Die Liebe bleibt

  • Ich habe durch den Unfall viel gelernt. Und ich habe heute zu meinem Therapeuten gesagt, daß ich es fies finde dass ich jetzt dieses Wissen habe und so gerne die Zeit zurückdrehen möchte um mit diesem Wissen nochmal mit meiner Rose zu leben. Und daß meine Rose erst sterben musste damit ich dieses Wissen erlange.


    Genau das habe ich mir auch schon gedacht. Allerdings habe ich auch eingesehen, dass das nicht möglich gewesen wäre und es ist mir ein Trost zu wissen, dass Hannes meine Lernschritte verfolgen kann, weil unsere Verbindung immer noch besteht.

    Und das mit dem Begriff "Gott" ist für mich ein totales Missverständnis, wenn man ihn personalisiert und verantwortlich macht für das Schicksal von Menschen. Ich glaube, dass es gerade so nicht läuft, sondern dass wir hier sind, um Erfahrungen zu machen und dass wir so lange wir leben meistens nicht verstehen, worum es wirklich geht. Dass es aber eigentlich um das Annehmen in Liebe geht, so schwer uns das auch fallen mag.

  • So

    heute ist wieder einer dieser schrecklichen Sonntage wo ich wieder Leiterstufen nach unten rutsche. Und ich frage mich - Soll ich den Sonntag vollpacken mit Aktivitäten. Unter der Woche ist es erträglicher aber an diesen Sonntagen schlägt es voll durch. Sind diese Trauersonntage gut oder schlecht. Was für eine Qual. Ich bin ja für durch den Schmerz gehen - habe mir wieder Photos angesehen. Was für ein verlorenes Glück. Was für eine verlorene Zukunft. Hab keine Lust obwohl ich Zeit habe mich ans Klavier zu setzen. In mir drin sieht es genauso verregnet aus wie das schlechte Wetter draussen.

    Die Freunde und Bekannte machen ihr Adventsding - meine Rose ist für sie nur eine Erinnerung an einen schönen Sommer.

    Bei uns brennen auch die 2 Kerzen am Gesteck und symbolisieren nicht das Licht die Hoffnung - sind eher die Grabkerzen die die Trauer symbolisieren.

    Kein Trost und keine Dankbarkeit lässt sich finden.

    Die Zeit scheint endlos lange und die Trauer ist unermesslich groß und wächst noch an. Die ruhige Zeit vor Weihnachten erhält eine neue Bedeutung - die ruhige Qual.

    Ich kann nichts spüren von einem Zwischenhoch auch wenn mein Therapeut sagt alles im grünen Bereich. Es ist eher der schwarze Bereich. Der Trauerzug ist eine Achterbahn - man wird hin und hergeschleudert - etwas auf und dann wieder voll nach unten - man kann nicht aussteigen und das Ding fährt von alleine - man ist wie fremdbestimmt obwohl es in einem selbst wohnt.

    Der einzige Trost der mir bleibt ist, dass irgenwann jeder durch so eine Situation muß und andere das auch schon geschafft haben. Ich fühle mich aber zu schwach um noch mehr auszuhalten eher denke ich dass ich jetzt irgendwann bewußtlos werde oder den Versand verliere.

    Warum tritt die Trauer nochmal nach wo ich doch schon am Boden liege. Die Stille quält mich.

    Empfand ich vorher daß die Zeit im Flug vergeht ist es nun oft so daß die Stunden endlos sind und ich tatenlos.

    Die Leiter scheint unendlich lang und der zurückgelegte Weg in Relation ein Mückenschiss. All die Mühe bisher um sowenig rauszukommen.

    Fühle mich fremd in dieser Hektomatenwelt und unverstanden. Kann jemand das Ganze mal anhalten - wie am Begräbnis - könnt ihr alle nochmal innehalten und der Schönheit meiner Rose gedenken.

    Ich passe hier nicht mehr rein. Wie bei der Eiskönigin ist es bei mir die Dunkelheit die mein Herz umgibt und die Schwärze die sich langsam ausbreitet auf meinen Geist und Körper.

    Die Hoffnung daß die Sonne ja jeden Tag wieder aufgeht ist der Gewissheit gewichen daß die Dunkelheit die wahre Siegerin ist.

  • Lieber Firefly.

    Weiss gar nicht was ich dir sagen soll.

    Ich weiss nur ganz bestimmt das es wieder bessere Tage gibt .

    Und ja du sagst es selber . Wir müssen hier alle durch. Und irgendwie werden wir alle hier es irgendwie schaffen . Da glaub ich dran. Ich denk an dich.

    LG

    Dami

  • Lieber Firefly,

    wie du habe ich den gestrigen Sonntag empfunden. Alle sitzen zusammen, nur wir sind einsam mit unserem unendlichen Trauerschmerz. Ich weiß auch keine Lösung und mir graut schon vor dem nächsten Wochenende, Weihnachten....

    Vielleicht wird es ja danach besser ?

    LG Pewie

  • Lieber Firefly,


    nicht mehr reinpassen in das Leben das ja immer weiter geht, so empfinde ich es auch.Den 2. Advent habe ich nach dem der Besuch weg war, einfach nur noch vorbeiziehen lassen , war froh als ich endlich im Bett lag und da wäre ich auch jetzt am liebsten schon wieder.


    LG Gabi

  • Ja sicher gibt es bessere und grausame Tage. Und ich gebe auch zu, daß ich ab und an auch Momente habe an denen der Schatten kaum spürbar ist. Jedoch sind die Durchschnittstage wie in einer Glocke. Die Probleme auf Arbeit kann ich nicht wirklich ernst nehmen. Konzentration ist Mangelware. Selbst den Kindern kann ich mich nicht so zuwenden wie das sein sollte. All die Aufgaben und Erledigungen.

    Ich versuche zu funktionieren aber es ist so enorm anstrengend. Ich kann fast keine Entscheidungen treffen und die Einsamkeit ist so präsent. Es ist ein einziger Kampf und mitunter denke ich dass dies ein Kampf gegen Windmühlen ist. Wenn man einen Berg hinaufgeht kann man den Gipfel sehen - hat ein Ziel und will dies erreichen. Hier ist der ganze Weg im Nebel. Nichtmal die Richtung ist ersichtlich und man tastet sich Tag für Tag vor und weiss doch nicht wo der Gipfel ist wann und ob man überhaupt mal ankommt.

    Man lebt fast nur in den Erinnerungen und der Vergangenheit - wie Uwe schreibt - schaut sich alle Photoalben durch - jedes gemeinsame Erlebnis wird nochmal durchlebt und tut dann weh. Diese unumstößliche Wahrheit hat man immer vor Augen und wünscht sie sich gleichzeitig weg. Möchte Herrscher über die Zeit sein und sie weit weit zurück drehen. Ich fühle mich immer noch ungerecht vom Leben behandelt und kann einfach keine Dankbarkeit finden. Wie wird erreicht man die Dankbarkeitsebene?

  • Ich tu mich da leichter, weil ich sowieso nie angenommen habe, das Leben sei irgendwie gerecht. Deswegen fühle ich mich auch nicht ungerecht behandelt oder mache irgendwem oder was Vorwürfe.

    Auch mit der Dankbarkeit tu ich mich leicht, ich bin meinem Mann sehr dankbar und voller Liebe wenn ich an ihn denke.

    Ich bin sogar so weit, dass ich das Ereignis seines Todes akzeptieren und mich auf ein Wiedersehen freuen kann, wenn es bei mir dann soweit ist.


    Mein allergrößtes Problem ist der Umstand, dass ich nicht weiß wozu ich weiterleben soll. Ich bin irgendwie fast ärgerlich, dass er mich nicht hat mitnehmen können. Ich hab schlichtweg keinen Bock mehr hierzubleiben und finde auch nach wie vor keinerlei Sinn mehr in meinem Leben.

    Ein paar Wochen, ev. noch 3 Monate muss ich noch durchhalten, dann ist alles soweit geregelt mit Grab und Testament und Vorsorgevollmacht, dass ich jederzeit ohne Reue abtreten könnte.

    Vermutlich wird gerade das aber nicht geschehen, bei dem Glück, das ich immer habe werde ich noch 100 Jahre alt und das ist es momentan was mich am meisten erschüttert - die Aussicht, noch jahrzehntelang weiterzuleben, obwohl ich das eigentlich gar nicht will. Ohne Perspektive, ohne Lebensfreude und ohne ihn. Davor graut mir am meisten.

  • Lieber Firefly,


    vieles von dem was Du schreibst empfinde ich genau so. auch mir fällt es noch immer die Dankbarkeite für die wunderbaren Jahre mit meiner großen lIebe den Vorrang zu lassen , bibisher drängt sich noch der wahnsinnig schmerzende Verlust und die Verzweiflung,Wut darüber das mein Leben mit MIck unwiderruflich vorbei ist an der Dankbarkeit vorbei. Es ist alles sehr schwer z. Zt. in meinem Leben und wird wohl noch lange so bleiben.



    Liebe Gabi,


    auch ich habe bereits alles für meine eigene Beerdigung, Vorsorge- und Vermögensollmachten beim Notar geregelt, fehlt nur noch das Testament.

    Du schreibst das Dich die Vorstellung noch jahrzehnte ohne deinen Mann weiterleben zu müssen erschüttert, für mich ist das auch eine schreckliche Vorstellung.


    Ich wünsche uns für heute einen der besseren Tage.


    LG Gabi + Mäuschen

  • Wenn ich eines jetzt gelernt habe in dieser so schlimmen Vorweihnachtszeit. Daß ich mich daran gewöhnen muß alleine zu leben.

    Dieses teilen der Momente mit dem Partner vorbei ist. Ich lasse die Kinder mal bewußt aussen vor, denn das ist eine andere Ebene. Daß es sehr lange dauern wird bis ich wieder einigermaßen gerade stehen kann. Daß man diesen Kummer, diese Trauer, diesen Schmerz mit sich selbst ausmachen muß, denn auch die besten Freunde können nur ein kleines bisschen helfen. Dass man akzeptieren muß dass dieses Leben zu zweit die schöne Vergangenheit ist. Es ist noch ein langer steiniger Weg.

  • Was soll man schreiben wenn Alles gesagt ist - der Schmerz und die Trauer bleiben. Ja man gewöhnt sich an das Allein sein und auch an die Einsamkeit. Viel arbeiten und ablenken um dann wieder zur Ruhe zu kommen und zu merken dass sich Nichts geändert hat. Diese Traurigkeit wird niemals vergehen auch wenn man es sich noch so wünscht. Vielleicht wird sie eines Tages nicht mehr so bestimmend sein.

    Was bleibt ist die Erkenntnis dass Nichts bleibt ausser der Liebe. Zu Erkennen und akzeptieren müssen dass alles vergänglich ist ist ein schwieriger Prozess. Ich kann etwas Dankbarkeit erkennen - aber nur dass so ein Schicksaal andere viel früher trifft.

    Auch bezweifle ich ob je wieder soetwas wie Freude einziehen kann - die Leichtigkeit ist eine Schwermut gewichen. Wird sich dieses Leben wieder zu einem lebenswerten drehen. Coldplay hat Flock of Birds komponiert aber auch Paradies - sind das die zwei Seiten des Lebens? Bisher war ich auch der Seite von Paradies jetzt Flock of Birds. Wenn man die beiden Lieder direkt hintereinander hört kann man die Trauer, Zerrissenheit und die Hoffnung spüren.

    Ich war jetzt mit den Kindern beim Skifahren - Tiefschnee ohne Ende- herrliche Abfahrten und es zerreisst einem fast das Herz wenn man da runterfährt - So schön und so traurig zugleich. Meine Rose darf das nicht mehr erleben und wir schon.

  • Lieber Firefly, ja und ja. Wie soll man leben, wenn man das Gefühl hat sein Glück gehabt zu haben?

    Dankbarkeit für dieses Glück? Ja, natürlich. Aber das Gefühl für immer im Leben den Punkt nach dem größten Glück erreicht zu haben

    und von nun an dahinter weiterleben zu sollen ist für mich schrecklich und unvorstellbar...

    Ein - ich glaube es war ein marokkanisches - Sprichwort an das ich mich nur dunkel und sinngemäß erinnere lautet so oder

    ähnlich: "Wenn ich mir einen Platz im Leben aussuchen könnte, dann wäre dieser einen Schritt vor dem Paradies."

    Mal unabhängig davon, ob man da religiöse Paradiesvorstellungen glaubt oder nicht... Es ist der Moment vor dem größten vorstellbaren Glück.

    Aber was tun mit den etlichen Momenten nach dem größten vorstellbaren Glück?

    Herzlich,

    Tereschkowa

  • Hallo Tereschkowa

    das ist auch mein Problem - wenn man weiss dass man einen Schritt vorm Paradies dauerhaft gelebt hat und das größte vorstellbare Glück erlebt hat. Das ist nicht mehr steigerbar nicht mal annähernd erreichbar.


    Jetzt sitzt man in einer dunklen Höhle einsam vor sich hinfrierend und dann sagt irgend jemand- ja vielleicht kommt mal wieder ein Licht und Wärme in dein Leben. Ganz im Ernst -den Schwachsinn glauben die, die das aussprechen doch selbst nicht. Das ist die nackte Angst der Gesellschaft dass man hinterherspringt und die Kinder alleine lässt.


    Ganz im Ernst - ich mache das Spiel hier momentan nur noch wegen der Kinder mit. Jeder schöne Tiefschneehang war Freude und tiefe Trauer zugleich - wer denkt sich sowas aus.


    Wie viele hier Dankbarkeit fühlen.Ich kann immer noch so gut wie keine Dankbarkeit empfinden. Ich sehe die lachenden Nachbarsfamilien die freundlich rüberlächeln und denke mir warum wir und nicht die. Entschuldigt das ist grundfies ich weiss - aber bitte sag mir mal einer die Antwort.

    Ich habe auf dem Supermarktparkplatz vier Wochen nach dem Unfall jemanden getroffen der das gleiche Schicksal vor 7 Jahren erlebt hat. Der letzte Satz war : Jetzt müssen wir diese Scheisszeit hier für die Kinder runterreissen. Ich dachte damals - so möchte ich das nicht - aber im Grunde war das der Bodensatz der übrigbleibt.

  • Lieber Firefly,

    ich fürchte, ich verstehe Dich. Habe mich gestern dieser "Schritt-fürSchritt-ins-Leben-zurück"- Behandlung gegenüber in Uwes Thread ganz schön ausgelassen. Und verweigere diese auch. Wörter wie "besser, weiter, heller, etc..." lösen bei mir auch sofort Aggressionen aus.

    Ich habe keine Kinder, Menschen mit Kindern müssen sich wahrscheinlich noch mehr Zuversichtsparolen von Unbeteiligten anhören als ich. Ich höre nur oft "Ach, und ohne Kinder muss DAS (natürlich traut sich niemand DAS zu benennen) für Sie/Dich noch schlimmer sein" oder noch besser "Na, zum Glück gibt es nicht auch noch Kinder, die ihren Vater verloren haben."

    Mittlerweile sage ich zu diesen dämlichen Bemerkungen grundsätzlich: "Beim Trauern gibt es keine Logenplätze. Für Niemanden."

    Du schreibst "Ganz im Ernst - ich mache das Spiel hier momentan nur noch wegen der Kinder mit."

    Das glaube ich Dir. Ich persönlich stelle mir mit Kindern sehr schwierig vor, dass die Verantwortlichkeit einen "Normalzustand" zumindest im Ansatz herzustellen stark im Vordergrund steht. Selbst wenn dieser noch so vorgetäuscht werden muss. (Vielleicht täusche ich mich auch und dies ist auch eine Art Anker.)

    Diesen Druck habe ich nicht, denn ich verweigere alles was nur den Hauch des "Normalzustandes" simuliert.

    Allerdings ob "Keine Kinder" Grund genug ist, nicht weiterzuleben bin ich mir nicht sicher. Auch das Nicht-Weiterleben ist nicht so einfach,

    wenn man es rational durchdenkt.

    Du schreibst: "Ich sehe die lachenden Nachbarsfamilien die freundlich rüberlächeln und denke mir warum wir und nicht die. Entschuldigt das ist grundfies..."

    Klar ist das grundfies, aber viel weniger fies als das was Dir das Leben präsentiert hat. Das bißchen Fiesheit muss die Nachbarsfamilie als Preis für ihr Glück schon aushalten können.

    Ich sehe auch zu unserer Nachbarsfamilie (drei Kinder) rüber, wenn sie gerade essen.

    Seit dem Tode meines Lebensgefährten winken sie mir dann alle (!!!) freundlich rüber und manchmal rufen sie sogar an und laden mich zum Essen ein. Natürlich gehe ich nicht hin. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen während sie versuchen zu mir freundlich zu sein, verdirbt ihr Anblick mir immer sofort die Laune.

    Dankbarkeit ist so eine Sache. Natürlich bin ich meinem Lebensgefährten dankbar für die schönen Jahre.

    Aber diese Dankbarkeit momentan spüren? Nein. Ich bin traurig und empfinde das Leben als ungerecht. Ihm gegenüber und mir gegenüber. Punkt.

  • Wie viele hier Dankbarkeit fühlen.Ich kann immer noch so gut wie keine Dankbarkeit empfinden. Ich sehe die lachenden Nachbarsfamilien die freundlich rüberlächeln und denke mir warum wir und nicht die. Entschuldigt das ist grundfies ich weiss - aber bitte sag mir mal einer die Antwort.


    Lieber Firefly, liebe Mona,


    ich bin sehr dankbar für die 36 Jahre mit Mick, weil aber gleichzeitig ist das Gefühl da vom Leben übervorteilt worden zu sein, weil es mich und ihn ungerecht behandelt hat,so empfinde ich beides ständig parallel.


    Die Wut und auch den Neid auf diejenigen, die nach wie vor ihr " beautiful Life" miteinander verbringen kenne ich ebenfalls, bei einigen geht dieses Gefühl sogar so weit, das ich denke, gerade ihr habt das doch gar nicht verdient. In der Anfangszeit nach Mick`s Tod habe ich es sogar geäußert , das es mich sauer macht zu sehen wie alle in ihren wunderbaren Leben mit Partnern weiter machen und ich das nicht ertragen kann, gemein ich weiss , mittlerweile habe ich mich besser im Griff, diese Gedanken sind immer noch da, aber ich äussere sie nicht oder nur bei Menschen die ich so gut kenne, das ich weiss, sie verstehen mich .Letztlich können die anderen ja nichts dafür, das ist mir klar , nur was können Wir dafür das Uns das Leben so behandelt hat, ebensowenig, ausgesucht hat sich das keiner von uns.


    AL Gabi

  • Lieber Firefly, liebe Gabi,

    wie gesagt das mit der Dankbarkeit und der Ungerechtigkeit empfinde ich auch parallel.

    Ich habe heute Nacht über dieses komplizierte Empfinden beziehungsweise Aufeinanderprallen von Aggression, Fiesheit oder ähnlichem bei gleichzeitigem vertieftem Liebesempfinden und Dankbarkeit der Geliebten gegenüber in der Trauer nachgedacht.

    Das ist innerhalb eines Menschen mehr als ein "Pulverfass" an höchst ambivalenten Empfindungen und wenn nur die kleinste Kleinigkeit von außen dazukommt explodiert es. In die eine oder andere Richtung...

    Gleichzeitig steckt in uns - zumindest in mir - dieser kulturelle oder gesellschaftliche (oder überhaupt menschliche?) Code an der Größe der

    Herausforderungen wachsen zu wollen, zu sollen, zu müssen. Auch charakterlich. Alle diese tief in unserer Gesellschaft verankerten Affirmativ-Floskeln "Zu einem "besseren" Menschen werden zu wollen." "Am Leid zu wachsen..." "Scheiten als Chance" etc. haben m. E. wir und alle denen wir begegnen tief verinnerlicht. Wir sind bereit den Herausforderungen zu trotzen und zu kämpfen ... Das funktioniert ja in den meisten schwierigen Lebenssituationen ganz gut. Doch in dem Moment, wenn man seinen Lebensmenschen und damit sich selbst und das eigene Leben verloren hat, gibt es in diesem Sinne keinen "Sieg", denn das einzige was wir wirklich wollen bzw. das wofür wir kämpfen möchten ist nicht mehr erreichbar. Es ist sozusagen ein Kampf um Nichts im Nichts. Leid? Ja, aber doch nicht umsonst! Um diese Situation auch nur irgendwie auszuhalten baut jede und jeder von uns hier im Forum seine eigenen individuellen "Konstruktionen des Überlebens" mit allen Hochs, Tiefs und Brüchen, denn natürlich sind wir nach wie vor gezwungen auf die gleichen Strategien und Affirmationen zurückzugreifen, die uns in vergangenen schwierigen Situationen im Leben halfen. Dies probieren wir nun mit sozusagen verkleinertem "Hauptgewinn" anzuwenden ... Und hier im Forum - in der "Schattenwelt der gesellschaftlichen Unsichtbaren" (bitte entschuldigt den Ausdruck) - herrscht zumindest meiner Erfahrung nach großer Respekt und Toleranz Überlebenskonstruktionen der anderen gegenüber - und seien sie einem auch noch so fremd. Bei Menschen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben ist das anders ( und ich wünsche auch allen aufrichtig, dass sie diese Erfahrung niemals und wenn dann möglichst spät in ihrem Leben machen müssen). Für Menschen ohne diese Erfahrung funktionieren je nach Typ die eine oder andere dieser Affirmativ-Floskeln noch... und so begegnen sie uns auch. Diese Formel "am Leid charakterlich zu wachsen" steckt beispielsweise ganz tief in mir und macht mich schon innerlich aggressiv genug gegen mich selbst, weil sie mich noch zusätzlich unter Druck setzt. Wenn ich dann in einer Begegnung mit anderen oder in deren Äußerung nur den leisesten Verdacht hege, dass von mir ein "charakterlicher Wachstum" in welche Richtung auch immer erwartet wird,

    schrumpft mein Charakter sofort ins selbst für mich unkenntliche zurück. Ich war bereits vor dem 27. August keine "Heilige", sondern unduldsam, wählerisch und noch vieles mehr ... warum, wie und vor allem wozu sollte ich gerade in diesem Moment - dem ungerechtesten Moment meines Lebens - erträglicher für andere und mich selbst werden?

    Lieber Firefly, jetzt habe ich mich in Deinem Thread ziemlich ausschweifig geäußert. Verzeih. Soll ich es löschen oder verschieben?

    Danke fürs Lesen,

    herzlich

    Tereschkowa

    PS: Diese Beileidskarte an mich mit "Gott hat scheinbar noch Großes mit Dir vor" habe ich aus genau diesen Gründen sofort verbrannt. Meinem Impuls zum Telefonhörer zu greifen aber (leider) widerstanden. Käme diese Karte heute nochmals würde ich anrufen.... und zwar um charakterlich geschrumpftes Zeugs zu artikulieren....

  • Hallo Tereschkowa

    Ich finde nicht dass dein Beitrag den Thread stört. Ich finde deine Aussagen logisch und nachvollziebar.

    Genau diese Überlegungen habe ich ja auch und frage mich wie ich Dankbarkeit empfinden kann wenn mir gerade der liebste Mensch auf Erden sinnlos entrissen wurde. Und ich frage mich auch ob uns das von unserer Gesellschaft so gewollt ins Ohr gesetzt wird das mit dem charakterlich Wachsen aus der Krise. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen ist es so, daß sich oft Menschen im Nachhinein vor dem Schicksalsschlag charakterlich schwächer einschätzen als sie es tatsächlich waren und somit eine Veränderung gar nicht stattgefunden hat. Ich habe über all das viel nachgedacht - weil die Achtsamkeit für den anderen im Alltag leidet. Man hätte vieles noch besser machen können - jeden Tag zu etwas besonderem zu machen. Ich habe aber auch gehört dass das fast unmöglich umzusetzen ist.

    Was kann, muss ich mir vorwerfen getan oder nicht getan zu haben. Man lebt so wie man lebt ist mir zu einfach.

    Ich sehe und kenne Ehepaare die wirklich schlimme Beziehungen leben und bin um so trauriger was ich verloren habe.

    Wir hatten natürlich auch viel Glück - 3 gesunde Kinder - und wir haben uns immer noch sehr geliebt. Aber soll ich jetzt dankbar sein für das Glück das ich hatte und meine Nachbarn um mich rum haben dieses Glück und wissen es gar nicht - da gibt es bestimmt viele die überhaupt nicht über ihr Glück nachdenken und schon gar nicht dankbar dafür sind und ich soll im Nachhinein dankbar für etwas sein was mich verlassen hat - das Glück. Vielleicht muss ich dazu noch an geistiger Reife gewinnen oder eben wie alle so schön sagen warten bis ein paar Jahre vergehen und ich dann weise zurückblicken kann. Aber ich wiederhole mich gerne ein blaues Haus bleibt ein blaues Haus. Und ein Verlust bleibt ein Verlust und ich will mir das nicht zurechtbiegen und schönreden nur um eine Schutzfunktion für meine Psyche zu aktivieren und es einfacher zu machen.


    Im Moment ist es ja auch so, daß ich durch die Trauer so beschäftigt bin, daß ich den Kindern nicht in dem Maße gerecht werde - so wie sie es jetzt, gerade jetzt bräuchten. Vielleicht sind meine Ansprüche auch zu hoch. Vielleicht habe ich aber auch keine Lust mich fremdgesteuert dem jetzt erst recht für die Kinder zu unterwerfen. Einem Zwang den unsere Gesellschaft aufbaut um ja nicht selbst den Scherbenhaufen aufräumen zu müssen.

    Ich habe auch überlegt ob es mein Fehler war dass ich dieses Mädchen kennengelernt habe, weil sie mit jemand anderem jetzt noch leben würde. All diese Gedanken verursachen soviel Reibung im Hirn dass es schon wieder schmerzt und es bleiben immer noch mehr Fragen als Antworten.

  • Lieber Firefly,

    Fragen über Fragen. Anstatt Antworten zu finden wächst mein Berg an Fragen auch Tag für Tag.

    Da ich meinen Lebensgefährten plötzlich verloren habe, merke ich ausgelöst durch den Schock - abgesehen von der Traurigkeit - mein Körper auch Kopf haben dieses Ereignis nicht verarbeitet - präziser auf meine kognitiven Fähigkeiten sind verändert, meine Gedanken kreisen und kreisen ohne sich mit anderen Synapsen verknüpfen zu können. Stammtisch-neurologisch ausgedrückt.

    Seit gestern bin ich bei einer neuen Therapeutin, die sich unter anderem auch mit EMDR auskennt.

    Hast Du damit Erfahrung?

    Das Erstgespräch war sehr gut und sie gab mir gleich eine "Übung" mit:

    Ich schreibe morgens noch nicht ganz wach eine Frage (von den unendlich vielen, die in meinem Kopf kreisen) auf und beantworte sie dann auch schriftlich mit der anderen Hand.

    (Ich bin Linkshänderin, also schreibe ich die Frage mit der linken Hand und die Antwort rechts...für Rechtshänder umgekehrt.)

    Mein heutiger erster Versuch war nicht besonders gut, denn ich habe natürlich nach den Monaten des Fragen-Kreisens schon solche Halbantworten im Kopf.... aber ich verstehe den Sinn bzw. die Funktion dieser Übung und werde sie weiter machen.

    Einem Zwang den unsere Gesellschaft aufbaut um ja nicht selbst den Scherbenhaufen aufräumen zu müssen.

    Ich habe keine Kinder, aber kann mir vorstellen, dass der Druck dann noch höher ist.

    Alleine schon wie oft ich mir den wirklich dämlichen Satz anhören musste "zum Glück gibt es keine Kinder, die dann auch noch ihren Vater verloren hätten" (Herzlichen Dank!) Für mich eine Frechheit, aber es zeigt dass der Erwartungsdruck mit Kindern natürlich noch stärker ist...

    Wenn man plötzlich trauert, dann nimmt ein bisher nur erahntes Gesellschaftliches Problem bzw. Desaster Gestalt an...

    Herzlichst,

    Tereschkowa

  • Alleine schon wie oft ich mir den wirklich dämlichen Satz anhören musste "zum Glück gibt es keine Kinder, die dann auch noch ihren Vater verloren hätten"

    Ich höre immer den Satz : Zum Glück hast Du Deine Kinder.

    Mein Leben,meine Trauer.

    Meine Kinder ,ihre Trauer.

    Für mich eine Frechheit,

    lieben Gruß

  • Guten Morgen Ihr Lieben,


    mir sind beide Varianten bekannt :"zum Glück hast Du keine Kinder, dann wäre es noch schwerer" und hättest " Du Kinder würdest Du schneller über Deinen Verlust hinweg kommen".


    Ich wünsche Euch einen halbwegs leicht zu ertragenden Tag.


    AL Gabi