Liebe Ashelia,
Es tut mir so leid von deinem Verlust zu lesen.
Zwei mal den Vater verlieren, einmal als so junges Mädchen und dann nach über 30 Jahren herzlicher Liebe und Verbundenheit (vollkommen egal, ob da ein "Stief" vor dem "Vater" steht), ist grausam.
Dass der Schmerz nur noch verstärkt wird, dadurch, dass du reden möchtest, aber niemand erkennt, dass du das möchtest und nicht nur möchtest, sondern dringend brauchst, ist hart und fühlt sich schreiend unfair an.
Du wirst hier von vielen lesen, dass das Umfeld Reaktionen gezeigt hat, die für die "Betroffenen" unverständlich und oft zutiefst verletzend sind. Oftmals ist es so, dass die wenigsten selbst diese grässliche Erfahrung schon selbst machen mussten. Und selbst wenn ... es macht sich meist eine wirklich nicht zu unterschätzende Hilflosigkeit breit. Die Mitmenschen wissen nicht, wie sie mit den Hinterbliebenen umgehen sollen. Meinen es oft nur gut (wirklich, nicht als Floskel gemeint), aber schießen teils ungebremst am Ziel vorbei.
Oder gehen von sich aus; was sie empfinden oder empfunden haben (wenn sie selbst einen nahestehenden Menschen verloren haben) oder meinen empfinden zu würden und handeln dementsprechend, ohne empathisch auf die Menschen einzugehen, die es tatsächlich grad betrifft und um die es geht. Denn Trauer ist hochindividuell und dementsprechend auch der eigene Umgang damit und die eigenen Emotionen, Gedanken, Bedürfnisse.
Vielleicht kannst du versuchen, das sehr deutlich zu machen, wenn es wieder zu einem solchen Gespräch kommt? Dass du deutlich machst, dass du reden möchtest, dass du einen tiefen Schmerz empfindest und dass das natürlich in keinster Weise den Schmerz deiner Mutter schmälern soll, es bei dir aber auch einfach raus muss.
Ich kann mir vorstellen, dass es nicht nur Menschen in deinem Umfeld gibt, die darauf mit fortgesetztem Unverständnis oder gar Ignorieren reagieren.
Dass du das Gefühl hast, dich nicht richtig verabschieden zu können ...
Ich glaube, das geht wirklich vielen so. Das hat nichts damit zu tun, wie plötzlich der Tod in das Leben getreten ist. Ob unerwartet, oder ob nach kurzer oder langer Krankheit. Es ist nie genug Zeit.
Immer dieses Gefühl, irgendetwas nicht gesagt oder getan zu haben. Etwas, das man den anderen doch noch unbedingt hat wissen lassen wollen.
Wenn ich dir jetzt sage: Er weiß es. Dein Vater weiß es. All das, was du ihm sagen wolltest. Denn du hast es vielleicht nicht laut ausgesprochen. Der Kloß in deinem Hals hat es nicht zugelassen. Aber in deinem Herzen hast du es getragen. Und deshalb weiß er es. Wenn er es nicht wusste, dann weiß er es jetzt. Wenn ich dir das jetzt sage, dann bin ich mir sicher, dass dir das mal so gar nichts nützt. Es den Schmerz und diese bohrende Unruhe nicht im mindesten lindert. Dass es dir gar wie eine hohle Floskel vorkommt, von der Ahnungslose meinen, dass sie Trost spendet. Es wird dich nicht trösten. Aber ich sage es dennoch, denn irgendwas in dir drin wird es vielleicht als kleines Samenkorn zulassen, in dem noch unbewussten Wissen, dass der Tag kommt, an dem du weißt, dass das keine Floskel, sondern wirklich so ist. Und dass es dann ein sehr, sehr warmer und schöner Trost ist.
Was du jetzt tun könntest: Sprich all das, von dem du denkst, dass du es aussprechen wolltest und nicht getan hast, weil da dieser Kloß im Hals war, laut aus. So richtig, richtig laut. Vielleicht irgendwo an einem Ort, wo dein Vater und du gemeinsame Erinnerungen habt. Wo euch etwas verbindet. Und wenn das nicht geht, dann irgendwo allein im Wald. Im Auto. Auf einer weiten Wiese. Ein Ort, wo du dich wohl und sicher fühlst.
Und dann schrei alles raus. Oder flüstere. Je nachdem, wonach dir ist.
Und wenn dabei Worte wie "unfair" und "ich will das nicht" fallen - das ist uns allen so so sehr bekannt. Und das kann und darf raus, denn es hat seine absolute Berechtigung.
Denn dieses Surreale, dieses wirklich Unwirkliche, dieses "das kann nicht sein" ... das ist verdammt real.
Fühl dich in allem, was du geschrieben hast, tief verstanden. Und wie alle anderen schon geschrieben haben: Schreib hier wann immer und was immer du möchtest. Hier wird einander auffangen wirklich groß geschrieben.