Was ist, wenn man niemals darüber hinwegkommt?????

  • Liebe Linchen,


    ich meine die Zukunft loszulassen. Die Zukunft, die ich geglaubt hatte (die wir geglaubt hatten) zu haben. Diese "gesicherte" Zukunft mit dem einen Partner an meiner Seite. Mit dem man durch dick und dünn geht, was immer kommt. Den Gedanken, dass man, egal, was kommt, es nicht alleine durchstehen muss. Den Gedanken, immer jemanden an der Seite zu haben, auf den man sich verlassen kann und der alles mitträgt. Dadurch, dass all dies gegeben war, ruhte ich in dem Punkt quasi in mir selbst. Ich war ja "angekommen". Niemals dachte ich, dass sich das ändern könnte, zumindest nicht jetzt. Und weil all dies nun weg ist, sind meine Grundmauern unwiederbringlich zerstört. Die kann ich nicht mehr aufbauen.


    Ich sitze nun hier auf meiner Couch und es geht mir nur eins durch den Kopf: Ich bin allein, allein, allein ...


    LG

    Bille

  • Liebe Christine,


    den Willen hatte ich vorher auch. Egal, was passierte, so dachte ich doch immer: Es geht weiter. Irgendwie geht es weiter.


    Aber das kann ich jetzt einfach nicht denken, denn ich sehe nicht, wie es weitergehen soll. Ich meine innerlich. Natürlich geht es weiter, indem man jeden Tag aufsteht, macht, was zu machen ist, abends wieder ins Bett geht, am nächsten Morgen wieder aufsteht usw.. Aber das ist ja für mich kein "Weitergehen".


    Es ist mir bewusst, dass ich für euch wahrscheinlich viel zu negativ bin in meiner Vorstellung einer "Zukunft", zu destruktiv in meiner Gedankenwelt, zu sperrig, aber das ist mein Empfinden. (Das meine ich NICHT als Vorwurf! Also bitte nicht falsch verstehen!) Besser kann ich einfach nicht erklären, was dieser Verlust alles in mir ausgelöst hat. Da hängt ja auch so viel dran. "Die Trauer kommt nie allein", sagt man - das stimmt!!!


    LG

    Bille

  • Liebe Bille,

    wie geht es denn mit deiner Trauerbegleitung? Wird es noch Treffen geben?

    Ich habe anfangs immer ganz ganz viel über Trauer gelesen und gehört. Auch heute noch beschäftige ich mich damit, allerdings in eine andere Richtung. Was mir oft unterkam war der Begriff "komplizierte Trauer". Den fand ich immer seltsam. Welche Trauer ist denn unkompliziert? Höchstens die im Film. Tränchen bei der Beisetzung, etwas Riechsalz für die verschleierte Witwe und dann Cut. Als wäre es das nun. Und so geht die Gesellschaft ja nun auch mit Trauer um. Andere Völker gehen viel "handfester" damit um. Das ist interessantes Lesematerial, wenn du dafür offen bist. Es hat mir geholfen, meine Perspektive zu verändern. Langsam und behäbig, nicht über Nacht. Und nicht das allein. Es war aber ein Baustein auf meinem Weg zur- Achtung, jetzt kommt ein böses Wort - Akzeptanz.

    Dass du deine Trauer für schlimmer (oder vielleicht besser: schwerer vermittelbar) hältst als alle anderen ist normal. Denn für dich ist sie das ja! Dass du dich (jetzt) nicht auch noch in andere hineinversetzen kannst oder möchtest ist okay!
    Du trauerst nicht nur um deinen Mann, den Menschen, der er war, sondern um dein Leben, deine Zukunft, dein Glück. Das ist viel und das tut verdammt weh!
    Und so gern ich dir helfen würde - ich kann es nicht. Trauer ist immer einsam, egal wie viele Menschen du um dich hast. Man fühlt sie immer allein.

    Bleib trotzdem hier und genieße hier immerhin Verständnis. Das ist draußen oft nur schwer zu bekommen. Außer eben in Trauergruppen oder Trauergesprächen. Aber das ist immer mit Termin. Hier ist immer offen. Vielleicht dauert es manchmal etwas, bis jemand antwortet. Aber jeder weiß, was du durchmachst (auch wenn die Feinheiten individuell verschieden sind)

    Ich wünsche dir die heute unerreichbar scheinende Zuversicht und den noch viel unmöglicher zu erreichen wirkenden Mut, die neue Bille zu werden, von der du momentan nichts wissen willst. Ich wünsche es dir einfach!

    Unsere Toten sind nicht abwesend nur unsichtbar,

    sie schauen mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Trauer.

    Es gibt ein Wiedersehen auf einer anderen Ebene.

    Und die Seelen unserer Vorausgegangenen begleiten uns

    Aurelius Augustinus

  • Liebe Bille,


    Elster hat es wunderbar geschrieben.


    Alles ist weggebrochen alles Dein komplettes Leben was geplant war.


    Es ist wie ein Alptraum aus dem man nicht erwacht.

    Schlimmer als alles was man sich vorstellen kann.


    Schreib einfach Deine Verzweiflung schreib einfach was Dich gerade bewegt Sch....egal ob Du Dich wiederholst.

    Du musst hier nicht Rücksicht nehemen ob Du negativ bist oder nicht.

    Wir wissen was Du gerade durchmachst und wie schwer der Weg ist den Du gerade gehen musst und nie wolltest.


    Vlg. Linchen

  • Liebe Elster,


    du triffst wirklich immer die genau richtigen Worte! :*


    Es ist ja tatsächlich so, wie du schreibst: Jeder versteht, wie es dem anderen geht, aber keiner kann natürlich richtig helfen. Jeder muss alleine durch die eigene Trauer und die eigene Situation. Und ja, JEDER IST EINSAM am Ende des Tages (sprichwörtlich und wortwörtlich). Man kann sich mit noch so vielen Menschen umgeben, Dinge unternehmen, Zeit ausfüllen ... was auch immer. Aber im Herzen ist man nun ALLEIN. Und das ist für mich so unerträglich, dass es mir einfach die Luft abschnürt. Weshalb dann eben auch ständig die Sinnfrage im Raum steht.


    Wenn ich von einem Treffen komme, breche ich innerlich zusammen und frage mich sofort: "Was hat mir das nun gebracht?" Und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, was es mir bringt. Vielleicht wird das mit der Zeit anders? Ich weiß es einfach nicht.


    Die individuelle Trauerbegleitung geht im Juli erst weiter, weil die Trauerbegleiterin momentan im Urlaub und dann auf Fortbildung ist.


    Was die "komplizierte Trauer" betrifft, so habe ich auch schon sehr viel darüber gehört. Aber ich glaube, die Bezeichnung kommt erst (viel) spöter zum Tragen, nicht nach drei Monaten und auch nicht nach sechs. Das muss dann schon noch bedeutend länger dauern.


    Die AKZEPTANZ!!! Ja, ein böses, ein furchtbares Wort!!! Man muss so viel akzeptieren: Dass der geliebte Mensch nicht mehr ist, dass das Leben nicht mehr ist und nicht mehr so sein wird, wie es war, die Art, wie der geliebte Mensch gestorben ist ...


    Übrigens meinte ich gar nicht, dass ich mich nicht in andere hineinversetzen MÖCHTE, sondern dass ich es gar nicht KANN. Genauso wenig, wie sich andere in mich hineinversetzen können. Die meisten Gedanken gehen uns ja alle gleich durch den Kopf bei einem Verlust, aber da sind natürlich trotzdem noch die ganz individuellen, die bei jedem eben noch dazu kommen, weil jeder Mensch ein anderes Leben, eine andere Vorstellung und andere Ansichten hat. Das meinte ich.


    LG

    Bille

  • Liebe Linchen,


    ja, Elster hat's ganz genau beschrieben!


    Und auch du! :*


    Und ich kann mich auch echt immer nur wiederholen. In den Trauergruppen, in der Selbsthilfegruppe kann ich immer nur dasselbe sagen, nämlich dass dieser elende Schmerz und diese Sehnsucht, dieses Heimweh, diese Wehmut einfach immer präsent sind. Natürlich ist man mal "abgelenkt", wenn man, was weiß ich, einkaufen geht, Papierkram erledigt, telefoniert oder sonst was macht. Aber trotzdem ist ja alles andere noch da. Man tut die Dinge, die man tun "muss", aber das Grundempfinden ändert sich dadurch ja nicht. Deshalb frage ich mich auch immer, wie anders ich denn meinen Zustand beschreiben soll, wenn man dann erst mal sagt, wie es einem in der letzten Woche oder im letzten Monat ergangen ist. Meine Antwort kann dann immer nur sein: "Ich kämpfe ums Überleben." Und dann frage ich mich ständig, wie in aller Welt aus ÜBERleben irgendwann LEBEN werden soll. Deshalb sage ich ja auch immer, dass es nicht unbedingt bedeutet, jemand hat es GESCHAFFT und LEBT weiter, nur weil man sieht, dass dieser Mensch nach außen hin sein Leben weiterführt. Um es mit Antoine de Saint-Exupéry zu sagen: "Das Wesentliche ist mit den Augen unsichtbar."


    LG

    Bille