Mein Mann ist mit dem Flugzeug abgestürzt, seitdem ist alles anders.

  • Liebe Astrid,

    ich bin es eigentlich gewohnt, eigene Entscheidungen zu treffen und wie ich heute früh in einem Gespräch mit meinem Cousin feststellte, war ich eigentlich schon seit Jahren der Mittelpunkt unserer kleinen Familie und sowohl mein Vater als auch mein Mann haben sich immer mit mir beraten in allen Dingen des Lebens und mir immer alles erzählt und mir alles anvertraut, es war sogar so, dass ich der Ruhepol war, an den sie sich gewandt haben, während ich nicht unbedingt alles erzählt habe, was mich schon damals bewegt hat, weil ich sie seelisch nicht belasten wollte.

    Denn schon seit dem Tod meiner Mutter hat sich meine Lebensmotivation allmählich verringert, sodass ich mein Leben total in den Dienst meiner kleinen Familie gestellt und daraus meine ganze Erfüllung empfangen habe.


    Dass mein Vater mit 93 Jahren gestorben ist, war dann letztes Jahr ein völlig natürlicher Vorgang, bei dem ich meine Trauer sehr gut verarbeiten konnte, allerdings habe ich danach meinen Fokus gänzlich auf meinen Mann gerichtet, so wie er ebenfalls immer betonte, wie sehr er mich braucht und dass wir nur mehr uns beide hätten und wir froh sein könnten, dass wir uns haben und dass wir es so schön haben.


    Tatsache ist, dass ich seit dem Tod meines Vaters schon eine extreme Verlustangst verspürt habe, sodass mir meine Hausärztin die Psychologin empfohlen hat, zu der ich jetzt gehe (damals bin ich nicht hingegangen, weil mir das dann doch irgendwie unangenehm war).


    Und Tatsache ist, dass ich schon vor dem Tod meines Mannes nicht mehr neugierig aufs Leben war, sondern mir das so ausgemalt habe, dass ich mich um ihn kümmere und er sicher sehr alt wird, so gesund und vital wie er war und ich dann mit Mitte Siebzig einfach in der Vergangenheit lebe und auf den Tod warte. Immer im Kopf die Wunschvorstellung, dass wir vielleicht gemeinsam sterben bei einer unser Unternehmungen. Mir ist schon klar, dass das ziemlich blöd und unrealistisch von mir war und dass es den Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, vermutlich nicht gerade verbessert hat.


    Tatsache ist daher auch, dass ich jetzt ziemlich ratlos dastehe und keine Ahnung habe, was ich mit meinem Restleben anfangen soll.

    Der Schmerz der Trauer ist die eine Geschichte, das Vermissen, die Sehnsucht, die Einsamkeit. Darin tröstet mich die spirituelle Literatur, denn ich bin zunehmend so gestimmt, dass ich fest daran glaube, dass es ihn noch gibt auf der anderen Seite und ich bin mir auch sicher, dass er wollen würde, dass es mir gut geht und ich mein Leben genieße.

    Aber eben da bin ich in einer Zwickmühle, weil ich einfach nicht weiß wie ich das anstellen soll, denn genaugenommen habe ich lange genug gelebt, sodass ich nicht weiß, was ich hier noch soll und viel lieber ebenfalls auf die andere Seite wechseln würde.

    So wie es aber aussieht, gibt es einen Grund, dass ich noch auf der Erde bleiben muss, während mein Mann gehen musste.

    Allerdings habe ich echte Probleme damit, einfach so weiterzuleben, ohne zu wissen wofür, und ich schwanke zwischen dem starken Gefühl, dass da noch etwas für mich zu tun ist, wenn ich meine Gefühle und Trauer ernsthaft bearbeitet habe und dem panischen Gefühl, dass das sowieso alles umsonst ist und dass ich bis zu meinem Lebensende allein in einem zwar luxuriösen, aber sinnentleerten Leben aushalten muss, weil mich absolut gar nichts mehr freut - momentan bin ich sozusagen der personifizierte Lebensüberdruss.


    Nach einer großen Portion Baldriantropfen war es mir jetzt ein Bedürfnis, diese Essenz meines heutigen Tages aufzuschreiben und manchmal bin ich selbst fassungslos, was so alles in meinem Kopf vorgeht in diesen stürmischen Zeiten.

  • Ich entschuldige mich für den erneuten Doppelpost, aber ich möchte Maria gerne extra antworten.


    Das Buch "Das Leben danach" hat für mich wirklich einen Unterschied gemacht.

    Es war eine Erinnerung und Zusammenfassung der Dinge, die ich Großteils schon wusste.

    Ich bin allerdings eine Leseratte und habe schon seit Jahrzehnten immer wieder spirituelle Literatur gelesen und mir eine Meinung völlig außerhalb der traditionellen Glaubens gebildet (ich bin zwar noch immer in der katholischen Kirche, konnte deren dogmatische Vorschriften aber schon als Kind nicht widerspruchslos teilen)


    Im Laufe meines Lebens habe ich auch diverse Seminare besucht, um meine eigene Spiritualität zu entdecken, denn ich habe schon immer nach Antworten darauf gesucht, warum ich so bin wie ich eben bin. Im Laufe der Jahre habe ich dann eine gewisse Ruhe in der Beziehung zu meinem Mann gefunden und ich habe die ewigen Fragen über die wahre Natur der Dinge beiseite geschoben, bis ich ernsthaft geglaubt habe, mich nie wieder damit befassen zu müssen.

    Bis jetzt ...


    Liebe Maria, ich glaube keinesfalls, dass die Liebe zu deinem Mann nach deinem Tod und dem Übertritt ins jenseitige Leben in irgendeiner Weise geschmälert wird - das Gegenteil ist der Fall, du wirst von ihm empfangen werden und gleichzeitig eine allumfassende Liebe entdecken, die nicht mit Worten zu erklären ist! Deinen bösen Chef wirst du kaum wiedersehen, denn du triffst nur Menschen, denen du verbunden bist. Trotzdem wäre es gut, wenn du es schaffen würdest, im Laufe deines Lebens anderen Menschen und vor allem dir selbst zu vergeben, denn wenn der Zeitpunkt des Übergangs gekommen ist, ist es von Vorteil mit sich im Reinen zu sein.

  • Ach liebe Gabi,

    den letzten Absatz von dir, der hat mir so gut getan . Ich hoffe und glaube, dass es so ist. Dann kann es wunderschön werden. Ich hoffe, mal dass ich nicht

    unbedingt 90 werde, denn das wäre mir zu lange ohne meinen geliebten Schatz. Auch wenn ich Kinder und jetzt 2 Enkelkinder habe, fehlt mir mein Mann

    so sehr, das dem Partner alles anvertrauen können, kann auch ein noch so liebevolles Kind nicht ersetzen. Und außerdem leiden sie ja selbst so sehr, denn

    ihr Vater war alles für Sie, er hat sich immer liebevoll um sie gekümmert und es tut ihnen so weh, dass ihn die Enkelkinder nicht mehr kennen werden und

    dass er den Freund von der 2 Tochter nicht mehr kennenlernen durfte. Er hat ihnen in jeder Situation aus den tiefen des Lebens geholfen und ihnen immer beigestanden. Ich glaube ich müsste sie eher noch mehr trösten, aber ich leide ja selber so sehr.

    Ich muss ständig weinen, ich glaube es haben heute bei weitem nicht 10 mal gereicht. War heute zu Hause und jetzt weine ich schon wieder. Ich bin ganz

    kaputt dadurch, aber alles erinnert mich an die schöne Zeit mit ihm.

    Ich bin auch sehr froh, dass ich in diesem Forum so viele Freunde gefunden habe, die alles hier verstehen können. Es ist für mich so als hätte ich eine

    Familie, mit der ich über fast alles sprechen kann.

  • Ich gewinne von Tag zu Tag neue Erkenntnisse über mich, vor allem die, dass die Gefühle einfach auftauchen, aber auch nach einiger Zeit einfach verschwinden, das ist alles sehr verwirrend und am verstörendsten ist diese Intensität mit der sie auftreten. Im Moment ist es dann immer so, dass ich mich am liebsten auflösen würde, weil es so weh tut, aber sterben will ich eigentlich nicht, nur dass es aufhört.

    das geht mir auch so, von irgendwo kommt die gefuehlswelle gleich einem tsunami und bricht ueber einen herein, ganz ohne vorankuendigung bzw. sogar ohne 'anlass', also z.b. erinnerung, ein lied, duft etc.

    und das so intensiv, dass es wehtut und man in tränen ausbricht, mitten im supermarkt oder sonstwo, wo, naja, sich schon andere wundern...z.b. bei mir auf der konferenz gestern konnte ich gerade noch zur toilette, dabei war ich ziemlich auf den vortrag konzentiert. aber dann ganz plötzlich, ein gedanke...


    aber es wird besser! jedenfalls bei mir, besser in dem sinne, dass es nicht mehr so häufig auftritt oder auch, dass ich nicht mehr so ueberrumpelt werde, sondern besser damit umgehen kann.

    und das wird es bei dir bestimmt auch!

  • Ich sitze fest zwischen einer Vergangenheit, die es nicht mehr gibt und einer Zukunft, die völlig unklar ist, in einer Gegenwart die einfach schrecklich ist.

    Mein Leben verläuft nicht normal, auch wenn es von außen so aussehen mag, ich bin seelisch am Ende, obwohl mein Körper und mein Verstand normal funktionieren.

    Laut Psychologin verläuft alles so wie es soll bei mir und ich muss einfach Geduld haben, ich nehme das jetzt mal so an und bin auch ein wenig beruhigt von ihrere Aussage. Aber ich denke mir immer noch jeden Morgen, wie schön es doch wäre, einfach nicht mehr aufwachen zu müssen.

  • hallo Tigerlily,


    ich glaube auch, dass du einen normalen prozess durchmachst. man will einfach nicht mehr aufwachen, weil die realität so schrecklich ist und man natuerlich am liebsten alles vergessen will, nicht mehr daran denken etc.

    die verdrängungsphase in der trauer ist völlig normal und ich denke, dass man sie ausleben sollte. und geduld haben, bei manchen dauert sie länger, bei manchen ist sie kürzer.

    allerdings glaube ich schon, dass es deine vergangenheit ja noch gibt, denn diese hat sich ja nicht verändert. die schönen erinnerungen an euer gemeinsames leben bleiben für immer und werden nie verändert werden!

    die gegenwart ist schrecklich, aber es wird besser werden, wenn du es möchtest. ein tag nach dem anderen, in kleinen schritten, habe geduld mit dir.

    alles gute!

  • Ihr Lieben,

    ihr seid in einer absoluten Krise. Ein wichtiger Mensch, mit dem ihr das Leben geteilt, Beziehung gelebt, geliebt und wahrscheinlich manchmal auch gestritten habt, ein Mensch, der vielleicht Mittelpunkt des Lebens war. Ein Mensch mit dem ihr so viele Erinnerungen teilt, mit dem so viel Leben war - dieser Mensch ist tot.


    Wenn das keine Krise sein darf, dann weiß ich auch nicht. Und diese Krise bringt die Trauer ins Leben. Die Trauer ist nicht das Problem. Die Trauer ist die Lösung, die euch mit der Zeit heraus geleiten wird, aus dieser Krise. Es ist heute noch nicht abzusehen, wie ihr irgendwann euer Leben wieder mit Sinn füllen werdet. Denn jetzt gilt es erst mal, das eigene Vertrauen wieder zu finden. Die Wunden zu lecken und die Trauer und den Schmerz als neuen Mittelpunkt des Lebens zu spüren. Das ist unendlich schwer und das würde jeder Mensch am Liebsten von sich schieben. Doch es ist ein wichtiger Prozess und manchmal meint man, man wäre nicht mehr normal. Und doch, alles, was ihr hier schreibt ist normal in der Trauer. Auch wenn es sich verrückt anfühlt. Ihr seid eben auch ver-Rückt geworden, in eurem Leben und manchmal aus eurem Leben hinaus verRückt. Es ist nicht mehr wie es war und das tut weh.


    Manche Menschen haben einen Glauben, an ein danach. Das kann helfen und dann ist es auch gut. Lasst euch aber nichts einreden, das nicht für euch passt. (Und das sage ich als Religionslehrerin - Missionieren ist IMMER FALSCH) Wenn euch die Filme und Literaturtipps zusagen, dann ist das schön. Wenn nicht, ist es auch schön. Nimm das, was du brauchst und magst für deinen Weg. Was danach sein wird, das weiß niemand.


    Ich freu mich über eure Schrittchen, die für mich schon erkennbar sind.

    So wie es aber aussieht, gibt es einen Grund, dass ich noch auf der Erde bleiben muss, während mein Mann gehen musste.


    Allerdings habe ich echte Probleme damit, einfach so weiterzuleben, ohne zu wissen wofür, und ich schwanke zwischen dem starken Gefühl, dass da noch etwas für mich zu tun ist, wenn ich meine Gefühle und Trauer ernsthaft bearbeitet habe und dem panischen Gefühl, dass das sowieso alles umsonst ist

    Das zeugt für mich von einem kleinen Funken: Ich möchte wieder Sinn spüren im Leben - nicht jetzt - irgendwann


    die gegenwart ist schrecklich, aber es wird besser werden, wenn du es möchtest. ein tag nach dem anderen, in kleinen schritten, habe geduld mit dir.

    Wenn du das schon anderen sagen kannst - ich schätze es ist auch in dir schon ein bisschen angekommen.



    Ich bin auch sehr froh, dass ich in diesem Forum so viele Freunde gefunden habe,

    Du bist dir selber wichtig, sonst wären Freunde nicht wichtig.


    Ihr Lieben ich bin gerade voller Freude ob eurer Schritte. Und ich bin stolz auf euch, dass ihr so mutig auf diesem schweren Weg geht.

    Ich wünsche euch ein feines Wochenende - mit erlösenden Tränen, erholsamem Schlaf, aufbauenden Spaziergängen und etwas ganz Besonderem, dass dir richtig wohl tut.

    Lg. Astrid.

  • Das habe ich gerade meiner Kollegin geschrieben, weil sie mich im Bürochat (ich arbeite daheim am Computer in Telearbeit) gefragt hat, ob ich mich denn im Urlaub nicht ein bisschen erholen und entspannen habe können.

    An der Intimität der Aussage könnt ihr erkennen, dass ich sehr liebe wertschätzende Kollegen und Kolleginnen habe und dass wir im Büro alle zusammenhalten und ich früher auch meinen Teil dazu beigetragen habe und deshalb möchte, dass sie verstehen, was gerade mit mir los ist und warum ich momentan in meinem eigenen Universum um mich selbst kreise.

  • Das ist gut, liebe Tigerlily!

    Auch ich habe bei meinen Kolleginnen immer ansprechen können wie es mir geht.

    Ich denke, die Menschen können auch ein Stück weit davon lernen.

    Trauer soll kein Tabu sein, das jeder mit sich selbst ausmachen muss, darüber nicht reden "darf".

    Alles Liebe!

    Hedi

  • Liebe Tigerlily,

    deine Offenheit macht es deinen Kolleginnen sicher leichter. Denn nur wenn sie wissen,

    wie du dich fühlst, was du magst und nicht magst, können sie sich auch danach richten.

    Lg. Astrid.

  • Seine Fliegerkollegen haben eine Seite mit Fotos als Erinnerung erstellt, ich sehe sie mir immer an und werde von bittersüßem Schmerz erfüllt.

    Er war ein Wesen der Lüfte, seine himmelblauen Augen, seine umwerfende Energie, die aus jedem der Bilder förmlich leuchtet, da war er in seinem Element.

    Die ganz alten Bilder unten habe ich bereitgestellt, da sind wir auch beide drauf, noch so jung! Wir waren ein schönes Paar und wenn ich ihn so ansehe, könnte ich mich sofort wieder in ihn verlieben, wenn ich ihn nicht schon so sehr lieben würde.

    Wenn ich das Album betrachte wächst in mir die Gewissheit, dass er ein erfülltes Leben hatte und einen Tod, der ihn direkt aus seinem Element in die jenseitigen Sphären katapultiert hat. Es erfüllt mich mit tiefer Befriedigung, dass er gehen durfte, bevor ihn die Beschwerden des Alters an den Boden gebunden hätten.

    Für mich als Hinterbliebene ist es halt doppelt schwer weiterzuleben ohne seine Energie, seine Lebensfreude und seine Tatkraft, aber anscheinend hat das Leben so seine eigenen Pläne was das betrifft, verstehen tue ich es momentan jedenfalls nicht, ich wäre gerne mit ihm mitgegangen.

    Hier die Fotos, ich habe sie auch in die Signatur gepackt.


  • Bittersüßer Schmerz - einerseits deine Trauer, andrerseits das Wissen, dass er - wenn er schon sterben musste - so sterben durfte, wie es seinem Leben entsprach.


    Einen erträglichen Tag wünscht dir

    Astrid.

  • Hallo Tigerlily,
    Tolle Bilder, dein Mann war wirklich mit Herz und Seele Flieger das sieht man, toll wenn jemand seine Bestimmung und das was ihn glücklich macht so ausleben konnte.
    Ich glaube unsere Partner hatten ein wirklich erfülltes Leben mit uns und so furchtbar es auch ist was uns, und allen hier passier ist, wenn ich es mir aussuchen könnte, wünsche mir irgendwann genau so zu gehen wie dein Mann und meine Frau, keine langen Schmerzen, kein gezwungenes aufgeben der Leidenschaft/ des Hobbys, keine Ungewissheit, keine jahrelange Angst, keine Sorgen um unsere Lieben, kein im Spital rum-vegetieren sondern wie ein Lichtschalter erst Ein dann Aus.

    Meine Frau hat immer wieder im Scherz gesagt wenn sie irgendwann nicht mehr tanzen kann soll ich sie "erlösen", natürlich sagt man sowas unbekümmert, nicht ernst und ohne in die ferne Zukunft zu sehen aber irgendwie ist schon was wahres dran.
    Dein Mann war Flieger das war ER, und er durfte bis zuletzt das machen was ihn erfüllt hat, meine Frau war eine grandiose Tänzerin beide haben ihre Bestimmung ausgelebt und jede Sekunde dabei genossen- es hat sie erst zu denen gemacht die sie waren.

    Uns geht es jetzt natürlich anders, furchtbar, das ist leider das Schicksal des hinterbliebenen dem wir uns stellen müssen.
    Ich hoffe wirklich das Du und Ich und alle anderen hier irgendwann Trost aus den positiven Dingen ziehen können, das die Tage erträglich werden und wir uns mit einem Lächeln und warmen Herzen an unsere Menschen erinnern statt mit Tränen und Krämpfen im Bauch.

    Ich wünsche dir jedenfalls das zumindest dieser Tag besser ist als der letzte um den morgigen braucht man sich heute noch nicht kümmern.
    LG Chrono

  • Als ich die Bilder reingestellt habe ist es mir noch so einigermaßen gegangen, seit gestern morgen ist es leider ganz schlimm.

    Ich war bei meiner Psychologin und habe geredet und irgendwie hat mich das wieder total runtergezogen. Später dann habe ich noch mit meinem Kollegen telefoniert, der hat dann lange mit mir geredet, aber das hat mich dann noch mehr in mein tiefes Loch gezogen, weil er sinngemäß gemeint hat, ich bin selber dafür verantwortlich wie ich die Dinge sehe und mich nicht in meinem Leid suhlen solle. Vielleicht hat er es auch anders gemeint, aber so ist es für mich rübergekommen und jetzt geht es mir wieder total schlecht.

    Ich verstehe einfach nicht, warum ich unbedingt weiterleben muss, ich habe keine Pläne, keine Zukunftsaussichten, kein Interesse an irgendetwas und nicht einmal mehr Träume von ihm oder das Gefühl, dass er noch da ist, ich fühle mich total leer und einsam und wünsche mir nichts mehr, als dass dieser Zustand bald einmal ein Ende hat und dass ich endlich diesen Planeten verlassen und zu ihm gehen kann, obwohl ich daran inzwischen auch nicht mehr richtig glauben kann, dass das so wird, wenn ich endlich sterben darf.

    Ich sitze so richtig in der Falle und möchte einfach nichts mehr fühlen und nicht mehr da sein.

    Dazu kommt, dass es mir ja eigentlich materiell gut geht und ich mir gut eine Aufgabe suchen könnte, wenn ich denn wollte. Und ich denke viele meiner Bekannten sehen das auch so. Deswegen fühle ich mich auch noch schuldig wegen meines Reichtums und dass ich absolut nichts damit anfangen kann. Ich weiß echt nicht mehr was ich machen soll und es fällt mir immer schwerer, einfach jeden Tag abzuarbeiten, immer in der Gewissheit, dass es morgen auch nicht besser wird.


    Ich will einfach nur sterben :(

  • ich kann gut nachempfinden,wie es dir geht.Ich glaube,es ist nur wichtig,den Tag zu überleben.

    Fremde wollen helfen durch ihre Äusserungen.Ich denke,wer es nicht selber mitmachte,kann nicht nachvollziehen,was man durchmacht.

    Liebe Grüsse

    "Hütet euch vor falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind. " (Mt 7,15)

    Nicht jede Geschichte,die im Internet erzählt wird, ist wahr.Trauernde haben oft sehr viel Mitgefühl für andere .Passt gut auf euch auf.

  • Wie wer was sieht von Außenstehenden ist wirklich gleichgültig im Moment!


    Du fühlst, was du fühlst! Lass dich dadurch nicht noch mehr runter ziehen, es ist schwer genug!

    Mir geht es finanziell auch gut und trotzdem trauert und fühlt man! Das hat doch nichts damit zu tun!

    Dieser positive Umstand ändert nichts an dem Vermissen und der Schwere im Herzen.


    Weißt du, was mir immer alle hier sagten: Hab Geduld mit dir! Ich hatte auch keine und habe es gar nicht mögen, das zu hören.

    Es ist aber so, verlange nicht zu viel von dir!

    Dicke, dicke Umarmung!

    Hedi

  • Liebe Tigerlily,<3


    Ich kann sehr gut verstehen, wie verzweifelt du bist.


    du schreibst: "ich will einfach nur sterben"


    :30: Ach Tigerlily, es ist sooo schwer und sooo kräftezehrend , sich einem Tag zu stellen, an dem man am allerliebsten gar nicht aufgewacht wäre

    Das erfordert viel Mut und Energie und ich finde, du zeigst viel Mut. Dafür hast du meinen vollen Respekt!

    Zudem finde ich es sehr bewundernswert , dass du auch SOLCHE Gedanken mit uns teilst und sie nicht tief in dir versteckst.

    Dass du es momentan, gelinde ausgedrückt, nicht sehr berauschend findest, am Leben zu sein, ist nachvollziehbar.

    Jeder fühlt auf seine Weise und so kann ich nur erahnen, was du gerade durchmachst. Leider fällt mir nichts Gescheites ein, mit dem ich dir weiterhelfen könnte.

    Dein Mann ist tot und nichts kann ihn dir wieder zurück bringen. Das ist erstmal so surreal und unbegreiflich. Das ist einfach zuuuu viel. Trauer übefordert. Egal wie stark man vorher war, wie agil und selbstbewußt und es ist auch vollkommen egal, wie reich man ist

    Verständlicherweise bist du geschockt, fühlst dich einsam, allein, verloren, ohnmächtig, ausgelaugt, siehst keine Zukunft...

    Dieser immense Schmerz den du gerade fühlst, ist eine ganz NORMALE Reaktion auf deinen imensen Verlust. Irgendwo habe ich mal gelesen - ich glaube es war sogar hier in diesem Forum - : der schreckliche Schmerz ist der Preis, den man für eine tiefe Liebe bezahlen muss. Hätte man nicht geliebt, dann würde man nicht trauern... die Trauer sei der letzte Liebesakt/ Dienst den man dem geliebten Menschen schenken kann...


    Man verbringt die ersten Monate in einem dichten Nebel und alle Regeln des "normalen Alltags" gelten nicht mehr und das Gehirn funktioniert auch nicht mehr so richtig bzw man sieht und bewertet vieles anders als früher, ( meistens falsch) ,sieht alles nur tiefschwarz...


    Dein Mann war dein "Ein und Alles", ihr habt so viele gute Jahre miteinander verbracht., wart ein erfolgreiches, gut eingespieltes Team. Und nun? Aus dem "Wir" muss jetzt nach und nach ein "Ich" werden... aus dem "wir beide" ein " ich allein". Das geht nicht von heute auf morgen, das braucht Zeit und wie Hedi schrieb, Geduld, Geduld, Geduld und nochmal Geduld.

    Liebe Tigerlily, lass dir Zeit!

    Gib dir und dem Leben eine echte Chance.

    So wie ich dich verstehe, glaubst du dein Schmerz sei zu groß und er ließe sich nicht beherrschen bzw überleben. Doch bitte, glaube mir:


    Es geht - das Überleben, das Weiterleben, :!:


    So viele haben das geschafft und du wirst das auch!

    Allerdings musst du, und das will ich nicht verhehlen ENTSCHEIDUNGEN treffen:

    - will ich überhaupt tatsächlich was an dieser Situation ändern?

    - will ich OPFER bleiben?

    - oder will ich aktiv sein, handeln

    und mein Leben gestalten?

    Das Zweite scheint irgendwie leichter, irgendwie bequemer - aber nur auf den ersten Blick.

    Das Dritte erscheint mir lohnenswerter. Was meinst du?


    Ich weiß aus Erfahrung, dass der Schmerz mit der Zeit kleiner wird aber vorher musst du all den Schmerz fühlen. Leider führt an dieser Tatsache kein Weg vorbei... Es gibt keine Abkürzung.

    Du überlebst, indem du den Schmerz zulässt und nicht vor ihm davon läufst....:!:

    Geh durch den Schmerz, akzeptiere ihn und er wird sich wandeln. VERSPROCHEN! und dann, eines Tages, wirst du die Welt und dich mit anderen Augen sehen.Ebenfalls versprochen!

    Irgendwann kommt der Tag, an dem du wieder lächeln kannst, das Leben aus einem anderen Blickwinkel sehen kannst, ja zum Leben sagen kannst.:!:Alles mit deinem Mann im Herzen ...

    Du weißt, ich habe einen Suizidversuch hinter mir und ich war letztes Jahr stark suizidgefährdet und lange Zeit deswegen in der Klinik. Und jetzt lebe ich so gerne :!:- trotz meiner neuen Diagnose, trotz der unangenehmen Therapie, trotz... Auch ich sah keinen Sinn mehr im Leben, glaubte nicht mehr an eine Zukunft, dachte, ich könne den Schmerz nicht mehr aushalten....

    Aber

    ich finde, es wäre schade, wenn es mich jetzt nicht mehr gäbe und ich das Leben nicht mehr spüren dürfte. - so sehe ich das jetzt - mit Abstand und einer anderen Denkweise.


    Liebe Tigerlily - bitte - mach keinen Mist - unbedachterweise.

    Es ist zwar ein sehr großer Unterschied zwischen dem " nicht leben wollen" und dem "tot sein wollen"


    Aber


    sollte der Gedanke/ Wunsch : "ich will sterben" ( deine Worte ) überhand nehmen und SEHR drängend werden, dann such dir bitte professionelle Hilfe.

    Mir haben letztes Jahr meine Anrufe bei der Telefonseelsorge geholfen. Ja, ich behaupte sogar, sie haben mir das Leben gerettet. Zwar war ich in psych. Behandlung aber die Telefonseelsorge war MEIN ANKER ! Insbesondere in der Nacht !

    Diese Hilfe war immer abrufbar.


    Scheu dich bitte nicht - bei Bedarf -dort anzurufen. Okay?

    Nimm alle Hilfe an, die du bekommen kannst. Du bist das wert :love:


    Ich wünsche dir von ganzem Herzen alles Liebe und dass du immer MEHR Kraft hast als du gerade brauchst.

    Was ich dir noch wünsche ist Durchhaltevermögen, Ausgeglichenheit und vor allem neuen Lebensmut.

    Nimm dir soviel Zeit , wie du brauchst und erwarte nicht so viel von dir.


    Ich umarme dich ganz herzlich :24: und hoffe, ich bin dir nicht zu nahe getreten.


    Schicke dir ein paar:5: die auf dich aufpassen werden.

    Liebe Grüße


    <3:24:


    blaumeise



    Und immer wieder mein "Mantra":


    Aufgeben gildet nicht, denn Aufgeben ist keine Option:!:


    Nachtrag:

    ich entdeckte vorhin in der Gedichtesammlung meiner verstorbenen Freundin folgendes und fand es schön. Will es dir "schenken"


    "Nur Mut!

    In jeder Träne verbirgt sich ein Lächeln,

    so wie sich in einer harten Schale ein köstlicher Kern verbirgt.

    Aus jedem Zögern erwächst beizeiten der erste Schritt,

    so wie aus einem Samenkorn eine Blume wächst, der Sonne entgegen.

    Hinter all unseren Zweifeln warten tausend neue Möglichkeiten,

    so wie hinter den Wolken der blaue Himmel wartet."

    Autor unbekannt

  • Liebe Tigerlily,

    ich möchte mich den Worten von blaumeise zu 100% anschließen!!!!!!

    Ich kenne den Gedanken "am einfachsten wäre es, morgen nicht mehr aufwachen zu müssen" von damals, als ich meine Mama mit 18 verloren habe. Das ist nicht genau das gleiche, wie das, was Du von Dir schreibst - aber so war es damals bei mir. Einschlafen, diese schreckliche Trauer los sein.....

    Rückblickend muss ich sagen: wenn ich damals für immer eingeschlafen wäre, dann wäre meine Tochter nicht zur Eelt gekommen, viele wunderschöne Reisen und großartige Freundschaften hätte es nicht gegeben, berufliche Erfolge und und und.

    Natürlich war das eine andere Lebensphase als jetzt die Deine. Aber das ist es halt, was ich als Erfahrung "anbieten" kann: meine Rückschau, die sagt, dass es trotz allem ein erfülltes Weiterleben war.

    Ich möchte noch eines hervorheben, was die kluge blaumeise angesprochen hat: unsere Möglichkeit zu gestalten.

    Noch vor ein paar Monaten habe ich mich unendlich verloren und hilflos gefühlt (ich denke, ein wenig davon ist auch hier zu lesen). Die Frage war immer: was wäre wenn. Wenn Rudi plötzlich stürzt (ich kann ihn nicht aufheben), wenn im Haus ein technisches Gebrechen ist und er nicht da, wenn im Garten "Männerarbeit" anfällt und er nicht da, wenn ich seelisch in ein tiefes Loch falle, besonders nachts oder am Wochenende. Dann die Sache mit dem fehlenden Tennispartner (klingt banal, ist für mich aber wichtig).

    Heute sind die Sorgen in dieser Intensität passé. Es ist geschehen, wie es mir die großartige Psychologin von der Krebshilfe vorher gesagt hat: es ist möglich zu gestalten, auch in Krisensituationen. Schritt für Schritt, im Laufe der Zeit, habe ich mir ein Netz geknüpft. Zum Teil im Bereich des Privaten, zum Teil im Bereich des Professionellen - auch Hospizteam etc. sind heute wichtige Unterstützer. Ich fühle mich heute gut aufgehoben und geborgen. Einerseits schreitet Rudis Krankheit unaufhaltsam voran. Andererseits fühle ich mich von vielen meiner Sorgen entlastet - eben weil mein Netz jetzt so schön tragfähig ist.

    Liebe Tigerlily, das ist meine Geschichte. Deine ist anders. Aber so wie es mir möglich war, in meiner so schlimmen Situation etwas zu verbessern, so ist es auch für Dich möglich.

    Langsam. Ohne Dich zu überfordern. Mit Pause. Du darfst auch zweifeln (tue ich auch).

    Noch einmal, es ist, wie blaumeise sagt: wir können gestalten.

    Meine Erfahrung sagt: es zahlt sich aus.

  • Liebe Tigerlily,

    ich bin selber dafür verantwortlich wie ich die Dinge sehe und mich nicht in meinem Leid suhlen solle.

    Wer suhlt sich bitte in seinem Leid? Warum bist du verantwortlich für die Dinge, wie du sie siehst?

    Das ist wieder so eine Aussage, die mich wirklich wütend macht. Und ich bin dir dankbar, dass du es sehr relativierst mit dem Satz, dass er es vielleicht anders gemeint hat, bei dir kam es eben so an. Ja, das passiert. Und am Telefon hat er wahrscheinlich deine Reaktion nicht im Gesicht lesen können. Wie auch immer.


    Du suhlst dich nicht, du trauerst und Trauer ist die normale Reaktion auf das Leid, dass dein Mann nicht mehr lebt.

    Du bist nicht verantwortlich dafür wie du denkst, oft denkt es einem ja. Es kommt darauf an, was du mit deinen Gedanken machst.

    Du teilst sie mit, am Telefon und hier im Forum und deiner Psychologin. Du suhlst dich nicht darin, du versuchst damit zu leben. Und das ist

    hart und schwer.


    Dass es dir materiell gut geht, ist für dich im Moment einfach nur eine Tatsache und das soll es auch sein. Du hast das Glück, dich nicht über existenzielle Dinge sorgen zu müssen. Vielleicht kommt eines Tages der Moment, an dem du wieder die Kraft hast, etwas zu tun. Zu überlegen, ob du deinen Reichtum mit anderen teilen magst, ob du eine besonders lange und schöne Reise machen willst, ob du.... was auch immer.

    Doch heute und in nächster Zeit ist Schritt für Schritt angesagt.


    Wenn der Wunsch zu sterben plötzlich nicht mehr einfach so in deinem Kopf umgeht, sondern du Ideen bekommst, wie du deinem Leben ein Ende setzen könntest, dann ruf bitte SOFORT bei der Telefonseelsorge an, sprich auf jeden Fall mit deiner Psychologin darüber.

    Mir kommt es, so wie du schreibst, nach ganz normalen "Nachfolge-Wünschen" vor. Doch nur aufgrund deines Schreibens hier, möchte ich mir keine reale Einschätzung der Situation anmaßen. Darum bitte hol dir Hilfe, wenn du sie brauchst.


    Ich wünsche dir für heute einen der leichteren Tage, an dem die Sonne dich in der Nase kitzelt, wenn du spazieren gehst.

    Lg. Astrid.