Liebe Bille,
Wie alle anderen möchte auch ich sagen, wie leid es mir tut zu lesen, dass noch eine Seele, du, einen so tiefen Schmerz erleiden muss.
Und wie alle anderen möchte ich bestätigen, dass wir das alle kennen und noch viel wichtiger: Dass du immer und jederzeit schreiben kannst (darfst, sollst und musst), was du empfindest.
Denn ja, man fühlt sich manchmal wie ein Alien. Und dann tut es gut, wenn man merkt, dass dem gar nicht so ist.
Aber auch in Punkten, wo man vielleicht wirklich anders fühlt, ist das egal - denn es gibt in der Trauer kein richtig oder falsch. Vielleicht ist man in dem ein oder anderen Punkt ein Alien - aber hier werden Aliens akzeptiert und respektiert. Denn irgendwie sind wie alle, jeder für sich, ein ganz besonderes Alien.
Individuen, so individuell wie die Trauer individuell ist, denn es ist "unsere" Trauer. Sie gehört uns. Uns ganz allein. Da hat niemand ein Recht, uns reinzureden. Und das ist gut so.
Du fragst als Überschrift "Was ist, wenn man niemals darüber hinweg kommt?"
Gibt es darauf eine Antwort? Muss man darauf überhaupt eine Antwort haben? Ja, ich weiß, du sehnst dich so bitterlich danach, eine Antwort zu haben. Eine, die nicht nur deinen Verstand erreicht, denn der ist hellwach und kapiert das alles, sondern deine Seele. Denn die muss erst diese neue Sprache lernen. Ein ultimatives Übersetzungstool "Davor < - > Danach" mit dem Dialekt "gebrochenes Herz" gibt es nicht.
Bei mir war es sogar so, dass ich zu Beginn gar nicht darüber hinweg kommen WOLLTE. Der Gedanke "darüber hinweg zu kommen" hat mich erschreckt. Ich wollte das nicht. Das hat nichts damit zu tun, dass ich bewusst in ein tiefes Loch fallen wollte oder dass ich bildlich gesprochen die Vorhänge in einem eigentlich lichtdurchfluteten Raum nicht nur zuziehen, sondern gleich auch noch diese Stangen zum wieder-öffnen abmontieren wollte.
Im Gegenteil. Ich bin nie in ein Loch gefallen und ich konnte von der ersten Sekunde an bei den Gedanken und Erinnerungen an meinen Schatz warm lächeln, obwohl der Schmerz bodenlos tief war (und ist). Aber das bin ich. Andere können das nicht. Andere wollen das erzwingen, aber es stellt sich nicht ein. Bis eines Tages vielleicht, ganz unverhofft, eine Träne zu einem Lächeln wird. Wieder andere müssen generell erst wieder lernen zu lächeln.
Aber bei so ziemlich allen (zumindest den Seelen, die empfinden, wie wir hier - es gibt sicherlich auch da genügend andere), verändert sich das Lächeln selbst. Bei mir auch. Die Unbeschwertheit geht verloren. Wehmut überlagert alles. Eine nicht erfüllbare Sehnsucht nistet sich ein und geht (vielleicht) nie mehr (ganz) weg.
Und diese Gefühle, diese Gewichtung der Emotionen in einem Lächeln oder einer Träne, die sind es, die sich ändern. Die milder - anders - werden. Milder trifft es dabei noch nicht mal ganz. Es kann durchaus sein, dass es sogar intensiver wird. Viel intensiver. Aber gleichzeitig erträglicher.
Wie gesagt: Ich meine das ganz und gar nicht allgemeingültig. Das ist alles lediglich so beschrieben, wie ich ganz persönlich das empfunden habe und empfinde.
Und das bringt mich wieder zurück zu "der Gedanke darüber hinweg zu kommen hat mich erschreckt" und "ich wollte gar nicht darüber hinwegkommen".
Denn irgendwie war das für mich gleichbedeutend mit diesem unsäglichen "loslassen" oder gar "abschließen" oder, für mich eines der gruseligsten Worte überhaupt, nicht nur in der Trauer, aber da ganz besonders: "verarbeiten".
Ist es aber nicht. Also gleichbedeutend. Und niemand sagt, dass man das muss. Und die, die es doch sagen, können getrost dahin gehen wo der Pfeffer wächst. Oder um es noch deutlicher zu sagen: Dorthin wo die Sonne niemals scheint, denn dieser Ort ist gleichzeitig der Ausdruck für das, wofür ich diese Menschen halte, die das erwarten oder fordern.
Nein, man muss nichts davon. Man muss damit irgendwie "klar kommen", damit "leben", seinen "Weg damit finden". Aber das sind alles fließende Prozesse.
Nicht so wie "abschließen", "verarbeiten", "darüber hinwegkommen" - das bezeichnet zwar auch alles Prozesse, die aber einen sehr endgültigen Schlusspunkt haben. Und ist der erstrebenswert? Nö.
Meine Antwort auf deine Frage ist also ganz einfach: "Lass die Frage so lange stehen, wie sie sich dir stellt. Und irgendwann wirst du feststellen, dass sie sich gar nicht mehr stellt."
Für mich war eine sehr wichtige Weiche der Punkt, an dem ich festgestellt habe, dass ich "es" akzeptieren kann. Dass ich akzeptieren kann, dass mein geliebter Mann gestorben ist. Dass er nie wieder physisch bei mir sein wird. Und so viele, viele andere "nie wieder". Ich weiß nicht genau, wann dieser Punkt war. Aber ich habe irgendwann gemerkt, dass ich es akzeptiere. Was nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hat, dass ich nicht dennoch damit hadere.
Es gibt Momente, da hadere ich ganz gewaltig damit. Aber ich habe mich dem Gedanken gestellt. Diesen doofen, beschissenen, unfairen, unsäglichen Nie-Wieders. Der Sehnsucht. Der Wehmut. Dadurch gehen diese Gefühle nicht weg. Aber ich habe Macht über sie und nicht sie über mich. Nicht zu verwechseln mit Kontrolle haben. Ich habe keine Kontrolle über diese Gefühle. Aber sie auch nicht über mich. Was immerhin etwas ist.
Ich weiß nicht, ob ich deine Frage beantworten konnte, denn die ehrlichste Antwort, die ich darauf kenne ist, dass es keine Antwort gibt.
Und ich weiß erst Recht nicht, ob diese Zeilen dir als fühlendes Wesen irgendwas bringen. Vielleicht ja auch nur dem denkenden Wesen in dir. Und vielleicht sagt schon das denkende Wesen "was für ein gequirlter Schwachsinn!".
Das wäre genauso berechtigt, wie jede andere Reaktion. Aber dann wüsstest du zumindest gleichzeitig auch schon mal, wie du es NICHT haben willst.
Denn abschließend nochmals: Die Trauer und alles was damit zusammenhängt, ist hochindividuell. Die Dauer. Die Art des Schmerzes. Die Trigger. Wie man mit Erinnerungen umgeht. Und all die anderen Facetten.
Wichtig ist, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem denkendes und fühlendes Wesen eins werden. Wann das ist ... du wirst es wissen.
Heute mit Sicherheit noch nicht, aber das muss auch nicht.