vorgeführt und Leckerlis hätten auch nicht gefehlt.

    An diesem Tag bin ich vor der Weide gestanden, um meinem Cousin das Pferd zu zeigen und habe absolut nichts dabei gefühlt, absolut gar nichts! Ich habe mich vor mir selbst erschrocken!

    Auch der Hund meines Cousins, ein allerliebster Welsh Corgie Rüde, der Hund meiner Freundin, ein Labrador und der Großpudel meiner Kollegin in Salzburg bedeuten mir gar nichts mehr, dabei hatte ich bis 2004 ebenfalls einen Hund, eine Rauhaardackelhündin, die ich sehr geliebt und bis zu ihrem Tod mit 17 Jahren begleitet habe.

    Mit mir stimmt mehr nicht als durch den Tod meines Mannes zu erklären ist, eigentlich hat es schon mit dem Tod meiner Mutter begonnen, dass ich mich langsam aber sicher von der Welt zurückgezogen und in eine Scheinwelt voller Ablenkungen geflüchtet habe. Ich habe seitdem auch alles versucht, um herauszufinden, was los ist, aber es hat nichts geholfen, sodass ich 2014 resigniert und beschlossen habe, meine Erfüllung in meiner Kleinfamilie zu finden, wobei ich die kindliche Hoffnung hegte, mit meinem Mann gemeinsam sterben zu können, wohl wissend, dass das vermutlich ein reiner Wunschtraum bleiben würde, aber dass es so früh stattfindet, damit hätte ich nie gerechnet!

    Ich habe auch öfter geweint, weil ich ziemliche Verlustängste hatte, habe das aber versteckt, denn mein Mann war immer ganz aufgelöst, wenn ich geweint habe und da ich es selber nicht genau erklären konnte warum, habe ich es ihm auch nicht zugemutet, sondern mich zusammengenommen, wenn er da war.

    Nun ist mein allerschlimmster Alptraum wahrgeworden und es ist noch viel schlimmer, als ich es mir je vorstellen hätte können.

    Sämtliche Ablenkungen funktionieren nicht mehr, das Leben ist zur Qual geworden und zwingt mich zu Aktivitäten, die ich eigentlich gar nie wollte. Ich nehme auch alle Angebote die Linderung oder Heilung bringen könnten an und hoffe, dass irgendwann einmal etwas davon fruchtet. Ich bin bescheiden geworden, ich wünsche mir nur mehr ein erträgliches Leben, bis ich endlich auch sterben darf, denn große Hoffnungen auf ein schönes Leben habe ich nicht mehr, samt dem ganzen materiellen Wohlstand den ich besitze.

  • Liebe Tigerlily,

    vielleicht wäre weniger mehr? Das beziehe ich auf den Satz, dass du alle Angebote annimmst, die Linderung und Heilung bringen könnten.


    Es ist ganz schwer auszuhalten. Und doch kann die Trauer nicht beschleunigt oder schneller hinter sich gebracht werden, wenn man mehr tut.

    Es kann Linderung des Schmerzes geben, wenn du dir Gutes tust, wenn du für dich sorgst. Doch Heilung wird es nicht schneller geben. Es ist wie mit dem Gras, das auch nicht schneller wächst, wenn man daran zieht.


    Du gehst jetzt durch eine dunkle und schwere Zeit und ich wünsche dir von Herzen, dass du dein Herz für Tiere und Menschen wieder ein bisschen öffnen kannst. Und vielleicht magst du dir mit deiner Therapeutin mal das Thema Verlustangst anschauen. Das ist in vielen Trauerprozessen ein Thema. Und du hast mit deiner Mama, deinem Papa, deinem Hund und als Spitze deinem Mann schon ganz viele Verluste erleben müssen. Und mit jeder Trauer kommen auch diese Verluste wieder hoch.


    Ich wünsche dir, dass du an diesem Wochenende etwas findest, was dir ein bisschen wohl tun kann.

    Lg. Astrid.

  • Das Problem ist, dass es nichts gibt was mir wohl tut, ich versuche nur zu verhindern, dass es so weit kommt, dass ich meine Unruhe und den Seelenschmerz nicht mehr aushalten kann.

    Vermutlich renne ich vor mir selbst davon.

    Aber ich finde einfach keinen Ausweg und ich habe solche Angst das alles allein mit mir selbst ausmachen zu müssen.

  • Hmm liebe Tigerlily,

    was hast du denn früher gern gemacht, wenn du mal Zeit für dich hattest?


    Ein paar Dinge, die mir einfallen, was anderen wohl tut, kann ich dir hier auch schreiben.

    Vielleicht geht es auch mal ums Probieren - und bitte keine Wunder erwarten. Es geht nur

    darum, dass es dir ein ganz kleines bisschen leichter wird und nicht darum, dass es dir "gut"

    gehen wird. Das wäre ja dann fast Zauberei?


    Badewanne

    Spazieren

    Lesen

    eine warme Tasse feinen Tee

    eine Tasse warme Schokolade

    einen Cappuccino so ganz genüsslich

    ein Glas Wein

    eine besondere Speise

    z.B. Spaghetti mit der Lieblingssauce

    eine Lieblingssuppe

    ein Stück Kuchen

    ein Stück Torte

    Pudding

    Eis

    wandern

    schreiben

    Rad fahren

    laufen

    in die Ferne blicken und beobachten

    den Vögeln zuhören

    die Sterne betrachten

    in eine kuschelige Decke einwickeln

    einen feinen Duft

    eine Kerze für dich und deinen Liebsten anzünden

    einen guten Film anschauen

    ins Kino gehen

    in ein Konzert gehen

    zu einem Vortrag

    in eine Trauergruppe gehen

    malen

    basteln

    singen

    musizieren

    barfuß durch das Gras gehen

    vertraute Menschen treffen

    telefonieren

    ....


    das fiel mir jetzt auf die Schnelle ein.


    Ich wünsche dir einen Sonnenstrahl, der dein Herz berührt.

    Astrid.

  • Vielen Dank, liebe Astrid!

    Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen, ich habe es im "Freuen" Thread erzählt.

    Auf einmal ist das Leben wieder leichter und ich versuche dieses Gefühl soweit zu konservieren, dass ich mich daran erinnern kann, wenn das nächste Tief wieder heranzieht.

    Das mit den langen Spaziergängen ist für mich auch ein gutes Mittel, um Unruhe abzubauen.

  • Wieder ein neuer Vormittag, wieder das drückende Gefühl des Verlustes, der Einsamkeit. Da ist meine Erwerbsarbeit, die mir gerade noch so eben etwas wie Struktur gibt, obwohl ich mich auch jeden Tag mehr frage, wozu das Ganze eigentlich gut sein soll, daneben Bilder in Facebook von unserem ehemals so schönen blauen Planeten, der sich langsam aber sicher in einen riesigen Müllplatz verwandelt, dazu all das unermessliche Leid und der Rest der Menschheit der teils ignorierend, teils verzweifelt in diesem Chaos lebt und jede Störung seiner Verdrängungsmechanismen als Bedrohung erlebt.

    ... und ich mittendrinnen, verloren, innere Leere, Herzweh und Kälte. der einzige Mensch, der mich das Leben ertragen ließ mit dem ich gemeinsam gegen alle Unwägbarkeiten des Lebens unser gemeinsames Schiff stabil über den Ozean der Ungewissheit steuern konnte hat mich verlassen, ist von meiner Seite gerissen worden.

    ... ich weiß ich muss allein weitermachen, aber mein Schiff treibt ohne Sinn und Zweck führerlos mitten auf dem Ozean der Verzweiflung, ich weiß nicht wohin, keiner kann mir helfen und der Einzige, der es gekonnt hat ist nicht mehr da, nicht mal mehr in meinen Träumen. Mein einziger Trost ist mein letztes Geschenk an ihn, das Geschenk des Überlebens, das habe ich ihm noch machen können. Dass nicht ER es ist, der das alles aushalten muss, die Hoffnung, dass es wirklich so schön und friedlich ist auf der anderen Seite, wie es Medien berichten, wie es in Büchern steht.

    Ich liebe ihn so sehr und für ihn und meine Eltern, alle drüben, alle gestorben, halte ich durch, auch wenn es eine endlos quälende Aneinanderreihung von sinnentleerten Tagen ist, die ich seit dem 14. Juni durchlebe und die immer so weitergehen, wie bei Sysiphos mit seinem Stein.

  • Liebe Tigerlily,


    Du schreibst immer wieder über das quälende Alleinsein und darüber, dass Du keinen Sinn findest, weil es niemanden gibt, für den Du da sein kannst (so verstehe ich Deine Zeilen).


    Ich möchte dazu sagen: ich freue mich, dass Du hier bist, dass Du hier über Dich schreibst! ich war so erleichtert, als Du mir damals geschrieben hast, dass Du auch wütend auf Deinen Mann bist und dass Du das manchmal auch seinem Bild sagst. Es hat mir so unendlich gut getan, das zu lesen!

    Aber auch wenn Du (so wie kürzlich) von Lichtblicken schreibst... Das tut so gut, das ist so wichtig und so ermutigend.


    Ich bin froh, dass Du auf diese Weise (als Trauernde aber auch als Verständnisvolle und Ermutigende) für uns hier im Forum da bist <3

  • Liebe Tigerlily,

    die Geschichte, die ich dir heute schenken möchte, ist vielleicht nicht ganz auf deine Situation abgestimmt, doch irgendwie finde ich sie passend.


    Die kleine Schraube


    Es gab einmal in einem riesigen Schiff eine ganz kleine Schraube, die mit vielen anderen ebenso kleinen Schrauben

    zwei große Stahlplatten miteinander verband. Diese kleine Schraube fing an, bei der Fahrt mitten im Indischen Ozean

    etwas lockerer zu werden und drohte herauszufallen.


    Da sagten die nächsten Schrauben zu ihr: „Wenn du herausfällst, dann gehen wir auch.“

    Und die Nägel unten am Schiffskörper sagten: „Uns wird es auch zu eng, wir lockern uns auch ein wenig.“


    Als die großen eisernen Rippen das hörten, da riefen sie:

    „Um Gottes willen bleibt; denn wenn ihr nicht mehr haltet, dann ist es um uns geschehen!“

    Und das Gerücht von dem Vorhaben der kleinen Schraube verbreitete sich blitzschnell durch

    den ganzen riesigen Körper des Schiffes. Er ächzte und erbebte in allen Fugen.

    Da beschlossen sämtliche Rippen und Platten und Schrauben und auch die kleinsten Nägel,

    eine gemeinsame Botschaft an die kleine Schraube zu senden, sie möge doch bleiben;

    denn sonst würde das ganze Schiff bersten und keine von ihnen die Heimat erreichen.


    Das schmeichelte dem Stolz der kleinen Schraube, dass ihr solch ungeheure Bedeutung beigemessen wurde,

    und sie ließ sagen, sie wolle sitzenbleiben.

    von Rudyard Kipling

    zit. nach: Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg (Hrsg.): Geschichten für Sinndeuter. Düsseldorf



    Ich sage dir, liebe Tigerlily darum heute, dass du sehr wichtig bist. Da ist nicht mehr dieser geliebte Mensch, doch da sind noch viele andere Menschen, von denen du vielleicht gar nicht ahnst, wie wichtig du ihnen bist. Da sind wir in diesem Forum und da ist dein Cousin und da sind deine Arbeitskollegen, die Frau, die du beim Seminar kennen gelernt hast und da ist ....


    Liebe Tigerlily, du bist wichtig und wertvoll, so wie du jetzt bist.


    Sei lieb gegrüßt

    Astrid.