Endlich fragt mich mal wieder jemand nach ihm

  • Hallo,


    heute war ich das 1. Mal bei unserer gemeinsamen Hausärztin. Sie war sehr lieb und fragte mich, wie es mir geht mit der Trauer um ihn. Endlich konnte

    ich einmal die Maske fallenlassen und weinen und erzählen, wie es mir wirklich geht.


    Sie hat mir gesagt, dass die Trauerzeit mind. 1 Jahr andauert. Ich lasse mich von niemanden mehr unter Druck setzen, wie ich zu trauern habe, denn die

    anderen haben nicht ihren liebsten Menschen und Vertrauten verloren.


    Hier wo ich wohne, fragt niemand, wie es mir geht. Ich dachte immer, dass man auf dem Land zusammen hält. Dem ist aber nicht so, zumindest hier

    nicht. Ich kümmere mich nicht mehr um die anderen und versuche stärker zu werden und in Hamburg eine Wohnung für mich zu finden. :2:


    Heute Nacht hatte ich kurz einen Erstickungsanfall und bin in Panik gekommen, aber für einen Moment habe ich auch gedacht, gut dann ist es jetzt

    also soweit.


    Mein Sohn ist momentan im Urlaub und ich klammere ganz schön, wenn er sich nicht meldet. Ich bin vorhin aus einer whatsapp Gruppe herausgegangen.

    Es waren ehemalige Freunde von uns und keiner fragt mich, wie es mir eigentlich so geht. Es werden nur langweilige Bildchen hin und her geschickt

    und das ist mir persönlich zu wenig.


    Wie geht es Euch?


    Turicum

  • Liebe Turicum,


    gut, dass Du wenigstens eine verständnisvolle Ärztin hast!


    Mich hat vorgestern eine Bekannte angerufen (früher waren wir mal ganz gut befreundet, aber wie das halt manchmal ist, trennen sich solche Wege auch mal ohne besondere Gründe), also jedenfalls sagte sie nur, ich rufe Dich jetzt an und wenn du nicht willst legen wir auch gleich wieder auf, aber ich möchte schon noch gern wissen, wie es Dir geht? Das fand ich wirklich so lieb von ihr.


    So und da hätten wir es wieder: Warum können Menschen mit denen man wirklich Jahre keinerlei Kontakt mehr hat sich melden, aber die besten Freunde (bzw. JETZT die ehemaligen besten Freunde) sich noch nicht mal mit einer kurzen WhatsApp melden???


    Ich werde das glaube ich nie in meinen Schädel bekommen...

  • Liebe Sumazo,


    genau das frage ich mich auch oft. Durch den Tod meines Partners, habe ich mich verändert. Ich bin irgendwie

    härter geworden. Wer nicht mal mehr nachfragt, wie es mir so geht, ist raus. Dann bin ich lieber allein, als mit

    oberflächlichen Menschen unterwegs.


    Schön, dass sich Deine alte Freundin gemeldet hat. Morgen wäre sein Geburtstag gewesen und ich bin heute

    schon nervös deswegen.


    Lieben Gruß


    Turicum

  • Liebe turicum , liebe Sumazo


    Bei mir ist es umgekehrt: ich möchte gar nicht mehr gefragt werden, wie es mir geht.

    Der Grund: die Antworten darauf, wenn ich die Wahrheit sage.


    Ich weiß nicht, woran es liegt, aber irgendwie halten die Menschen es nicht aus, wenn es jemandem schlecht geht. Jeder will helfen. Das ist sehr lobenswert, aber in Sachen Trauer leider unwirksam. Und weil jeder Ratschlag, jeder gut gemeinte Tipp, jede Hilfestellung einfach nicht dazu führt, dass es mir *Hokuspokus* schlagartig besser geht, wird das Gegenüber ungeduldig, manchmal sogar aggressiv, hab ich festgestellt. Geht es einem lange genug nicht so gut, wie es die Umwelt erwartet, wird einem selbst die Schuld dafür aufgebürdet.

    "Wie lange hast du vor, dass es dir noch schlecht geht?" "Es wird dir so lange schlecht gehen, wie du willst, dass es dir schlecht geht" sind nur die jüngsten Reaktionen darauf, dass ich traurig bin, weil meine Mutter vor 4,5 Monaten gestorben ist und ihr Tod die Trauer über den Tod meines Partners wieder aufleben hat lassen. *sarkasmus an* Danke vielmals *sarkasmus aus* <X


    Nein, lasst mich in Ruhe. Ich will nicht darüber reden, wie es mir geht. Das geht niemanden etwas an. Vergesst es einfach. Ich mach mein eigenes Ding, sozusagen.


    So geht es mir damit.

    Habt einen ruhigen Tag,

    Puzzle

  • Nein, lasst mich in Ruhe. Ich will nicht darüber reden, wie es mir geht. Das geht niemanden etwas an. Vergesst es einfach. Ich mach mein eigenes Ding, sozusagen.

    Hoppla! Um Missverständnisse zu vermeiden: der zitierte Satz war an meine reale Umwelt gerichtet, nicht an euch hier!

    :saint:

  • Es ist schon bemerkenswert, wie sich das Verhältnis von einstigen "Freunden" und meist sogar dem gesamten Umfeld
    zu einem Menschen ändert, der einen oder - seinen geliebten Menschen - durch den Tod verloren hat.

    Die Wenigsten erfahren über den Tag der Beisetzung hinaus, Mitgefühl oder Verständnis. Das ist leider auch meine Erfahrung

    und sie tut weh. Man wird gemieden, ausgegrenzt ...., aus dem einstigen Freundeskreis ausgeschlossen .... Nachbarn gehen mir

    aus dem Weg, entfernen sich bei Sichtkontakt im Garten so weit, dass ich sie hoffentlich nicht anspreche.

    Wenn ich jemanden aus unserem ehemaligen Freundeskreis, ehemalige Kollegen von Mario oder mir beim einkaufen sehe,

    suchen sie das Weite ... als würden sie fliehen. Warum ??? Es gibt wenige Ausnahmen, aber die kann ich an einer Hand abzählen.


    Es fühlt sich an, als hätten die Menschen Angst sich anzustecken. Anzustecken mit dem Unglück, mit einer todbringenden Krankheit.

    Ganz ehrlich, das glaube ich wirklich.


    Auch ich wohne auf dem Land, allerdings in einer noch relativ jungen Siedlung mit Menschen, die aus der Stadt aufs Land

    gezogen sind. Da ist das Verhältnis untereinander ist doch nochmal anders, distanzierter als in einem alten, gestandenen Dorf,

    wo einer den anderen seit Ewigkeiten kennt. Keiner fragt wie es mir geht, keiner bietet seine Hilfe an.

    Ein kurzer Gruß und weg sind sie.


    Am Wochende hat es bei uns geschneit. Beim Schneeschieben war ich die einzige Frau auf der Straße, sonst nur Männer.

    Drei Nachbarn stehen mit den Schneeschiebern in der Hand beieinander und unterhielten sich. Das Gespräch verstummte,

    sobald ich die Straße betrat. Ich habe gemerkt, dass sie dann über mich getuschelt haben. Keiner bot mir an, mir zu helfen.


    Man passt nicht mehr ins "Schema F" ..... auch dann nicht, wenn man sich eigentlich nach Außen hin, nichts anmerken lässt.

    Ich fürchte nicht die Dunkelheit dort draußen, es ist die Dunkelheit in meinem Herzen, die mir Angst macht.

  • Post by Sonnenblume53 ().

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  • Dieses Gemieden werden kenne ich auch. Ich habe manchmal das Gefühl als wollten sie abwarten bis ich wieder " normal " bin.

    Ich höre auch oft " Jetzt, wo dein Sohn eingezogen ist, bist du ja nicht mehr allein.

    Ja das stimmt und einige Probleme habe ich jetzt nicht mehr.

    Für Arbeiten die ich nicht alleine schaffe hab ich jetzt Hilfe, finanziell ist es auch einfacher, ich bin nicht mehr so viel allein.

    Doch hilft dieser Einzug nicht gegen Einsamkeit und das Vermissen von Joachim. Auch verschwindet die Trauer nicht.

    Doch ich habe das Gefühl als denkt mein Umfeld das.

    Manchmal denke ich auch es ist undankbar von mir mich nicht gut zu fühlen. Hier sind viele die ganz alleine sind und ich jammer rum.

    Doch wie schon gesagt die Einsamkeit bleibt und somit auch die Trauer.

    Jemand hier hat mal geschrieben auf die Frage " Wie geht es dir " einfach " Mein Mann ist tod, was denkst du wies mir geht " zu antworten.

    Hab ich mir vorgemerkt. Doch mich fragt niemand mehr.

  • Liebe Steffi,


    ich kann Dich so gut verstehen. Ich habe auch meinem Sohn gesagt, dass wenn er möchte, könnte er hier einziehen,

    aber das würde nicht gut gehen. Hier ist nichts los und er hat noch keinen Führerschein. Ich bin auch sehr viel mit

    meinem Sohn zusammen, aber bei all dem Spaß den wir zusammen haben, ist er natürlich nicht mein Partner.


    Wenn ich dann wieder nach Hause fahre und mein dunkles Haus aufschließe, fühle ich mich einsam. Er fehlt mir.

    Ich denke ja oft, so jetzt ist genug. Ich habe meine Haftstrafe abgesessen, er kann jetzt wieder zu mir kommen,

    aber da kommt niemand. Diese ganzen Nie wieder Denkreisen sind sehr anstrengend.


    Manchmal lache ich mit meinem Sohn, aber innerlich fühle ich mich ganz anders. Ja, am besten wäre es für

    unser Umfeld, dass der "Vorfall" nicht mehr erwähnt wird und wir wieder die Alten sind.


    Liebe Grüße


    Turicum

  • Liebe Turicum,

    auch wenn dein Sohn bei dir einziehen würde, die Einsamkeit ist trotzdem da. Die Trauer ist trotzdem da.


    Nichts was um uns herum geschied ändert was an unserer Trauer weil nichts die Ursache beheben kann.


    Bleibt nur die Hoffnung dass wir lernen mit der Trauer an unserer Seite weiter zu leben. Wir haben keine Wahl.

    Und die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit unseren Lieben, auf welche Weise auch immer.

  • Ja, stimmt die Trauer bleibt, es ändert nichts an der Tatsache.

    Beim Verlust meines Mannes zogen meine beiden Töchter wieder bei mir ein für ein Jahr. Wir hatten alle das Gefühl wir wollen nun im Leid zusammenrücken. Das war sehr wichtig für mich.

    Danach war es aber auch gut, dass ich wieder alleine war.
    Ich wünsche euch allen, dass jeder seinen bestmöglichen Weg findet. Das ist nämlich schwer, finde ich. Wenn die ganze Welt so aus den Fugen gerät, was soll man da schon wissen?

  • Guten Morgen,


    danke für Eure Antworten. Ich fühle mich nicht so gut heute. Heute wäre sein Geburtstag gewesen. Wir hätten

    schön gefrühstückt und uns später Donauwellen (Kuchen) gekauft und sie zusammen gegessen. Gott sei Dank

    habe ich einen Termin bei meinem Therapeuten und hinterher treffe ich mich wohl noch mit meinem Sohn.


    Meine Ärztin meint, Trauer dauert mind. 1 Jahr. Manchmal komme ich ganz gut damit zurecht und manchmal

    weine ich in seine Sachen und will ihn zurück, aber sofort.


    Heute sind es 18 Wochen her, wo er ins Krankenhaus kam. Ich hatte dem Arzt gesagt, dass ich das Gefühl

    habe, dass er stirbt, der Arzt hat mich ausgelacht. Einen Tag später war er tot.


    Manchmal fühle ich mich, als wäre ein Teil von mir mitgestorben. Ich versuche jedoch, jeden Tag auch gute

    Momente zu haben und mich nicht zu sehr hängen zu lassen.


    Ich wünsche Euch auch einen guten Tag, trotz allem.


    Turicum

  • Liebe Turicum,

    was du durchleben mußt, hat nichts mit " hängen lassen " zu tun. Trauer ist eine gnadenlose Begleitung, die einem alle Kraft abverlangt.

    Mit der Zeit lernen wir mit dem Schmerz, trotz dem Schmerz zu leben. Mein Mantra ist " Die Zeit arbeitet für mich "

    Meine Hoffnung ist das die Trauer einmal eine sehr stille Begleiterin auf meinem Lebensweg wird.


    Trauer dauert mind. 1 Jahr ???

    Was denkt deine Ärztin was dann geschieht. Die Trauer schaltet sich nicht irgendwann ab.


    Lass deine Gefühle zu, soll heißen alles ist richtig nichts ist falsch.

    Schau was dir gut tut.


    Ich schicke Geburtstagsgrüße in den Himmel

    Und dir wünsch ich Kraft und das trotz aller Trauer auch ein Gefühl der Liebe in deinem Herzen aufkommt.

  • wäre ja schön wenn Trauer höchstens 1 Jahr dauern würde

    und dann wäre es gut aber

    leider kann ich mich dem nicht anschließen:4:

    die redet einen ganz schönen Quatsch

    ja es heißt man muss mal ein Jahr durch alles durch

    Geburtstag Todestag, Weihnachten, Silvester usw.

    aber das ist eine Binnsenweisheit und stimmt in keinster Weise

    manchmal wird es höchstens noch schlimmer mit dieser verdammten Trauer

    da man vielleicht erst nach einem Jahr realisiert das die Scheiße jetzt so bleibt

    ach im Moment nervt mich das alles, warum............

  • Grüß euch!


    Ich empfinde die Aussage, dass Trauer mindestens ein Jahr dauert, nicht so schlimm, wie ihr sie empfindet.

    Diese Aussage gibt einem ein Ziel. Schmerzen im allgemeinen lassen sich leichter ertragen, wenn man ihnen ein Ende gibt, ein Ziel, eine Hoffnung, dass sie eventuell leichter werden.

    Die Ärztin hat sicher nicht gemeint, dass danach alles wieder "normal" ist. Sie hat damit nur gesagt, dass man mal auf jeden Fall ein Jahr durchhalten müsste, um zu sehen, wie es dann ist, um dann neu zu entscheiden, ob noch eine andere Hilfe, in Form von Therapie oder Tabletten oder was auch immer sie gedacht haben mag, nötig ist.

    Haben wir nicht alle erlebt, dass sich das erste Jahr nach einem Verlust schier unerträglich anfühlt? Also ist die Aussage ja erstmal richtig. Und sie sagt nichts darüber aus, wie es danach weitergeht....


    Einerseits weiß niemand, wie lange sie tatsächlich unerträglich bleibt und andererseits überlastet man sich emotional, wenn man sie als unendlich langen Leidensweg wahrnimmt. "Zwischenziele" zu stecken, finde ich nicht blöd.


    Puzzle

  • Post by Puzzle ().

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