Was ist, wenn man niemals darüber hinwegkommt?????

  • Liebe Bille,

    du fragst wie ich den Gedanken ertrage, den Rest meines Lebens ohne meinen Schatz und alleine zu verbringen ?


    Die ersten 3 Jahre hat mich dieser Gedanke fast zerrissen, eben weil man es sich nicht vorstellen möchte. Und wenn man es sich versucht vorzustellen, gibt es da ja Null Positives und die Ängste vor der Zukunft steigern sich ins Unermessliche.

    Das war auch bei mir so.


    Ich bin 3 Jahre lang, jede Woche zur Psychotherapie gegangen. Ich hatte einen wirklich guten Therapeuten und es hat mir sehr geholfen, alles was mich so belastet hat, jede Woche bei ihm buchstäblich "auszukippen". Die Tränen die ich dort in den 3 Jahren geweint habe, würden Fässer füllen.

    Aber so wurde es mit der Zeit tatsächlich immer etwas leichter.


    Aber auch der beste Therapeut kann einem die Einsamkeit nicht nehmen.

    Ohne den geliebten Menschen weiter durchs Leben zu gehen, muss man lernen, weil man ja garkeine andere Möglichkeit hat.


    Die einzige Option nicht alleine und einsam zu bleiben wäre, sich irgendwann für eine neue Beziehung zu öffnen. Aber das schafft eben nicht jeder. Und es braucht eine gefühlte Ewigkeit, alleine diesen Gedanken überhaupt zuzulassen.


    Ich habe es nach weit über 3 Jahren versucht, aber gemerkt, dass ich mir zwar sehr wohl wünsche, wieder jeden Tag einen lieben Menschen um mich zu haben, mit dem ich mein Leben teilen kann, aber ich bekomme das einfach nicht hin und dafür gibt es zahlreiche Gründe.


    Zum einen gefühlsmäßig nicht und die Vorstellung, dass ich mein Herz doch noch einmal für einen anderen Mann öffne und ihn dann vielleicht auch wieder verliere und dasselbe Leid noch einmal durchleben müsste ..., nein, das würde ich kein zweites Mal schaffen.


    Und so muss ich mich wohl oder übel mit der Tatsache arrangieren (wer das Eine will/nicht will, muss das Andere in Kauf nehmen), dass ich mein Leben alleine weiter bestreite, auch wenn ich das freiwillig, so niemals gewollt hätte.


    Herzlich liebe Grüße, Kerstin

  • Liebe Christine,


    es nicht ändern können. Egal, was man tut und dafür tun würde. Das ist grausam, furchtbar, entsetzlich!!!



    „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

    den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

    und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“




    Und weinen kann ich. Und tue ich. Jeden Tag. Mehrmals. Die Tränen kommen einfach von hier auf jetzt. Bei Gedanken, in Situationen, bei Erinnerungen ... einfach bei allem. Tom fehlt. Bei allem. Jede Sekunde eines jeden Tages ... ;(


    Ich kann nicht sagen, wann ich wieder so etwas wie Freude empfinden kann.


    LG

    Bille

  • Liebe Kerstin,


    wenn ich sowas lese mit 3 Jahren ... Oh, mein Gott. Und ich bin erst bei 3 Monaten!!! Kann meine Angst überhaupt noch größer werden, als sie es jetzt schon ist????? Mit jedem Tag wird alles noch unwirklicher für mich. Gibt's sowas? Ging's dir auch so? Ich weiß gar nicht, was mit dem Gehirn los ist, was sich da abspielt ...


    Du hattest sehr viel Glück mit deinem Therapeuten. Meine ist ja irgendwie nix ... Ich muss mir überlegen, wie und ob ich das weiterführe mit der ...


    Eine neue Beziehung ... irgendwann? ... Ich weiß auch gar nicht, wie und was ich darüber denken soll. Kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Andererseits will ich auch nicht alleine bleiben ... Aber ein anderer Mann? Das ruft soviel Angst und alles hervor ... Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Sowieso. Immer. Bei allem. Deine Aussagen kann ich sehr gut nachvollziehen.


    Gestern hatte ich mich ja mit meiner Schulfreundin getroffen. Wir haben 7 Stunden lang geredet. Es war gut. Sie versteht, weil sie es selber durchmacht. Aber da ihr Leben so ganz anders ist als meins, hat sie es m.E. etwas "leichter", wenn ich das so ausdrücken darf. Alleine schon deshalb, weil sie 2 Söhne hat. Einer wohnt zwar in der Schweiz, aber wenn was ist, ist der sofort zur Stelle. Die beiden ersetzen selbstverständlich nicht ihren Mann, aber sie ist jedenfalls nicht allein ohne Nachkommen.


    Jedenfalls sitze ich jetzt wieder hier und fühle mich so grenzenlos einsam und allein und verloren, Was ich ja auch bin. Nichts ändert etwas an dieser Tatsache! Und das halte ich einfach nicht aus!!!!!!!!!!


    LG

    Bille

  • Liebe Christine,


    du hast Recht! Genau das wollte ich eigentlich damit sagen: Kluge Worte ... ja, in jedem Fall. Aber bei mir haben sie NULL Wirkung, denn ich denke mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand. Ich bin eine einzige Emotion!

  • Liebe Bille,

    ohje, Angst machen wollte ich dir nun wirklich nicht ! Das ist ja bei jedem auch ganz individuell.


    Und ja, die ersten Monate hatte ich auch das Gefühl, dass es irgendwie schlimmer wird.

    Ich denke dass das damit zusammenhängt, dass man erst dann anfängt, wirklich zu realisieren was passiert ist. Man weiß das zwar von Anfang an, aber man versucht doch zu verdrängen, zu verhandeln und meint, vielleicht könnte man alles doch noch irgendwie ungeschehen machen.

    Das Gehirn schützt einen in solchen Extremsitutionen davor, nicht die gesamte Bandbreite sofort zuzulassen. Das passiert nur Stück für Stück, auch wenn uns das tatsächlich nicht so vorkommt.


    Wenn ich mich heute rückblickend an die letzten Tage und Stunden meines Mannes erinnere, wo ich Stunden und Nächte an seinem Bett saß, dann sage ich heute auch, "das war definitiv nicht ich, die da saß!"

    Ich war Krankenschwester, ich kannte die Abläufe, die Zeichen .... und trotzdem habe ich es nicht realisiert, was da alles passiert ist, weil mein Hirn mich davor schützen wollte zu verstehen.


    Wenn du dich bei deiner jetzigen Therapeutin nicht wirklich wohl und gut verstanden fühlst und die Möglichkeit anderer Therapeuten hast, dann solltest du dich vielleicht nochmal nach jemand anderem umsehen. Bei so einer Therapie muss wirklich die Chemie zwischen Klient und Therapeut absolut passen, du musst dich dort wohl und verstanden fühlen.


    Dass du dich mit deiner Schulfreundin treffen konntest und ihr so lange geredet habt, das freut mich. Reden und hier im Forum schreiben, nimmt etwas den Druck aus einem raus. Das ist gut und sehr wertvoll.

    Auch wenn die Umstände bei jedem ganz anders und ganz individuell sind, hilft wirklich jedes Gespräch, jedes sich sich verstanden fühlen, immer ein bisschen weiter. Das wirst du mit der Zeit auch selbst merken.


    Aber die Einsamkeit und das Vermissen, die bleiben vorerst, leider, denn nach jedem Treffen ist man ja wieder alleine und fällt dann Zuhause wieder ins Trauerloch :rolleyes:.


    Ach Liebes :30:, jeder hier würde dir gern ein großes Stück, wirklich helfende Trost geben und doch hilft es nicht wirklich.


    Herzlichst, Kerstin

  • Liebe Kerstin. Das hast du schön geschrieben. Ich habe auch gelesen, daß das Gehirn des Menschen uns vor solchen Katastrophen schützt. Wir wissen nur wenig darüber. Wo lernt man das auch ,nirgendwo. Man muß sich damit selbst beschäftigen. Ich hatte mal eine Angsterkrankung. Da habe ich lange gebraucht, um davon geheilt zu werden. Ich habe gelernt, vor der Angst nicht wegzulaufen,sonder durchzugehen. Weil auch hier wieder der Selbsterhaltungstrieb einsetzt, die Angst wird dadurch besiegt.Man muss den Konflikt nur aushalten. Das ist der einzige Weg. Ein guter Therapeut lernt das in der Ausbildung. Und so wird auch unser Schmerz schwächer.Und irgendwann bleiben nur noch die schönen Erinnerungen. Liebe Grüße von Christine.

  • Nein, liebe Christine, ich möchte nicht gefühlskalt sein. Aber ich bin vielleicht ZU emotional in allem. Mich reißt alles sofort runter, weil es bei mir zu tief geht. Deshalb trifft mich ja der Verlust jetzt auch so dermaßen hart, dass ich kein Auftauchen aus dem Wasser mehr sehe ...


    Vor ein paar Tagen hat mir jemand gesagt, ich könne doch mal versuchen, Dinge mehr mit meinem Verstand zu sehen. Das hart er wirklich lieb und hilfreich gemeint, aber das schaffe ich nicht. Bei mir stehen immer die Emotionen überall drüber!

  • Liebe Kerstin,


    nein, nein, sei unbesorgt, DU hast mir keine Angst gemacht. Nur die Aussicht auf das, was kommen könnte und noch vor mir liegt. Das habe ich ja auch schon des öfteren gesagt.


    Wahrscheinlich ist es tatsächlich so, wie du sagst, nämlich dass das Gehirn weiß, dass man alles nur in Häppchen verdauen kann, deshalb stülpt es einem nicht sofort alles in einem über. Du hast es aber so treffend beschrieben, dass ich sagen kann: Ja, genau so ist es bei mir!


    Ich habe meinem Mann praktisch wochenlang beim Sterben zusehen müssen und doch dachte ich jede Sekunde: Es wird wieder! Er wird es schaffen! Selbst als der Arzt dann eine Woche vor seinem Tod zu mir sagte: "Ich gehe davon aus, dass Ihr Mann hier auf dieser Intensivstation versterben wird." dachte ich noch: "Quatsch. Was redest du da?" Natürlich habe ich die Zeichen auch gesehen, aber ich konnte und wollte sie nicht wahrhaben. Wie denn auch? Mein Mann war ja nicht in die Klinik gekommen um zu sterben!!!


    Es ist so schwer, Termine bei den Therapeuten zu bekommen. Das dauert 8, 9, 10 Monate! Ich hatte heute aber wieder ein Telefonat mit der Gesundheitsfirma, die mir meine Krankenkasse vermittelt hat. Die wollen mir eine Liste schicken mit Namen, bei denen's vielleicht nicht so lang dauert ...


    Das Trauerloch. Ja, es kommt von einer Sekunde auf die andere. Heute schon gefühlt 1000 mal. Wegen allem. Wegen "unwichtigen" Kleinigkeiten, die einen plötzlich mit einer Wucht überrollen und einen wie unter einer Lawine begraben.


    Liebe Kerstin, du tust schon so, so viel für mich! Ihr alle tut so viel für mich! Ich bin euch wirklich von Herzen dankbar für all die Hilfe! Wie gut, dass ich dieses Forum gefunden habe!!!!!


    :2:


    LG

    Bille

  • .Kontrollieren bedeutet nicht unterdrücken Das müsstest du nochmal lesen. Ich möchte nichts sagen, was du nicht verstehst. Ich verstehe darunter, daß man sich aber nicht von ihnen beherrschen lassen soll. Ich habe zum Beispiel beim Tod meines Sohnes nach einiger Zeit festgestellt, dass ich meine Gefühle für ihn auch in eine positive Richtung lenken kann. Ich weiß, daß er nicht wiedergekommen wird. Also muss ich damit leben und etwas tun, was das Leben wieder lebenswert macht.Das ändert doch nichts an meinen Gefühlen für ihn. Und ich darf auch noch traurig sein und weinen. Weinen im stillen ,das ist meine Art der Trauer.

  • Liebe Christine, Liebe Bille,


    es ist super und schön das Du das schaffst, es ist Dein Weg und das ist gut so.


    Bei Bille sind es jetzt 3 Monate wenn ich richtig rechne das ist gar nichts und nicht jeder schafft es Emotionen zu kontrollieren selbst wenn man es möchte.


    Irgendwann wird diese Dankbarkeit und das schöne das Bille mit Ihrem Tom hatte auch bei Ihr da sein aber das ist für Sie momentan nicht möglich.

    Sie kämpft ums überleben Sie ist am Ertrinken und das ist nicht ungewöhnlich.


    Wir können versuchen Sie durch diese Zeit zu tragen Möglichkeiten aufzeigen aber Ihren Weg muss Sie selber finden, was für Dich richtig und gut war muss es nicht für Sie sein.

    Genauso wenig wie der Weg von Enny oder mir oder wem auch immer hier im Forum.


    Emotionen zu kontrollieren kostet enorme Kraft und die hat Bille momentan sowieso nicht deswegen macht es wenig Sinn.

    Davon abgesehen das es manchmal besser ist seine Emotionen zu leben und zu zeigen als sie zu kontrollieren.


    Natürlich ändert es nichts an Deiner Beziehung zu Deinem Sohn, es ist Dein Weg und damit kannst Du besser leben und es hilft Dir.

    Das ist alles worauf es ankommt.


    Vlg. Linchen

  • Ihr Lieben. Wenn wir uns hier im Forum schreiben, so birgt das immer eine Gefahr. Keiner kann die Beweggründe des anderen so gut erkennen, daß er immer die richtigen Worte findet. Man geht auch Irrwege in dem Verständnis für die Probleme des anderen. Und jeder geht doch immer von sich aus.Wir sind doch alle keine Gelehrten, daß wir behaupten können, wir hätten den anderen neben uns genau verstanden. Und wenn ich wieder von mir ausgehe ,so habe ich eine längere Zeit gebraucht, um mich selbst zu verstehen. Alles was in uns vorgeht,sind doch unsere ganz eigenen Gedanken und Gefühle .Ich maße mir nicht an,den anderen zu kennen. Was uns vereint ,sind bestimmte Gemeinsamkeiten,der Verlust des geliebten Menschen und der Weg ohne ihn. Was sich in unserem Inneren täglich abspielt ist ganz individuell. Das beginnt schon mit der Art der Verbindung, die jeder hatte. So ist zum Beispiel sein eigenes Kind zu verlieren ,etwas ganz anderes als den Partner .Das brauche ich bestimmt nicht zu erklären. Wie das Leben für jeden von uns weitergeht,ist so unterschiedlich, wie wir alle unterschiedlich sind.Das Forum war und ist für mich immer ein Zufluchtsort, wenn ich jemanden brauche, dem ich mein Herz ausschütten kann. Das braucht man in der Trauer. Darüber hinaus habe ich auch immer die Möglichkeit genutzt, etwas mehr aus dem Leben des anderen zu erfahren, was mich auch von meinem Schmerz ablenkte und mich dem Alltag wieder näher brachte. Ob das Dieters Eichhörnchen sind ,die Zähne von Carmens Sohn,meine leibliche Hüftgeschichte ,der Garten von Bille ,die Kätzchen von Linchen auf der Dachterasse und vieles mehr. Es lenkt mich ab und hilft mir ein , in das Leben zurückzufinden,was wir doch alle müssen. Es ist doch immer alles in Bewegung.Wie das jedem einzelnen gelingt,kann in einem Forum nicht in allen Bereichen sichtbar werden. Da hat es seine Grenzen. Es ist mitten in der Nacht. Ich bin mit Kopfschmerzen aufgewacht. Daß ich dann ins Forum schaue, ist schon zur Gewohnheit geworden. Aber es tut gut. Wenn das nicht so wäre, würde ich es sein lassen. Übers Wetter reden wir nun auch seit Tagen. Ich schließe mich an.Mir graut nämlich schon vor den nächsten Tagen. Ich höre im Hause an Schritten,daß andere auch nicht gut schlafen. Und auf dem Balkon über mir raucht jemand. Nun versuche ich wieder einzuschlafen. Am Tage will ich heute mal meine Akten sortieren, die beim Umzug durcheinander gekommen sind. Gestern habe ich meinen Mietvertrag für meine schöne Wohnung unterschrieben. Mit lieben Grüßen von Christine.