Was ist, wenn man niemals darüber hinwegkommt?????

  • Liebe Linchen,


    ich möchte Mitte Juni wieder zur Arbeit gehen. Ob ich soweit bin dann? Eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen. Aber irgendwann muss ich ja wieder hin gehen. Ich kann doch nicht hier alleine versauern. Außerdem verpasse ich zu viel. Das macht mir auch große Sorgen. Man hat ja nur Sorgen. Wie schön war das Leben, als es unbeschwerter war ... Klar, Probleme gibt's immer, aber gemessen an heute waren die doch minimal, oder?

  • Probier das arbeiten ruhig aus. Vielleicht tut es dir sogar gut. Einschätzen kann man das vorher gar nicht. Alles ist jetzt auf den Kopf gestellt. Ansonsten lässt du dich arbeitsunfähig schreiben.

    Unsere Toten sind nicht abwesend nur unsichtbar,

    sie schauen mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Trauer.

    Es gibt ein Wiedersehen auf einer anderen Ebene.

    Und die Seelen unserer Vorausgegangenen begleiten uns

    Aurelius Augustinus

  • Ich war ja 4 Wochen nach der Beerdigung schon in der Arbeit. Das hat keinen Monat gehalten, dann musste ich wieder raus. Wenn ich Mitte Juni wieder gehen sollte, werden es aktuell 6 Wochen gewesen sein. Ich schaue einfach, wie die nächsten beiden Wochen werden und werde mich dann entscheiden.

  • Liebe Bille,


    versuchen mehr geht nicht, oft tut es gut wenn man das so bezeichnen kann.


    Wenn es nicht geht dann eben nicht.


    Klar die Altagsprobleme sind unscheinbar und völlig blöde im Vergleich zu der Situation in der Du bist.

    Das wirst Du auch merken wenn Du arbeitest und Kollegen mit ganz banalen Alltagsdingen kommen.


    Auch das ändert sich wieder zu einem gewissen Grad.


    Vlg. Linchen

  • Liebe Bille,


    es freut mich total, dass du einiges des hier Gesagten für dich mitnehmen kannst, wenn auch noch im absoluten Rohzustand, nicht portioniert und nicht wirklich gut verdaulich.
    Vielleicht hilft es dir auch ein wenig, in anderen "Wohnzimmern" zu lesen. Elster hat gestern etwas geschrieben, wo ich mich zum Beispiel zu 110% drin erkenne und sie hat es ganz wunderbar beschrieben. Eigentlich bringt sie in wenigen Worten auf den Punkt, wofür ich - ich kenne mich - wahrscheinlich gleich einen halben Roman brauche, um es zu erklären. Ich kann dir wirklich nur empfehlen, in ihrem Wohnzimmer vorbei zu schauen. Das was sie beschreibt, ist für dich vielleicht noch nicht nachvollziehbar und sehr früh, aber ...

    Denn all das kann für dich aktuell nur ein "so kann es eines Tages sein" abbilden. Noch ist es unvorstellbar, nicht greifbar. Aber ich glaube, gerade dieser kleine Silberstreif ist es, der dir wichtig ist, oder? Nicht mal so sehr die Frage, wie er aussehen wird, der Silberstreif, aber die Gewissheit, dass es ihn gibt.

    Es freut mich auch, dass du dich bei einigem, was ich geschrieben habe, wiederfindest. Auch hier noch rudimentär, vermutlich bei manchen Dingen eher eine Ahnung, als eine Gewissheit.
    Von daher lass mich genau daran anknüpfen. Also an Ahnung und Gewissheit.

    Du hast mich etwas gefragt:

    Wie hast du die Macht über deine Gefühle? Meine haben die Macht über mich. Sie überrollen mich. Ich kann sie nicht weg drücken. Sie kommen angeflogen bei der kleinsten Kleinigkeit. Es kommt eine Erinnerung hoch und zack - sind diese Gefühle der Ohnmacht sofort da.

    Zuerst möchte ich noch mal betonen, dass Macht über die Gefühle absolut nicht gleichbedeutend ist mit Kontrolle darüber.
    Der Unterschied ist, dass ich nicht (mehr) versuche, sie wegzudrücken. Bzw. gelernt habe, sie zuzulassen. Dadurch kommen sie immer noch über mich, überrollen mich, aber ich gehe nicht unter.

    Wenn man sich ihnen ergibt, ziehen sie einen runter. Wenn man sich gegen sie wehrt, brechen sie einen.
    Stelle dir das ruhig wirklich wie eine Welle vor. Brachial und unvermittelt. Wenn diese Welle auf ein Etwas zurollt, das sich resigniert ergibt, oder gar versucht, davon zuschwimmen, erwischt sie das Etwas und und der Sog ist unbarmherzig.
    Wenn das Etwas versucht, sich dagegen zu stemmen, wie ein Holzschild zum Beispiel, dann wird dieser bersten, wenn die Welle darauf prallt.
    Wenn man sich aber einfach der Welle stellt, sie zulässt, aber dennoch nicht resignierend den Boden unter den Füßen aufgibt, dann ist die Welle für einen Moment furchterregend, nimmt einem den Atem, man ist mitten im Strudel - aber sie kann einem nichts anhaben, denn man wiegt sich in ihr. Wie Bambus.
    Es ist entsetzlich schwer zu erklären.

    In meinem Wohnzimmer haben wir vor einiger Zeit, die mir vorkommt, wie eine Ewigkeit, inspiriert durch eine sehr liebe Userin, die leider nicht mehr hier schreibt, ein ähnliches Bild gewoben. Eigentlich war es "ihr" Bild, aber wir haben mit ein paar anderen zusammen, dieses Bild ein wenig ausgeschmückt. Das Bild ist das eines Surfers. Der mal von der Welle vom Brett geworfen wird und es manchmal schafft, die Welle zu reiten, so dass sie ihn nicht unterkriegt. Okay, es war insgesamt komplexer, aber ich glaube, du ahnst, was ich meine.
    Der Moment, an dem dies das erste Mal gelingt, oder gar wie man diesen Moment erreicht - da kann vielleicht niemand den Finger drauflegen.
    Ich kann es zumindest nicht. Ich kann nur im Nachhinein sagen, dass da irgendwann dieser Moment gewesen sein muss und es seither so ist.

    So wie es viele Momente gab und noch geben wird, an denen "etwas geschieht". Mit einem, mit der Trauer, mit dem Umfeld - mit unseren Liebsten. Und selten kann man vorher den Finger drauflegen. Im Nachhinein aber sehr wohl und ich denke, das ist sehr wichtig, denn je öfter einem das gelingt, desto besser, kann man mit zukünftigen Momenten umgehen, sie tatsächlich sogar irgendwie herbeiführen.
    Aber wie, wann und was ist sowas von hochindividuell ...

    Ich schreibe nun etwas, das vielleicht sehr unpopulär rüberkommt und bei dem vielleicht einige hier die Luft anhalten. Vor Schreck oder vor Entrüstung vielleicht sogar.
    Du bist hier bestimmt schon sehr oft über Sätze wie "unsere Liebsten sind immer bei uns" gestolpert.
    Tröstende Worte.
    Wirklich? Okay, ich bin ehrlich - als die Trauer bei mir sehr frisch war, fand ich das alles andere als tröstlich! Ich fand es schrecklich, dass das alle immer wieder sagten. Wie ein gebetsmühlenartig skandiertes Mantra, das man nur oft genug sagen muss, um es zu glauben. Hohl und substanzlos.
    Denn jedes Mal, wenn ich das las, schoss mir quer durch die Gedanken, durch jede Ader und die komplette Seele die brennende Frage: "Ach ja?!? Und wo soll er sein? Wo verdammt noch mal bist du, wenn du doch angeblich als mein Liebstes immer bei mir bist? Zeig dich, verdammt noch mal!"
    Natürlich tat er das nicht.

    Aber irgendwann verloren diese Worte ihren Schrecken. Ich begriff, dass damit "in unserem Herzen" oder "in unserer Erinnerung" gemeint war.
    Wirklich? Okay, ich bin wieder ehrlich - das war schon etwas besser, als zuvor, aber immer noch mäh. Und ob das wirklich damit gemeint war? Da musste doch noch mehr sein?
    Nun, keine Ahnung. Also keine Ahnung, wie das für andere ist. Was sie wirklich damit meinen, wenn sie sagen, dass unsere Liebsten bei uns sind. Für wie viele das nur eine Floskel ist. Oder eine Beschwörungsformel. Oder ob es bei "in unserem Herzen" aufhört.

    Aber ich kann für mich sprechen und ich weiß, dass es für gar nicht mal so wenige genauso ist: Ja, da IST mehr. Ist so.
    Du wirst in diesem Zusammenhang oft von "Zeichen" hören oder lesen. Ich mag das Wort gar nicht, weil es das Ganze mal so gar nicht trifft, aber that`s me. Again. Das muss ich einfach betonen, weil es vollkommen wertfrei ist, wenn ich hier von etwas mögen oder nicht mögen spreche.
    Aber diese Zeichen sind es, die diesem "sie sind bei uns" Substanz geben. Und je nach, äh, "Zeichen" und deren Art und Intensität ist auch das "bei uns sein".
    Mein Schatz hat sich zu einem sehr frühen Zeitpunkt schon darauf besonnen, dass er sich ziemlich Mühe geben muss, um mir zu zeigen, dass "er ist bei mir" kein Wunschdenken, sondern real ist. Denn ich bin jemand, der alles und jeden hinterfragt (einschließlich mich selbst). Hinterfragt, nicht in Frage stellt.
    Er hat sich auf jeden Fall ziemlich ins Zeug gelegt und dafür liebe ich ihn nochmal so doll.

    Ich habe nun bewusst nicht dazu gesagt, wie lange dieser Prozess gedauert hat (und dauert), denn das ist ebenfalls so sehr individuell. Und manche haben leider gar nicht dieses Glück. Bzw. sie "sehen" es vielleicht nicht. In den meisten Fällen eher letzteres.

    Aber eines möchte ich nun, nachdem ich das so ausführlich erklärt habe, sagen. Es stimmt nicht ganz, dass ich keine Zutat kenne, die es braucht, um diese Momente zu erreichen. Ich wollte die Zutat nur nicht vorher nennen. Und auch hier: Bitte, es muss nicht für alle so sein.
    Aber bei mir ist diese Zutat eben das Akzeptieren. Was ja wie schon erwähnt nichts, aber auch gar nichts, mit nicht hadern zu tun hat.

    Und eines ist noch wichtig: "Sie sind bei uns" wechselt also ständig seine Bedeutung und auch die Intensität, und Substanz. Entwickelt sich. Wächst und gedeiht. Dennoch: Es gibt so oft Tage, an denen ich trotz aller Gewissheit, dass er bei mir ist, und ich das auch deutlichst spüre, nicht sage "Magst du nicht bitte einfach wieder da sein?"