Plötzlich Witwe mit 57

  • Ihr Lieben,


    ich bin gerade bei diesem Zitat von C.G. Jung hängengeblieben:


    „Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man keine Menschen um sich hat, sondern dadurch, dass man die Dinge, die einem wichtig erscheinen, nicht mitteilen kann.“


    Für mich steckt da viel Wahres drin. Es erklärt mir, warum ich mich auch früher schon manchmal inmitten vieler Menschen einsam gefühlt habe. Und übertragen auf dieses Forum bedeutet es ja, dass wir alle nicht einsam sein müssen, oder?


    Wünsche euch einen schönen oder zumindest gut erträglichen Tag!


    Sabiene

  • Liebe Sabine,


    das Zitat spiegelt mein Empfinden auch wieder. Obwohl ich Kinder und einen Mann habe, fühl ich mich so allein gelassen und einsam. Mein erster Gedanke nach dem Aufstehen gilt meinem verstorbenem Bruder, genauso ist es der letzte, wenn ich ins Bett gehe. Ein ständiges Gedankenkarussell begleitet mich durch den Tag, während meine Familie Themen wie Urlaub, Schule, Arbeit-der normale Alltag eben-beschäftigen. Für mich ist es, als sei das Unglück erst gestern passiert und für alle anderen ist es längst abgehakt.


    Liebe Grüße

    Nicole

  • Liebe Sabiene,


    wie Du schon schreibst, ist genau aus diesem Grund, dieses Forum so wichtig und auch so hilfreich, weil es (leider) voller trauriger Schicksale ist, man sich aber aufgrund dessen gerade deshalb verstanden fühlt und auch etwas Last von der Seele schreiben kann ... Trauer ist scheinbar für viele Unbeteiligte nur ein begrenzter Prozess :(, dem ist aber nicht so.


    Bitte nutze unbedingt Dein Wohnzimmer, um immer wieder den Druck auf Deiner Seele zu entlasten, hier wird Dir zugehört, Du wirst verstanden und es gibt so viele zauberhafte Menschen, die einen auffangen ... hier musst Du nicht einsam sein.


    Ganz liebe Grüße



    Crafar

  • Ja, manchmal denke ich viele denken es ist ein Wort wie zb. Die Sorge oder die Lust oder die Hitze.... Aber alle Worte, egal welch, beschreiben einen Zustand der auch wieder verschwinden kann, der evtl mal viel mal weniger ist. Mal sind die Sorgen weg, mal sind sie wieder da, mal ist es lustig, dann wieder nicht.... Aber Trauer bleibt für die übrig gebliebenen verlassenen imm da. W.

  • Ich denke es ist eher ein gesellschaftliches Problem, generell wie man mit dem Tod als solches umgeht ... wer spricht schon gern darüber und so, denke ich zumindest werden viele damit nicht umzugehen wissen, ohne es vielleicht böse zu meinen. Indigene Völker gehen hiermit völlig anders um, dieser Umgang wäre vermutlich auch für viele von uns tröstlicher, auch wenn der Schmerz dennoch da wäre, aber es gäbe bestimmte Barrieren nicht.


    Ich selbst bin immer empathisch Trauernden gegenüber gewesen, hatte auch schon Berührung mit dem Tod (meine liebe Uromi, meine liebe Freundin, mein lieber Opa), hatte hier aber immer noch im Hintergrund, dass es einmal aufgrund es Alters war, da war ich noch recht jung und hatte da einen anderen Blickwinkel. Meine Freundin, sowie mein Opa waren beide schwer krank, hier war eine eine Erlösung, aber dennoch schmerzhaft. Aber seit dem 06.02. weiß ich , dass es auch Trauer gibt, die sich in Mark und Bein eingräbt, bis in die Tiefe der Seele und immer gegenwärtig sein wird und eine unendliche Leere/Sehnsucht nach dem verlorenen Menschen mit sich bringt.


    Ich merke das es immer Berührungsängste gibt, wenn jemand mit mir zusammentrifft und mich das erstmal in meinem Leben DANACH trifft, aber andererseits spürt man bei manchen Menschen auch, dass es nach Bekundung des Beileids nicht mehr unbedingt erwünscht ist, über so traurige Themen zu sprechen (ich hoffe ich drücke mich einigermaßen gescheit aus) - aus diesem Grund wähle ich sehr sorgfältig im realen Leben vor wem ich mich emotional zeige (sofern ich es beeinflussen kann, dies geschieht meist durch Rückzug.)


    Wichtig ist es, einen Ort/eine Plattform/eine Möglichkeit zu finden, wo man angenommen wird, wie man ist und sich auch verstanden fühlt.


    :24: liebe Grüße, Crafar

  • Liebe Crafar,


    du sprichst da einen Punkt an, den viele Trauernde und auch ich schon oft erlebt haben. Man trifft immer wieder auf Menschen, die mit unseren traurigen Geschichten nicht gut umgehen können, weil das, was wir erlebt haben, an ihre eigenen tiefsten Ängste rührt. Es ist jetzt die große Kunst, die wir lernen müssen, zu entscheiden, wem wir wieviel zumuten können und dürfen. Ich kann mich an einige Gespräche erinnern, die damit endeten, dass ich den Gesprächspartner versuchte, zu trösten...


    Du hast in deinem Wohnzimmer geschrieben, dass du zwei Kinder im Teenager-Alter hast, für die du versuchst, stark zu sein. Bei mir war es so, dass meine beiden Söhne, älter als deine Kinder, Mitte 20, einen erheblichen Anteil an der Kraft hatten, die ich in der ersten Zeit nach dem plötzlichen Tod meines Mannes spüren durfte. Ich wollte doch so gern verhindern, dass sie sich jetzt auch noch um mich Sorgen machen müssen, und das ist mir, glaube ich, auch gelungen. Für die eigenen Kinder kann man stärker sein, als man das für sich alleine jemals wäre, so jedenfalls meine Erfahrung. Und doch, das musste ich auch erst lernen, man kann seine Kinder nicht vor Leid bewahren, und man muss es auch gar nicht. So eine Erfahrung verändert auch sie und wir können hoffen (und vielleicht auch dazu beitragen), dass es nicht zum Schlechteren ist.


    Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute, viel Kraft und Zusammenhalt und die Zuversicht, dass ihr euren Weg durch diese Trauer hindurch finden werdet.


    Mitfühlende Grüße

    Sabiene

  • Sabiene, ich danke Dir sehr, für Deine lieben Zeilen. Unsere (ich hasse es nur von meinen Kindern zu sprechen/schreiben, es sind ja dennoch unsere) sind wunderbar. Ich denke das wir als die Übrigen unserer Einheit uns gut stützen, auch wenn die Emotionen nach einem solchen Verlust so unberechenbar sind.


    Komm gut in den Dienstag,



    Crafar

  • Heute, an unserem 36. Hochzeitstag, meinem 2. schon alleine, habe ich mal wieder im Forum gelesen und Schönes und Bedenkenswertes gefunden. Ich danke euch dafür! (Diese Zitatfunktion bekomme ich gerade mal wieder nicht hin)


    Von Rienchen : Denn eines weiß ich ganz genau: Die Geschichte unserer Liebe ist noch nicht zu Ende.


    Ja, ja und nochmals ja. Das kann ich hundertprozentig so unterschreiben!


    Von Steffi66 : Dieses "verwitwet" ist für mich schwer zu ertragen. Im Herzen bin ich weiter verheiratet.


    Ich glaube, ich fühle mich verheiratet und verwitwet zugleich. Ich habe nie aufgehört, mich verheiratet zu fühlen, und die Beschreibung "verwitwet", die ich am Anfang so gar nicht ertragen konnte, kann ich mittlerweile gut akzeptieren. Fast trage ich sie mit ein bisschen Stolz: wir sind so viele, und wir sind starke Frauen und Männer, die Schlimmes erlebt und überlebt haben und die ihr Leben nun, obgleich ungewollt, alleine meistern.

  • Ich glaube, ich fühle mich verheiratet und verwitwet zugleich. Ich habe nie aufgehört, mich verheiratet zu fühlen, und die Beschreibung "verwitwet", die ich am Anfang so gar nicht ertragen konnte, kann ich mittlerweile gut akzeptieren.

    Liebe Sabiene,


    verheiratet fühle ich mich nach wie vor, wir haben uns ja schließlich nicht im herkömmlichen Sinne "getrennt", dagegen kann ich mit diesem Begriff verwitwet gar nicht umgehen und ich möchte es auch irgendwie nicht. Alles in mir sperrt sich dagegen, so war nicht unser Plan, bis ans Lebensende hat nicht impliziert, dass dies mit 44 Jahren sein würde :(.


    Ich freue mich jedoch für Dich, dass Du Deinen Weg gefunden zu haben scheinst, mit dieser Situation umzugehen.




    Crafar

  • Liebe Crafar,

    ich kann dich sehr gut verstehen. Mit dem Begriff "Witwe" hatte ich am Anfang auch die allergrößten Schwierigkeiten. Auch deshalb habe ich ihn für mein Wohnzimmer hier verwendet, um mich langsam daran zu gewöhnen, sozusagen als bewusst eingesetzte Konfrontationstherapie. Irgendwann in den jetzt schon fast 18 Monaten hat das begonnen, sich zu ändern, ich glaube, in dem Maße wie ich den Blick immer mehr auf die vielen verwitweten Menschen um mich herum gelenkt habe und immer mehr Hochachtung vor ihnen bekommen habe, wie sie ihr Leben nach diesem Schicksalsschlag alleine angehen und alleine meistern. Vielleicht merkst du ja irgendwann einmal auch eine Veränderung bei dir, wie du dieses Wort wahrnimmst?

    Alles Liebe für dich,

    Sabiene

  • Ihr Lieben,


    oft schon habe ich hier im Forum Beiträge gelesen, die sich mit dem "Loslassen" beschäftigen. Ich habe gerade mal wieder den Text des Trauergottesdienstes für meinen Mann nachgelesen und in einem dort gesprochenen Gebet folgenden Satz gefunden:


    "Hilf uns zu erkennen, was bleibt und hilf uns loszulassen, was wir nicht behalten können."


    Ich finde diese Unterscheidung hilfreich. Mir fällt so einiges ein, was bleibt: unsere vielen gemeinsam verbrachten Jahre, die Erinnerungen daran, unsere tiefe Verbundenheit, die Hoffnung auf eine Fortsetzung unseres gemeinsamen Lebens - wie auch immer - in der anderen Welt ... aber ebenso gibt es vieles, das ich nicht behalten konnte: den gemeinsamen Alltag, das Reden miteinander, das zusammen Lachen, Planen, Reisen, Essen, alles Körperliche sowieso. Vielleicht kann man sich mit dem Begriff des "Loslassens" eher anfreunden, wenn man diese Differenzierung im Blick behält?


    Liebe Grüße an alle

    Sabiene

  • In mir auch.....ich sag ja vielleicht interpretieren wir es nur falsch.

    Ich tue mich jedenfalls sehr schwer mit diesem Wort.

    Deswegen andere Sichtweisen um es vielleicht besser anders zu verstehen.


    Vlg. Linchen

  • Warum dieses Wort eine Wut in mir auslöst:das Wort wird oft in dem Zusammenhang verwendet, jemanden, der gestorben ist loszulassen!!! Und das Wort lassen hat ja etwas mit Gleichgültigkeit zu tun: das nützt nichts, lass es, oder: das kannst du lassen, das ist egal.... Und das Wort : los erinnert mich an: du hast etwas im Arm und wenn es zu schwer wird, lässt du los, um dir Erleichterung zu verschaffen!!! Daher mag ich den Begriff nicht im Zusammenhang wie ich ihn er erklärt habe. Liebe Sabiene, das ist nur mein Gefühl. Ich finde das Wort in dem ganzen Zusammenhang zu einem geliebten Menschen schwierig. W.

  • Liebe Sabiene,

    deine Sichtweise zum Thema loslassen regt zum nachdenken an.

    Oft liegt ein negatives Gefühl auf einem Wort und dadurch lehne ich es ab. Loslassen = Vergessen ist eben falsch. Die Zeit die ich mit Joachim hatte kann mir ja niemand nehmen.

    Wenn ich es schaffe zu akzeptieren dass mein Leben jetzt ohne Joachim weitergeht ist schon ein großer Schritt auf meinem Trauerweg getan.

    Das braucht Zeit, kostet Kraft, ist mit Rückschlägen verbunden. Doch mir bleibt die Hoffnung es zu schaffen.

  • Post by Mischi ().

    This post was deleted by the author themselves ().
  • WEITERLIEBEN scheint mir etwas zutiefst menschliches. Bezeugen dies nicht schon beispielsweise archaische Ahnenkulte? Ganz zu schweigen von den alten Hochkulturen... im Eingang eines römischen Hauses befand sich der Ahnenaltar mit den Gesichtsmasken der Verstorbenen und jede Rede im Senat rief sie ins Leben und beschloss sie mit ein. Loslassen wäre geradezu frevelhaft gewesen!


    Ich glaube, unsere Kultur hat verlernt, MIT unseren Verstorbenen zu leben bzw. IN BEZIEHUNG mit ihnen.

    Diese Loslassen-Idee hat Freud uns vermutlich eingebrockt und es mag bei einer Scheidung sinnvoll sein, die Beziehung loszulassen.

    Doch unsere Verstorbenen haben sich ja nicht von uns getrennt und wollten auch die Beziehung nicht abbrechen. Roland Kachler schreibt als Psychologe, Therapeut und Betroffener darüber bereits im Jahr 2005, andere folgten. Doch scheint offenbar noch nicht mal in "Fachkreisen" durchgesickert zu sein, dass Freud hier längst nicht mehr richtungsweisend ist. Auch für ihn selbst war es das im Übrigen nicht mehr, als er selbst einen schweren Verlust erlitt und seine verstorbene Tochter NATÜRLICH nicht loslassen konnte.


    Ich will auch nicht loslassen. Ich will festhalten - nicht den Körper (als hätte man eine Wahl!), doch die Liebe und Beziehung. Ich werde mein DU im Leben halten.


    *** Danke fürs Lesen


    Kachler, 2005.pdf